Mehrsprachig gedacht, einsprachig gelernt

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Mehrsprachigkeit gehört heute ganz selbstverständlich zum Schulalltag dazu und ist eigentlich viel mehr als nur „eine zusätzliche Fähigkeit“. In meiner eigenen Schulzeit habe ich aber oft erlebt, dass sich Mehrsprachigkeit fast nur auf den Fremdsprachenunterricht beschränkt hat. Andere Sprachen, die Schüler*innen mitbringen, oder unterschiedliche Sprachstile im Alltag wurden kaum wirklich einbezogen. Erst durch die Vorlesung ist mir klar geworden, wie breit man Mehrsprachigkeit eigentlich denken kann – nämlich als individuelles, dynamisches Sprachrepertoire, das sich im Laufe des Lebens entwickelt und beim Lernen helfen kann. Gerade in der gymnasialen Oberstufe merkt man, wie stark Sprache und fachliches Lernen zusammenhängen.

Wenn ich zurückblicke, war Unterricht meistens eher einsprachig geprägt, obwohl viele Schüler*innen eigentlich mehrsprachig waren. Diese Potenziale wurden selten genutzt, obwohl Forschung zeigt, dass Mehrsprachigkeit das Lernen unterstützen kann (vgl. Gogolin 2010, S. 23–25). Spannend fand ich in diesem Zusammenhang die Perspektive, die in der Vorlesung über sogenannte Sprachenporträts deutlich wurde: Schüler*innen nehmen ihre Sprachen ganz unterschiedlich wahr und verknüpfen sie emotional sehr verschieden – manche zeigen ganz verschiedene Sprachen für verschiedene Körperregionen oder Lebensbereiche. Das zeigt, wie wichtig es ist, diese individuellen Erfahrungen im Unterricht ernst zu nehmen. Dazu passt auch, was Daase im Buchbeitrag schreibt: Mehrsprachig aufzuwachsen stellt für Kinder eigentlich kein Problem dar – das Problem liegt eher darin, wie Schule damit umgeht (vgl. Daase 2023, S. 78).

Auch in meinen bisherigen Praxiserfahrungen habe ich gesehen, dass viele Schüler*innen Probleme mit der sogenannten Bildungssprache haben – egal, welche Erstsprache sie sprechen. Genau da setzt ein sprachsensibler bzw. registerbildender Unterricht an. Wie in der Vorlesung erklärt, müssen eigentlich alle Schüler*innen diese Registerdifferenzierung erst lernen – also den Unterschied zwischen Alltagssprache und der formelleren Schulsprache. Für Schüler*innen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, ist das oft aufwändiger, weil sie dabei weniger auf Entsprechungen in ihrer Erstsprache zurückgreifen können.

Für meinen eigenen späteren Unterricht nehme ich mir vor, Mehrsprachigkeit aktiver einzubauen. Die Vorlesung hat mir gezeigt, dass das gar nicht so kompliziert sein muss – schon einfache Vergleiche von Zahlwörtern oder Fachbegriffen in verschiedenen Sprachen können das Nachdenken über Sprache anregen und gleichzeitig das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Gleichzeitig merke ich, dass mir noch einiges an Wissen fehlt, vor allem wenn es darum geht, sprachliche Fähigkeiten richtig einzuschätzen und gezielt zu fördern. Deshalb möchte ich mich in dem Bereich weiterbilden und mehr praktische Methoden kennenlernen.

Schule sollte also insgesamt so gestaltet sein, dass Mehrsprachigkeit zum Alltag wird. Wichtig ist dabei, wie in der Vorlesung betont, von einer defizitorientierten Sicht wegzukommen und stattdessen ressourcenorientiert zu denken: Was bringen Schüler*innen schon mit, und wie kann ich darauf aufbauen? Dafür braucht es passende Rahmenbedingungen wie geschulte Lehrkräfte, geeignete Materialien und eine klare Verankerung von Sprachbildung in allen Fächern.

