RV05 // Prof. Yasemin Karakaşoğlu // (Welt-)Gesellschaftliche Veränderungen, Migration und die Reaktion von Schule – ein Blick auf (schul-)politische Hintergründe, Strukturen und Konzepte

1. Erklären Sie mit Bezug auf konkrete Inhalte der Präsentation (darunter die Grafik auf Folie 7) sowie mit Verweis auf 2 wiss. Quellen (zitieren!) inwiefern Migration die Routinen des nationalstaatlich verfassten Schulsystems in Deutschland herausfordert.

Migration fordert die Routinen des deutschen Schulsystem heraus, da dieses historisch auf der Vorstellung einer ethnisch, kulturell und sprachlich homogenen Nation basiert. Die Routinen des Systems sind auf eine räumliche und zeitliche Kontinuität von Bildung ausgelegt. Also auf die Erwartung, dass Schüler*innen das System vom Anfang bis zum Ende am gleichen geografischen Ort durchlaufen. Wie die Grafik auf Folie 7 jedoch verdeutlicht, ist die Lebensrealität der Gesellschaft in Deutschland von ständigen und variierendenWanderungs- und Migrationsbewegungen geprägt (z. B. Anwerbeabkommen in den 60ern, die Spätaussiedlerzuwanderung um 1990 oder die Fluchtbewegungen ab 2015). Schroeder und Seukwa (2018) zeigen, dass Migration die Vorstellung der homogenen Nation erschüttert, die von der Schule durch ihre Funktionen eigentlich bestätigt werden soll. Das statische Bildungssystem spiegelt somit nicht die Mobilität der Gesellschaft wieder. Karakaşoğlu (2024) argumentiert daher, dass Migration nicht länger als bloßes „Problem“ oder Anlass für „Sondermaßnahmen“ (wie Vorklassen) gesehen werden darf, sondern als Anlass für eine grundlegende Transformation des gesamten Systems verstanden werden muss.

2. Diskutieren Sie, wie die von Fend (2009) für das nationale Bildungssystem formulierten Schulfunktionen Erfahrungen von transnationaler Mobilität und Migration von Schüler*innen konkret und besser berücksichtigen könnten. Bitte beziehen Sie sich mindestens auf 2 der Funktionen.

Im Hinblick auf die Kohäsionsfunktion von Schule, also ihre Aufgabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu fördern, sollte in einer migrationsgeprägten Gesellschaft nicht länger ausschließlich von einer einheitlichen nationalen Identität ausgegangen werden. Stattdessen gilt es, die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Schüler*innen als gesellschaftliche Normalität anzuerkennen. Die sogenannte „Super-Diversity“ zeigt sich in unterschiedlichen Lebensrealitäten, Mehrfachzugehörigkeiten und transnationalen Erfahrungen, die zunehmend den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher prägen. Schule kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Identitätsentwürfe unterstützt, die verschiedene kulturelle Hintergründe und Lebensweisen einschließen, anstatt sie als Abweichung von einer vermeintlichen Norm zu betrachten.

Auch die Qualifikations- beziehungsweise Allokationsfunktion von Schule sollte stärker an die Realität einer Migrationsgesellschaft angepasst werden. Bislang orientieren sich viele schulische Strukturen vor allem am nationalen Arbeitsmarkt sowie an einer einsprachig deutschen Ausrichtung. Dabei wird häufig übersehen, dass Mehrsprachigkeit eine wertvolle Kompetenz darstellt, die sowohl gesellschaftlich als auch beruflich von großer Bedeutung sein kann. Gleichzeitig braucht es durchlässigere Bildungswege und international anschlussfähige Schulformen, die insbesondere neu zugewanderten Schüler*innen bessere Teilhabechancen ermöglichen.

Darüber hinaus sollte Schule im Rahmen der Reproduktion gesellschaftlicher Sinnsysteme nicht nur traditionelle nationale Wissensbestände weitergeben, sondern gesellschaftliche Vielfalt auch in Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien sichtbar machen. Migrationsgesellschaftliche Perspektiven, unterschiedliche Biographien und globale Zusammenhänge sollten stärker in Schulbüchern und Lerninhalten berücksichtigt werden. Dadurch kann Schule einen Beitrag dazu leisten, vielfältige Lebensrealitäten anzuerkennen und ein umfassenderes Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeit zu fördern.

