Jahr / Land / Filmdauer: 2015 / Vereinigte Staaten / Staffel 1 (10 Folgen, 44-60 Minuten)
Regie: José Padilha
Autor: Efe Yar

 

Stellen Sie sich vor Sie kommen aus armen Verhältnissen, geboren in einer armen Stadt, in einem armen Land und mit 28 haben Sie so viel Geld, dass Sie es nicht einmal zählen können, dann sind Sie Pablo Emilio Escobar Gaviria. Die Serie „Narcos“ erzählt von einer wahren Geschichte von dem Drogenboss Pablo Escobar. Dabei wird die Serie teilweise aus seiner Sicht erzählt und teilweise aus der Sicht eines DEA-Agenten, Agent Stephen Murphy. Agent Murphy spielt eine entscheidende Rolle im Drogenkrieg gegen die Narcos. Die Erstausstrahlung auf Netflix hatte die Serie am 28. August sowohl in den USA als auch in Deutschland. Es gibt insgesamt 30 Episoden verteilt auf 3 Staffeln bei der eine Episode eine Länge von 44-60 Minuten vorweist und als Regisseur José Padilha tätig war. In dieser Filmkritik wird sich auf die erste Staffel bezogen.

Pablo Escobar, gespielt von Wagner Moura, wird neben diesem Namen auch Don Pablo oder El Patron genannt. Er hat den industrialisierten Drogenschmuggel für immer verändert und sich ein Drogenimperium sondergleichen aufgebaut. Pablo ist nicht nur mächtig, sondern geht ebenso brutal zur Sache, was ihn zu einem gefährlichen, wie unberechenbaren Mann macht. Stephen Murphy, gespielt von Boyd Holbrook, möchte das von Escobar geführte Drogenkartell stürzen und ist bereit dafür auch justizwidrige Handlungen in Erwägung zu ziehen. Obwohl er zu Beginn der Serie noch etwas naiv an seine Mission herangeht, wird er schnell mit der knallharten Realität des kolumbianischen Drogenbosses konfrontiert und lernt aus seinen Fehlern. Zudem geht Murphy ein großes Risiko ein, da er gemeinsam mit seiner Frau nach Kolumbien zieht und versucht, dort eine neue Heimat zu finden. Den zweiten wichtigen DEA-Agent in der Serie spielt Javier Peña, gespielt von Pedro Pascal, welcher gemeinsam mit Murphy gegen die Narcos ermittelt. Peña erkennt schnell, dass Murphy die Lage unterschätzt und hilft ihm sich an die gnadenlosen Regeln des Drogenkrieges anzupassen. Außerdem spricht Peña neben Spanisch dieselbe Sprache wie Murphy und zählt damit zu einer der wenigen Verbündeten, die dieser überhaupt in der Fremde hat. Neben den drei Hauptcharakteren, spielt der 28. Präsident Kolumbiens, César Gaviria, eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Narcos. Gaviria ist in sein Amt getreten, um den Drogenhandel ein für alle Mal zu beenden. Den Präsidenten zeichnet seine ruhige, zielorientierte sowie disziplinierte Denkweise und Handlung aus.

Die Geschichte von Narcos dreht sich rund um die zwielichtigen Machenschaften einer Gruppe von Drogenbaronen, die vor allem in den 1980er Jahren am Werk waren. Allen voran gehört Pablo Escobar zu ihren Männern, die das illegale Geschäft mit Kokain auf eine komplett neue Dimension brachten und damit einhergehend ein unglaubliches Vermögen verdienten. Doch die Welt der Narcos liegt nicht nur im Rausch des Geldes, sondern ist vor allem hart, blutig und konfliktgeladen. Gnade und Mitleid kann sich niemand in diesem Geschäft leisten. Folglich stehen Opfer auf der normalen Tagesordnung wenngleich unter Umständen die eigene Familie ausgemerzt werden muss. Vertrauen ist wohl das wertvollste Gut zu jener Zeit und ist die einzige Garantie auch den nächsten Tag lebend genießen zu können. Als DEA-Agent Murphy in diese düstere Welt eintaucht muss er schnell feststellen, dass die kolumbianischen Gangster und deren automatischen Waffen nichts mehr mit den Flipflop tragenden Hippies zu tun haben, die er zuvor in den USA verhaftet hatte…

