Umgang mit Leistungsheterogenität

Umgang mit Leistungsheterogenität

  1. Welche Zusammenhänge zwischen der Leistungsheterogenität der Kinder und dem Einfluss von Lehrerinnen und Lehrern auf den Bildungserfolg unter Berücksichtigung der pädagogischen Forderungen sind für sie heute deutlich geworden?
  2. Welche Herausforderungen im Bereich Leistungswahrnehmung, -rückmeldung und -beurteilung haben Sie in Ihren bisherigen Praxisphasen kennengelernt und wie haben Sie oder die Lehrperson in der schulischen Praxis darauf reagiert?
  3. Wie positionieren Sie sich zu der Aussage von Hiller selbst als angehende Lehrer*in und welche möglichen Forschungsfragen wären für Sie relevant, um die getroffene Aussage empirisch weiter zu verfolgen?

1.

Nach Zimmermann/Spangler wirken die Eltern, das Elternhaus sowie das Kind selbst bzw. das Leben des Kindes und dessen Entwicklungen sich auf die Entwicklung von Leistung aus.
Doch der Aspekt der Lehrer findet hier keine Berücksichtigung.
Lehrer bestimmen jedoch gemeinsam mit der Unterrichtsgestaltung nach einer Studie von Hattie (2009) mehr als die sozio-ökonomischen und kulturellen Faktoren „Lernende“ und „Elternhaus“. Beide Bereiche bestimmen aber jeweils nur in etwa ein Drittel.
Das dritte Drittel hingegen wird von außen beeinflusst. Hierbei geht es um Regelstandards wie Curricula und die generellen Bedingungen der Schule.

Diese drei Hauptbereiche, also Lehrer/Unterricht – Curriculum/Schule – Lernende/Elternhaus, sind es, was den Bildungserfolg der SuS bestimmt.

Es ist jedoch wichtig, dass nicht jeder Bereich hierbei für sich steht. Es bringt uns nicht voran, wenn wir als Lehrer die Schuld auf Curriculum und Voraussetzungen schieben. Wir müssen gemeinsam arbeiten, wenn wir wirklich etwas verändern wollen an der Chancengleichheit im Bildungsbereich.
Denn hier liegt das Problem – Chancengleichheit.

Leistungsheterogenität oder Leistungsbedingte Heterogenität heißt, dass alle SuS in seinem Lernprozess eine unterschiedliche Geschwindigkeit, Fähigkeit und Bereitschaft zeigt. Gleichzeitig meint die Leistungsheterogenität auch die im Abschluss abweichenden Ergebnisse der SuS.

Jede*r Schüler*in kommt mit unterschiedlichen Bedingungen an den Start – so wie das typische Bild mit den unterschiedlichen Tieren, die die Aufgabe bekommen einen Baum zu erklimmen.
Und nach wie vor besteht eben keine Chancengleichheit für alle Teilnehmer.

Nach der neusten PISA Erhebung konnte immernoch eine starke Verbindung zwischen den sozio-ökonomischen & -kulturellen Faktoren von Familien und den Bildungserfolg ihrer Kinder festgestellt werden.

Die Aufgabe der Lehrkraft muss es sein, hiergegen anzugehen ohne dabei in die sog. „Individualisierungsfalle“ zu geraten. Wir müssen anfangen, Heterogenität als etwas Gutes zu begreifen.
Das Problem ist nur, dass hierfür nicht nur auf kleiner Ebene ein Wechsel reicht, sondern auch eine Veränderung im gesamten System stattfinden muss.
Ein System, welches darauf ausgelegt ist auszusieben und zu standardisieren wird immer zu einer Unterteilung in Gewinner & Verlierer führen. Das Curriculum bzw. die „Regelstandards“ der Kultusministerkonferenz sind das beste Beispiel dafür.
Pädagogisch führt dies immer zu einer Unterteilung in „Unter dem Standard“ und „Über dem Standard“. 

Aber ein Wechsel im System ist langwierig und kann nur beginnen, wenn wir schon im kleinen Anfangen Heterogenität wertzuschätzen. Ein breites Leistungsspektrum ist nicht hinderlich, sondern hilfreich für den Unterricht, da wir ein Problem aus mehr Perspektiven betrachten müssen. Außerdem führt es zu Unterrichtskonzepten, bei denen die Schüler*innen sich untereinander helfen und somit den Stoff nicht nur durch Lernen, sondern auch durch eigene Reproduktion verinnerlichen.

