{"id":11,"date":"2025-05-09T22:28:02","date_gmt":"2025-05-09T20:28:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yorke\/?p=11"},"modified":"2025-05-09T22:28:02","modified_gmt":"2025-05-09T20:28:02","slug":"wenn-der-englischunterricht-zur-buehne-wird-zwischen-anerkennung-und-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yorke\/2025\/05\/09\/wenn-der-englischunterricht-zur-buehne-wird-zwischen-anerkennung-und-druck\/","title":{"rendered":"Wenn der Englischunterricht zur B\u00fchne wird \u2013 Zwischen Anerkennung und Druck"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich an meinen Englischunterricht zur\u00fcckdenke, f\u00e4llt mir als Erstes ein: Ich war immer die, die am meisten geredet hat. Ich habe mich st\u00e4ndig gemeldet, war immer aktiv und genau deshalb wurde auch sehr viel von mir erwartet. Eine bestimmte Lehrerin hat das besonders deutlich gemacht. Sie hatte hohe Erwartungen an mich und lie\u00df mich das auch sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich daran, dass ich oft den Druck gesp\u00fcrt habe, im Unterricht dauerhaft zu gl\u00e4nzen. Wenn ich mich mal etwas weniger gemeldet habe, wurde das sofort registriert. W\u00e4hrend es bei anderen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern kein Thema war, wenn sie eher ruhig blieben, wurde bei mir sofort hinterfragt, ob ich \u201enachgelassen\u201c habe. Ich hatte oft das Gef\u00fchl, dass von mir eine konstante Leistung erwartet wurde, fast wie ein Standard, den ich nie unterschreiten durfte.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr war, dass Englisch meine Muttersprache ist. Das wussten die Lehrkr\u00e4fte \u00a0und daraus entstand automatisch die Erwartung, dass ich immer perfekt sein m\u00fcsste. Ich durfte mir eigentlich keine Schw\u00e4chen erlauben, obwohl Lernen doch genau das braucht, dass man Fehler macht und daraus lernt.<\/p>\n<p>In der Vorlesung von Fischer und Giesler (2025) wurde das Thema \u201eSprachrichtigkeit\u201c als zentrales Spannungsfeld im Englischunterricht dargestellt. Es wurde kritisch hinterfragt, inwiefern das Ideal eines fehlerfreien Native Speakers Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler unter Druck setzen kann. Ich habe genau das erlebt. Ich war zwar in einer privilegierten Position, weil ich die Sprache flie\u00dfend sprechen konnte, aber gerade deshalb wurde meine Leistung nicht als normal, sondern als Ma\u00dfstab betrachtet. Fehlerfreies Sprechen wurde nicht nur erwartet, sondern vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Trotz des Drucks habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Besonders hilfreich war es, wenn Aufgaben individuell auf mich abgestimmt wurden. Gerade in den ersten Jahren war der regul\u00e4re Stoff f\u00fcr mich oft zu einfach. In solchen F\u00e4llen habe ich zus\u00e4tzliche oder erweiterte Aufgaben bekommen, die mich mehr gefordert haben. Auch in anderen F\u00e4chern wurde manchmal auf meine sprachlichen Voraussetzungen R\u00fccksicht genommen, indem mir Dinge erkl\u00e4rt oder \u00fcbersetzt wurden. Solche Formen der Anpassung habe ich als sehr hilfreich empfunden.<\/p>\n<p>Ich finde es wichtig, dass man auf die individuellen Lernvoraussetzungen von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern eingeht, ohne sie damit alleine zu lassen. Denn genau darin liegt laut Dose (2019) auch eine zentrale Herausforderung im inklusiven Englischunterricht: individuelle F\u00f6rderung darf nicht zu Ausgrenzung f\u00fchren, sondern sollte so gestaltet sein, dass alle Lernenden aktiv teilhaben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Vorlesung wurde das ebenfalls betont: Individualisierung kann dann inklusiv sein, wenn sie nicht in Vereinzelung endet, sondern gemeinsames Lernen weiterhin m\u00f6glich bleibt (vgl. Vygotskij 1987; Fischer und Giesler 2025). Ich sehe das genauso. Es bringt nichts, wenn jeder nur f\u00fcr sich lernt. Lernen braucht Austausch, vor allem im Fremdsprachenunterricht, der auf Kommunikation angewiesen ist.<\/p>\n<p>Was den Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz im Unterricht betrifft, da habe ich pers\u00f6nlich in der Schule noch keine Erfahrung gemacht. Privat habe ich aber zum Beispiel Duolingo benutzt. Ich finde, dass solche Tools sinnvoll sein k\u00f6nnen, vor allem um auf das eigene Lerntempo einzugehen. Aber ich denke auch, dass der Kontakt zu anderen und das gemeinsame Sprechen im Fremdsprachenlernen nie fehlen sollte. Technik kann unterst\u00fctzen, aber nicht ersetzen, was echte Interaktion leisten kann.<\/p>\n<p>Verwendete Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Dose, Jan (2019): Inklusiver Englischunterricht. Eine empirische Studie zum Status quo in der Sekundarstufe I. Wiesbaden: Springer.<\/li>\n<li>Vygotskij, Lew (1987): Ausgew\u00e4hlte Schriften. Band 2. Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit. K\u00f6ln: Pahl-Rugenstein.<\/li>\n<li>Vortrag: Fischer, Lea und Giesler, Tim (2025): Englischunterricht zwischen Selektion und Inklusion. Ringvorlesung \u201eHeterogenit\u00e4t in der Schule\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich an meinen Englischunterricht zur\u00fcckdenke, f\u00e4llt mir als Erstes ein: Ich war immer die, die am meisten geredet hat. Ich habe mich st\u00e4ndig gemeldet, war immer aktiv und genau deshalb wurde auch sehr viel von mir erwartet. Eine bestimmte Lehrerin hat das besonders deutlich gemacht. 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