Seiteneinstieg

Welche Besonderheiten weist der Erwerbskontext Seiteneinstieg auf und inwieweit orientiert sich die Bremer Konzeption der schulischen und sprachlichen Integration neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler daran?

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der neu zugewanderten Kinder ohne nennenswerte Deutschkenntnisse rasant angestiegen. Diese Kinder gehören zu der sogenannten „ersten Generation“ und werden auch Seiteneinsteiger/innen genannt. Unterschiedliche Konzepte seitens der Bundesländer wurden entwickelt, um bestmöglich diesen Teil der Bevölkerung zu beschulen und beim Spracherwerb zu unterstützen und zu fördern. Primäres Ziel der Schulpolitik bezüglich der Seiteneinsteiger/innen ist es diese schnellstmöglich einzugliedern und in den Regelunterricht aufzunehmen. Demzufolge werden Kinder, die in Bremen neu gemeldet werden und im schulpflichtigen Alter sind, auch direkt schulpflichtig. Laut Bremischen Schulgesetz gilt Folgendes: „Schülerinnen und Schüler, die nicht über die für den Schulbesuch erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse verfügen, beginnen ihre Schulzeit mit einem mehrmonatigen Sprachförderkurs, nach dessen erfolgreicher Teilnahme, spätestens mit Beendigung des Kurses, sie in die Jahrgangsstufe überwechseln, der sie bereits zu Beginn zugeordnet wurden“ (Bremisches Schulgesetz, § 36 Absatz 3). Im Detail gibt es drei verschiedene Arten von Kursen: Alphabetisierungskurse: für nicht-literarisierte SuS der Sek 1, abschlussorientierte Klassen: für neu zugewanderte SuS der 9./ 10. Klasse und Vorkurse: für Seiteneinsteiger/innen der Primarstufe und der Sek 1 (5. – 8. Klasse). Bei den Kursen geht es um die Vermittlung von produktiven (A2) und rezeptiven (B2) Deutschkenntnissen. Abhängig vom Entwicklungsfortschritt des einzelnen Schülers oder der Schülerin kann jedoch auch schon vor regulärem Beenden des Sprachförderkurses in die Regelklasse gewechselt werden.

Diskutieren Sie Ihre Praxiserfahrungen mit der Sprachförderung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern vor bzw. nach dem vollständigen Übergang in den Regelunterricht. Gehen Sie dabei insbesondere auf binnendifferenzierende Maßnahmen ein.

Die Leseleistung, das Textverständnis und die Sprachpraxis von Seiteneinsteiger/innen in dem Regelunterricht, nach Vollendung eines vorbereitenden Vorkurses, sind sehr unterschiedlich. Manchen Seiteneinsteiger/innen fällt das Erlernen einer neuen Sprache besonders leicht und andere brauchen für eine ähnliche Kompetenz mehr Zeit. Dies ist nicht verwunderlich, da Seiteneinsteiger/innen unterschiedliche Vorbildungen mitbringen und die Auffassungsgabe sehr variiert. Binnendifferenzierende Maßnahmen spielen deshalb bei der Bewältigung von curricularen Anforderungen eine besondere Rolle, da die Lehrkraft mit unterschiedlichen Lernniveaus konfrontiert ist. Können die Seiteneinsteiger/innen nicht den curricularen Anforderungen entsprechen „ist über eine zieldifferente (untercurriculare) Förderung zu entscheiden. Eine zieldifferente Förderung kann sich auf einzelne Fächer bzw. Lernbereiche beziehen und bedeutet, dass an die Schülerinnen und Schüler in diesen Fächern bzw. Lernbereichen untercurriculare Anforderungen gestellt werden. Ziel der langfristig gestalteten untercurricularen Förderung ist die schrittweise Befähigung zur Bewältigung der curricularen Vorgaben“ (Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, Seite 4)

Eine diagnostische Kompetenz der Lehrkraft ist bei binnendifferenzierenden Maßnahmen sehr wichtig und beginnt mit der Diagnose, wo die SuS „abgeholt“ werden müssen, was ihre Stärken und Schwächen sind und setzt sich fort mit der Diagnose und Beobachtung wie sich der Lernerfolg entwickelt. Das impliziert jedoch, dass der „klassische“ gemeinsame Unterricht vermieden werden sollte. Tatsächlich kann jedoch ein „gemeinsames Starten“ zu Beginn sehr angenehm für die Gruppe als auch für die Lehrkraft sein. Gruppenzugehörigkeit kann dadurch gestärkt werden und eine schnelle Diagnose der verschiedenen Lerntypen, innerhalb der Klasse, wird der Lehrkraft ermöglicht. Gerade wenn Seiteneinsteiger/innen, die zuvor zeitweise in Sprachkursen homogenisiert wurden um die Sprache gemeinsam zu erlernen, in der Regelklasse zusammenfinden, sollte die Möglichkeit gegeben werden an die Klassengemeinschaft anzuschließen. Auffällig ist jedoch, dass Seiteneinsteiger/innen, nachdem sie die Regelklasse ein Jahr besucht haben, zumindest nicht in dem relativ kurzen Zeitraum an die Regelschüler anschließen konnten. Dafür benötigen sie schlichtweg mehr Zeit.

