Von außen

Er schaut minutenlang aus dem Fenster obwohl es draußen dunkel ist. Er blinzelt kaum. Sanft schaukelt sein Kopf jeder kleinen Bewegung des Zuges hinterher. Die dunkelgrünen Augen verlieren ihre Farbe im Spiegelbild der Scheibe. Draußen, in der wirklichen Welt, huscht ab und zu ein schwaches, gelbes Licht vorbei. Vielleicht eine einsame Straßenlaterne. Vielleicht das Fenster eines einsamen Hauses. Er zeigt keine Regung. Tausend Sternschnuppen könnten vorbeifliegen, er würde es nicht bemerken. Sein Blick in den eigenen Augen versunken.

Wo er wohl aussteigen wird?

Katzen haben Angst vor ihrem Spiegelbild. Menschen nur vor sich selbst.

Doku im Kino

Ich war im Kino. In einer Doku.
Es war ganz gut, aber lest selbst:

Der Dokumentarfilm „Hamburger Gitter – Der G20-Gipfel als Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ (Marco Heinig / Steffen Maurer, 2018) beschäftigt sich mit dem Verhalten bzw. dem Vorgehen der Polizei bei den Protesten in Hamburg rund um den G20-Gipfel im Sommer 2017.

Es kommen verschiedene Interview-Partner*innen, sowohl vonseiten der Aktivisten, als auch der Justiz, sowie einige Expert*innen zu Wort und ziehen Bilanz.

Zum Schutz des Treffens der zwanzig wichtigsten Industrieländer der Welt wurden über 30.000 Polizisten eingesetzt. Trotzdem (oder gerade deshalb?) kam es zu etlichen Übergriffen, Sachbeschädigungen, Plünderungen und Ausschreitungen. Hunderte Personen wurden verletzt.

Der Film stellt infrage ob sich die Polizei angemessen vorbereitet und stets im Rahmen des Grundgesetzes gehandelt hat.

Professionelles Bildmaterial, dass an Ort und Stelle der Proteste aufgenommen wurde, gibt dem Zuschauer einen Einblick ins Geschehen. Immer wieder werden Luftaufnahmen bekannter Hamburger Orte, sowie gesammeltes Videomaterial externer Quellen eingestreut. Interview-Partner*innen werden an verschiedenen, ruhigen Orten in den Fokus genommen und teilweise wird ihre Stimme über die Bilder der Proteste gelegt. Zahlen, sowie Ortsnamen werden immer wieder semantisch ins Bild integriert. An wenigen gezielten Stellen sorgt simple aber energische elektronische Musik für eine aufgeladene Stimmung.

Mir gefällt, dass die Dokumentation ohne stark dramatisierende Effekte, wie besonders epische Musik oder außergewöhnlich tiefe Erzählerstimmen auskommt und sich dem Wesentlichen widmet. Die Aufnahmen der Proteste sind gut eingesetzt und kommen gerade auf der Kinoleinwand teilweise sehr bewegend rüber. Ich kann die extrem geladene Stimmung, die in vielen Situationen herrschte, besser nachvollziehen als ich es erwartet hätte. Ich verspüre während des Films immer wieder Wut, Ekel und sogar ein wenig Angst. Der Film regt mich zum Denken an, auch wenn während der Vorstellung, aufgrund der hohen Informationsfülle des Films, nicht viel Zeit ist um zu reflektierten ist. Trotz der „schweren Kost“ wird die Dokumentation nicht eintönig, sondern behält bis zum Ende auch einen unterhaltenden Charakter. Es fällt auf, dass sich die Macher des Filmes Mühe gegeben haben alle Seiten des Konflikts zu Wort kommen zu lassen, wenn auch eher die Perspektive der Aktivist*innen im Vordergrund steht. An einigen Stellen fällt mir auf, dass schnell zwischen verschiedenen den Orten hin und her gesprungen wird und Informationen, meiner Meinung nach, teilweise besser strukturiert bzw. gegliedert hätten sein können. Trotzdem verlasse ich den Kinosaal und bin vollkommen in das Thema eingetaucht. Ein Film, den ich noch länger im Gedächtnis haben werde und auf dessen Informationen ich mit Sicherheit in zukünftigen Gesprächen zurückgreifen werde.

