Abschlussreflexion

Abschlussreflexion

Eine der für mich wichtigsten Erkenntnisse aus der Ringvorlesung war, dass Vorwissen einen größeren Einfluss auf den Lernerfolg hat als die Intelligenz eines Kindes.In der Vorlesung von Florian Schmidt-Borcherding wurde Lernen als Prozess der Informationsverarbeitung beschrieben. Neue Informationen können nur dann nachhaltig verstanden und gespeichert werden, wenn sie an bereits vorhandene Wissen anknüpfen. Vorwissen bildet damit die Grundlage für erfolgreiches Lernen und beeinflusst, wie neue Inhalte, verarbeitet und verknüpft werden. (vgl. Gruber & Stamouli, 2020, S. 25–44).

Diese Erkenntnis lässt sich auf die Didaktik des Sachunterrichts übertragen und erinnert mich an das Prinzip des genetischen Lernens das ich im ersten Semester in Sachunterricht gelernt habe. Köhnlein beschreibt genetisches Lernen als ein Unterrichtsverfahren, das „die Erfahrungen, Vorkenntnisse und Überlegungen der Lernenden konstruktiv aufnimmt und zusammen mit ihnen Wege des Entdeckens sucht, um gemeinsam zu gesichertem und verstandenem Wissen zu kommen“ (Köhnlein, 1996, S.61). Aus fachdidaktischer Sicht bedeutet dies, dass der sachunterricht nicht bei den Fachinhalten beginnt, sondern bei den Kindern und ihren individuellen Voraussetzungen.

Auf den Sachunterricht bezogen beutetet das, dass viele Kinder unterschiedlichen Erfahrung im Bereich Natur, Technik oder gesellschaftlichen Themen gesammelt haben, und anderen fehlen diese Erfahrungen aufgrund ihres familiären und sozialen Umfelds. Sachunterricht der das berücksichtigt kann beispielsweise, das Vorwissen der Kinder diagnostizieren, durch Gespräche, Mindmaps und weiteres. Gleichzeitig sollte der Unterricht auch gemeinsame Erfahrungsräume schaffen, in denen alle Kinder vergleichbare Lerngelegenheiten erhalten , wie Exkursionen, Experimente, Modelle oder gemeinsames Erkunden. Dadurch wird es auch Kindern mit weniger Vorerfahrungen ermöglicht, tragfähige Wissensgrundlagen aufzubauen.

In Bezug auf die Beziehungsarbeit erscheint mir insbesondere die Erkenntnis bedeutsam, dass Kinder das Bedürfnis haben, sich in ihrer schulischen Umgebung akzeptiert und anerkannt zu fühlen. In Anlehnung an die Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan wurde deutlich, dass soziale Eingebundenheit ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis darstellt (vgl. Deci / Ryan 1993, S. 229). Daraus lässt sich ableiten, dass Beziehungsarbeit bedeutet, Lernende als Teil der Klassengemeinschaft anzuerkennen und ihnen Zugehörigkeit zu vermitteln. Dies bildet zugleich eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Interesse am Lernen.

Im Rückblick auf meine bisherigen Praxiserfahrungen prägt vor allem der Umgang mit sprachlicher Heterogenität den Schulalltag stark. Während meines Orientierungspraktikums war ich in einer Grundschulklasse, in der viele Kinder mehrsprachig (DaZ). Deshalb waren für mich insbesondere die Vorlesung von Dr. Anne Gadow zum Umgang mit sprachlicher Heterogenität und die Inhalte zum sprachsensiblen Mathematikunterricht von Bönig aufschlussreich da ich dadurch, meine Beobachtungen im Praktikum und auch meiner eigene Grundschulzeit einordnen konnte. 

In meinem Orientierungspraktikum passte die Klassenlehrerin ihren Unterricht bewusst an die unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen an. Sie arbeitete viel mit Bildern und hatte Gegenstände und Bereiche des Klassenraums beschriftet. Außerdem gab es viele feste Rituale wie ein Lied das  anzeigte, dass die Kinder ihre Plätze aufräumen sollten. Einen Zettel konnten sie auf ihren Tisch legen, wenn sie zur Toilette mussten. Dadurch wurden sprachliche Barrieren abgebaut und die Kinder konnten selbstständiger handeln. Diese Aspekte sind Teil eines sprachsensiblen Unterrichts der Kindern ermöglicht am Unterricht teilnehmen zu können. Zusätzlich erhielten die Kinder DaZ-Unterricht bei einer weiteren Lehrkraft. 

Im Vergleich dazu wurde in meiner eigenen Grundschulzeit wenig auf sprachliche Heterogenität geachtet. Auch ich lernte Deutsch als Zweitsprache, erhielt jedoch keinen DaZ-Unterricht und hatte länger Schwierigkeiten in der Schule. 

Die Vorlesung hat mir außerdem verdeutlicht, dass Sprache nicht nur im Deutschunterricht wichtig ist, sondern eine Voraussetzung für das Lernen in allen Fächern darstellt. Im Mathematikunterricht benötigen Kinder Sprache beispielsweise, um Aufgaben zu verstehen, Fachbegriffe zu verwenden und Lösungswege zu erklären. Deshalb ist integrierte Sprachförderung wichtig: Sprachliches und fachliches Lernen sollten nicht voneinander getrennt werden.

Eine Fragestellung, die sich meiner Ansicht nach in vielen Vorlesungen widergespiegelt hat, lautet: Wie kann jedes Kind in einer heterogenen Klasse bestmöglich unterstützt werden? Dabei interessiert mich insbesondere, wie inklusive Bildung trotz begrenzter personeller und materieller Ressourcen praktisch gelingen kann. In der Vorlesung von Korff wurde Inklusion als Abbau von Barrieren für Lernen und Zugehörigkeit verstanden. Ziel sei nicht nur die Anwesenheit aller Kinder, sondern ihre tatsächliche Teilhabe am gemeinsamen Unterricht (vgl. Booth & Ainscow, 2011). Außerdem wird auch in den Folien die Frage aufgeworfen, wie Lehrkräfte bei großen Klassen und unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen allen Kindern gerecht werden können.

Eine weitere Fragestellung die mich interessieren würde betrifft den sprachsensiblen Unterricht: Wie kann sprachsensibler Unterricht in allen Fächern konkret und dauerhaft umgesetzt werden? In den Vorlesungen von Gadow und Bönig wurde deutlich, dass Sprache nicht nur der Verständigung dient, sondern auch ein Werkzeug des fachlichen Denkens ist.

Darüber hinaus hätte mich interessiert, wie die Leistungen von Kindern unter Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht beurteilt werden können.

Literaturverzeichnis

Booth, Tony & Ainscow, Mel (2011): Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools. Bristol: Centre for Studies on Inclusive Education.

Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik, 39. Jg., Heft 2, S. 223-238.

Gruber, Hans & Stamouli, Eleni (2020): Intelligenz und Vorwissen. In: Wild, Elke & Möller, Jens (Hrsg.): Padagogische Psychologie. Heidelberg: Springer, S. 25-44.

Köhnlein, Walter (1996): Leitende Prinzipien und Curriculum des Sachunterrichts.

In: Glumpler, Edith & Wittkowske, Steffen (Hrsg.): Sachunterricht heute. Zwischen interdisziplinärem Anspruch und traditionellem Fachbezug. Bad Heilbrunn: Julius

Klinkhardt, S. 46-76.

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