1. Inwiefern hat Ihnen die Vorlesungssitzung neue Erkenntnisse bezüglich selbst in der Schule
beobachteter oder erlebter Situationen zu Aggression und/oder Mobbing vermittelt? Bitte
nehmen Sie dabei auf theoretische Inhalte der Vorlesung Bezug, verwenden Sie
Fachbegriffe und beziehen Sie Ihre Ausführungen, wenn möglich, auf ein konkretes
Beispiel.
Aggression und Mobbing sind Phänomene mit den Schüler*innen in ihrer Schullaufbahn, wenn auch nicht immer direkt, konfrontiert sind. Gerade in schulischen Interaktionsprozessen sind die Phänomene verstärkt wahrzunehmen. Dies ist laut Steffgen et. al. (2025, S. 198) im besonderen auf die schulischen Rahmenbedingungen in denen sich Schüler*innen sozialisieren rückzuführen. Leistungsansprüche ohne individuelle Förderung, Vernachlässigung kindlicher Grundbedürfnisse, Konkurrenz statt sozialer Kompetenz, sowie das unter anderem daraus resultierende angespannte Schulklima forcieren Aggressionen und Mobbing innerhalb der Schülerschaft.
Erhebungen der Health-Behaviour-in School-aged-children (Fischer, 2023, S. 46-67) zeigen, dass Kinder in der Altersgruppe der 13-Jährigen besonders vulnerabel sind. Dies deckt sich unter anderem mit persönlichen Erfahrungen aus dem Schulalltag. Rückblickend würde ich dieser Phase besondere Relevanz im Kontext der Sozialisation einräumen. Durch pubertäre Veränderungen des Körpers rückten, vorher eher nicht sichtbare, individuelle Merkmale in den Fokus. Unterschiede zwischen und zu den anderen gleichaltrigen wurden gleichgesetzt mit sozialer Abhebung, welche oftmals als Rechtfertigung für folgende soziale Ausgrenzung gesehen wurden. Konkret gab es damals in meinem Jahrgang eine bereits geoutete Transperson welche aufgrund ihrer nun sichtbareren körperlichen Unterschiede zu anderen Peers diskriminiert und sozial geächtet wurde. Auch dies entspricht den Erhebungen der Studie, welche gender-diverse Jugendliche als besonders gefährdet herausstellt. Zudem habe ich, wie die Studie ebenfalls bestätigt, vermehrt wahrgenommen das diese gezielte Diskriminierung in den Cyberspace verlegt wurden. Ursachen dafür, in dem von mir persönlich erlebten Fall, waren rückreflektierend u.a. folgende Punkte: Im Alter von 13 Jahren haben die meisten ihren ersten Zugang zu Onlinenetzwerken erhalten, der Cyberspace ist zeitlich und ortstechnisch ungebunden, Kindern wurde der richtige Umgang in sozialen Netzwerken nicht beigebracht und ihr Verhalten demnach auch nicht kontrolliert, Cybermobbing fühlte sich für Täter dabei mutmaßlich zudem weniger direkt und konfrontativ an.
Um den evtl. Folgenden Konsequenzen dieses diskriminierenden Verhaltens, z.b Bestrafung durch Erziehungspersonen oder Lehrkräfte, zu entgehen entwickelte sich somit im folgenden auch starkes Cybermobbing. Die Person wurde dabei wissentlich nicht in Klassengruppen hinzugefügt, es wurden vermeintlich lustige Fotos des Betroffenen verschickt oder andere Peers mit dem Deadname (dem Geburtsnamen) der Person eingespeichert oder beschimpft. Teilweise bestätigt auch dies die Daten der Studie. Demnach wird häufiger über die Betroffenheit von Mobbing berichtet als über das Ausüben von Mobbing. Die mir bekannten Peers waren sich, meiner Auffassung nach, der Unmoralität ihres Handels zwar durchaus bewusst, wollten aber etwaig wohl nicht als „Mobber“ gelten und hielten es daher gezielt und möglichst geheim um konkreten Maßnahmen gegen ihr Mobbing aus dem Weg zu gehen. Die von Fereidooni (2015, S. 4) erhobenen Zahlen sind in diesem Kontext zwar nicht verwundernswert, jedoch nicht weniger erschreckend. Demgemäß sind Lehrkräfte überzeugt in 85% der Mobbing-Fälle einzugreifen, während Schüler*innen Interventionen nur in 35% der Fälle