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Filmkritiken zum 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney

Glücklich wie Lazzaro (2018)

Glücklich wie Lazzaro (Originaltitel: Lazzaro Felice) ist ein Drama von der italienischen Filmemacherin Alice Rohrwacher. Dabei war sie sowohl für die Regie, als auch für das Drehbuch verantwortlich. Der Film wurde zum ersten mal am 13. Mai 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Dabei wurde Alice Rohrwacher in der Kategorie Bestes Drehbuch geehrt.

Inviolata ist ein kleines, isoliertes Bergdorf in dem es scheint als wäre die Zeit die letzten fünfzig Jahre stillgestanden. Und dieser Eindruck ist durchaus nicht falsch, denn unberührt, als das man inviolata übersetzen kann, war das Dorf von allen tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte. In erster Linie trifft das auf die Abschaffung der Halbpacht ( ital. Mezzadria) zu, einem halbfeudalistischem Modell landwirtschaftlicher Landnutzung, das auf einem asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnis und auf den Punkt gebracht: Ausbeutung basiert. In einem solchen Verhältnis wähnen sich die Bewohner Inviolatas nach wie vor, ihre einzige Verbindung zur Außenwelt und dringend benötigten Vorratslieferungen ist ihre Gutsherrin, die Marchesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi).

Ausbeutung ist ein zentrales Thema des Films – und das in vielfältigster Form. An der Spitze der hierarchischen Ausbeutungskette steht dabei die Marchesa in Form einer strukturellen Ausbeutung, ganz unten der junge Lazzaro (Adriano Tardiolo), dessen Ausbeutung allein auf seiner grenzenlosen Gutmütigkeit beruht. Der Name Lazzaro ist nicht beliebig gewählt. Tatsächlich basiert sein Charakter auf der biblischen Figur des Lazarus, in erster Linie bekannt für seine wundersame Wiederauferstehung. Er ist ein Heiliger, der durch Legenden und als Vorlage für Literatur, Film und Theater um zahlreiche positive Attributierungen erweitert wurde. In dieser über die Jahrhunderte gewachsenen Gestalt – als Heiliger, wie auch popkultureller Figur – wird Lazarus nun also in die moderne Welt geworfen. Als Konsequenz ist der Film voll von Anspielungen und Symbolik. Dabei kann gerade die Symbolik in ihrer Vielzahl mitunter etwas erschlagend und zu plakativ wirken.

Wie bereits erwähnt ist Lazzaro in erster Linie durch Gutmütigkeit, den Segen (oder Fluch) immer nur das gute in den Menschen zu sehen und – das ist in diesem Fall nicht zu viel verraten – durch eine gewisse Todes-Resilienz, charakterisiert. Es ist besagte Gutmütigkeit, die so weit geht, dass die Assoziation der Naivität immer mitschwingt. Und damit entlarvt der Film eine Mentalität, in der Wohlwollen und der Wille gutes zu tun, näher an der charakterlichen Kategorie der Naivität angesiedelt sind, als sie es möglicherweise sein müssten. Tatsächlich scheint es in der Figur der Antonia (junge Antonia: Agnese Graziani, ältere Antonia: Alba Rohrwacher) nur eine Person zu geben, die Lazzaros positive Eigenschaften nicht als Schwäche zu sehen scheint. Umso bezeichnender ist es, dass selbst sie nicht von der allgemeinen Instrumentalisierung des Lazzaro ausgenommen wird. All das macht den mit 127 Minuten Spiellänge nicht gerade kurzen Film auch ein bisschen zu einem Leidensweg – obwohl die Figur des Lazzaro es wahrscheinlich gar nicht als solchen wahrnimmt. Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass Glücklich wie Lazzaro in Bild und Ton sehr atmosphärisch ist und die schauspielerischen Leistungen durchweg überzeugen. Trotz phasenweiser Längen und obwohl der Film dem Zuschauer durchaus etwas zumutet (und wahrscheinlich genau das beabsichtigt), ist Glücklich wie Lazzaro ein sehenswerter Film. Das abschließende Urteil, das der Film über die moderne Gesellschaft fällt, kann man als zu pessimistisch erachten, zum Nachdenken regt es allemal an.

Von Luca Cesari

Glücklich wie Lazzaro | I/D/F/CH | 2018 | Drama | Alice Rohrwacher | 127 Min. | Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, Nicoletta Braschi | FSK 12

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