Otter und Deutschland

Ottersbach ist ein kleiner Autobahnrastplatz auf der A7 in der Nähe von Fulda.

Ich gehe davon aus, es gibt hier ín der Nähe auch einen Ort, der Ottersbach heißt. Und ich gehe davon aus, es gibt in diesem Ort einen Bach. Und ich gehe davon aus, dass es, zumindest in der Zeit, in der dieser Ort gegründet wurde, Otter in diesem Bach gab. Süße, kleine Otter. In einem Paralleluniversum heißt dieser Ort vielleicht Ottershausen oder Ottersheim. In einem anderen Paralleluniversum ist Ottersbach vielleicht die Hauptstadt von Deutschland. In wieder einem anderen gibt es weder Otter noch Deutschland. Und so weiter und so fort…

Umso länger ich über das Wort Otter nachdenke, desto absurder kommt es mir vor.
Wenn du das liest sag am besten zwanzig mal hintereinander „Otter“, vielleicht weißt du dann wie ich mich fühle. Wenn du dich gerade in der Öffentlichkeit befindest kannst du es auch in Gedanken zwanzig mal durchgehen, sonst wirst du ganz eventuell etwas komisch angeschaut.

Ich werfe die Zigarette auf den Boden und steige zurück ins Auto.

Rot an der Rot, Schwarze Pumpe, Sterbfritz, Halbhusten, Amerika. …Alles deutsche Ortsnamen. Wie zur Hölle kommt man dazu einen Ort „Halbhusten“ zu nennen? Ob sich wohl Forscher damit beschäftigen wie solch absurde Ortsnamen zustande kommen? Ich weiß, dass sich die Namen vieler Orte durch Wandel in der Schreibweise oft verändert haben und stelle es mir schwierig vor, die ursprünglichen Namen, vor allem von sehr kleinen Siedlungen, herauszufinden. Wie man jedoch am Ende bei Halbhusten oder Sterbfritz herauskommen kann, ist mir schleierhaft. Vielleicht haben die Kinder im Dorf “Stille Post“ gespielt oder alte, verwirrte Bürgermeister konnten ihre eigene Schrift nicht mehr lesen. Absurde Städtenamen scheinen jedoch kein rein deutsches Phänomen zu sein, schließlich kann man auch in Fucking (Österreich) Urlaub machen.

Bamberg

Sechs Uhr fünfunddreißig.
Da wir über die Mitfahrzentrale BlaBlaCar einige Menschen mitnehmen sind wir gleich doppelt gezwungen pünktlich zu sein. Ich quäle mich aus dem Bett und der Tag beginnt mit sechs Stunden Autofahren. Ein braver Student, wie ich, lehnt sich da natürlich nicht zurück und holt den fehlenden Schlaf nach. Nein, ein braver Student, wie ich, klappt den Laptop auf und versucht die Zeit sinnvoll zu nutzen. Klar ist auch, dass die mittlere Rückbank in einem Neunsitzer, voll mit guten Freunden und fremden Menschen, die Musikvideos auf dem Handy schauen, nicht gerade vergleichbar mit der Bibliothek ist, aber für eineinhalb Seiten Filmanalyse reicht es gerade so.

Für alle, die gerade völlig auf dem Schlauch stehen: Ich bin mit meiner Band auf dem Weg nach Bamberg, wo wir im Rahmen der Bamberger Kurzfilmtage ein Konzert spielen.

