1. Formulieren Sie basierend auf den Vorlesungsinhalten drei Thesen, die für Sie (!) einen modernen naturwissenschaftlichen Unterricht für alle ausmachen. Orientieren Sie sich gerne an den Grundannahmen von STL (Scientific and Technological Literacy for All), setzen Sie jedoch eigene Schwerpunkte.
Ein moderner naturwissenschaftlicher Unterricht für alle könnte sich meiner Meinung nach gut an den Grundannahmen von Scientific and Technological Literacy orientieren und dabei über die reine Vermittlung von Fachwissen hinausgehen. Ziel naturwissenschaftlicher Bildung ist es, Lernende dazu zu befähigen, gesellschaftliche Herausforderungen zu verstehen, fundierte Entscheidungen zu treffen und aktiv an gesellschaftlichen Diskursen teilzunehmen. Naturwissenschaftliche Bildung wird damit zu einem zentralen Bestandteil der Allgemeinbildung (Holbrook, Rannikmae, 2000, S. 276; Belova, 2026, Folie 12). Moderner naturwissenschaftlicher Unterricht zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass er lebensweltbezogen gestaltet wird. Naturwissenschaftliche Inhalte sollten in gesellschaftlich relevanten Kontexten vermittelt werden, damit Schülerinnen und Schüler deren Bedeutung für ihr eigenes Leben erkennen können. Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, Gesundheit oder Ernährung bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte, um naturwissenschaftliche Fragestellungen mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu verknüpfen. Dadurch wird Lernenden deutlich, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur im schulischen Kontext von Bedeutung sind, sondern einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung realer Probleme leisten (Holbrook, 1998, S. 294; Belova, 2026, Folie 27). Darüber hinaus sollte naturwissenschaftlicher Unterricht die Fähigkeit zum kritischen Denken fördern. Scientific Literacy umfasst nach der OECD die Fähigkeit, naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden, naturwissenschaftliche Fragestellungen zu erkennen und auf Grundlage von Belegen Schlussfolgerungen zu ziehen (OECD, 2003, S. 153; Belova, 2026, Folie 9). Angesichts der zunehmenden Verbreitung digitaler Medien und der großen Menge verfügbarer Informationen gewinnt diese Kompetenz immer stärker an Bedeutung. Lernende müssen in die Lage versetzt werden, Informationen kritisch zu prüfen, wissenschaftliche Erkenntnisse von Meinungen oder Fehlinformationen zu unterscheiden und begründete Urteile zu fällen. Deshalb sollten Argumentationsfähigkeit, Reflexionskompetenz und ein kritischer Umgang mit Quellen feste Bestandteile eines modernen naturwissenschaftlichen Unterrichts sein (Belova, 2026, Folie 17 -18; Osborne, 2003, S. 8). Ein weiterer zentraler Aspekt besteht darin, naturwissenschaftlichen Unterricht für alle Lernenden zugänglich zu gestalten. Schülerinnen und Schüler bringen unterschiedliche Voraussetzungen und Erfahrungen mit in den Unterricht. Das Konzept des „Chemistry Capital“ zeigt, dass familiäre und soziale Ressourcen einen erheblichen Einfluss auf den Lernerfolg in naturwissenschaftlichen Fächern haben (Rüschenpöhler, Markic, 2020, S. 8 – 10; Belova, 2026, Folie 21 – 24). Daraus ergibt sich die Aufgabe der Schule, bestehende Ungleichheiten auszugleichen und allen Lernenden positive Erfahrungen mit Naturwissenschaften zu ermöglichen. Wertschätzende Rückmeldungen, differenzierte Lernangebote und die Förderung positiver Selbstkonzepte können dazu beitragen, dass sich Schülerinnen und Schüler als kompetent erleben und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln. (Belova, 2026, Folie 20)
2. Reflektieren Sie auf Basis der Vorlesungsinhalte und des Grundlagentextes, inwieweit chemisches Wissen im Speziellen und naturwissenschaftliches Wissen im Allgemeinen aus Ihrer Sicht als Teil des Allgemeinwissens (im Sinne einer „Scientific Literacy for All“) angesehen werden kann. Beziehen Sie hier auch ihre eigenen Erfahrungen aus dem schulischen Chemieunterricht/Ihrem Alltag ein.