wahrnehmen. Mobbing unter Schüler*innen findet somit schlussendlich hauptsächlich in Abwesenheit von Verantwortungspersonen statt (Ehlert, 2006, S.115). Aufgrund der Eindringlichkeit der beschriebenen Erfahrungen und dem resultierenden Fazit, dass Mobbing meist unentdeckt bleibt war die prägenste Erkenntnis der Vorlesung für mich, dass Lehrkräfte die eine Fortbildung zum Thema Mobbing besucht haben fast doppelt so häufig in Mobbingsituationen intervenieren wie Lehrkräfte die keine Fortbildung besucht haben (Wachs, 2021, S. 35). Als Schüler*in erinnere ich mich stark an das Gefühl, der Hilflosigkeit, den sozialen Druck mit dem die Situation belastet war. Ich habe mich in der damaligen Situation einfach nicht getraut mich stellvertretend an eine Verantwortungsperson zu wenden, zudem ich diese auch als schlichtweg zu unaufmerksam und „unmachtvoll“ wahrnahm. Mobbing und Aggression aktiv zum Thema der pädagogischen Bildung zu machen und zu Erfahren, dass dies tatsächliche präventative und schützende Auswirkung auf Schüler*innen haben kann ist für meinen Ausbildungsweg eindrücklich und wird mich auch folglich in meinem pädagogischen Handeln leiten.
2. Wenn Sie auf ihre letztbesuchte Schule schauen (eigene Schule, Schule an der Sie ggf. als
Honorarkraft arbeiten) – welche gegenüber Aggression und Mobbing präventiven
Maßnahmen waren dort präsent – bezogen auf die Schüler*innen, die Lehrer*innen und die
Schuleben?
Rückblickend auf meine Schulzeit wurden an meiner damaligen Schule verschiedene Maßnahmen zur Prävention von Aggression und Mobbing umgesetzt, die sich auf die Ebenen der Schülerinnen, Lehrkräfte sowie der gesamten Schule bezogen. Auf der Ebene der Schülerinnen spielte insbesondere der Klassenrat eine wichtige Rolle. Dieser fand regelmäßig statt und bot den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Konflikte gemeinsam zu besprechen, demokratisch Lösungen zu entwickeln und Verantwortung für das Klassenklima zu übernehmen. Darüber hinaus gab es ein Streitschlichterprogramm, bei dem ältere Schülerinnen und Schüler ausgebildet wurden, um bei Konflikten zwischen jüngeren Mitschülerinnen und Mitschülern zu vermitteln. Diese Maßnahme hatte zum Ziel die Hemmschwelle zu senken, sich bei Problemen Unterstützung zu suchen, da die Vermittlung eher auf Augenhöhe stattfand.
Auch auf der Ebene der Lehrkräfte waren präventive Maßnahmen erkennbar. Mobbingvorfälle wurden nicht ausschließlich durch einzelne Lehrkräfte bearbeitet, sondern durch Erziehungspersonen und ausgebildete Schulsozialarbeiter begleitet, was ein möglichst einheitliches Vorgehen gewährleisten sollte.
Auf Schulebene war insbesondere die Schulsozialarbeit ein wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit. Die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter standen den Schülerinnen und Schülern als neutrale Ansprechpersonen zur Verfügung und führten regelmäßig Workshops zu Themen wie Mobbing oder Cybermobbing durch. Zusätzlich gab es die Möglichkeit, Vorfälle anonym zu melden, beispielsweise über einen Kummerbriefkasten. Dadurch konnten auch Schülerinnen und Schüler Unterstützung erhalten, die sich nicht trauten, Probleme offen anzusprechen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass meine Schule zwar bemüht war durch verschiedene präventive Maßnahmen ein respektvolles und sicheres Schulklima zu fördern und Aggression sowie Mobbing frühzeitig entgegenzuwirken, trotzdem zeigte sich in meinem Schulalltag, Ehlert (2006, S.115) beipflichtend, dass Mobbing größtenteils außerhalb der Handlungsbereiche von Verantwortungspersonen stattfand.
3. Welche Handlungserfordernisse leiten Sie für sich als (angehende) Lehrkraft aus den
Erkenntnissen ab?