Suchen Sie eine Unterrichtsaufgabe (das Fach können Sie frei auswählen), die als Ersatz- bzw. Erweiterungsaufgabe besonders für neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler im Regelunterricht entwickelt wurde. Vergleichen Sie diese Aufgabe mit der „regulären“, also der, die für andere Schülerinnen und Schüler eingesetzt wird. Welche Unterschiede finden Sie? Was halten Sie für hilfreich, was für problematisch?

Beispiel Englischunterricht (Aufgabe nach Dr. Karin Vogt)

SuS hören gemeinsam einen englischen Sprechtext zum Thema Hobbies.
Aufgabe der SuS eines hohen Leistungsniveaus ist dann den Sprechdialog in eigenen Worten widerzugeben und in einen Comic mit leeren Sprechblasen einzufügen. Ggf. soll außerdem die Reihenfolge der Bilder selbst bestimmt werden. Anschließend sollen die SuS dann einen eigenen Text zu ihren Freizeitaktivitäten schreiben. Welche Freizeitaktivitäten gefallen ihnen besonders und warum?

SuS eines niedrigeren Leistungsniveaus bekommen zusätzlich den Sprechtext zum Nachlesen auf dem Arbeitsblatt, damit sie in ihrem Tempo den Text noch einmal nachlesen und ggf. Vokabeln nachschlagen können. Denkbar wäre auch, dass die Lehrkraft einige Vokabeln auf dem Arbeitsblatt erläutert hat. Die Aufgabe der SuS wäre ebenfalls den Dialog in eigenen Worten zu ergänzen und im Anschluss über ihre Hobbies etwas zu schreiben. Unterstützend könnten hierbei Formulierungshilfen sein wie passende Satzanfänge, die auf dem Arbeitsblatt mitangegeben werden.

Ich finde es sehr sinnvoll, wenn binnendifferenzierter Unterricht einen gemeinsamen Gegenstand hat und nur der Schwierigkeitsgrad den Fähigkeiten des Schülers oder der Schülerin angepasst wird. Die SuS bekommen die Möglichkeit an einem gemeinsamen Thema zu arbeiten, wobei sich SuS der verschiedenen Leistungsniveaus weder unterfordert noch überfordert fühlen. SuS hoher Leistungsniveaus benötigen ein besonders gutes Hörverstehen, um die Aufgabe erfolgreich zu lösen und sollen mit der zweiten anspruchsvollen Aufgabe eigene Texte produzieren. SuS niedriger Leistungsniveaus bekommen die Möglichkeit Hörverständnis zu üben und ggf. den Dialog nachzulesen. Mit der Erläuterung von Vokabeln in Deutsch können einzelne Wörter dekodiert werden. Angegebene Satzanfänge erleichtern eine eigene Textproduktion. Fraglich ist, ob im Englischunterricht die deutschen Vokabeln überhaupt den Seiteneinsteigern weiterhelfen. Vielleicht verstehen sie sowohl die englische als auch die deutsche Bedeutung nicht. Vorteil im Englischunterricht könnte jedoch sein, dass Seiteneinsteiger/innen bereits im Fach Englisch unterrichtet wurden. Allerdings wäre auch vorstellbar, dass sie überhaupt keine Englischkenntnisse aufweisen. Das würde den Unterricht sehr erschweren, da eine Basis fehlt auf die die Lehrkraft bauen könnte.

Quellen

§ 36 Abs. 4 Bremisches Schulgesetz (Senatorin für Kinder und Bildung 2016)

Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Lernen an allgemeinbildenden Schulen. Herausgeber: Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt. Seite 4. www.bildung-lsa.de/files/14ad515369180f2de82b2fe754e31f64/sonderpaedagog_foederbedarf.pdf. Abruf am 09.05.2018

Dr. Karin Vogt. Englischunterricht in heterogenen Lerngruppen. TEA The English Academy. www.the-english-academy.de/heterogen-inklusiv/. Abruf am 09.05.2018