3. Inwiefern stellt das folgende Beispiel (nächste Folie) ein Beispiel für Kulturalisierung/Othering durch Lehrer*innenhandeln im Unterricht dar? Was ist aus pädagogischer Sicht problematisch daran? Haben Sie in Ihrer Schulzeit ähnliche Beobachtungen oder Erfahrungen gemacht? Wie können Sie im Umgang mit Schüler*innen als (angehende) Lehrkraft Othering durch Kulturalisierung vermeiden?

Das Beispiel von Kim zeigt eine deutliche Kulturalisierung durch Lehrer*innenhandeln. Der Lehrer ordnet Kim aufgrund ihres Aussehens pauschal ein kollektives Merkmal zu („die Asiatin müsse es ja wissen, die seien doch so gut in Mathe“). Dies ist eine Form von Othering, da Kim nicht als Individuum mit eigenen Stärken und Schwächen wahrgenommen wird, sondern als Vertreterin einer konstruierten „anderen“ Gruppe. Problematisch ist zudem die Rassifizierung durch positive Stereotype: Kim wird unter Leistungsdruck gesetzt z.B durch die Formulierung „Da hätte ich aber jetzt mehr erwartet“, obwohl sie gar keinen persönlichen Bezug zur asiatischen Kultur oder Mentalität hat. Solche Zuschreibungen können zu Bildungsbenachteiligung führen, wenn individuelle Bedarfe hinter Stereotypen verschwinden.

In meinem schulischen Alltag konnte ich beobachten, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund bei Themen wie Herkunft oder Religion häufig stellvertretend für eine gesamte Kultur angesprochen wurden. Dadurch entstand unbewusst eine Unterscheidung zwischen einer vermeintlichen „Norm“ und den „Anderen“, was als Form von Othering verstanden werden kann. Konkret äußerte sich dies z.B im Erdkunde Unterricht, als ein Schüler mit türkischen Wurzeln erzählen sollte, wie es in der Türkei denn so sei. Dies obwohl der Schüler selbst noch nie in der Türkei war und auch keine konkreten Bezüge zur türkischen Kultur und Geografie hat.

Als angehende Lehrkraft sehe ich es als wichtige Aufgabe, Othering im schulischen Alltag bewusst zu vermeiden. Dafür ist es zunächst notwendig, die eigene Haltung immer wieder kritisch zu reflektieren. Häufig existieren unbewusste Erwartungen darüber, wie Schüler*innen sprechen, lernen oder sich verhalten „sollten“, um als angepasst oder „normal“ zu gelten. Ich halte es jedoch für wichtig, Vielfalt nicht als Abweichung, sondern als selbstverständlichen Bestandteil von Schule wahrzunehmen. Unterschiedliche Sprachen, kulturelle Erfahrungen und Lebensrealitäten sollten nicht als Problem betrachtet werden, sondern als Bereicherung des gemeinsamen Lernens. Besonders bedeutsam finde ich dabei, jede Schülerin und jeden Schüler als individuelle Person wahrzunehmen. Statt Kinder bestimmten Gruppen zuzuschreiben, sollte der Fokus auf ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Interessen und persönlichen Erfahrungen liegen. Dadurch kann ein Unterricht entstehen, in dem sich alle Schüler*innen gesehen und anerkannt fühlen, ohne auf ihre Herkunft reduziert zu werden. Außerdem möchte ich darauf achten, Schülerinnen nicht vorschnell über ihre Herkunft oder vermeintliche kulturelle Zugehörigkeit zu definieren. Kultur ist nichts Starres oder Einheitliches, sondern entwickelt sich ständig weiter und wird durch persönliche Erfahrungen, soziale Beziehungen und unterschiedliche Lebenswelten geprägt. Dazu gehört für mich auch, mich aktiv mit gesellschaftlichen Vorurteilen und diskriminierenden Denkweisen auseinanderzusetzen. Rassistische Narrative oder stereotype Vorstellungen können sich unbewusst im schulischen Alltag widerspiegeln – beispielsweise in Erwartungen an Leistungen, Sprache oder Verhalten. Als Lehrkraft möchte ich sensibel dafür bleiben und mein eigenes Denken regelmäßig hinterfragen, um allen Schüler*innen möglichst wertschätzend und offen zu begegnen.