Schüler*innen haben ein Recht auf eine Diskriminierungsfreie Schule. Die Anerkennung und die Prävention von Diskriminierungen, darunter auch Mobbing und Aggression, ist Aufgabe des pädagogischen Personals an Schulen (Karakaşoğlu, 2025, S. 1) Dato sind Lehrkräfte in der direkten Handlungsverantwortung gegen Mobbing vorzugehen. Lehrkräfte sollten dazu präventiv ein festes Bild von Handlungsprinzipien für ihren Unterricht entwickeln:
1. Feste Bezugsperson sein: Als Lehrkraft möchte ich für meine Schülerinnen und Schüler eine verlässliche Ansprechperson sein, sodass sie sich bei Konflikten oder Mobbing frühzeitig an mich wenden können.
2. Positive Lehrerinnen-Schülerinnen-Beziehung aufbauen: Ich möchte eine von Vertrauen, Wertschätzung und Empathie geprägte Beziehung schaffen. Dadurch fällt es betroffenen Schülerinnen und Schülern leichter, über Mobbing zu sprechen.
3. Kooperative Lernkultur fördern: Durch Gruppenarbeiten, kooperative Lernformen und gemeinsame Projekte möchte ich den respektvollen Umgang miteinander stärken und Ausgrenzung vorbeugen.
4. Klare Strukturierung des Unterrichts: Ein strukturierter Unterricht mit transparenten Regeln und festen Abläufen schafft Sicherheit und reduziert Konfliktpotenzial.
5. Gemeinsames Werte- und Normensystem entwickeln: Gemeinsam mit der Klasse sollen verbindliche Regeln für einen respektvollen Umgang erarbeitet werden. Dadurch entsteht ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für das Klassenklima.
6. Mobbing im Unterricht thematisieren: Mobbing und insbesondere Cybermobbing sollten regelmäßig im Unterricht aufgegriffen werden. Dabei sollen Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten besprochen sowie klare Konsequenzen bei Regelverstößen vermittelt werden.
7. Konsequentes Handeln bei Mobbing: Mobbing darf nicht verharmlost oder ignoriert werden. Als Lehrkraft möchte ich frühzeitig eingreifen, Vorfälle ernst nehmen und transparent nach den vereinbarten Regeln handeln.
8. Zusammenarbeit mit Eltern, Schüler*innen und Kollegium: Ein enger Austausch mit Eltern, Kolleginnen und Kollegen sowie der Schulsozialarbeit ist wichtig, um untransparente Fälle von Mobbing gemeinsam zu erkennen und nachhaltig zu bearbeiten.
9. Erlebnisorientierte Initiativen und Helfersysteme unterstützen: Maßnahmen wie Klassenprojekte, Patenschaften oder Streitschlichterprogramme können das Gemeinschaftsgefühl stärken und Zivilcourage fördern. Diese möchte ich aktiv in den Klassenalltag einbinden.
10. Regelmäßige Fortbildungen besuchen: Da sich Mobbingformen insbesondere im Cyberspace stetig verändern, möchte ich regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen, um aktuelle Präventions- und Interventionsstrategien kennenzulernen und im Falle sicher anwenden zu können.
Literatur
Steffgen, G., Böhmer, M., Pfetsch, J. (2025). Aggression, Mobbing und Cybermobbing. In: Pfetsch, J., Steffgen, G., Böhmer, M. (eds) Schulpsychologie. Springer.
Fischer, S. M., Bilz, L. (2024). Mobbing und Cybermobbing an Schulen in Deutschland: Ergebnisse der HBSC-Studie 2022 und Trends von 2009/10 bis 2022. J Health Monit.
Fereidooni, K. (2015). Bullying. Wissenschaftliche Befunde zu der häufigsten Gewaltform an Schulen. In: Thema Jugend. Onlineartikel: http://www.thema-jugend.de/fileadmin/redakteure/archiv/ThemaJugend/TJ_3_2015.pdf#page=6, aufgerufen am: 08.07.2026.
Ehlert, C. (2006). Schülermobbing an Hauptschulen: Bestandsaufnahme, Hintergründe, Intervention. VDM Verlag.
Wachs, S., Schubarth, W. (2021). Schule und Mobbing. In: Hascher, T., Idel, TS., Helsper, W. (eds) Handbuch Schulforschung. Springer VS.
Karakaşoğlu, Y. (2025): Diskriminierung, Mobbing und Rassismus – Grundlagen. Arbeitsbereich Bildung in der Migrationsgesellschaft. Bremen.