Reflexion aus meiner Arbeit

Zu Beginn meiner Arbeit ging ich mit der Überzeugung rein, dass Latrinalia und der anonyme Austausch im „geschützten“ Raum der Toiletten inhärent gut sei. Durch die Arbeit mit dem Thema und vor allem den transfeindlichen Aussagen die sich über den Zeitraum anhäuften erkannte ich immer mehr parallelen zu Diskussionen und Austausch in den Kommentarspalten auf Social Media: die gegebene Anonymität gibt vielen Menschen den Mut und Sicherheit diskriminierende Aussagen ohne große Sorgen zu verbreiten. Dennoch fanden sich auch viele Gegenstimmen und Solidarität, die sich klar gegen die menschenfeindlichen Aussagen stellten.

Wie wichtig ist nun dieser Raum als Ort um seine Gedanken, Sorgen und Meinungen mit anderen anonym zu teilen?

Einerseits können Toiletten einer Universität Menschen den Raum geben, sich und ihre Gefühle nach außen zu tragen, während man durch die Anonymität des Latrinalia geschützt ist. Andererseits zeigen die Toiletten der Universität Bremens, dass diese Anonymität auch etwas negatives hervorbringen kann: menschenverachtende und hasserfüllte Inhalte, die gegen marginaliserte Menschen gehen, bei denen die Anonymität diese Täter*innen schützt.

Die Latrinalia an der Universität Bremen sind eine Mischung aus kollektivem Schmerz und Wut, aus Kreativität, räumliche Einnahme und aus Stimmen die ansonsten nicht gehört bzw. gelesen werden würden. Dabei können sich verschiedenste Menschen zusammentun aber sich auch gegeneinander aufstellen.

Die behandelten Themen haben eine breite Bandweite: Feminismus, Intersektionalität, Antifaschismus, Ani-Rassismus, Queerness, Kreatives ausleben, mentale Gesundheit und klassische Tags. Die Toiletten sind und bleiben ein Ort der anonymen Begegnung.

Das Institut selbst spiet dabei auch eine wichtige Rolle: die Universität kann entscheiden was stehen bleibt und welche Wörter bzw. Sätze direkt entfernt werden. Dies kommt natürlich auch auf die Kapazitäten an, wie oft und frequentiert die Latrinalia entfernt werden können. Es stellt sich die Frage: ist es von Vorteil Aussagen stehen zu lassen um die Diskussion und den Meinungsaustausch gewährleisten zu können? Welche Stimmen werden eingeschränkt? Welche werden zelebriert?

Das Interview zeigte mir, dass Latrinalia oft durch direkte Emotionen und persönliche Bezüge erstellt werden. Die Anonymität hilft dabei, sich so auszudrücken, wie man es möchte. Dennoch kann es auch einschränkend sein, da es nicht immer leicht ist die „richtigen“ Worte zu finden. Die Reaktionen anderer können einen dennoch treffen und verletzen, auch wenn man nicht genau weiß, wer diese verfasst hat.

Bei den fehlenden Worten greifen viele Personen zu Stickern, welche bereits ein zentrales Thema besitzen und mit Darstellungen dieses untermalen können. Oft sind diese von verschiedenen Organisationen oder auch Parteien.

Latrinalia sind gleichzeitig ein kreatives Ausleben und definieren sich aus spontanen Gedanken und dem Bedürfnis in kurzer Zeit eine Message oder etwas kreatives rüberzubringen. Das politische steht oft im Mittelpunkt. Außerdem interessant zu sehen ist, dass je nach Fakultät die Latrinalia sich ändern: in vielen Fakultäten gab es keine bis ein paar Latrinalia auf den Toiletten, wie zum Beispiel bei Pädagogik. In den Räumlichkeiten, in denen größtenteils Geisteswissenschaften oder Kunst gelehrt werden, finden sich umso mehr Latrinalia. Bei der Cafeteria des GW2 sind ebenfalls viele Latrinalia zu finden, wie zum Beispiel die transfeindlichen Aussagen. Dort gehen viele verschiedene Menschen auf Toilette, es kann nicht genau differenziert werden, welche Studiengänge diese Menschen besuchen. Über die Jahre, in denen ich an der Universität Bremen studierte (Winter 2022), gab es auf den Toiletten der Cafeteria des GW2-Gebäudes und des SFG-Gebäudes den größten Austausch. Dabei wurden regelmäßig ganze Diskussionen entfernt, es finden sich aber immer neue wieder. Die Themen sind oft aktuell: seien es die Wahlen Anfang des Jahres, der Genozid in Palästina oder der allgemeine Rechtsruck. Die Diskussionen zeigen, das viele verschiedene Menschen die Universität Bremen besuchen und dass diese aus den unterschiedlichsten Postionen, Klassen, Studiengängen und Sozialisationen kommen. Dies kann zu entweder spannenden Konversationen mit Chancen auf neue Erkenntnisse sein, oder ein gegenseitiges degradieren und Beleidigungen beinhalten.

Ausblick:

Interessant zu wissen wäre, was mit den transfeindlichen Aussagen auf den Frauen*-Toiletten des GW2-Gebäudes passiert: was genau möchte die Universität dagegen tun? Das stumpfe Entfernen der Latrinalia hilft nicht dabei, dass sich betroffene Studierende in den Kreisen der Universität wohl fühlen. Das Thema Transfeindlichkeit sollte aufgegriffen werden. Im Idealfall sollte es Angebote geben, die über diese Feindlichkeit aufklären, denn Bildung ist der Schlüssel gegen die Menschenfeindlicheit vorzugehen.

Mich würde interessieren, wie sich die Diskussionen und Konversationen über die nächsten Monate entwickeln: welche Themen werden von Relevanz sein? Welche werden weniger? Latrinalia sind nah an den Geschehnissen der Welt verknüpft und sind ein Spiegel unserer Zeit. Ich frage mich ebenfalls, wie sich der Austausch über Palästina entwickeln wird, da dieses Gebiet auch im Universitätskontext äußerst umstritten ist.

Auch ich habe bei manchen Diskussionen auf den Toiletten mitgewirkt und es war spannend nach verschiedenen Zeitabständen zu schauen, ob andere Leute einem geantwortet haben. Diese Art der Kommunikation benötigt viel Geduld aber gibt einem auch eine ganz neue Weise, sich Anonym mit anderen auszutauschen. Nicht wie auf Social Media oder im Internet, gibt das Analoge und Schreiben mit Stift oder Marker mit den eigenen Händen ein anderes Gefühl von Ausdruck.

Ich hätte gerne über einen längeren Zeitraum verschiedene Latrinalia angesammelt und wäre in andere Gebäude und Fakultäten gegangen, um einen noch größeren Überblick über die behandelten Themen zu erhalten. Ebenfalls wäre es interessant gewesen, noch mehr Interviews zu führen, um die persönlichen Beweggründe für das Partizipieren von Latrinalia verschiedener Menschen herauszufinden. Dadurch, dass das Taggen und Latrinalia oft als Vandalismus bezeichnet werden und diese als illegal gelten, ist es kompliziert an Menschen heranzukommen, die offen über das Thema sprechen wollen, da diese vermeiden wollen von der Universität sanktioniert zu werden.

Ich werde in den nächsten Monaten weiterhin die Latrinalia auf den Toiletten der Universität sammeln und auch in andere Gebäude gehen, um gegebenenfalls für meine Bachelorarbeit die Entwicklung der Diskussionen und Aussagen aufzeigen zu können.

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