RV07 // Prof. Dr. Nadine Rose // „Lässt sich ‚Heterogenität‘ im Klassenzimmer beobachten und was sieht man, wenn man so guckt?“

1. Welche theoretischen Schwierigkeiten ergeben sich bei dem Versuch, „Differenz“ oder „Heterogenität“ im Schulkontext identifizieren und beobachten zu wollen? Und was hat dies mit „Differenz“ oder „Heterogenität“ als Gegenstand selbst zu tun?

„Differenz“ ist das Ergebnis welches am Ende eines Vorgangs des Unterscheidens sichtbar wird (vgl. Rose 2021, Folie 6). Somit ist die Differenz im Schulalltag allgegenwärtig. Problematisch bei festgestellten Differenzen ist die starke subjektivierende Komponente, welche in der Regel unterbewusst geschieht (vgl. Rose 2021, Folie 8). So werden wir als Lehrer*innen dauerhaft differenzieren, wobei es wichtig sein wird, diese automatisierte Differenzierung festzustellen und nicht zu werten. Problematisch könnten im Blick auf Differenzierung auch die momentan vorherrschenden Klassengrößen sein, da in Bezug auf Differenzierung das Individualisieren und nicht wertende Vergleichen von Schüler*innen sehr wichtig ist, um persönliche Bedürfnisse und Leistungen von Schüler*innen anerkennen und erkennen zu können.

 

2. Welche Differenz-Kategorien legen Sie vermutlich – eher unbewusst – im Blick auf Ihre zukünftigen Schüler*innen an und welche erweisen sich – nach Ihrem bisherigen Kenntnisstand – warum als eher problematisch als andere?

Für mich problematisch ist die „klassisch deutsche“ Unterscheidung in Mann und Frau im Betracht auf gängige Stereotypen. Beispiele hierfür wären zum Beispiel, dass Mädchen in der Regel fleißig oder auch zurückhaltend sind.

In meiner Schulzeit wäre ich mit solchen Stereotypen definitiv konform gewesen und habe mich selber auch teils entsprechend verhalten, indem ich es zum Beispiel für „normal und cool“ empfunden habe selber faul und aufmerksamkeitssuchend auffällig zu sein. Dieses Verhalten habe ich in den Jahren nach meiner Schulzeit reflektiert und für extrem „ungesund“ befunden.

 Wenn beschriebene Stereotypen im Lehrkörper Anklang finden, kann dies zu extrem gestörten Wahrnehmungen der SuS führen. Sie könnten ihr Verhalten den Stereotypen anpassen, weil sie das Gefühl haben, dass ihr Verhalten den Erwartungen an ihr Gender entsprechen muss. Dies kann zu Verhaltensstörungen führen und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung für SuS stark einschränken/gefährden.

 

3. Würde(n) sich die Interpretation(en) der im Vortrag zugrunde gelegten Szene der „Gruppenarbeit in Klasse P“ aus Ihrer Sicht verändern (und wenn ja, wie), wenn Sie sie explizit unter der Aufmerksamkeitsrichtung der Bedeutung von „Migrationshintergrund“ oder „Gender“ in Unterricht zu lesen versuchten?

Den zugewiesenen Rollen als „Quasi-Lehrkraft“ für die Schülerinnen und „Quasi-Schüler*innen“     für die Schüler würde ich auf Grund eigener Erfahrungen unter dem Punkt „Gender“ zustimmen. Hatif und Leon nehmen die per Stereotyp vorgegebene Rolle des desinteressierten Schülers, der sich nicht wirklich für schulische Inhalte interessiert, komplett an. Alina und Mia hingegen bearbeiten zielstrebig die Aufgabe, so wie es der gesellschaftliche Zeitgeist (Stereotypen) von Ihrem Gender verlangt. Hinzukommend necken die beiden Hatif auf Grund seines Desinteresses. Dieser nutzt die Neckereien, um mit seiner Reaktion noch weiter seine vom Stereotypen geforderte Rolle einzunehmen.

 

Ein Kommentar

  1. Hey Lennard,
    zunächst möchte ich anmerken, dass mir deine Ausführungen, besonders deine eingebrachten persönlichen Erfahrungen und Betrachtungsweisen, sehr gefallen haben.

    In deiner Beschreibung über die Schwierigkeiten der Beobachtung von Heterogenität im Schulalltag beziehst du dich sehr stark auf den Aspekt der „Menschlichkeit“ und des stereotypisierten Denkens. Die Frage nach den „genau zu beobachtenden Aspekten“ (vgl. (1) S. 192), welche man um eben die „automatisierte Differenzierung“ genauer zu verstehen, im Vorfeld beantworten muss, bleibt jedoch offen. Sehr gut hat mir dein kleiner Ausblick in den späteren Berufsalltag und der damit einhergehenden Problematik der „eigenen Urteilsbildung“ (so hab ich es verstanden) gefallen. Das diese Urteilsbildung, damit auch die zu beobachtende Heterogenität, auf spezifischen Normalformen (vgl. (1) S. 194) basieren muss, ist aus deinem Beitrag, nach meiner Ansicht, nicht direkt herauszulesen.

    Deiner Ausführung über die Problematik der „Genderrollen“ stimme ich definitiv zu. Beziehend auf die Fragestellung möchte ich aber auch den Aspekt der omnipräsenten institutionalisierten Leistungsdifferenzierung (vgl. (1) S. 205) anmerken. Ich denke das sich Lehrer*innen der wichtigen Aufgabe der Bewertung ihrer Schüler*innen bewusst sein – sich dementsprechend aktiv von stereotypischen Denkensweisen lösen – sollten. Letztendlich ist das allerdings auch mit der letzten Aussage unter Punkt zwei deines Beitrages kohärent.

    Deinen Aussagen über die Interpretationen der „Gruppenarbeit in Klasse P“ kann ich weiter nichts hinzufügen. Nach meiner Ansicht beschreibst du die „Genderrollen“ und damit einhergehendes Verhalten der Schüler*innen treffend.

    (1) Rose, Nadine; Gerkmann, Anna(JAHR): Differenzierung unter Schüler_innen im reformorientierten Sekundarunterricht- oder: warum wir vorwiegend `Leistung´ beobachten, wenn wir nach `Differenz´ fragen, In: ZQF, 16. Jg., Heft 2/2015, S. 191-210

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