Die Wärmeverteilung in unserem Bus ist furchtbar schlecht bzw. nicht vorhanden und so stelle ich mir die ganze Fahrt lang vor, wie ich endlich im warmen Backstage bin und es mir “Get in Snacks“ snackend auf einer Couch gemütlich mache. Pustekuchen. Wir spielen in einem Club, der eigentlich seit vier Jahren geschlossen hat und nur ein mal im Jahr für das Kurzfilmfestival eine Sondergenehmigung erhält. Es gibt weder eine Heizung, noch “Get in Snacks“. Nicht einmal WLAN. Aber egal, man ist ja auch nicht zum Spaß hier. Schön brav Soundcheck machen, alles aufbauen, abklären etc. und schon ist der Abend in vollem Gange. Gutes Konzert, Gutes Publikum, Guter Pegel. Mittlerweile sitze ich wieder im Bus. Dieses Mal vorne. Mir ist warm…

Teilnehmende Beobachtung: ICE Ruheabteil

Bei der Einfahrt des ICE am Hauptbahnhof in Hannover kommt allgemeine Hektik auf. Der Zug nach Frankfurt am Main hat eine Verspätung von ca. 25 min und fährt nun unmittelbar vor dem Folgezug nach München am selben Gleis. Dies sorgt dafür, dass, obwohl anhand der Anzeigetafel gut erkennbar, einige Menschen nicht wissen, welchen der beiden Züge sie nehmen müssen.

Der ICE hält und die Türen öffnen sich. Als eine Schaffnerin aussteigt, wird sie direkt von einer Gruppe älterer Frauen angesprochen: „Ist das der Zug nach München?“. Auf die unhöflich gestellte Frage folgt ein gereiztes „Nein“.

Der Zug ist sehr voll und da sich in den engen Gängen die Menschen stauen bleibe ich erst einmal stehen bis die Mehrheit einen Sitzplatz gefunden hat. Eine junge Frau setzt sich sichtlich genervt auf den Boden, obwohl es im Wagen rechts von mir noch vereinzelte freie Plätze gibt.

Ich setzte mich an einen der vier Plätze um einen Tisch in der Mitte des Wagons. Rechts von mir, am Fensterplatz, sitzt ein älterer, schlecht rasierter Herr mit leicht zerzausten weißen Haaren und einer runden Brille. Er trägt einen dunkelblauen Wollpullover und einen braunen Schal. Mir gegenüber sitzt eine Frau in ähnlichem Alter, ich schätze beide auf ungefähr Mitte 60. Sie hat kurzes graues Haar, eine sehr spitze Nase und trägt ein einfaches, hellgraues Oberteil. Am Tisch zu meiner linken, auf der anderen Seite des schmalen Ganges, sitzen zwei jüngere Frauen, schätzungsweise Mitte zwanzig. Beide haben Kopfhörer auf und sind mit ihrem Smartphone beschäftigt.

Der Zug fährt bereits seit ca. Zehn Minuten und mir fällt auf, dass ich mich in einem Ruheabteil niedergelassen habe, was mich jedoch nicht weiter stört. Tatsächlich unterhält sich niemand und es sind fast ausschließlich die Geräusche des Zuges zu hören. Ein durchgehendes, leises Summen und Rauschen, dass hin und wieder von Quietschen oder Rattern unterbrochen wird. Die von Menschen erzeugten Geräusche beschränken sich lediglich auf das Rascheln von Zeitungen oder Verpackungen aus Plastik, sowie das ungewöhnlich laute Atmen und die gelegentlichen Seufzer meines Sitznachbarn. Dieser liest in dem kleinen Reiseplan, der jeden Halt des Zuges, sowie mögliche Anschlusszüge auflistet. Hin und wieder schiebt er seine Brille auf den Kopf und blickt für ein paar Minuten aus dem Fenster, obwohl es draußen dunkel ist. Die Frau mir gegenüber tut nichts, außer mit nachdenklichem Blick in den Gang zu schauen und ab und zu ihre Hände aneinander zu reiben.