Moura verkörpert die Rolle als Escobar sehr authentisch. Man kauft ihm jeden Moment, jede Emotion, in der er spielt, ab. Er spielt sowohl den liebevollen, einfühlsamen Familienvater, als auch auf der anderen Seite den absolut kompromisslosen Drogendealer, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht. Zudem kommen die Standpunkte der DEA-Agenten in der Serie auch sehr nachvollziehbar rüber, welches eine Sache dabei stark unterstützt und für mich die Serie auszeichnet: der Realismus-Effekt. Wenn man sich die Serie anschaut, hat man jeden Moment das Gefühl, als wäre es genauso geschehen, wie in der Serie dargestellt. Das wirkt dabei fast wie eine Dokumentation, auch wenn dies keine Dokumentation ist. Es gibt Punkte, welche nicht mit der Realität übereinstimmen, dennoch wecken einige Szenen derartiges Interesse in Einem aus, dass man sogar nachrecherchieren möchte. Mich hat bspw. interessiert, ob die DEA-Agenten Murphy und Peña wirklich existiert und gegen die Narcos ermittelt haben, wie in der Serie vorgetragen. Auf Wikipedia wird angegeben, die Agenten seien fiktiv. Meine Recherchen haben mich allerdings zum Ergebnis geführt, dass sie existiert haben. Es gibt Interviews mit den beiden damaligen echten Agenten, welche mit der Aussage Wikipedias nicht übereinstimmen. Die Serie hätte auch ohne die echten Figuren von vor 40 Jahren funktioniert, dennoch wurde mit Narcos das Ziel, die Szenen so echt wie möglich wirken zu lassen, nie aus den Augen verloren. Solch ein intensives und durchgeplantes Vorgehen ist bei den wenigsten Serien vorzufinden, selbst bei denen, welche auf wahren Begebenheiten basieren. Das macht Narcos zu einer besonderen Serie, sie wirkt nicht fiktional und klärt zudem noch auf.

Der Realismus Effekt wird von vielen Sachen unterstützt, zum einen sind in der Serie originale Filmausschnitte verwendet. Reden vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan oder ganz seltene Aufnahmen von Pablo Escobar, genauso wie Ausschnitte aus dem kolumbianischen Fernsehen sind fördernd, sowohl für das inhaltliche Verständnis als auch die Authentizität. Auf den Fotos sind die vor über 40 Jahren geschossenen Fotos des echten Pablos Escobars zu sehen. Besonders die realen Fernsehausschnitte sind Faktoren, welche zu diesem sich echt anfühlenden Realismus beitragen. Aus Sicht eines Kritikers könnte dies eigentlich das genaue Gegenteil bewirken. Bspw. könnte man das Empfinden haben es seien zu viele Rückblicke oder die Serie würde sich zu einer Erzählung entwickeln, worauf die Serie selbst eigentlich nicht abzielt und sich sozusagen selbst schadet. Dies tut sie aber nicht. Die Rückblicke sind in gesunden Abständen gehalten, bestehen auch meistens nur aus Szenen, welche 1-2 Minuten einer Folge nehmen. Man hat durchaus das Gefühl, als säße man fast vor einer Dokumentation. Dies bewirkt, dass man in die Serie reingezogen wird.  

Man steigt nicht in die Serie mittendrin ein, viel mehr entdeckt und erlebt man Pablo Escobar. Er ist nicht nur ein Geschäftsmann, er weiß auch, dass er der Bevölkerung etwas wiedergeben muss, um gefeiert zu werden. In der Serie versucht Escobar selbst Präsident Kolumbiens zu werden, scheitert aber dann, da er mit dem illegalen Drogengeschäft in Verbindung gesetzt wird. Die Serie ist nicht drogenverherrlichend, ruft aber trotzdem eine gewisse Faszination für das organisierte Verbrechen hervor. In der Regel benötigt man in Serien mehrere Folgen, um richtig reinzukommen und alle Figuren zu verstehen. Bei Narcos hat man aber bereits in der ersten Folge das Gefühl ob einem der Plot gefällt oder eher nicht. Es ist bemerkenswert, dass es keine deutsche Synchronisation dafür gibt, wenn die Lateinamerikaner/innen miteinander sprechen. Anfangs fühlt es sich ungewohnt an, eine komplett fremde Sprache über mehrere Folgen nur anhand Untertitel zu verstehen, aber man gewöhnt sich schnell daran und die Serie würde unter keinen Umständen so glaubwürdig und realistisch rüberkommen, wenn die Stimmen der Schauspieler/innen anderssprachig synchronisiert worden wären. Eine Szene, welche diesen Punkt unterstützt, ist das Gespräch von Escobar mit seiner Frau Tata in Folge 5. Escobar ist vor der kolumbianischen Regierung geflohen, weil er gesucht wird. Im Ausland muss Escobar seiner Frau gestehen, wieder zurück in die Heimat zu reisen um dort für seine Ziele; für ein besseres Kolumbien, zu kämpfen. Die Ernsthaftigkeit und überzeugte Ausstrahlung Escobars wird durch seine sanfte, aber bewussten Stimmlage sehr hochwertig vermittelt. Mit einer deutschen Synchronisation wäre dies unauthentisch und man könnte sich mit dem Schauspieler nicht in diesem hohen Maße identifizieren.