Aus meiner Sicht kann chemisches Wissen im Speziellen und naturwissenschaftliches Wissen im Allgemeinen heute als unverzichtbarer Bestandteil des Allgemeinwissens angesehen werden. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse prägen zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens und spielen eine zentrale Rolle bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Fragen zu Gesundheit, Ernährung, Umwelt, Energieversorgung oder technischen Entwicklungen lassen sich ohne grundlegende naturwissenschaftliche Kenntnisse kaum verstehen oder bewerten. Dabei bedeutet Scientific Literacy nicht, dass jede Person über umfassendes Fachwissen verfügen oder komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge im Detail erklären können muss. Vielmehr geht es darum, naturwissenschaftliche Informationen einordnen, kritisch hinterfragen und für Entscheidungen im Alltag nutzen zu können (OECD, 2003, S. 153; Holbrook, Rannikmäe, 2007, S. 1350). Auch die Vorlesung verdeutlicht, dass naturwissenschaftliche Grundbildung als wesentlicher Bestandteil der Allgemeinbildung betrachtet werden sollte. Angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder gesundheitlicher Krisen sind Bürgerinnen und Bürger zunehmend gefordert, wissenschaftsbezogene Informationen zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treffen (Belova, 2026, Folie 39). Das Konzept der „Scientific Literacy for All“ greift dieses Problem auf, indem es das Ziel verfolgt, alle Menschen zur kompetenten Teilhabe an einer zunehmend von Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft zu befähigen. Die Bedeutung naturwissenschaftlicher Grundbildung zeigt sich besonders im Alltag. Im Bereich der Kosmetik werden Verbraucherinnen und Verbraucher regelmäßig mit Werbeaussagen zu Inhaltsstoffen, Wirkmechanismen oder vermeintlich „chemiefreien“ Produkten konfrontiert. Ohne grundlegende chemische Kenntnisse fällt es schwer, solche Aussagen kritisch zu bewerten und zwischen wissenschaftlich belegten Informationen und Marketingstrategien zu unterscheiden. Ähnliches gilt für Diskussionen zu Umwelt- und Gesundheitsthemen in sozialen Medien. Dort verbreiten sich häufig vereinfachte Darstellungen oder Verschwörungstheorien, beispielsweise über Impfungen, Schadstoffe oder den Klimawandel. Naturwissenschaftliche Grundkenntnisse können dabei helfen, die Glaubwürdigkeit von Quellen einzuschätzen, Argumentationen nachzuvollziehen und Fehlinformationen kritisch zu hinterfragen. Meine eigenen Erfahrungen aus dem Chemieunterricht haben allerdings gezeigt, dass die Vermittlung solcher Kompetenzen nicht immer gelingt. Rückblickend war der Unterricht häufig stark theorieorientiert und konzentrierte sich vor allem auf Formeln, Reaktionsgleichungen und fachsprachliche Begriffe. Viele Inhalte wurden losgelöst von ihrer Bedeutung für den Alltag behandelt, wodurch es oftmals schwerfiel, einen persönlichen Bezug herzustellen. Auch Experimente wirkten häufig künstlich und hatten wenig Bezug zu realen Fragestellungen. Zwar waren Farbänderungen oder spektakuläre Reaktionen interessant, jedoch blieb oft unklar, welche Bedeutung diese Phänomene außerhalb des Unterrichts besitzen. Dadurch entstand teilweise der Eindruck, dass Chemie vor allem aus abstrakten Regeln und Laborversuchen besteht, anstatt ein Werkzeug zum Verständnis alltäglicher Prozesse zu sein.
3. Chemie gilt als eines der unbeliebtesten Schulfächer. Benennen Sie Stichpunktartig Maßnahmen, die Ihrer Meinung nach die Lernmotivation von Kindern und Jugendlichen aller Schulformen (!) für das Fach Chemie steigern könnten.