Literatur:

  • 1. Wie wurden in der Vorlesung die Rollen von Intelligenz und Vorwissen für den Lernenprozess beschrieben? In welchem Verhältnis stehen diese beiden Heterogenitätsdimensionen für den Lernerfolg? Wie hat man ihren jeweiligen Einfluss auf Lernerfolg empirisch untersucht? Und was bedeuten diese Befunde für Schule und Unterricht?

    Für den Lernprozess spielen sowohl Intelligenz als auch Vorwissen eine wichtige Rolle. In der Vorlesung wurden beide Merkmale als zentrale Voraussetzungen erfolgreichen Lernens dargestellt. Unter Intelligenz versteht man dabei allgemeine kognitive Fähigkeiten, die es ermöglichen, Probleme zu lösen, Zusammenhänge zu erkennen und sich auf neue Anforderungen einzustellen. Vorwissen bezeichnet hingegen die bereits vorhandenen Kenntnisse und Erfahrungen einer Person, auf die beim Erwerb neuer Inhalte zurückgegriffen werden kann. Beide Faktoren tragen zum Lernerfolg bei, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen. Während Intelligenz vor allem die Verarbeitung neuer Informationen unterstützt, erleichtert Vorwissen deren Verständnis und Einordnung (Gruber & Stamouli, 2020). Besonders deutlich wurde in der Vorlesung, dass der Einfluss von Vorwissen auf Lernleistungen häufig größer ist als der Einfluss allgemeiner Intelligenz. Dies wurde mit der Aussage „Vorwissen ist wichtiger als Intelligenz“ hervorgehoben (Folie 35). Der Grund dafür liegt darin, dass vorhandenes Wissen eine Grundlage schafft, an die neue Informationen angeknüpft werden können. Lernende mit umfangreichem Vorwissen verfügen daher oft über günstigere Voraussetzungen, um neue Inhalte zu verstehen und langfristig zu speichern. Gleichzeitig wurde betont, dass Vorwissen und Intelligenz nicht als konkurrierende Faktoren betrachtet werden sollten. Vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig. So weisen Gruber und Stamouli (2020, S.35) darauf hin, „dass Wissen allein einem Menschen nicht viel nützt, wenn er nicht die Intelligenz besitzt, es weise einzusetzen, und das ihm Intelligenz ebenso wenig nützt, wenn er nicht über das Wissen verfügt, wie er Nutzen daraus ziehen kann“. Die Bedeutung beider Merkmale wurde in verschiedenen empirischen Untersuchungen erforscht. Dabei verglichen Wissenschaftler*innen Ergebnisse aus Intelligenz- und Wissenstests mit späteren Lern- und Leistungsdaten. Ein besonders anschauliches Beispiel liefert die Studie von Schneider, Körkel und Weinert (1989). In dieser Untersuchung zeigte sich, dass Kinder mit umfangreichem Wissen über Fußball eine Geschichte zu diesem Thema besser erinnern konnten als Kinder mit höherer Intelligenz, aber geringerem Vorwissen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass fachspezifisches Wissen in bestimmten Bereichen einen stärkeren Einfluss auf Lernleistungen haben kann als allgemeine kognitive Fähigkeiten (Schneider, Körkel & Weinert, 1989). Aus diesen Erkenntnissen lassen sich wichtige Schlussfolgerungen für Schule und Unterricht ableiten. Lehrkräfte sollten die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ihrer Schülerinnen und Schüler berücksichtigen und insbesondere deren Vorwissen erfassen. Nur wenn bekannt ist, über welche Kenntnisse Lernende bereits verfügen, können neue Inhalte sinnvoll daran anknüpfen. Diese Überlegung entspricht auch dem Grundsatz von Ausubel, wonach das bereits vorhandene Wissen der Lernenden den wichtigsten Einflussfaktor für neues Lernen darstellt (Folie 36). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines adaptiven Unterrichts, der individuelle Voraussetzungen berücksichtigt und durch geeignete Unterstützungsmaßnahmen auf unterschiedliche Lernstände reagiert. Insgesamt zeigen die in der Vorlesung vorgestellten Befunde, dass schulischer Erfolg nicht ausschließlich auf angeborene Fähigkeiten zurückzuführen ist. Vielmehr kommt der Förderung und dem Aufbau von Wissen eine zentrale Bedeutung zu, weshalb Beschulung und gezielte Unterstützung wichtiger sind als die alleinige Betrachtung von Begabung (Folie 35).