Dennoch bleibt es mir ein Rätsel, wieso und warum dann nicht die Originalsprachen beider Sprachseiten, sowohl der lateinamerikanisch Spanischen als auch Amerikanischen Sprache unsynchronisiert geblieben sind. Es ist eine gute Idee den Rezipienten mit originaler Sprache direkter erreichen zu wollen, aber wieso nur mit der „Fremdsprache“ aus amerikanischer Sicht? Die Serie ist trotz dem Fakt, dass sie in Kolumbien aufgezeichnet wurde, eine amerikanische Produktion. Würde es auch genauso andersrum sein, wenn das Produktionsland Kolumbien gewesen wäre, dass dann dort nur amerikanisch synchronisiert worden würde? Es ist schwierig sich vorzustellen, dass die USA es akzeptieren, würde als das Land mit der „Fremdsprache“ oder gar als das fremde Land zu gelten. Die Wahrscheinlichkeit wäre dann höher, dass beide Sprachen synchronisiert worden wären. Widersprüchlich ist dies schon. Nicht zuletzt ist der Realismus Effekt auch dadurch unterstützt, dass echte Szenen abgefilmt werden. Man sieht echte Überflüge über tatsächliche Gebiete in Kolumbien. In Folge 6 begeben sich Militärsoldaten in das Gebiet der Narcos in Tolu. Bei einem Gefecht zwischen den Narcos und dem Militär gelingt es Jose Rodriguez Gacha, einem der 4 Köpfe des Medellin-Kartells (Drogenkartell Escobars), mit seinem Sohn in einem Auto zu fliehen. Die Flucht hält aber nicht lange an, da das Militär Gacha per Hubschrauber verfolgt. In dieser Stelle wirkt die Szene noch realistischer, da man weitwinkelig auf das Auto und den Hubschrauber hinschaut und diese Aufnahme echt nachgefilmt wurde.

Die Bühnenbilder, die Kostüme und auch das Make-up sind beachtenswert gelungen. Man hat in diesem Moment das Gefühl, man befindet sich wirklich in der Epoche der 1980er Jahre. Besonders deutlich wird dies bei dem Gespräch zwischen Escobar und seinen Mitkomplizen des Medellin-Kartells. Die Kleidung ist locker, die Farben ihrer Kleidungen sind kräftig, jeder trägt entweder ein Hemd oder ein Kragenshirt mit geöffneten Knöpfen, die Frisuren sind oft lang auf Schulterhöhe, viele tragen auch Schiebermützen und Handschmuck. In den meisten Szenen ist keine Musikhinterlegung zu hören. Man hat dadurch ein besseres Gefühl beim Zuhören. Ein Ton im Hintergrund könnte den Zuschauer beeinflussen, die Handlung anders zu bewerten. Ohne Musik kann man rationaler bewerten und verhindert ein Voreingenommenes Denken gegenüber den Figuren. Hört man Musik, ist sie dezent spannend gitarristisch. Oft hört man Musik in Szenen in denen nicht geredet oder nacherzählt wird. Das Erzähltempo ist ebenfalls gelungen. Man hat in jeder Folge das Gefühl, dass etwas passiert sowie die Geschichte vorangetrieben wird und alle Charaktere eine gewisse Entwicklung haben. Ein Grund dafür, dass alles so einwandfrei funktioniert, sind die beiden DEA-Agenten. Stephen Murphy und auch Javier Peña haben die Mitarbeiter von Netflix beraten. Sie standen mit ihnen in E-Mail-Kontakt, haben mit ihnen telefoniert und haben sich auch mit Screenwritern getroffen und gesprochen.[1] Zusätzlich haben die beiden Schauspieler eine Woche in der DEA-Ausbildungsstelle in Amerika verbracht, um sich da einen echten Eindruck zu holen.

