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Filmkritiken zum 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney

Vorhang auf für Cyrano (2018)

Vorhang auf für Cyrano (Originaltitel: Edmond) ist eine Komödie des französischen Schauspielers und Regisseurs Alexis Michalik. Es ist ein Projekt, das Michalik bereits 2017 auf die Theaterbühne gebracht hatte, nachdem er keinen Regisseur für eine Verwirklichung auf der Leinwand hatte finden können. Erzählt wird die fiktive Entstehungsgeschichte von Edmond Rostands Theaterklassiker Cyrano de Bergerac, der 1897 in Paris uraufgeführt wurde und seitdem Stoff für zahlreiche Theater- und Filmadaptionen lieferte. Doch anders als beispielsweise die populäre Verfilmung von Jean-Paul Rappeneau spielt in Vorhang auf für Cyrano nicht der gleichnamige Held mit der großen Nase die Hauptrolle, sondern sein Schöpfer Edmond Rostand. Wobei das so nur bedingt richtig ist, denn: Regisseur Alexis Michalik, gleichzeitig für das Drehbuch verantwortlich und in der Rolle des Georges Feydeau zu sehen, lässt Autor und Held zunehmend miteinander verschmelzen.

Doch von Anfang an: Der talentierte, aber erfolglose Dichter Edmond Rostand (Thomas Solivérès) steckt in einer Schaffenskrise. Sein letztes Stück wurde bereits nach der Premiere abgesetzt, seine romantischen Tragödien in Versmaß sind aus der Zeit gefallen. Für sein Comeback braucht er ein Meisterstück, aber es fehlt die Inspiration; zwei Jahre vergehen und Edmond hat nichts zu Papier gebracht. Sarah Bernhardt (Clémentine Célarié), ihrerzeit eine Schauspielerin von Weltruhm und als Hauptdarstellerin seines letzten Stücks mit Edmond verbunden, stellt den Kontakt zu Constant Coquelin (Olivier Gourmet) her. Coquelin hat ein ähnliches Problem wie Rostand. Zwar ist er ein Schauspieler von Rang und Namen, doch schwindet der Ruhm des alternden Exzentrikers. Er hat sich mit den falschen Leuten der Pariser Theaterszene angelegt, ist verschuldet und braucht dringend einen Erfolg. Edmond kann Coquelin von sich überzeugen und bekommt den Auftrag ein Stück für ihn zu schreiben. Doch seine Schreibblockade besteht nach wie vor, nur steht er nun zusätzlich unter enormem Zeitdruck. Das ändert sich, als er Jehanne (Lucie Boujenah), die neue Flamme seines besten Freundes, Leo (Tom Leeb), kennenlernt. Mit ihr teilt er den ausgeprägten Hang zur Poesie und Romantik. Leo, ebenfalls Schauspieler, sieht blendend aus, aber kann mit Poesie nicht wirklich etwas anfangen. Edmond greift seinem Freund unter die Arme und verfasst für ihn Liebesbriefe an Jehanne. Dabei merkt er schnell: die Briefe schreiben sich wie von alleine, die Inspiration ist wieder da. Was als Gefallen für einen Freund anfing, wird nun zum Antrieb seiner Textproduktion. Weiterhin unter dem Namen seines Freundes, aber ohne dessen Wissen, tritt Edmond in einen regen Briefwechsel mit seiner neuen Muse. Wer das zugrundeliegende Theaterstück kennt, wird gemerkt haben, dass Edmond und Leo beinahe deckungsgleich mit dessen Hauptprotagonisten, Cyrano und Christian, sind. Selbiges gilt für die Rahmenhandlung; Cyrano, poetisch begabt, aber durch eine riesige Nase ‚entstellt‘ ist in seine Cousine Roxanne verliebt. Überzeugt von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe unterstützt er als Ghostwriter den gutaussehenden, aber wenig geistreichen Christian in seinem Werben um Roxanne.

Die Handlung und die Konflikte des Stückes werden also ziemlich direkt auf den Entstehungsprozess des Stückes übertragen. Das geht so weit, dass ganze Dialoge übernommen werden. Das kann angesichts der Grundidee des Filmes kaum kritisiert werden. Das Problem dabei ist, dass der Film immer dann am unterhaltsamsten ist, wenn sich eine Szene gerade besonders treu am Theaterstück orientiert, oder noch besser: wenn das Bühnenspiel selbst gezeigt wird. Es sind diese Szenen, die gut gelungen sind. Das Bühnenbild, die Theaterkulisse, Einblicke in die Bühnentechnik der (vorletzten) Jahrhundertwende und nicht zuletzt ein Hineinwachsen der schauspielerischen Leistung in das Potenzial, das der Stoff plötzlich bietet. Tatsächlich lässt die ständige Konfrontation der Komödie des Films mit der Komödie des Theaterstücks erstere in keinem sehr günstigen Licht erscheinen. Das liegt vor allem an den Dialogen. Abgesehen von der offensichtlichen Divergenz in der Form, Versmaß auf der einen Seite, ein eher umgangssprachlicher Ton aus der Feder Michaliks auf der anderen Seite, hebt sich vor allem der Humor des Films durch eine zuweilen „klamaukige“ Plumpheit von seiner Theatervorlage ab. Und es ist kein Klamauk der guten Sorte, den es unbedingt gibt. Exemplarisch verwiesen sei hier auf eine Szene, in der sich ein russischer Herr mit Namen vorstellt, woraufhin Edmond „Gesundheit“ erwidert. Zugegeben, einer der härteren Fälle des Films, sehr viel origineller ist es die meiste Zeit aber auch nicht.