     

    2. Einige Befunde zur Rolle von Intelligenz und Vorwissen beim Lernen waren für Sie möglicherweise überraschend. Oder Sie sehen einige der Forschungsergebnisse kritisch in Bezug auf Schule und Unterricht. Welche Fragen ergeben sich daraus? Und wie könnten Sie Antworten auf diese Fragen finden (z.B. im O-Praktikum)?

    Das Thema der Vorlesung war im Grundsatz schon eines welches angehende Lehrkräfte bewusst reflektieren sollten. Besonders bemerkenswert fand ich die Erkenntnis, dass Vorwissen einen so großen Einfluss auf den Lernerfolg haben kann. Häufig wird schulischer Erfolg vor allem mit Intelligenz in Verbindung gebracht. Die vorgestellten Befunde zeigen jedoch, dass bereits vorhandene Kenntnisse und Erfahrungen wesentlich dazu beitragen, neue Inhalte zu verstehen und einzuordnen. Dies führt zu der Frage, ob Schülerinnen und Schüler, die mit weniger Vorwissen in den Unterricht kommen, ausreichend unterstützt werden oder ob sich bestehende Leistungsunterschiede dadurch sogar verstärken können. Eng damit verbunden ist die Frage nach der Rolle von Schule im Umgang mit Bildungsungleichheiten. Da Vorwissen nicht ausschließlich in der Schule erworben wird, sondern auch durch familiäre und außerschulische Erfahrungen geprägt ist, starten Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in Lernprozesse. Deshalb interessiert mich, inwiefern Lehrkräfte diese Unterschiede berücksichtigen und welche Maßnahmen sie nutzen, um allen Schülerinnen und Schülern möglichst gleiche Lernchancen zu ermöglichen. Überraschend war für mich außerdem die Aussage, dass bereits wenige Monate zusätzlicher Schulzeit einen messbaren Einfluss auf die Entwicklung der Intelligenz haben können. Dieser Befund verdeutlicht, dass Intelligenz nicht ausschließlich als angeborene Eigenschaft verstanden werden kann, sondern auch durch Bildung und Umweltbedingungen beeinflusst wird. Dadurch stellt sich für mich die Frage, ob dieser positive Effekt bei allen Kindern in gleichem Maße auftritt oder ob Faktoren wie soziale Herkunft, Motivation oder die Qualität des Unterrichts dabei eine entscheidende Rolle spielen. Möglicherweise profitieren manche Lernende stärker von schulischen Angeboten als andere. Antworten auf diese Fragen könnten im Orientierungspraktikum gewonnen werden. Durch gezielte Unterrichtsbeobachtungen ließe sich untersuchen, wie Lehrkräfte mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen umgehen und ob sie das Vorwissen ihrer Schülerinnen und Schüler bei der Planung und Durchführung des Unterrichts berücksichtigen. Darüber hinaus könnten Gespräche mit Lehrkräften wertvolle Einblicke in ihre Erfahrungen mit heterogenen Lerngruppen sowie in erfolgreiche Fördermaßnahmen geben. Auf diese Weise wäre es möglich, die theoretischen Erkenntnisse der Vorlesung mit konkreten Erfahrungen aus dem Schulalltag zu verknüpfen und kritisch zu reflektieren.

