Akzeptierende Drogenarbeit
„Drogenhilfe kann […] nichts produzieren (Therapiemotivation, Abstinenz etc.), sondern lediglich Unterstützung zur Selbstproduktion anbieten“ (Schneider 2006)
Die deutsche Drogenpolitik hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert. Vor einigen Jahren hielt man Bestrafungen und Verbote als Drogenbewältigungsstrategien noch für die einzigen sinnvollen Methoden, um Menschen von Drogen fernzuhalten. Inzwischen gibt es jedoch einige neue Ansätze, die gegenteiliges beschreiben würden. Der Kriminologe und Professor Julian Buchanan ist der Meinung, dass statt einer Minderung des Drogenkonsums durch die Null-Toleranz-Politiken, der Konsum in den letzten Jahren anstieg:
“Two decades of prevention, prohibition and punishment have had little noticeable impact upon the growing use of illegal drugs; on the contrary drug use during this period has escalated.” (Buchanan 2000: 7)
Dieser Meinung schließt sich auch der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider an. Er beschreibt, dass die sogenannte „abstinenzorientierte“ Drogenpolitik in Deutschland lange Zeit dominierte und durch die Kriminalisierung von Drogen auch deren Konsument*innen zu Kriminellen gemacht wurden. Hierbei wurde jeglicher Konsum von „Drogen“ problematisiert und Abstinenz als einziger Umgang mit sogenannten „Suchtgiften“ propagiert. (vgl. Schneider 2006) Verfechter dieser Null-Toleranz Politik zielten auf die konsequente Verhinderung jeglichen Drogenkonsums. Hilfeleistungen sollten nur gestellt werden, wenn der Verzicht von illegalen Drogen gegeben war. (vgl. Schmidt-Semisch 2006) Schneider zeigt mit neueren Forschungen auf, dass der (exzessive) Gebrauch von Drogen kein „statischer Zustand“ (Schneider 2006) sei, der mit abstinenzorientierten und langzeittherapeutischen Maßnahmen aufhebbar wäre. Mit diesem neuen Ansatz konnten sich in den letzten 15 Jahren immer mehr akzeptierende Hilfsangebote für drogenabhängige Menschen durchsetzen, obwohl das Konzept der Abstinenz noch immer überwiege. (vgl. Schneider/Gerlach 2004)
Doch was genau bedeutet akzeptierende oder niedrigschwellige Drogenarbeit? Die beiden Begrifflichkeiten deuten auf begleitende Hilfsangebote hin, die auch ohne Abstinenzgebot arbeiten und ausdrücklich auf Leidensdruck verzichten sollen. Der Begriff „Niedrigschwelligkeit“ soll ausdrücken, dass bei diesem neuen Ansatz das Hindernis oder die Hürde für Hilfe so klein wie möglich gehalten und damit die Konstitution zugänglicher oder erreichbar gemacht wird. (vgl. Alice Salomon Hochschule Berlin: 2013: 3)
Mit akzeptanzorientierter und „suchtbegleitender“[1] Drogenarbeit sind meist Überlebenshilfen sowie schadensminimierende Angebote gemeint. Diese sollen eine Verringerung gesundheitlicher Gefährdungen erreichen. (vgl. Körkel/Nanz 2016: 197) Dazu gehört zum Beispiel die „Ausgabe von sterilem Injektionszubehör und Safer-Use-Informationen, Spritzentausch, medizinische Notfall- und Akutbehandlung u.a.m.“ (Körkel/Nanz 2016: 197)
Für die meisten drogenabhängigen Menschen ist die Vorstellung von einem gänzlichen und lebenslangen abstinenten Leben unvorstellbar, da viele schon oft bei einem solchen Versuch gescheitert sind. (Körkel/Nanz 2016: 197) Aus diesem Grund soll die akzeptierende Drogenhilfe mehr als ein „Interaktionsprozess“ verstanden werden. (vgl. Schneider 2006) Dabei werden die Menschen als selbstbestimmte und eigenverantwortliche Erwachsene angesehen mit Recht auf Entscheidungsfreiheit (vgl. Barsch 2010: 14). Konsument*innen sollen selbst wählen können, welche Form des Umgangs sie mit Drogen wählen und dabei die benötigte Unterstützung erhalten. (vgl. Barsch 2010: 14) Dies schließt Abstinenz natürlich nicht aus. Schneider erklärt, dass es hier vielmehr um das Prinzip der Selbstproduktion gehe und „Drogenhilfe (…) insofern auch nichts produzieren (Therapiemotivation, Abstinenz etc.), sondern lediglich Unterstützung zur Selbstproduktion anbieten“ kann (Schneider 2006). Damit meint Schneider, dass drogenabhängigen Menschen keine Objekte sind, die man so verändern kann, wie man will. Sie sind mündig, selbstbestimmt und fähig selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Man kann niemanden zu etwas zwingen. Schneider betont, dass die akzeptanzorientierte Drogenarbeit deshalb auf Freiwilligkeit basiere. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit heißt in diesem Sinn nicht, dass man den Lebensstil gutheißen oder ihn selbst übernehmen würde, sondern nur dass man die Person akzeptiert und die Menschen für sich selbst verantwortlich handeln lasse.