Es vergeht ungefähr eine Viertelstunde ohne das etwas Erwähnenswertes passiert, dann kommt der Schaffner und bittet um die Fahrscheine der Zugestiegenen. Als unser Tisch an der Reihe ist und mein Sitznachbar sein Ticket vorgezeigt hat, weist er den Bahnangestellten noch daraufhin, dass es sich bei dem kleinen Heftchen auf dem Tisch, welches er seit über einer Viertelstunde studiert, um den Reiseplan für einen anderen ICE handelt. Der Schaffner zeigt kein wirkliches Interesse an dieser Information und wendet sich der unauffälligen Frau mir gegenüber zu, die ihn nach dem Grund unserer Verspätung fragt. „Personen auf dem Gleis“, entgegnet dieser. Ein paar Minuten nach der Fahrscheinkontrolle schläft mein Sitznachbar ein und beginnt leicht zu schnarchen.

Wir erreichen Göttingen und einige Menschen steigen aus. Der Platz mir gegenüber wird frei und ich kann meine Füße ausstrecken. Am Tisch gegenüber sitzt nun nur noch eine der beiden jungen Frauen. Mittlerweile beschäftigt sich diese, neben ihrem Smartphone, auch noch mit ihrem Laptop sowie einem Buch. Zwei junge Männer, die offensichtlich zusammen reisen, kommen an uns vorbei und bleiben stehen um sich, nach einem kurzen fragenden Blick, gegenüber der Frau zu setzten. Beide tragen ein Hemd und haben ein offenes Bier in der Hand. Außerdem stellen sie eine Flasche Weißwein und zwei Pappbecher auf den Tisch. Der ältere Herr zu meiner rechten seufzt im Schlaf laut auf woraufhin sich die Männer mit den Bieren schmunzelnd anschauen. Einer der beiden fängt an zu lachen und nachdem sie, kurze Zeit später, realisiert haben, dass sie sich in einem Ruheabteil befinden, stehen sie auf und verlassen den Wagon.

Das Schnarchen wird mit der Zeit immer lauter doch es scheint, als würde sich niemand daran stören. Ich selbst bin froh, dass der Mann nun schläft, da ich mich, seit ich begonnen habe mir Notizen, seltsam beobachtet gefühlt habe. Ich wollte nicht, dass er bemerkt, dass ich über ihn Schreibe und so gab ich mir Mühe besonders schnell und unleserlich zu schreiben.

Interaktionen von Menschen werden hier im Ruheabteil auf ein Minimum reduziert und lassen den Wagon eher wie ein Wartezimmer wirken.

Durch das intensive Beobachten des Geschehens bekommt die Situation für mich einen kurzweiligen Charakter und ich bin überrascht, als ich die Durchsage zum baldigen Halt in Kassel höre. Eine Stunde im Fernzug die, aufgrund einiger Details, recht amüsant war und trotz der, auf den ersten Blick sehr langweiligen Situation deutlich schneller vorüberging als ich es erwartet hätte.

Objektbeschreibung: Assoziatives Schreiben

Gegenstand: Spiegel mit Kamm

Spiegel mit Kamm sieht aus wie ein etwas groß geratener Oreo-Keks. Es handelt sich jedoch um einen aufklappbaren Schminkspiegel mit integriertem Kamm. Gefertigt aus Plastik und wahnsinnig schlecht verarbeitet. Bestimmt ein billiges Teil, maximal zwei Euro würde ich schätzen. Mehr würde ich jedenfalls nicht dafür ausgebenMoment, ich würde überhaupt nichts dafür ausgeben.
Dabei ist es vielleicht manchmal gar nicht so unpraktisch einen kleinen Spiegel dabei zu haben. Wenn dieser kleine Gegenstand bloß nicht so feminin geprägt wäre Ach Mensch, wir leben echt in einer komisch verklemmten Scheiß-Gesellschaft. Okay, ich schweife ab.

