Grundbegriffe der Pädagogik
Donnerstag September 18th 2025, 12:41
Filed under: Allgemein

Die Begriffe Bildung, Kompetenz und Qualifikation bilden eine zentrale Grundlage pädagogischen Denkens. Raithel, Dollinger und Hörmann (2005) unterscheiden klar zwischen diesen Konzepten: Während Bildung auf die umfassende Persönlichkeitsentwicklung abzielt, versteht sich Kompetenz als die Fähigkeit, Wissen und Fertigkeiten flexibel in Situationen anzuwenden. Qualifikation hingegen bezeichnet formale Nachweise wie Zertifikate oder Abschlüsse. Für die berufliche Bildung bedeutet dies, dass Lernen nicht nur auf die Erfüllung formaler Anforderungen reduziert werden darf, sondern immer auch auf die Entwicklung von Handlungskompetenz und Bildung gerichtet sein muss.

Der Begriff Qualifikation bezeichnet beruflich verwertbare Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich eng an den Anforderungen des Arbeitsmarktes, an Standards und an formalen Abschlüssen orientieren. Beispiele hierfür sind etwa der sachgerechte Umgang mit medizinischen Geräten oder die Einhaltung von Hygienestandards. Qualifikationen sind in der Regel eindeutig prüfbar und können durch Zertifikate oder Zeugnisse nachgewiesen werden.

Davon abzugrenzen ist der Begriff Kompetenz, der die Fähigkeit beschreibt, erworbenes Wissen und Fertigkeiten in konkreten Situationen angemessen einzusetzen. Nach der Definition von Weinert (2001) umfasst Kompetenz nicht nur kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern auch motivationale, volitionale und soziale Komponenten. Im Zentrum steht die Handlungsfähigkeit in komplexen Situationen. Kompetenzen sind teilweise überprüf- und messbar, beispielsweise durch internationale Vergleichsstudien wie PISA (Programme for International Student Assessment) oder PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies).

Der Begriff Bildung schließlich geht über Qualifikation und Kompetenz hinaus. Bildung wird in der Tradition von Humboldt oder Klafki als Selbstbildung verstanden, mit dem Ziel, Persönlichkeit und Mündigkeit zu entfalten. Sie ist nicht in erster Linie funktional, sondern orientiert sich an Sinn- und Wertefragen. Zentrale Kategorien sind Reflexion, Verantwortung und Freiheit. Anders als Qualifikation oder bestimmte Kompetenzfacetten ist Bildung nur schwer überprüf- oder messbar, da sie einen umfassenden und individuellen Entwicklungsprozess beschreibt.

Gerade in der Pflegeausbildung zeigt sich, dass mehrsprachige Schüler:innen trotz sprachlicher Unsicherheiten ein hohes Maß an Kompetenz im praktischen Handeln entwickeln können. Die Gefahr besteht jedoch, dass diese Kompetenzen durch den Fokus auf sprachgebundene Qualifikationen verdeckt bleiben. Daraus ergibt sich für mich die Notwendigkeit, Lerngelegenheiten zu gestalten, in denen Kompetenzen und Bildungsprozesse auch unabhängig von formalen Nachweisen sichtbar werden.

Qualifikationslogiken dürfen daher nicht die alleinige Orientierung darstellen. Vielmehr sehe ich es als Aufgabe von Lehrkräften, auch die individuellen Bildungsprozesse der Lernenden zu würdigen und solche Kompetenzen sichtbar zu machen, die in standardisierten Prüfungen häufig nicht erfasst werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich mir die zentrale Frage, wie ich in meiner zukünftigen Rolle als Berufspädagogin sicherstellen kann, dass Mehrsprachigkeit nicht als Defizit wahrgenommen wird, sondern als Ressource, die Lernprozesse bereichert und wie diesbezüglich Unterstützungsmodelle angewendet werden können.

Mit Blick auf die Mehrsprachigkeit in Pflegeschulen ist es wichtig, die Unterschiede zwischen Bildung, Kompetenz und Qualifikation klar zu erfassen. Die folgende Tabelle stammt aus dem Seminar Grundlagen der Berufspädagogik I – Grundbegriffe der Pädagogik und wurde von mir ergänzt, um die Bedeutung der Begriffe im Kontext mehrsprachiger Lernender zu verdeutlichen.

Die Gegenüberstellung zeigt deutlich, dass die Begriffe Bildung, Kompetenz und Qualifikation unterschiedliche Dimensionen pädagogischen Handelns beschreiben, die jedoch in der Praxis eng miteinander verwoben sind. Durch die Erweiterung um den Aspekt der Mehrsprachigkeit wird sichtbar, dass sprachliche Vielfalt sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Zum einen kann sie Identitätsbildung und interkulturelle Sensibilität fördern, zum anderen erweitert sie kommunikative und berufliche Handlungsspielräume, kann aber zugleich durch Sprachtests und Prüfungslogiken zur Hürde werden.

Für mich ergibt sich daraus die Aufgabe, Lerngelegenheiten so zu gestalten, dass Kompetenzen und Bildungsprozesse unabhängig von sprachlichen Barrieren sichtbar werden. Mehrsprachigkeit darf nicht auf Defizite reduziert werden, sondern sollte als Ressource begriffen werden, die den Unterricht und die berufliche Praxis bereichert. In meiner zukünftigen Rolle als Berufspädagogin bedeutet das, Unterrichtsmaterialien, Prüfungsformate und Lernsettings kritisch zu reflektieren und so weiterzuentwickeln sowie anzuwenden, dass sie Bildungsgerechtigkeit sichern und allen Lernenden die Möglichkeit und Chancen geben, ihre Potenziale zu entfalten.





     
Keine Kommentare so far



Leave a comment
Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)