2.

Da ich mit meinem Orientierungspraktikum in einer 1. Klasse war gab es hier in den ersten Wochen nach den Sommerferien noch nicht viel Bedarf an Leistungswahrnehmungen, -rückmeldungen und -beurteilungen.
Die Erfahrung die am ehesten hierzu passt sind wohl die ersten Elterngespräche die wir nach einigen Wochen mit allen Eltern geführt haben. Hierbei hat unser Lehrerteam jeweils eine kurze Rückmeldung gegeben zu den ersten Wochen des Kindes in der Schule.
Die größte Herausforderung hierbei ist wohl, wie man seine Erkenntnisse am besten für die Eltern verpackt. Auch sprachliche Barrieren waren teilweise ein Problem, welche dann auch meistens direkt widerspiegelten, woher die Probleme der/des Schüler*in kamen.

Ansonsten gab es eine sehr interessante Diskussion um einen unserer Schüler. Bei diesem bestand nach einer psychologischen Untersuchung der Verdacht auf eine Beeinträchtigung.
Der Schüler war im Unterricht meist schwierig zu integrieren, da er sich häufig dagegen wehrte Aufgaben zu bearbeiten – sowohl Zuhause als auch in der Schule.
Im Kollegium kam der Vorschlag auf eine Art Rückmeldung im Unterricht einzuführen, sodass dieser Schüler quasi nach jeder Stunde auf einem Spielfeld vorrücken würde oder einen Punkt sammelt, sofern er gut mitgearbeitet hat. Hier kam ich das erste mal damit im Kontakt, die Leistungsrückmeldung auch als Motivation für Schüler zu nutzen.

Ansonsten liefen die Rückmeldung und Beurteilung relativ schlicht ab. Hausaufgaben und Aufgaben in der Schule wurden entweder mit einem Stempel bewertet oder der/die Schüler*in nochmal drauf angesprochen.

3.

„Kinder und Jugendliche aus den unteren Statusgruppen scheitern in den Schulen an der Starrheit institutioneller Gegebenheiten und Zwänge, der Borniertheit vieler Curricula sowie an gedankenloser Routine und der Arroganz eines Personals gegenüber nichtbürgerlichen, bildungsfernen Milieus, dessen Attitüden Pierre Bourdieu als „Rassismus der Intelligenz“ (1993) bezeichnet hat.“ (Hiller 2019, S. 148)

Hiller hat mit seiner Aussage definitiv recht, unser System ist immernoch stark in seinen Ursprungszügen eingegrenzt. Ich glaube jedoch, dass das Personal hierbei mit die kleinste Rolle spielt um dieses zu verändern. Jeder, der Lehrer aus Leidenschaft geworden ist, wünscht sich genau so wie Herr Hiller eine Integration aller Leistungsbereiche. Jedoch werden alle Lehrer im laufe ihrer Arbeitskarriere merken, sei es durch die ernüchternde Zusammenarbeit mit den Eltern, die unterbezahlten Überstunden oder die Realisation, dass das Abitur mittlerweile für fast alles im Berufsleben vorausgesetzt wird, dass eine solche flächendeckende Integration einfach nicht in Ihrer Macht steht.
Ich möchte hier die Lehrkraft keinesfalls als Opferrolle darstellen. Wir sollten dennoch alles probieren, und unser bestes Geben, um mit den Umständen zu arbeiten – aber wie in Hillers Aussage der Arroganz des Personals eine gleiche Gewichtigkeit wie den institutionellen und vor allem auch gesellschaftlichen Gegebenheiten zu geben halte ich für eine falsche Annahme.

Spannend um seine Aussage zu überprüfen wäre z.B. ein Schulformat, welches sich nicht an den Curricula orientiert, sondern quasi komplett von den Lehrkräften organisiert wird. In gewissen Aspekten arbeiten Waldorfschulen schon so – hierbei sind sie jedoch immer noch durch das Abitur als Vergleichsorgan in einem Rahmen gesetzt. Dennoch sehen wir bei Waldorfschulen einen sehr großen Erfolg.
Interessant wäre also wie sich das „Curriculum“ der Waldorfschule vergleicht mit dem der KMK.

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