Spiegel mit Kamm unterscheidet sich von einem wirklichen Oreo-Keks nicht nur durch Material, Größe und Funktion, nein es steht außerdem nicht Oreo darauf. Schon bescheuert, dass man trotzdem zuerst an den Markennamen denkt. Egal, auf unserem Keks-Spiegel steht jedenfalls Cocoa Cookies I Like.
Äh was?
Da ich nicht weiß was Cocoa bedeutet (falls es etwas bedeutet) werde ich nicht länger über die Aussage der Aufschrift grübeln. Stattdessen muss ich darüber nachdenken, wie es wohl zur Entwicklung, Fertigung und letzten Endes zum Kauf des Produkts gekommen ist. In meinem Kopf entsteht die lustige Szene, wie eine Anzugtragende Person seine Arbeitskollegen versucht vom Spiegel mit Kamm im Keks-Look Konzept zu überzeugen. Ich meine, irgendjemand muss sich das ja ausgedacht haben. Irgendjemand muss kalkuliert haben, dass Spiegel mit Kamm gewinnbringend zu vermarkten ist. Irgendjemand muss sich überlegt haben wie das kleine Teil möglichst billig hergestellt werden kann. Mal ehrlich, woher kommen diese unendlich vielen kleinen No-Name Produkte? Und wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen Geld mit Produkten verdienen, die am Ende nur ein bis zwei Euro kosten?

Ich klappe den kleinen Keks auf und betrachte kurz mein Spiegelbild. Doch anstatt mir über meine Frisur Gedanken zu machen stelle ich mir Fragen über den Weg, den diese 20g Plastik schon zurückgelegt haben. Antworten habe ich keine. Ich glaube wir machen uns heutzutage viel zu wenig Gedanken über die Herkunft von all den Produkten und Artikeln die wir täglich benutzen.
Natürlich kann und will man nicht alles wissen aber eins steht ein fest:
Man muss auch nicht alles kaufen.

Literaturliste

Albrecht, Karl Otto (2001): Politik und Mode. Kassel: Edition Palatino.

De la Haye, Amy (2018): A Critical Analysis of Practices of Collecting Fashionable Dress. Fashion Theory 22. 381-403.

Lehnert, Gertrud (2013): Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis. Bielefeld: Transcript-Verl.

Loschek, Ingrid (2010): Wann ist schön? Ästhetik des Schönen und des Hässlichen in der Mode. In: Holenstein, Schweizer, Weddigen, Zwahlen (Hrsg.): Zweite Haut. Zur Kulturgeschichte der Kleidung. Bern: Haupt Berne

Mani, Christine (2006): Jeanne Mammen – Eine Berlinerin aus Paris. Von der Modezeichnerin zur neusachlichen Großstadtchronistin. In: Burg, Zimmermann (Hrsg.): GARCONNES A LA MODE. Im Paris und Berlin der zwanziger Jahre. Göttingen: Wallstein Verlag. S. 29 – 47

Meinhold, Roman (2005): Der Mode Mythos: Lifestyle als Lebenskunst. Philosophisch- anthropologische Implikationen der Mode. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann

Ohrendorf, Marion (2004): Taschenlexikorn der Mode-Begriffe. Baden-Baden: Humboldt Verlag

Internet:

Pfannkuch, Katharina (2017): Politik in der Mode. Proteststoff. URL: http://www.spiegel.de/stil/politische-mode-kleidung-hat-immer-eine-aussage-a1144010.html (Datum des letzten Besuchs: 29.11.2018)

Was ist Kunst?

Letzte Woche war ich zum ersten Mal im Seminar „Einführung in die Kunstwissenschaft“ in der Weserburg.
Schön hier. Mit all den verstörenden Bildern von Cindy Sherman. Um 11 Uhr morgens. Nach drei Zigaretten trotz Erkältung. Weil das Seminar ja doch erst um 11.30 Uhr beginnt. Hätte man ja riechen können. …Trotz Erkältung.

Naja, ich will mich mal nicht beschweren, immerhin habe ich den ersten Termin verpasst.