 

Literatur:

Daase, A., 2023, „Migrationsbezogene Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache in der Schule“, In „Allgemeinbildende Schulen in der Migrationsgesellschaft“, S. 70–85

Gogolin, I., 2010, „Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule“, S. 23–25

Kommentare

2 Kommentare zu „Mehrsprachig gedacht, einsprachig gelernt“

  1. Avatar von Serafina
    Serafina

    Der Beitrag bietet einen guten Einblick in das Thema: Mehrsprachigkeit als Ausgangspunk
    und Ziel schulischer Bildung in der gymnasialen Oberstufe.
    Die Autorin berichtet davon, dass Mehrsprachigkeit nur in dem Bezug auf den Fremdsprachenunterricht an ihrer Schule mit einbezogen wurde, ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, obwohl ich viele Mitschüler*innen hatte, welche auch andere Sprachen gesprochen haben. An dieser stelle ist es wichtig dies klar einzuordnen, da dies kein Zufall ist. Dies geschieht aus strukturellem Rassismus. Dies wird auch im Bezug auf Sprache (Neo-)Linguizismus genannt (Dirim 2010:9f). Auch außerhalb der schule habe ich bereits festgestellt, dass die Verwendung von Wörtern aus einer anderen Sprache stark gewertet werden. Dabei hängt es allerdings davon ab, ob beispielsweise Französisch verwendet wird, wobei einzelne Worte als „gehobene“ Sprache gelten und positiv gewertet werden oder Wörter aus der türkischen oder kurdischen Sprache. Meiner Wahrnehmung nach wird bei Sprachen, welche Menschen aus Ländern mit denen viele Menschen in Deutschland eine Migrationsgeschichte haben, der Einfluss von Wörtern in den Sprachgebrauch als negativ gewertet. Somit sehe ich auch das Problem dabei, wie die Schule damit umgeht oder viel mehr bei dem ganzen Bildungssystem, als bei der Mehrsprachigkeit an sich.
    Den Aspekt, dass Mehrsprachigkeit zum Alltag werden soll befürworte ich, dabei sollte allerdings der Einfluss von sozialen Machtverhältnissen und Etikettierung und wie diese die schulische Wahrnehmung von Lehrenden beeinflusst berücksichtigt werden(Daase, 2023).
    Um das umsetzbar zu machen, muss wie auch in dem Beitrag erwähnt, an der Ausbildung von Lehrer*innen angesetzt werden und Raum, Zeit und Ressourcen für vielfältige Mehrsprachigkeit geschaffen werden. Dabei unterstütze ich den Ansatz von einer gezielten Professionalisierung im Bereich diskriminierungssensibler Pädagogik(Daase, 2023).
    Das Thema zeigt einige Überschneidungen mit den vergangen Themen aus der Vorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Schule?“. Das Thema der Chancenungleichheit zieht sich durch viele besprochenen Bereiche, beispielsweise ist eine mangelnde Förderung von bestimmter Mehrsprachigkeit auch ein Aspekt genau wie von Armut betroffene Kinder. Zudem werden durch Mehrsprachigkeit oder/und migrantisierte Schüler*innen in die gleiche „soziale Schublade“ gesteckt wie von Klassismus betroffene Schüler*innen. Internationalität bringt die beiden Formen der Diskriminierung zusammen und beschreibt die Verstärkung und Verflechtung im Bezug zueinander.

    Daase, Andrea, Mirgationsbezogene Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache in der Schule, in: Georgi, Viola B.; Karakaşoğlu, Yasemin (Hg.) (2023): Allgemeinbildende
    Schulen in der Migrationsgesellschaft. Diversitätssensible Ansätze und
    Perspektiven. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

    Dirim, I. (2010). „Wenn man mit Akzent spricht, denken die Leute, dass man auch mit Akzent denkt oder so.“ Zur Frage des (Neo-)Linguizismus in den Diskursen über die Sprache(n) der Migrationsgesellschaft. in P. Mecheril, I. Dirim, M. Gomolla, S. Hornberg, & K. Stojanov (Hrsg.), Spannungsverhältnisse. Assimilationsdiskurse und interkulturell-pädagogische Forschung (S. 91-114). Waxmann Verlag.

  2. Avatar von Serafina
    Serafina

    *Intersektionalität (statt Internationalität)

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