Niklas

*Der Name des Bewohners wurde aus Anonymitätsgründen verändert.
Seit einiger Zeit arbeiten wir, Lynn und Refaela, bei der Zeitschrift der Straße. Die Zeitschrift ist ein Bremer Straßenmagazin, welches 2010 von Michael Vogel gegründet wurde. Bei diesem Projekt arbeiten Student*innen, Menschen mit Drogensucht, Journalist*innen, Freiwillige, obdach-/ wohnungslose Menschen, sowie Menschen, die von Armut getroffen sind, zusammen. (vgl. Vogel 2018) wir haben vor circa 2 Jahren durch ein Universitätsprojekt angefangen bei der Zeitschrift auszuhelfen.
Durch die Arbeit bei der Zeitschrift kommen wir mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt und so haben wir auch Niklas kennengelernt mit dem wir ein Interview führen durften. Niklas ist einer der Straßenzeitungsverkäufer*innen in Bremen und seit fünf Jahren wohnungslos. Durch die Arbeit bei der Zeitschrift und den stetigen Austausch haben wir vor einer Weile erfahren, dass Niklas auch in der Notunterkunft LaCampagne wohnt.
Für unsere Arbeit wollten wir sowieso Kontakt mit Bewohner*innen der Notunterkunft aufbauen. Uns war jedoch auch bewusst, dass dieses Thema sehr komplex ist und die Geschichten der Personen, die dort unterkommen sehr privat sind. Das Klientel von Notunterkünften ist in den meisten Fällen verschlossen und durch die Illegalität und Kriminalisierung von Drogen ist es schwierig, offen über den Konsum illegaler Substanzen zu sprechen. Viele der Konsumierenden haben oft umfassende Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen erlebt und geben daher meist nicht allzu viel von sich preis.
Da wir schon vorab ein gutes Verhältnis zu Niklas hatten gestaltete es sich für uns einfacher ihn nach einem Interview zu fragen. Durch die Zeitschrift haben wir seit circa einem Jahr Kontakt zu ihm und er war direkt einverstanden ein Interview zu führen. Zu dem Zeitpunkt des Interviews merkten wir jedoch, dass er an diesem Tag weniger Lust verspürte unsere Fragen zu beantworten. Es war schwierig zu beurteilen, ob es an den Interviewfragen oder an dem Moment der Ruhe lag, der Niklas Stimmung beeinflusste. Wir boten ihm deshalb zuerst an, das Gespräch noch einmal zu verschieben, führten das Gespräch jedoch dann nach einigen Überlegungen doch wie geplant durch – allerdings kürzer als ursprünglich geplant.
Niklas hatte durch einen Betreuer seiner vorherigen Notunterkunft von der Einrichtung LaCampagne erfahren. Dabei wurde ihm gesagt, dass diese „passender“ für ihn wäre. Ihm wurde gesagt, dass dort eher „sein Klientel“ bzw. „drogenabhängige Menschen“ hingehörten (vgl. Interview Niklas). Er erklärte, dass er sich die Notunterkunft LaCampagne nicht selbst ausgesucht hat, sondern durch andere Menschen dort gelandet ist. Viele von den Notunterkünften in Bremen seien nur befristet und wie der Name schon hergäbe, keine „feste Situation“ (Interview Niklas).
In der Notunterkunft hat sich Niklas zwar eingerichtet und seine Besitztümer untergebracht, beschreibt diese jedoch trotzdem als eine Art Herberge. Durch die Art wie er über seine Wohnsituation sprach, merkten wir, dass es ihm unangenehm war keine eigene Wohnung zu besitzen. Ohne Job und vorherige Wohnung sei dies aber schwierig zu erreichen und es gäbe stets Probleme mit den Vermieter*innen, die „Angst vor Obdachlosen hätten“ und Angst davor hätten, dass er seine „Freunde aus der Unterkunft mitbringt“ (Interview Niklas).
Durch die Forschungsarbeit und einige unserer Arbeiten zuvor, haben wir uns viel mit den Vorurteilen auseinandergesetzt mit denen drogensüchtige Menschen täglich konfrontiert sind. Wie in dem Reiter „Auf die Abhängigkeit reduziert“ beschrieben, passiert es oft, dass konsumierende Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Niklas ist Heroinabhängig und hat seit 5 Jahren keine Wohnung mehr. Jetzt wird ihm keine Wohnung mehr vermietet und er muss sich von einer Notunterkunft zu der nächsten hangeln. Er wird abgestempelt als „obdachlos“ und „drogenabhängig“. Seit fünf Jahren lebt er mit dem Gefühl der Unsicherheit. Obwohl er sich gut mit den Bewohner*innen und dem Personal der Notunterkunft LaCampagne versteht und es dort wenige Einschränkungen gibt, fühlt er sich nicht wohl. Es ist eben doch eine Notunterkunft und kein eigenes Zuhause.