Irgendwann geht es dann auch los bzw. weiter mit dem Stoff der Kunstwissenschaft.
Zum Einstieg eine kleine Analyse eines völlig überladenen, aber wahnsinnig guten Musikvideos von Beyonce und ihrem rappenden Mann. Danach dann zu etwas komplexeren Fragestellungen. Anstatt der Frage, was Wissenschaft bzw. wissenschaftliches Arbeiten ist (welche bisher in so ziemlich jeder Veranstaltung für uns unwissende Erstis aufkam, ohne jedoch wirklich geklärt zu werden) packt man in der Kunstwissenschaft wohl gleich zu Anfang so richtig aus und fragt:

„Was ist Kunst?“

Ja…. Was ist eigentlich Kunst? Gugte Frage.
Ob man, wenn man Philosophie studiert, auch gleich beim ersten Termin nach dem Sinn des Lebens gefragt wird?

Klar – auf Wikipedia gibt es bestimmt eine kurze, präzise Definition von Kunst.
Aber der Sinn des Lebens ist ja auch nicht wirklich 42.

Nach kurzer gedanklicher Überforderung finde ich Gefallen an der Frage und stellte mich auf eine wilde Diskussion mit 30 Leuten und 130 Meinungen ein.
Ach schade.Wir bleiben doch auf dem Boden der Tatsachen und bilden Zweiergruppen.
Und anstatt unserer eigenen Gedanken bekommen wir Texte ausgeteilt und sollen die Essenz des Kunstbegriffes, wie ihn andere einst definierten, auf einem Plakat zusammenfassen. Nice.
Am Ende stellt sich dann raus, dass die Antwort auf die gemeine Frage in der Geschichte der Kunst immer wieder überholt und neu definiert wurde. Ergibt Sinn. Cindy Sherman’s Fotografien wären im Mittelalter sicherlich auch keine Kunst gewesen….

Aber was ist denn jetzt Kunst?

Erst fällt mir überhaupt nichts ein.

Dann viel zu viel.

Wo fange ich an? Vielleicht damit, dass Kunst immer im Auge des Betrachters liegt? Und, dass damit eine allgemeine Definition unmöglich ist? Nein, dass wäre irgendwie kontraproduktiv.

Versuchen wir es so:
Kunst muss ja nicht zwingend ein Objekt sein. Es kann zum Beispiel auch ein Text, ein Klang oder eine Performance sein. Jedenfalls muss das Kunstwerk auf irgendeine Art erschaffen oder erdacht werden. Und um etwas zu erschaffen oder zu erdenken braucht jemand (später dann vielleicht der oder die Künstlerin) einen Impuls. Vielleicht ist dieser Impuls das entscheidende?

Angenommen ich will Wasser kochen und der Topf ist noch nicht erfunden.
Ich gehe also in die Werkstatt und versuche etwas zu konstruieren was sich möglichst gut zum kochen von Wasser eignet. Dann ist mein Impuls eher funktional und überhaupt nicht künstlerisch, egal wie ästhetisch der Topf am Ende aussieht und egal wie viel handwerkliches Geschick in ihm steckt.

Ein Impuls, der ein Kunstwerk hervorruft darf also nicht praktischer, funktionaler Natur sein. Er sollte vielmehr der Anregung, des Ausdrucks, der Verarbeitung von Gedanken oder Emotionen dienen.
Oder dem verbildlichen von Worten die nicht gefunden werden können.
Oder dem verwörtlichen von Bildern die nicht gesehen werden können. Ihr wisst was ich meine…

Selbst wenn man aus dem Impuls der Langeweile Farbe auf eine Leinwand klatscht, entsteht meiner Meinung nach Kunst.

Vielleicht liegt Kunst also doch nicht nur im Auge des Betrachters sondern vor allem im Auge – im Impuls – des Schaffenden?

Hoffentlich werden wir beim nächsten Termin von „Einführung in die Kunstwissenschart“ gefragt was gute Kunst ausmacht.
Ich glaube dann wird’s so richtig Interessant.

Peace out, Yannic.