{"id":69,"date":"2023-12-17T14:06:47","date_gmt":"2023-12-17T13:06:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/?p=69"},"modified":"2023-12-20T10:28:47","modified_gmt":"2023-12-20T09:28:47","slug":"der-zwoelfte-winter-sl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/2023\/12\/17\/der-zwoelfte-winter-sl\/","title":{"rendered":"Der zw\u00f6lfte Winter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">09-50-M1-T2: Tutorium 2 zu &#8222;Einf\u00fchrung in die Ethnologie&#8220; | Tutor: Ben Baumgarten | WiSe 2023 | Tabea Heimbucher | 6327112 | Assoziativer Text<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Im Grunde ein St\u00fcck Plastik, wei\u00df-schwarz, vielleicht so gro\u00df wie zwei meiner Daumen. Nicht sonderlich kalt oder warm, ich sp\u00fcre einzig diese k\u00fchl-schwitzige Wechselwirkung mit meiner Hand. Ein Blick l\u00e4nger und deine Farben werden viele, es glitzert und strahlt und funkelt und blinkt. Bewege ich dich, so tanzt helles Licht \u00fcber deine Oberfl\u00e4che und in bestimmten Winkeln leuchten da ganze Formationen von Regenbogenfarben. Die bunten Lichter scheinen aus dem Raum zwischen dem schwarzen und dem durchsichtigen Pl\u00e4ttchen zu kommen, wo bei genauerem Hinsehen eine Ansammlung winziger, ebenfalls durchsichtiger Zacken zu erkennen ist. Diese kleinen Pyramiden fangen wohl alles ein, was an Licht auf deine Oberfl\u00e4che trifft, und werfen Strahlen in die verschiedensten Richtungen zur\u00fcck. Zwei Nummern sind auf deinem \u00c4u\u00dferen eingraviert, Kombinationen von Buchstaben und Zahlen, und aus einer Seite tritt eine Halterung hervor; kleine Haken, eckig und rau. Vielleicht kann man dich damit an ein Fahrrad klemmen.Gerade ist das aber schwer vorzustellen, denn du liegst halt hier auf diesem Holztisch neben aufgerollten Kabelkopfh\u00f6rern und einer zerbeulten blauen Flasche.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-71 alignright\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-300x275.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-300x275.jpeg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-1024x938.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-768x703.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-1536x1407.jpeg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/zimtschnecken\/files\/3FA80739-1A00-4914-BA91-7F0D1E275CC2-2048x1876.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Elf Winter lang hat mir mein Vater gesagt, ich solle mich sch\u00fctzen. Elf Winter lang meine Mutter, ich solle mich sichtbar machen. Und elf Winter lang habe ich dich bei mir gehabt, an Taschen, Schuhen oder Jacken. Um im Dunkeln aufzufallen, um sicher zu sein. Daher kennen wir uns. Vielleicht h\u00e4tte ich dich auch f\u00fcr die anderen Jahreszeiten behalten sollen. Aber in den hellen Monaten hat mir niemand geraten, mich zu sch\u00fctzen, geschweige denn zu zeigen.\u00a0Manchmal sollte ich mich h\u00fcten oder auf mich aufpassen. Mich vorsehen oder mal melden. All das zu bewahren, was zu mir geh\u00f6rt, das hat mir aber keine geraten. Genauso wenig wie mich sichtbar zu machen. Viel eher waren da Jahre von Warnungen in die andere Richtung. Zu redselig, zu laut, zu provokant, zu viel, zu viel, zu viel. Ja, vielleicht w\u00e4rst du da ganz n\u00fctzlich gewesen, vielleicht sogar \u00e4hnlich \u00fcberlebenswichtig wie an all den d\u00e4mmrigen Winterabenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Im Fr\u00fchling vor drei Jahren war viel Sonne da. Aber die war im Garten und ich in meinem Zimmer. Mit nichts au\u00dfer mir und eigentlich nichtmal das wirklich. Der Rat, mich zu sch\u00fctzen, war vor der T\u00fcre geblieben, schon seit dem Winter lungerte er irgendwo unter der Decke. Ohne und doch irgendwie durch mein Zutun wurde ich immer sichtbarer, zumindest das kaputte in mir. Mutters Rat uminterpretiert. Vielleicht h\u00e4tte ich dich damals gebraucht. Dann h\u00e4tte ich mich zeigen und Schutz kriegen k\u00f6nnen, ohne dabei und daran zugrunde zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Heute war ich mit meinem Fahrrad bei diesem Jungen und an meinem Fahrrad sind Reflektoren. Bestimmt k\u00f6nnte ich dich mit deinen zwei Haken dazu klemmen. Vielleicht brauche ich dich aber gar nicht mehr. Denn da sind schon Reflektoren, eine silberne Lampe und ein rotes R\u00fccklicht, und ich bin ja zu ihm gefahren. Bin nicht in meinem Zimmer sitzen geblieben und in meiner Angst. Vielleicht br\u00e4uchte ich dich in meinem Kopf. Um mich vor mir selbst zu sch\u00fctzen. Vielleicht br\u00e4uchte ich auch meine Eltern, die mir dasselbe raten wie in all den Wintern, jetzt aber mit einer Allgemeing\u00fcltigkeit f\u00fcr das ganze Jahr und mein ganzes Wesen und mein ganzes Tun. Und vielleicht br\u00e4uchte ich deine Lichter in meinem Zimmer, tanzend und bunt und liebevoll, um darin zu versinken und zu flirren und zu wirbeln, elf weitere Winter lang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09-50-M1-T2: Tutorium 2 zu &#8222;Einf\u00fchrung in die Ethnologie&#8220; | Tutor: Ben Baumgarten | WiSe 2023 | Tabea Heimbucher | 6327112 | Assoziativer Text Im Grunde ein St\u00fcck Plastik, wei\u00df-schwarz, vielleicht so gro\u00df wie zwei meiner Daumen. Nicht sonderlich kalt oder warm, ich sp\u00fcre einzig diese k\u00fchl-schwitzige Wechselwirkung mit meiner Hand. 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