     

    3. Am Ende des Vortrags wurden zwei verschiedene Adaptionsmodelle dargestellt. Finden Sie Praxisbeispiele zu jeder der in den Modellen genannten Reaktionsformen (Weinert, 1997) bzw. Adaptionsmöglichkeiten (Leutner, 1992).

    Weinert (1997) beschreibt verschiedene Arten, wie Lehrkräfte auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern reagieren können. Eine eher passive Reaktion liegt vor, wenn alle Lernenden im Unterricht dieselben Aufgaben bearbeiten und Unterschiede in Leistung oder Vorwissen kaum berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür wäre ein stark lehrerzentrierter Unterricht, der sich am mittleren Leistungsniveau der Klasse orientiert und keine Differenzierung vorsieht. Anders sieht es bei einer aktiven Reaktion aus: Hier passt die Lehrkraft ihren Unterricht während des laufenden Geschehens an, indem sie etwa bei Verständnisschwierigkeiten spontan zusätzliche Erklärungen gibt oder einzelne Schülerinnen und Schüler gezielt unterstützt. Noch weiter geht die proaktive Reaktion, bei der Unterschiede bereits in der Unterrichtsplanung berücksichtigt werden. Das kann zum Beispiel durch unterschiedlich anspruchsvolle Aufgaben oder vorbereitete Hilfestellungen geschehen, sodass verschiedene Lernvoraussetzungen von Anfang an mitgedacht werden.

    Leutner (1992) beschäftigt sich ebenfalls mit der Anpassung von Unterricht, legt den Fokus jedoch stärker auf die konkreten Möglichkeiten der Gestaltung. Dabei kann die Anpassung auf verschiedenen Ebenen erfolgen. Eine Möglichkeit ist die Differenzierung über Lernziele, indem etwa leistungsstärkere Lernende anspruchsvollere Aufgaben erhalten als andere. Auch die Wahl der Lehr- und Lernmethoden spielt eine Rolle: So können manche Schülerinnen und Schüler mit digitalen Lernangeboten arbeiten, während andere stärker durch Erklärungen oder angeleitete Übungen unterstützt werden. Eine weitere Form der Anpassung betrifft die Lernzeit, indem einzelnen Lernenden mehr Zeit für Aufgaben oder zusätzliche Übungsphasen zur Verfügung gestellt wird. Insgesamt zeigen beide Modelle, dass Unterricht dann besonders wirksam ist, wenn er flexibel auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingeht und diese gezielt berücksichtigt.

     

    Literatur:

    Gruber, H., & Stamouli, E. (2020). Intelligenz und Vorwissen. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.), Pädagogische Psychologie. Springer, S. 25–44.

    Schneider, W., Körkel, J., & Weinert, F. E. (1989). Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. Journal of Educational Psychology, S. 306–312.

    Weinert, F. E. (1997). Notwendige Methodenvielfalt: Unterschiedliche Lernfähigkeiten der Schüler erfordern variable Unterrichtsmethoden des Lehrers. Friedrich Jahresheft.

    Leutner, D. (1992). Adaptive Lehrsysteme. Instruktionspsychologische Grundlagen und experimentelle Analysen. Beltz.

  • 1. Erklären Sie mit Bezug auf konkrete Inhalte der Präsentation (darunter die Grafik auf Folie 7) sowie mit Verweis auf 2 wiss. Quellen (zitieren!) inwiefern Migration die Routinen des nationalstaatlich verfassten Schulsystems in Deutschland herausfordert.

