Elternkooperation in der Schule der Migrationsgesellschaft
Eren Kurutlu
1. Individuelle Rechte von Eltern und daraus entstehende Pflichten für Schule und Lehrkräfte
Das Bremische Schulgesetz versteht Eltern als wichtige Partnerinnen und Partner im Bildungsprozess. Daraus ergeben sich sowohl Rechte der Eltern als auch Pflichten der Schule. Zu den individuellen Rechten gehört beispielsweise das Recht auf Information über den schulischen Alltag (§ 61 BremSchulG). Eltern sollen über die schulische Entwicklung ihrer Kinder, schulische Veranstaltungen und wichtige Entscheidungen informiert werden. Für Schulen und Lehrkräfte bedeutet dies, Informationen transparent, verständlich und rechtzeitig bereitzustellen. Elternabende, Lernentwicklungsgespräche oder Informationsschreiben dienen dazu, dieses Recht umzusetzen.
Ein weiteres wichtiges Recht ist die Unterrichtung bei Ordnungsmaßnahmen (§ 47 BremSchulG). Werden Maßnahmen ergriffen, die das Kind betreffen, müssen die Erziehungsberechtigten informiert und in den Prozess einbezogen werden. Daraus ergibt sich für Lehrkräfte die Pflicht, Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen und das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Das Gesetz verdeutlicht damit, dass Schule und Elternhaus gemeinsam Verantwortung für die Bildung und Erziehung der Kinder tragen.
2. Formen der Schule-Eltern-Kommunikation und persönliche Erfahrungen
Karakaşoğlu und Vogel beschreiben verschiedene Formen der Schule-Eltern-Kommunikation, die insbesondere in Schulen der Migrationsgesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören Informationsgespräche, Lernentwicklungsgespräche sowie Formate, die Eltern den Zugang zum Schulsystem erleichtern sollen. Ein zentrales Ziel besteht darin, Eltern nicht nur zu informieren, sondern sie als aktive Partnerinnen und Partner im Bildungsprozess wahrzunehmen.
Eine Form der Kommunikation, die ich aus meiner eigenen Schulzeit kenne, sind regelmäßige Lernentwicklungsgespräche. Dabei trafen sich Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen bzw. Schüler, um über Leistungen, Lernfortschritte und mögliche Ziele zu sprechen. Aus meiner Sicht handelt es sich um ein gelungenes Beispiel für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft, da alle Beteiligten gemeinsam Verantwortung für den Lernprozess übernehmen konnten. Die Kommunikation erfolgte dialogisch und nicht ausschließlich problemorientiert.
Weniger gelungen empfand ich Situationen, in denen Eltern hauptsächlich dann kontaktiert wurden, wenn Schwierigkeiten auftraten, beispielsweise bei Fehlzeiten oder schlechten Leistungen. Diese Form der Kommunikation entspricht eher einer problemorientierten Elternarbeit als einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass Schule-Eltern-Kommunikation nur bei Problemen relevant ist. Karakaşoğlu und Vogel weisen jedoch darauf hin, dass Kommunikation die zentrale Grundlage von Schule-Eltern-Beziehungen darstellt und daher nicht auf Krisensituationen beschränkt bleiben sollte.
3. Sichtweisen auf Eltern mit Migrationsgeschichte in den Karikaturen
Die erste Karikatur verweist auf stereotype Annahmen gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte. Es wird unterstellt, dass eine Person aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer Herkunft die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrscht. Solche Vorannahmen können dazu führen, dass Eltern nicht als kompetente Gesprächspartner wahrgenommen werden. Dies erschwert eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus.
Die zweite Karikatur thematisiert die Annahme, Eltern mit Migrationserfahrung verfügten über geringere Bildungsressourcen oder ein niedrigeres Bildungsniveau. Auch diese Sichtweise entspricht defizitorientierten Zuschreibungen. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass viele Familien mit Zuwanderungsgeschichte hohe Bildungsaspirationen für ihre Kinder besitzen. Gleichzeitig berichten Eltern von Erfahrungen, bei denen ihre Kompetenzen und Ressourcen von Schulen nicht ausreichend anerkannt werden.
Die Folgen solcher Defizitannahmen können erheblich sein. Wenn Lehrkräfte oder Schulen Eltern und Kinder vor allem durch die Perspektive von Defiziten betrachten, besteht die Gefahr niedrigerer Leistungserwartungen und eingeschränkter Bildungswege. Dies kann sich negativ auf Motivation, Selbstvertrauen und Bildungserfolg auswirken. Deshalb betonen Karakaşoğlu und Vogel die Bedeutung einer ressourcenorientierten Perspektive, die die Erfahrungen, Sprachen und Kompetenzen von Familien anerkennt und wertschätzt.
Literatur
Karakaşoğlu, Yasemin (2026): Elternkooperation in der Schule der Migrationsgesellschaft. Vorlesungsfolien zur Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Schule“, Universität Bremen.
Karakaşoğlu, Yasemin; Vogel, Dita (2025): Migration bewegt Schule. Transnationalität als Impuls für Schulentwicklung und Lehrkräftebildung. Weinheim: Beltz Juventa.
Killus, Dagmar; Paseka, Angelika (2020): Kooperation zwischen Eltern und Schule. Eine kritische Einführung in Theorie und Praxis. Weinheim: Beltz.
Hattie, John (2024): Visible Learning 2.0. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.