Interview über Diskussionen und Austausch auf den Toiletten

     

Hammer und Sichel

Auf den Toiletten im SFG-Gebäude finden sich Diskussionen über as Hammer und Sichel Symbol. Ich hatte das Glück die Person interviewen zu können, welche die Diskussionen startete. Seit 2018 ist sie Studentin der Universität Bremen und begann dieses Jahr mit den Diskussionen. Ursprünglich kommt die interviewte Person aus Litauen und bringt ihre Position zu dem Hammer und Sichel Symbol in die Räume der Universität.

Das Interview 

A: Ich

B: Interviewte Person 

A: „Wann sind dir die ersten Male politischen Aussagen auf den Uni-Toiletten aufgefallen?“

B:“Also […] das war nicht direkt an der Uni, mir ist so generell in Bremen aufgefallen, dass es sehr viele Hammer und Sichel gibt, davon sehr viel und besonders als die Ukraine angegriffen worden ist 2022 [….]. Dann ist mir das auch mehr an der Uni aufgefallen. Das konnte ich dann nicht aus meinen Augen lassen.“

A:“Aus welcher Position kommst du, dass du das Sichel und Hammer Symbol kritisierst?“

B:“[…]Also das ist einfach so, dass in Litauen an den Schulen und generell immer gelehrt wird Sichel und Hammer ist kein harmloses Symbol. Darunter sind sehr viele Menschen gestorben. Nicht nur in der Schule, man spürt das in ganz Litauen, mein Vater zum Beispiel konnte nicht studieren und sein Abschluss wurde einfach gefaked weil er Punk war und sowas. Er wurde vom KGB festgenommen und saß im Knast. Er sollte in den Krieg gehen und hat dann extra gesagt dass er psychisch Krank ist und dann hat er so richtige Medikamente bekommen wo er immer halbwegs paralysiert ist und sowas und lag im Krankenhaus […], weil er einfach nicht zum Krieg wollte für Russland. Und daraus kommt eine sehr große Allergie gegen dieses Zeichen glaub ich, das ist voll wie Nazi-Symbolik für mich, da hab ich auch voll Allergie gegen. Für mich sind das beides Symbole wo viele Menschen drunter gelitten haben. Ich sehe da viel Schmerz und Leiden“.

A:“Was hat dich dazu bewegt in den Toiletten etwas zu schreiben, zu antworten oder zu Stickern?“

B:“Ich wollte glaub ich zu dem Zeitpunkt eben weil es auch 2022 war und so da gabs auch viel Angstgefühl für mich so: wie gehts weiter? Wie gehts auch mit Litauen weiter und sowas [….]. Und da war einfach so für mich das erreicht, dass ich unbedingt in den Austausch mit Leuten gehen wollte hier, weil ich finde dass die das verstehen können wenn man denen das erklärt und die meisten das auch verstehen wollen, aber mir fehlte einfach dieser Raum für diesen Austausch und ich dachte: okay die Graffiti sind da und ich mache auch außerhalb der Uni Sachen mit Stickern und Tags. Und dann dachte ich so: okay, jetzt einfach loslegen! Das erste Graffiti ist auch ganz spontan entstanden als ich auf dem Klo saß zwischen zwei Vorlesungen und ich dachte mir so: Ne, ich kann jetzt nicht einfach so weggehen, ich schreib das jetzt auf!“

A:“Was war dir dabei wichtig als du das aufgeschrieben hast?“

B:“Es gab einfach zu wenig Raum für den Austausch, man redet nicht so viel darüber finde ich und das war einfach so für mich die Möglichkeit mich auszudrücken. Es ist ein so komplexes Thema und es war für mich eine Herausforderung das zu erklären in so kurzen Worten und so, ich glaube auch dass es nicht so viele Leute verstanden haben was ich damit meine[…]“

A:“Fandest du da die Anonymität da hilfreich?“

B:“Tatsächlich schon, ich hab mich sicher gefühlt in dem Moment das zu schreiben und sowas. Ich glaube das wenn die Leute um mich gestanden wären und gesagt hätten „das ist doch scheiße, das ist voll falsch“, dann würde ich das glaube ich mich auch nicht trauen.“

A:“Wenn man jetzt einfach so auf die Toilette als Raum blickt: was bedeutet so dieser Raum für dich? Also auch im Vergleich zum digitalen Austausch oder so offizielle Orte des Ausdrucks?“

B:“Im Internet fänd ich das gar nicht so anonym sogar, wenn ich das auf Reddit poste ist das trotzdem mein Name und sowas, ich glaube ich würde mich nicht so sicher fühlen.“

A:“Denkst du, dass Toiletten ein Ort für marginalisierte Stimmen sind, die nicht immer den Raum finden sich ausdrücken zu können?“

B:“Schon, also ich habe mich tatsächlich nirgendwo so sicher gefühlt wie dort auf der Toilette (lacht). Ist schon ein schöner Ort mit den vier Wänden, man geht raus und man kann gar nichts mehr nachverfolgen.“

A: „Gibt es Aussagen die du gelesen hast, die dich besonders berührt oder zum nachdenken gebracht haben?“

B:“Natürlich Hammer und Sichel und natürlich auch als ich die Antworten darüber bekommen habe, also jetzt schaue ich da mit einem lächeln drauf, aber als ich das zum ersten Mal gelesen habe diesen Gegenwind, und es war nur Gegenwind, hatte ich so richtig n‘ Stich im Herz. Und da habe ich dann mit meinem Verlobten telefoniert und habe gefragt „Mensch habe ich mich irgendwie falsch ausgedrückt?“, wieso verstehen das andere nicht? Also das hat mir schon weh getan, natürlich.“

A: „Also obwohl es anonyme Antworten trifft es einen dennoch?“

B:“Ja, genau. Ich würde gerne den Personen Auge zu Auge sehen und mit denen drüber reden. Und die würden mich verstehen können.“

A:“Würdest du sagen es ist eine begrenzte Art zu kommunizieren auf Toiletten zu schreiben?“

B:“Das auch, auf jeden Fall. Ich konnte mich auch selber nicht so gut ausdrücken weil ich auch in einem Wutmoment gefangen war als ich das geschrieben habe. Das kam so richtig aus Emotionen raus: ich möchte mich jetzt hier zeigen und trotzdem denke ich dass es viele falsch interpretiert haben.“

A:“Welche Rolle spielt für dich Anonymität für Mut, Radikalität oder Offenheit?“

B:“Sehr große Rolle tatsächlich. Ich würde mich das sonst nicht trauen. Das gibt immer Mut, diese Anonymität. Und trotzdem fühlt man sich empowered wenn man sich ausgedrückt hat, so bisschen: ich hab was für mich getan.“

A:“Was bedeutet das auf Wände schreiben für dich persönlich?“

B:“Also das ist einfach so Selbstausdruck, das ist für mich ein kreativer Akt, also meine Kreativität ist für mich Selbstausdruck und Selbstverwirklichung. Das bedeutet das für mich.“

A:“Würdest du sagen das schreiben und Diskutieren auf Wänden bringt die Leute zusammen?“

B:“Also auf jeden Fall ist das ein Raum für einen Austausch und das bringt schon Leute so zusammen, auch wenn es so Gegenstimmen gibt. Mich hat das in diesem Beispiel nicht mit den anderen zusammengebracht, die hassen mich (lacht). Aber an sich ist das ein Raum für Austausch und zusammenbringen. Jetzt im Nachhinein betrachtet finde ich es auch nicht schlimm dass es so viel Gegenwind gab, trotzdem gab es Bewegung in dem Thema, dann kann man googeln und kann seine Meinung ändern.“

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