    Migration fordert die Routinen des deutschen Schulsystem heraus, da dieses historisch auf der Vorstellung einer ethnisch, kulturell und sprachlich homogenen Nation basiert. Die Routinen des Systems sind auf eine räumliche und zeitliche Kontinuität von Bildung ausgelegt. Also auf die Erwartung, dass Schüler*innen das System vom Anfang bis zum Ende am gleichen geografischen Ort durchlaufen. Wie die Grafik auf Folie 7 jedoch verdeutlicht, ist die Lebensrealität der Gesellschaft in Deutschland von ständigen und variierenden Wanderungs- und Migrationsbewegungen geprägt (z. B. Anwerbeabkommen in den 60ern, die Spätaussiedlerzuwanderung um 1990 oder die Fluchtbewegungen ab 2015). Schroeder und Seukwa (2018) zeigen, dass Migration die Vorstellung der homogenen Nation erschüttert, die von der Schule durch ihre Funktionen eigentlich bestätigt werden soll. Das statische Bildungssystem spiegelt somit nicht die Mobilität der Gesellschaft wieder. Karakaşoğlu (2024) argumentiert daher, dass Migration nicht länger als bloßes „Problem“ oder Anlass für „Sondermaßnahmen“ (wie Vorklassen) gesehen werden darf, sondern als Anlass für eine grundlegende Transformation des gesamten Systems verstanden werden muss.

    2. Diskutieren Sie, wie die von Fend (2009) für das nationale Bildungssystem formulierten Schulfunktionen Erfahrungen von transnationaler Mobilität und Migration von Schüler*innen konkret und besser berücksichtigen könnten. Bitte beziehen Sie sich mindestens auf 2 der Funktionen.

    Im Hinblick auf die Kohäsionsfunktion von Schule, also ihre Aufgabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu fördern, sollte in einer migrationsgeprägten Gesellschaft nicht länger ausschließlich von einer einheitlichen nationalen Identität ausgegangen werden. Stattdessen gilt es, die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Schüler*innen als gesellschaftliche Normalität anzuerkennen. Die sogenannte „Super-Diversity“ zeigt sich in unterschiedlichen Lebensrealitäten, Mehrfachzugehörigkeiten und transnationalen Erfahrungen, die zunehmend den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher prägen. Schule kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Identitätsentwürfe unterstützt, die verschiedene kulturelle Hintergründe und Lebensweisen einschließen, anstatt sie als Abweichung von einer vermeintlichen Norm zu betrachten.

    Auch die Qualifikations- beziehungsweise Allokationsfunktion von Schule sollte stärker an die Realität einer Migrationsgesellschaft angepasst werden. Bislang orientieren sich viele schulische Strukturen vor allem am nationalen Arbeitsmarkt sowie an einer einsprachig deutschen Ausrichtung. Dabei wird häufig übersehen, dass Mehrsprachigkeit eine wertvolle Kompetenz darstellt, die sowohl gesellschaftlich als auch beruflich von großer Bedeutung sein kann. Gleichzeitig braucht es durchlässigere Bildungswege und international anschlussfähige Schulformen, die insbesondere neu zugewanderten Schüler*innen bessere Teilhabechancen ermöglichen.

    Darüber hinaus sollte Schule im Rahmen der Reproduktion gesellschaftlicher Sinnsysteme nicht nur traditionelle nationale Wissensbestände weitergeben, sondern gesellschaftliche Vielfalt auch in Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien sichtbar machen. Migrationsgesellschaftliche Perspektiven, unterschiedliche Biographien und globale Zusammenhänge sollten stärker in Schulbüchern und Lerninhalten berücksichtigt werden. Dadurch kann Schule einen Beitrag dazu leisten, vielfältige Lebensrealitäten anzuerkennen und ein umfassenderes Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeit zu fördern.

    3. Inwiefern stellt das folgende Beispiel (nächste Folie) ein Beispiel für Kulturalisierung/Othering durch Lehrer*innenhandeln im Unterricht dar? Was ist aus pädagogischer Sicht problematisch daran? Haben Sie in Ihrer Schulzeit ähnliche Beobachtungen oder Erfahrungen gemacht? Wie können Sie im Umgang mit Schüler*innen als (angehende) Lehrkraft Othering durch Kulturalisierung vermeiden?