– Alltagsorientierter Chemieunterricht
Chemische Inhalte sollten häufiger mit Themen verknüpft werden, die Schülerinnen und Schüler aus ihrem Alltag kennen und die gesellschaftlich relevant sind. Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Ernährung, Gesundheit oder die Zusammensetzung von Alltagsprodukten können dazu beitragen, die Bedeutung chemischer Kenntnisse sichtbar zu machen. Wenn Lernende erkennen, welchen Bezug chemische Inhalte zu ihrem eigenen Leben haben, steigt die wahrgenommene Relevanz des Faches und damit auch die Motivation, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. (Belova, 2026, Folie 27; Holbrook, 1998, S. 294)
– Einbindung digitaler Medien
Digitale Medien sollten nicht nur als Präsentationswerkzeug genutzt werden, sondern aktiv in den Lernprozess eingebunden werden. Die Analyse und Erstellung von Social-Media-Beiträgen, Podcasts oder kurzen Informationsvideos kann Lernende motivieren und gleichzeitig ihre Medienkompetenz stärken. Dadurch wird Chemie stärker an die Lebenswelt junger Menschen angebunden und aktuelle Kommunikationsformen werden sinnvoll in den Unterricht integriert. (Belova, 2026, Folie 29 – 35)
– Förderung von Selbstwirksamkeit
Schülerinnen und Schüler sollten erleben, dass sie chemische Fragestellungen erfolgreich bearbeiten können. Wertschätzendes Feedback, individuelle Unterstützung und eine Fehlerkultur, die Fehler als Lernchancen betrachtet, können das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken. Ein positives Selbstkonzept gilt als wichtiger Faktor für Interesse, Motivation und langfristige Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Themen. (Rüschenpöhler, Markic, 2020, S. 9; Belova, 2026, Folie 20 – 24)
– Abwechslungsreiche Lernformen und Aufgabenstellungen
Gruppenarbeiten, Forschungsprojekte oder problemorientierte Aufgabenstellungen fördern aktives Lernen und ermöglichen es den Lernenden, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Dadurch wird Chemie weniger als reines Auswendiglernfach wahrgenommen und stärker als Fach, in dem man selbstständig Fragen untersuchen und beantworten kann. (Holbrook, Rannikmäe, 2007, S. 1351; Belova, 2026, Folie 39)
– Außerschulische Lernorte
Exkursionen zu Unternehmen, Laboren, Hochschulen, Kläranlagen oder Umweltzentren können Einblicke in die praktische Anwendung chemischer Kenntnisse geben. Solche Erfahrungen verdeutlichen die Bedeutung der Chemie außerhalb des Klassenzimmers und können das Interesse an naturwissenschaftlichen Themen nachhaltig fördern. (Holbrook, Rannikmäe, 2007, S. 1351; Belova, 2026, Folie 39)
Des weiteren würde ich sinnvoll ergänzen:
– Chemische Inhalte stärker mit Alltagsentscheidungen verbinden
Fragestellungen zu Kosmetikprodukten, Lebensmitteln, Energydrinks, Haushaltschemikalien oder Umweltproblemen können zeigen, dass chemisches Wissen dabei hilft, informierte Entscheidungen im Alltag zu treffen. Wenn Lernende den unmittelbaren Nutzen chemischer Kenntnisse erkennen, steigt häufig auch ihr Interesse am Fach.
Literatur:
Belova, N. (2026). Chemie – (k)ein Fach für alle? Gesellschaftskritische Ansätze aus der Chemiedidaktik. Vorlesung Universität Bremen, 16.06.2026.
Holbrook, J., & Rannikmae, M. (2000). Nature of Science Education for Enhancing Scientific Literacy.
Holbrook, J. (1998). Operationalising Scientific and Technological Literacy – A New Approach to Science Teaching. Science Education International.
OECD (2003). The PISA 2003 Assessment Framework. OECD Publishing.
Osborne, J. (2003). Attitudes towards Science: A Review of the Literature.
Rüschenpöhler, L., Markic, S. (2020). Chemistry Capital und Selbstkonzept im Chemieunterricht. Chemie konkret.
Holbrook, J., Rannikmae, M. (2007). The Nature of Science Education for Enhancing Scientific Literacy. International Journal of Science Education.