Mehrsprachigkeit als Ausgangspunkt und Ziel schulischer Bildung in der Primarstufe

Liebe Leser*innen,

in meinem heutigen Blogeintrag geht es um das Thema Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext. Gerade in unserer heutigen Gesellschaft spielt Mehrsprachigkeit eine immer größere Rolle. Nahezu jedes Kind verfügt in irgendeiner Form über Mehrsprachigkeitserfahrungen sei es ein simultaner Erstspracherwerb oder auch sukzessiver Zweitspracherwerb oder der Erwerb von Dialekten. Beim Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht gibt es diverse Fragen zu klären.

So stellt sich für mich die Frage, ob es gerechtfertigt ist einem Schüler, der vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist, lediglich aufgrund seiner Deutschkenntnisse keine Empfehlung fürs Gymnasium zu geben. Hierbei handelt es sich um einen späten sukzessiven Zweitspracherwerb, bei dem der Erwerb der Zweitsprache langsamer von statten geht als beim simultanen Erstspracherwerb im frühen Kindesalter. Jedoch muss betont werden, dass die individuelle Sprachfähigkeit keine Auskunft über die Kompetenz der Lernenden gibt. Die Sprachfähigkeit wird stark beeinflusst von der Intensität des Sprachkontakts aber auch vom Zugang zu Praktiken. Aus diesem Grund sollte man nicht von den Deutschkenntnissen ausgehend Rückschlüsse auf die Intelligenz und das Wissen der Kinder ziehen. Bis der Schüler bildungssprachliche Kompetenzen erlangt, können mehrere Jahre vergehen. Aus diesen Gründen halte ich es für äußerst wichtig nicht nur die sprachlichen, sondern insbesondere die fachlichen Kompetenzen, das Interesse und die Lernbereitschaft bei einer Übergangsentscheidung in den Fokus zu rücken. Bei einer adäquaten Förderung können Kinder schnell eine Zweitsprache auf einem guten Niveau erlernen, weshalb dem Kind bei einer Übergangsempfehlung, die nur auf den sprachlichen Fähigkeiten basierend entschieden wurde, Bildungschancen verwehrt bleiben würden.

In meiner eigenen Schulzeit waren die meisten andern Mitschüler*innen meiner Klasse muttersprachlich deutsch. Einige Schüler*innen wuchsen mehrsprachig auf, andere haben sich in der Freizeit selber eine andere Sprache beigebracht. Alle Schüler*innen meiner Schule mussten ab der 7. Klasse eine zweite Fremdsprache erlernen. Diese sprachliche Heterogenität wurde im Unterricht während meiner gesamten Schullaufbahn nicht thematisiert, was ich im Nachhinein sehr schade finde, da so kein Austausch über die verschieden sprachlichen Hintergründe stattfinden konnte.

In meinem Auslandsjahr nach meinem Abitur habe ich in einem Kinderheim in Israel gearbeitet. Hier ist mir während der Hausaufgabenhilfe aufgefallen, dass die Schwierigkeiten die beim Erwerb einer  Zweitsprache auftreten stark von dem System der Erstsprache abhängig sind. So fiel es den Kinder in Israel, die als Muttersprache Hebräisch gesprochen haben, besonders schwer Englisch zu erlernen. Hierzu mussten sie nicht nur ein komplett neue Schriftzeichen, sondern auch statt einer reinen Konsonantenschrift nun eine Alphabetschrift erlernen. Oft wurden zum Beispiel beim Schreiben auf Englisch einfach alle Vokale weggelassen. Als Lehrkraft ist es wichtig diese verschiedenen Schwierigkeiten die auftreten können bei Kindern, die erst ab dem Grundschulalter eine Zweitsprache erlernen, im Hinterkopf zu behalten, um eine professionelle Lernbegleitung zu gewährleisten. Auch ich selbst habe in meiner Zeit in Israel hebräisch erlernt und musste mich umgekehrt auch zunächst an die sehr fremde hebräische Sprache gewöhnen.

Bei zukünftigen Unterrichtsgestaltungen ist es mir wichtig, Mehrsprachigkeit im Unterricht bewusst zu thematisieren. Dies könnte zum Beispiel mit Hilfe der Anfertigung eines Sprachporträt geschehen. So werden die verschiedenen Sprachen, die die Kinder sprechen, wertgeschätzt und es kommt zu einem Austausch. Außerdem hat dies vom Vorteil, dass Lehrkräfte einen Eindruck über die Sprachkultur der Schülerinnen bekommen. Für Arbeit in der Schule müsste ich mir auf jeden Fall noch mehr Wissen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit mir aneignen. So interessiert mich besonders welche didaktischen Möglichkeiten es zusätzlich gibt sprachliche Vielfalt in der Klasse zu thematisieren.

Häufig werden DAZ Kinder als stark  förderungsbedürftig stigmatisiert, dabei unterscheidet sich jedes Kind sehr stark und braucht unterschiedlich viel Förderung. So können auch schwache Kinder die Deutsch als Erstsprache sprechen gemeinsam mit einigen der DAZ Kindern gefördert werden. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Nutzung der Erstsprachen im Unterricht nicht vollständig verboten wird, denn eine Verwendung kann fachliche Denk- und Verstehensprozesse fördern.  Des Weitern ist generell ein sprachsensibler Fachunterricht wichtig. Das heißt unter anderem, dass Sprache an und mit Sachinhalten gelernt wird, Arbeitsblätter und Materialen sprachsensibel gestaltet werden, Kompetenzen im Sprechen, Schreiben und Lesen gefördert werden, sowie sprachliche Hilfen angeboten werden. Insgesamt sollte jede Lehrkraft als Ziel haben bildungssprachliche Kompetenzen bei allen Schülerinnen zu generieren. Jede Schule sollte in Ihrem Konzept Mehrsprachigkeit als eine Bereicherung wahrnehmen.

 

Vielen Dank fürs Lesen!

Caroline

Ein Kommentar

  1. Liebe Caroline,

    erst einmal vielen Dank für deinen Beitrag! Ich kann dir nur zustimmen, auch ich finde das nicht nur die sprachlichen Kompetenzen bei der Übergangsempfehlung eine Rolle spielen sollten. Es sollten stattdessen, wie du schon sagtest, auch fachliche Kompetenzen eine Rolle bei den Empfehlungen spielen damit niemandem die Bildungschance basierend auf seinen individuellen Fähigkeiten verwehrt bleibt.
    Das in deiner Schulzeit die sprachliche Heterogenität deiner Klasse/n nicht thematisiert wurde finde ich auch sehr schade. Im meiner eigenen Grundschulzeit haben wir uns jeden Morgen immer auf den verschiedenen Sprachen der Schüler:innen begrüßt. Für mich und die anderen Kinder, welche eine weitere Sprache sprechen konnten, war dies immer ein tolles Gefühl etwas von der eigenen Sprache bzw. Herkunft mit einfließen zu lassen. Jedoch weiß ich von einigen Mitschüler:innen, welche nur Deutsch sprachen, dass diese sich manchmal etwas ausgeschlossen fühlten. Da sollte eine Balance gefunden werden, so wie du es unteranderem in deinem fünften und sechsten Absatz beschreibst.
    Auch will ich dir danken für das teilen deiner Erfahrungen aus deinem Auslandsjahr, ich finde sowas immer spannend zu lesen und es hat noch einmal mehr beim nachvollziehen des Themas geholfen.

    Liebe Grüße,
    Aliki

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