Zukunftsvisionen

Zu der Frage nach Zukunftsplänen für LaCampagne hat Sozialarbeiterin Martha eine eindeutige Antwort. Sie wünscht sich, dass es die Notunterkunft schnellstmöglich überhaupt nicht mehr gibt. Zunächst war diese Reaktion etwas überraschend für uns, da wir eher mit Verbesserungsmöglichkeiten innerhalb der Unterkunft gerechnet hatten. Doch Martha spricht hiermit einen sehr wichtigen Punkt an. Denn um Obdachlosigkeit entgegenzuwirken, reichen Notunterkünfte nicht aus. In diesem Beitrag wird der Blick auf einen politischen „Lösungsweg“ gegen Obdachlosigkeit in der Stadt geworfen, der diskriminierender nicht sein kann. Abschließend stellen wir ein Konzept vor, welches nachweislich zu der Minimierung der Obdachlosigkeit beiträgt und einen niederschwelligen und akzeptanzorientierten Umgang bietet.

„Dass es diese Notunterkunft gibt, ist das Versagen der Politik“ (Interview Martha). Die EU bietet theoretisch bestimmte Gelder für sozial benachteiligte Menschen an. So gibt es beispielsweise ein Sozialinvestitionspaket, welches mithilfe bestimmter Strategien zur Unterstützung des Individuums beitragen sollte. (vgl. Website der Europäischen Kommission) Diese werden allerdings eher für weitere Verbesserungen im uneingeschränkten Arbeits- und Geschäftsleben eingesetzt und fließen größtenteils in die Bildung. Obdachlose oder drogensüchtige Menschen werden bei diesem Paketen meist nicht in Betracht gezogen.

Neben diesem gibt es noch weitere geplante Lösungsansätze der EU, um Obdachlosigkeit zu verringern. Dazu gehören zum Beispiel die Ermöglichung auf alle Dienstleistungen zuzugreifen und eine frühzeitige Wohnraumbeschaffung. Inwiefern die Ansätze umgesetzt werden, wird jedoch nicht deutlich. (vgl. Obdachlosigkeit, Website der Europäischen Kommission)

Ein Beispiel für einen sichtbar umgesetzten „Lösungsweg“ ist bisher die sogenannte defensive Architektur, genannt auch „Anti-Obdachlosen-Architektur“. Dabei handelt es sich um eine architektonische Gestaltung von Außenbereichen, bei der durch das Einbinden von Gittern, Stacheln oder Armlehnen auf Bänken verhindert wird, dass obdachlose Menschen diese als Schlafplätze wahrnehmen könnten. Ganz nach dem Motto „aus dem Auge, aus dem Sinn“.

Das trägt nicht zur Problembehebung bei, sondern macht dieses noch größer. Die architektonischen Mittel zeigen auf, dass obdachlose Menschen nicht erwünscht sind und nicht als Mitglieder der Gesellschaft wahr genommen werden, sondern als Störfaktor und Außenseiter. Die Resozialisation wird ihnen schwerer gemacht. Dieses Konzept wird international angewendet und ist in jeder Großstadt zu sehen. Wenn der Blick sensibilisiert ist, sieht man es überall.  Martha sagt, dass Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit jede und jeden treffen kann, „das ist nicht unbedingt eigenverschuldet“. Daher sollte sich jede*r der eigenen Position in der Gesellschaft bewusst sein und obdachlosen und wohnungslosen Menschen auf Augenhöhe begegnen, anstatt sie aus der Stadt zu jagen.

Aber wie genau sieht denn eine Lösung nun aus?

Obdachlosigkeit zu minimieren, statt sie zu verwalten (vgl. Busch-Geertsema o.D.: 111).

Ein Lösungsansatz, von dem auch unsere Interviewpartnerin spricht, ist das sogenannte „Housing First“. Dieses Konzept verschafft obdachlosen Menschen zuerst eine Wohnung, um sich dann stressfreier den weiteren Problemen, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, zu widmen.

Normalerweise ist der Weg zu einer eigenen Wohnung sehr schwer. Es gibt ein Stufensystem, bei welchem eine eigene Wohnung meistens das Endziel bedeutet. Am liebsten haben Vermieter*innen eine*n Mieter*in mit einem geregelten Einkommen (durch Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen ist das Erlangen einer Wohnung sowieso schon schwerer, siehe Niklas), dafür braucht man allerdings einen Job. Für einen Job braucht man meistens eine Anschrift und das hat man im besten Fall mit einer eigenen Wohnung. Der Aufstieg wird einem schwer gemacht und Menschen mit einer Drogen- oder Alkoholsucht kommen aus diesem Teufelskreislauf nur schwer heraus. Mit „Housing First“ wird dieses System aufgebrochen. Ein sicheres, warmes und vor allem langfristiges Zuhause soll Grundrecht für jede*n sein.

In Finnland läuft das Konzept bereits so gut, dass es als einziges Land Europas eine sinkende Zahl der Obdachlosigkeit hat. In Amsterdam, Kopenhagen und Glasgow läuft es nun auch an. Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema arbeitet für die Gesellschaft für Innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Bremen und hat die Erfolgsquote einiger Housing-First-Projekte untersucht. In den genannten Städten liegt die Erhaltung der Wohnsituation bei über 90 %. (vgl. Beering 2018)

„Housing First“ bietet eine Wohnung, ohne dass eine Erlangung von „Wohnfähigkeit“ (durch ein Wohntraining) oder die Abstinenz notwendig ist. Es soll eine möglichst schnelle Integration in die Gesellschaft erzielt werden. Sobald eine Person eine eigene Wohnung hat, werden mithilfe von Sozialarbeiter*innen Pläne für weitere Problembehebung vorgenommen. (Busch-Geertsema o.D.: 111)  Es gibt eine Organisation, die sich für die Abschaffung von Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit einsetzt: „Y-Foundation“(vgl. Website Y-Foundation). Die NGO bekommt günstigere Anleihen vom Staat um Wohnraum zu kaufen oder zu schaffen und die Sozialarbeiter*innen werden vom Staat bezahlt. Sogar die finnische Lotterie unterstützt die NGO. Mithilfe von weiteren Krediten und der Rückzahlung durch die Mieten, kann „Housing First“ in Finnland umgesetzt werden. (vgl. Kontrast Redaktion 2020)

Das Konzept ist nachweislich erfolgsversprechend für eine Minimierung von Obdachlosigkeit. Außerdem ist es ein niedrigschwelliges und akzeptanzorientiertes Angebot. Das einzige Problem sind fehlende Gelder und Sozialwohnungen, wobei die Abschaffung von leerstehenden Gebäuden ein guter Anfang wäre. In Bremen war zunächst 2018 die Rede vom „Einfach Wohnen“ (Beering 2018), bei der es mehr Sozialwohnungen geben sollte. Diese Wohnungen sollten so einfach wie möglich sein und am Rande der Stadt erbaut werden. Es waren damit aber inhumane Wohnsituationen geschaffen wurden, was dem Ziel der Reintegration von obdachlosen Menschen entgegenwirkte. Bei der Fachkonferenz für „Einfach Wohnen“ in Bremen wurde von Volker Busch-Geertsema auch das Konzept von „Housing First“ angesprochen, was zunächst mehr Zuspruch von den anwesenden Streetworker*innen und Sozialarbeiter*innen fand. (vgl. Beering 2018)

(hier geht es zu einem Interview mit Volker Busch-Geertsema über „Housing First“ in Bremen)