Was die Kameraarbeit angeht darf man nicht allzu Überschwängliches erwarten. Die Kameraführung war zumeist als Totalaufnahme in Kraft. Die einzelnen Schnitte waren nie überwältigend inszeniert. Dennoch gab es hin und wieder mal kleine, inszenatorische Gimmicks, das größtenteils viele reale Filmausschnitte und reale Reden wiedergegeben hat. Die Gimmicks haben mir persönlich am meisten gefallen. Die Dialoge funktionieren erstaunlich gut, sie wirken real. Als Beispiel dient die Szene, in der Escobar mit seinem Kind redet. Es wirkt so, als würde jemand mit seinem Kind reden. Genauso wirkt es real, wenn er mit seinen Verbrecherkomplizen redet. Andersrum wirkt es authentisch, wenn die Agenten mit verschiedenen Leuten innerhalb des Staatsapparates reden. Ein Schnitt findet erst dann statt, wenn eine Szene beendet ist. In vielen Filmen und Serien gibt es in den Szenen Schnitte zu anderen Szenen damit das Interesse bei vorherigen spannungsreichen Szenen bestehen bleibt. Narcos allerdings möchte keine Spannung auf diese Weise aufbauen. Viel mehr berichtet die Serie durch ihre Szenen über die in Wirklichkeit stattgefundenen Situationen. Einen wüstenfarbigen Touch konnte ich in Narcos feststellen. Besonders in Szenen, welche sich um Escobar drehten, hatte man als Betrachter/in das Gefühl, man würde sich wirklich in Südamerika befinden. Die Szenen kommen deshalb nicht nur realistisch rüber, sie passen auch den Farbton an typisch lateinamerikanische Merkmale an.

Die Serie ist nicht dadurch ausgezeichnet große Actionszenen zu verkörpern. Man fiebert wegen anderen Faktoren mit. Man erlebt den Sumpf aus Korruption und Brutalität, die damit einherging. Man kann die unheimliche Gewalt nachvollziehen, die Pablo Escobar ausgeführt und an den Tag gelegt hat. Das Ganze wird immer wieder eingeleitet und ausgeleitet durch einen Erzähler, der ausgezeichnet zusammenfasst und ein wohlfühlendes Empfinden wiedergibt. Besonders auffällig ist dies bei der Szene in Folge 9. Escobar hat das Gefühl, er wird von seinen beiden Männern, welche das Kokaingeschäft außerhalb der La Catedrale (Gefängnis, in dem sich Escobar befindet) weiter fortführen, betrogen. Erst fragt er sie aus und zeigt sich zwar empört, aber nicht ablehnend. Bei der Verabschiedung gibt er ihnen erst die Hand und es scheint als wäre die Szene beendet, gerät dann aber komplett außer Kontrolle, ist von dem Gedanken, betrogen worden zu sein, besessen, greift nach einem Billardschläger und schlägt kaltblütig auf einen der Männer zu, weiter und weiter, bis er stirbt. Der andere wurde von Escobars Männern ermordet. Die Leichen wurden anschließend verbrannt. Man sollte Narcos auf jeden Fall schauen, zumindest eine Chance geben.

Diese Serie kann viele Krimi- oder Historien Verfilmungsskeptiker davon überzeugen, nicht nur eine Serie in diesem Genre anzuschauen, denn sie klärt den Rezipienten über einen der größten Drogenkonflikte der Welt auf. Der einzige mir nennenswerte Kritikpunkt ist folgender: der Überraschungseffekt. Dieser kann sich bei Rezipienten, welche bereits ein Vorwissen zu diesem Konflikt haben, geringhalten. Man kann bereits ungefähr erahnen, wie der Ablauf stattfinden wird. Die Serie möchte aber dies gar nicht vertuschen. Sie möchte auf ihrer Art und Weise dem Rezipienten näherkommen und an sie fesseln. Spannung, gutspielende Schauspieler, aufschlussreiche und authentische Dialoge, der Realismus Effekt, diese Punkte sind in der Serie „Narcos“ wiederzufinden. Die Serie nimmt sich viel vor, schafft es den Inhalt verständlich abzuwickeln, gibt einen tiefen und interessanten Einblick, der sogar dazu anregt, sich mit der Geschichte Kolumbiens zu beschäftigen. Narcos wirft einen düsteren Blick auf die Gesellschaft, schafft es aber auch böse Figuren symphytisch wirken zu lassen. So ist die Welt nun mal, sie lässt sich nicht immer in Gut und Böse teilen und genau da findet sich ein hochwertiges Mafia-Format wieder, in Narcos. Dort wo mehr Geld im Umlauf ist, ist man auch bereit weiterzugehen und menschliche Grenzen zu vergessen.

[1] Vgl. unter: https://www.youtube.com/watch?v=eIp8u2O64PY