Ebenso wenig überzeugend ist die Auflösung der obligatorischen Konflikte, die neben der Rahmenhandlung gesponnen werden und in deren Mittelpunkt sich immer der arme Edmond befindet. Namentlich sind es die Konflikte mit seiner Frau Rosemond (Alice de Lencquesaing), seinem Freund Leo und seiner Muse Jehanne. Im Hinblick auf Edmonds romantischen Briefwechsel mit Jehanne alles nachvollziehbare Konflikte. Die gute Nachricht für den bemitleidenswerten Autor: Er wird zwar mit ihnen konfrontiert, muss sich aber nicht mit deren Lösung herumschlagen – sie lösen sich einfach in Luft auf. Das ist auf der einen Seite unbefriedigend, aber angesichts dessen, dass diese Konflikte sowieso eher halbherzig eingeführt und aufgebaut wurden, auch irgendwie konsequent.

Noch recht zu Beginn des Films erhebt sich die Kamera von der Straße bis über die Dächer zu einer Panorama-Aufnahme vom Paris des 19. Jahrhunderts. Durch die nicht gerade dezente digitale Bearbeitung dieser Einstellung (gedreht wurde übrigens in Prag) und den in rötliches Licht getauchten Himmel wirkt das alles sehr stilisiert. Und genau das, ein handzahmes, fast märchenhaft stilisiertes Bild zeichnet der Film von dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Dabei sind Kostüme, Kulissen und die Drehorte eigentlich sehr stimmig und erzeugen zunächst eine gelungene Immersion – bis früher oder später Handlung und Dialoge gehörig dazwischen-grätschen. So kann man es als ein lobenswertes Statement verstehen, wenn der schwarze Café-Besitzer Monsieur Honoré (Jean-Michel Martial) einen ihm gegenüber rassistisch ausfälligen Gast unter Beifall der übrigen, ausschließlich weißen, Gäste des Cafés verweist, doch ist es gleichzeitig ein Anachronismus. So traurig es ist, eine solche Szene dürfte sich in dieser Form wohl kaum in einer Zeit und Gesellschaft abgespielt haben, in der Rassismus noch tief verwurzelt ist. Und wenn auch der vage Verdacht der Verharmlosung über dieser Szene schwebt, so bleibt er angesichts des beherzten Pathos dieser Szene doch eher diffus. Man denkt sich „sicher gut gemeint“ und schämt sich fast für den Gedanken der bösen Unterstellung.

Eine anderer Anachronismus und darüber hinaus, wohl nicht nur eine dem 19. Jahrhundert, sondern überhaupt jeder vergangenen und wahrscheinlich auch zukünftigen Zeit fremde Darstellung, ist die der Prostituierten. Glaubt man diesem Film waren die Bordelle dieser Zeit ein Hort der Glückseligkeit. Die Prostituierten sind immer bester Laune, in ihrem Beruf gehen sie dermaßen auf, dass sie eigentlich gar keinen Feierabend mehr machen wollen. Nichts bereitet ihnen größere Freude, als auch noch im Theater, in das sie freundlicherweise von ihren Zuhältern eingeladen werden, Schauspieler um ihre Aufregung zu erleichtern. Überflüssig zu erwähnen, dass besagter Schauspieler natürlich plötzlich wie ein junger Gott spielt. Nicht nur unter dem Aspekt der historischen Authentizität ist diese Darstellung kritikwürdig. Aber wie komme ich bei der Kritik einer seichten Komödie überhaupt dazu über historische Authentizität zu schreiben? Das liegt vielleicht daran, dass mich Vorhang auf für Cyrano suchend zurücklässt. Suchend nach dem Film – was ist dieser Film eigentlich? Was bleibt übrig, wenn man, etwas hochtrabend formuliert, das geistige Eigentum des echten Rostand beiseite nimmt und nur den, genuin dem Film zuzuschreibenden Inhalt betrachtet? Irgendwie nicht viel, möchte man meinen. Und es stellt sich die Frage, ob eine solche Trennung, die sich mir hier so aufdrängt, überhaupt zulässig ist. Es spricht viel dagegen.

In einer der letzten Szenen unterhalten sich Sarah und Coquelin in dessen Garderobe. Ein Stück ist entstanden, das man noch in 100 Jahren spielen wird – in dieser Erkenntnis sind sich die beiden einig. Über den Film Vorhang auf für Cyrano kann man das gleiche wohl nicht sagen. Aber vielleicht will ist das auch gar nicht sein Anspruch.

Von Luca Cesari

Vorhang auf für Cyrano | F/B | 2018 | Komödie | Alexis Michalik | 113 Min. | Thomas Solivérès, Olivier Gourmet, Tom Leeb, Lucie Boujenah, Mathilde Seigner | FSK ab 0 freigegeben

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