    Das Beispiel von Kim zeigt eine deutliche Kulturalisierung durch Lehrer*innenhandeln. Der Lehrer ordnet Kim aufgrund ihres Aussehens pauschal ein kollektives Merkmal zu („die Asiatin müsse es ja wissen, die seien doch so gut in Mathe“). Dies ist eine Form von Othering, da Kim nicht als Individuum mit eigenen Stärken und Schwächen wahrgenommen wird, sondern als Vertreterin einer konstruierten „anderen“ Gruppe. Problematisch ist zudem die Rassifizierung durch positive Stereotype: Kim wird unter Leistungsdruck gesetzt z.B durch die Formulierung „Da hätte ich aber jetzt mehr erwartet“, obwohl sie gar keinen persönlichen Bezug zur asiatischen Kultur oder Mentalität hat. Solche Zuschreibungen können zu Bildungsbenachteiligung führen, wenn individuelle Bedarfe hinter Stereotypen verschwinden.

    In meinem schulischen Alltag konnte ich beobachten, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund bei Themen wie Herkunft oder Religion häufig stellvertretend für eine gesamte Kultur angesprochen wurden. Dadurch entstand unbewusst eine Unterscheidung zwischen einer vermeintlichen „Norm“ und den „Anderen“, was als Form von Othering verstanden werden kann. Konkret äußerte sich dies z.B im Erdkunde Unterricht, als ein Schüler mit türkischen Wurzeln erzählen sollte, wie es in der Türkei denn so sei. Dies obwohl der Schüler selbst noch nie in der Türkei war und auch keine konkreten Bezüge zur türkischen Kultur und Geografie hat.

    Als angehende Lehrkraft sehe ich es als wichtige Aufgabe, Othering im schulischen Alltag bewusst zu vermeiden. Dafür ist es zunächst notwendig, die eigene Haltung immer wieder kritisch zu reflektieren. Häufig existieren unbewusste Erwartungen darüber, wie Schüler*innen sprechen, lernen oder sich verhalten „sollten“, um als angepasst oder „normal“ zu gelten. Ich halte es jedoch für wichtig, Vielfalt nicht als Abweichung, sondern als selbstverständlichen Bestandteil von Schule wahrzunehmen. Unterschiedliche Sprachen, kulturelle Erfahrungen und Lebensrealitäten sollten nicht als Problem betrachtet werden, sondern als Bereicherung des gemeinsamen Lernens. Besonders bedeutsam finde ich dabei, jede Schülerin und jeden Schüler als individuelle Person wahrzunehmen. Statt Kinder bestimmten Gruppen zuzuschreiben, sollte der Fokus auf ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Interessen und persönlichen Erfahrungen liegen. Dadurch kann ein Unterricht entstehen, in dem sich alle Schüler*innen gesehen und anerkannt fühlen, ohne auf ihre Herkunft reduziert zu werden. Außerdem möchte ich darauf achten, Schülerinnen nicht vorschnell über ihre Herkunft oder vermeintliche kulturelle Zugehörigkeit zu definieren. Kultur ist nichts Starres oder Einheitliches, sondern entwickelt sich ständig weiter und wird durch persönliche Erfahrungen, soziale Beziehungen und unterschiedliche Lebenswelten geprägt. Dazu gehört für mich auch, mich aktiv mit gesellschaftlichen Vorurteilen und diskriminierenden Denkweisen auseinanderzusetzen. Rassistische Narrative oder stereotype Vorstellungen können sich unbewusst im schulischen Alltag widerspiegeln – beispielsweise in Erwartungen an Leistungen, Sprache oder Verhalten. Als Lehrkraft möchte ich sensibel dafür bleiben und mein eigenes Denken regelmäßig hinterfragen, um allen Schüler*innen möglichst wertschätzend und offen zu begegnen.

     

    Literatur:

    • Schroeder, J. / Seukwa, L. H. (2018), Bildungsbiographien: (Dis-)Kontinuitäten im Übergang (in: Neuzuwanderung und Bildung), Beltz Juventa, S. 141,.
    • Karakaşoğlu, Y. (2024), Migration. Von der Krisendiagnose zum Transformationsanlass für das Bildungssystem, Zeitschrift für Pädagogik, S. 38–48.
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