„Drogengebraucher[*innen] haben, auch und gerade unter den Bedingungen des fortgesetzten Konsums, ein Recht auf menschenwürdige, gesundheitliche und soziale Lebensbedingungen, sie müssen es nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten erwerben.“ (Hörter 2011: 61)
Ein Beispiel für akzeptierende und niedrigschwellige Suchtarbeit ist die Notunterkunft „La Campagne“, da sie mit ihrem Angebot suchtkranken Menschen Hilfestellungen bietet. Angesetzt wird bei den gesundheitlichen und sozialen Bedürfnissen der Menschen. Durch die niederschwellige, akzeptierende Arbeit können Personen erreicht werden, die von keinem anderen Angebot der Sozialen Arbeit erfasst werden. Es gibt noch einige andere Notunterkünfte in Bremen, doch diese schließen oftmals suchtkranke Menschen von den Angeboten aus.
Die Notunterkunft LaCampagne soll vor allem eine Überlebenshilfe darstellen. Wie man in unserem Reiter „LaCampagne“ nachlesen kann, ist die Notunterkunft darauf bedacht, dass alle Angebote auf freiwilliger Basis stattfinden. Jeder Mensch darf dort übernachten, sofern es genug Platz gibt. Es ist unbefristet und die Menschen dürfen selbst entscheiden, wie lange sie bleiben wollen. Es werden Beratungsgespräche und gemeinsame Kochabende angeboten und jeder Mensch kann frei entscheiden, ob er an etwas teilnehmen möchte. Niemand ist dort zu etwas verpflichtet und die Menschen werden als mündige und selbstbestimmte Personen akzeptiert. Die Hilfestellungen sind nicht mit Erwartungen verbunden und es gibt keinen Zwang zur Teilnahme der Angebote.
Die akzeptierende Suchtarbeit wird immer mehr zentrales Thema in der Sozialen Arbeit. Es gibt viele Menschen, die man ohne diese Arbeit nicht erreichen würde. Deshalb braucht es spezifische Angebote, die durch die niederschwellige Soziale Arbeit erbracht werden können. Menschen mit Drogensucht haben, auch unter den Bedingungen des fortgesetzten Konsums, ein Recht auf menschenwürdige Lebensbedingungen und die niedrigschwellige Arbeit stellt dabei eine Ergänzung und Schwellensenkung der bisherigen Angebote dar. „[Sie] […] sind damit als Erweiterung oder Differenzierung der traditionellen Ansätze zu betrachten.“ (Hörter 2011: 60)
Deutlich wird auch, dass die Illegalisierung von Drogen und die Kriminalisierung der Konsumierenden eine offene Auseinandersetzung über Drogengebrauch verhindert. Die akzeptierende Drogenarbeit ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es darum geht, Menschen mit Drogensucht zu helfen, aber es darf damit noch lange kein abgeschlossenes Thema werden. Schneider betont, dass man erst von einer Wende in der deutschen Drogenpolitik sprechen dürfe, wenn „die moralische Gängelei, insbesondere aber die staatliche Repression gegen Drogengebrauchende beendet würde“ (Schneider/Gerlach 2004:18). In der akzeptierenden Drogenpolitik gibt es mittlerweile zwar viele Erfolge, die derzeitige Drogenpolitik, Kriminalisierung, sowie konsequente Verhinderung von Drogenkonsum bringt aber immer noch großes Leid mit sich. So sind suchtkranke Menschen weiterhin oft mit HIV oder Hepatitis infiziert. Schneider stellt deshalb klar, dass Akzeptanz allein nicht ausreiche, wenn sich in der Verbotspolitik nichts ändere. (vgl. Schneider/Gerlach 2004:18)
[1] Wir benutzen in unserer Arbeit das Wort „Sucht“, um exzessivem Drogenkonsum zu beschreiben und verständlich zu machen. Gleichzeitig sind wir auch der Meinung, dass oftmals zu schnell und zu einfach wird von „Sucht“ gesprochen, statt von einem langjährigen schweren Gebrauch von psychoaktiven Substanzen zu reden, was vielleicht mehr Menschen ansprechen würde. Der Begriff der Sucht kann eine stigmatisierende Wirkung haben und generalisiert schnell alle Konsumierenden.

