{"id":163,"date":"2020-06-20T21:27:13","date_gmt":"2020-06-20T19:27:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yellowtransition\/?p=163"},"modified":"2020-06-20T21:28:21","modified_gmt":"2020-06-20T19:28:21","slug":"auswertung-von-aufstellungen-mit-struktur-ein-weg-zur-umgehung-des-selbstbestaetigungsdrangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yellowtransition\/2020\/06\/20\/auswertung-von-aufstellungen-mit-struktur-ein-weg-zur-umgehung-des-selbstbestaetigungsdrangs\/","title":{"rendered":"Auswertung von Aufstellungen mit Struktur: ein Weg zur Umgehung des Selbstbest\u00e4tigungsdrangs?"},"content":{"rendered":"<p>Bislang standen in unseren Fortbildungen zur Aufstellungsleitung im Vordergrund, Aufstellungen zu konzipieren und durchzuf\u00fchren. Das schnelle Gespr\u00e4ch \u00fcber die Erkenntnisse war am Ende meistens m\u00f6glich und schon ging es zur n\u00e4chsten Aufstellung. Das Bed\u00fcrfnis der Gruppe wuchs, sich einmal intensiver mit den Ergebnissen einer Aufstellung zu befassen. Unter Auswertung verstehe ich, aus einem Datenraum wertvolle Informationen zu holen. Der Datenraum, der durch eine Aufstellung entsteht, ist zumeist sehr voll: 90min Positionen und das dazu gesprochene Wort schaffen noch einmal mehr Daten als ein Gruppeninterview. Dies liegt unter anderen daran, dass Aufstellungen ein polykontexturales szenisches Interview eines Systems sind, in denen wir etwas \u00fcber jedes Element und seine Beziehungen in verschiedenen Kontexten erfahren k\u00f6nnen. Die vielen Daten wirken nicht nur auf Unge\u00fcbte etwas erschlagend und eine g\u00e4ngige Reaktion ist es, sich aus der Aufstellung das herauszusuchen, was die eigene Vorannahme eher best\u00e4tigt als widerlegt. Der Selbstbest\u00e4tigungsdrang von uns Menschen ist unglaublich hoch, auch bei Expert:innen.<\/p>\n<p>Strukturierte Auswertungen m\u00fcssen daher vor allem eines leisten: einen Weg anbieten, der den Selbstbest\u00e4tigungsdrang umgehen kann und die Beobachtenden an einen Punkt f\u00fchrt, von dem aus sie nicht nur das sehen, was sie immer sehen. Die Umgehung des Selbstbest\u00e4tigungsdrangs f\u00fchrt durch den Raum der Beschreibung: Lange und intensiv die Aufstellung wiedergeben, ohne den Daten eine Interpretation oder eine Bewertung hinzuzuf\u00fcgen. Der Beschreibungsraum ist anf\u00e4nglich ungem\u00fctlich, weil es gar nicht so einfach ist, die eigenen impliziten Bewertungen drau\u00dfen zu lassen. Wenn wir als Systembild beispielsweise eine Konstellation haben, in der die angefragten Elemente sich im Spannungsfeld von N\u00e4he und Distanz in der Nachcoronazeit rund um den Pol Distanz scharen, dann schickt die mentale Karte ganz schnell die Informationen: menschliche Distanz ist schlecht, N\u00e4he ist w\u00fcnschenswert und durch Corona entfernen sich die Menschen voneinander. Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch oder eine Gruppe sich erst einmal durch diese Bewertung hindurcharbeiten m\u00fcssen, um dann zu weitergehenden Reflexionen \u00fcber die Bedeutung von Distanz zu kommen. Bewertungen gar nicht erst in den Beschreibungsraum zu lassen, h\u00e4lt den Blick auf die Daten weiter und neugieriger. Schnelle Hypothesen und Bewertungen engen den Blick drastisch ein und befriedigen vor allem den Selbstbest\u00e4tigungsdrang.<\/p>\n<p>In der qualitativen Sozialforschung gibt es zahlreiche Hinweise und Vorgehensweise f\u00fcr ein methodisches Auswerten von qualitativen Daten. Gleichwohl thematisiert die Wissenschaft den Selbstbest\u00e4tigungsdrang in ihren Auswertungsprozessen eher selten. Dabei schl\u00e4gt der Selbstbest\u00e4tigungsdrang noch einmal zu, wenn es darum geht, aufbereitete Daten, beispielsweise durch eine Transkription in einer #Aufstellungspartitur, zu verdichten und Kerns\u00e4tze, Schl\u00fcsselpositionen und Metaphern auszuw\u00e4hlen, die relevant sein k\u00f6nnen. Entscheiden hei\u00dft nicht nur zu verzichten auf einen gro\u00dfen Teil der Daten, es hei\u00dft auch, erkenntnisreiche Daten auszuw\u00e4hlen. In diesen Auswahlprozess, der von Auswertenden in einem unbewussten Modus gemacht wird, setzt sich h\u00e4ufig der Selbstbest\u00e4tigungsdrang und implizite Intentionen durch, die von Glaubenss\u00e4tzen gesteuert werden. Nicht viel anders selektieren wir im Alltag auch aus der Vielfalt der Informationen diejenigen aus, die wir als n\u00fctzlich erachten.<\/p>\n<p>Auswertende in einem bewussten Modus kl\u00e4ren zuerst ihre wahrnehmungslenkenden Intentionen und gehen in eine erkundende Haltung, die vor allem eines leichter macht: eine Beobachtung als relevant und neu zu erkennen, die an sich irritierend ist, weil die eigene mentale Karte daf\u00fcr keinen Platz hat. Genau an dieser Stelle liegt dann der Vorteil einer Auswertung in der Gruppe. Bevor das individuelle Gehirn die M\u00f6glichkeit hat, in den Ja-aber-Modus zu gehen und eine Irritation durch bekannte Deutungen zu kontrollieren, k\u00f6nnen andere Gruppenmitglieder diese irritierende Information aufnehmen und im Ja-und-Modus stabilisieren und weiterdenken. Eine Gruppe, deren Mitglieder im Ja-und-Modus denken kann, ist in der Lage, Irritationen einen Raum zu geben und sie solange festzuhalten, bis Geistesblitze weitere Informationen senden. Genauso entsteht eine kokreative Energie und die Gruppe erzeugt Lernprozesse der Beteiligten, die ihnen eine dichtere und zugleich geschmeidigere mentalen Karte zeichnet.<\/p>\n<p>Diese und weitere Erfahrungen haben die Teilnehmenden des online-Fortbildungsseminar zur Auswertung von Aufstellungen vom 18. bis 20. Juni 2020 gemacht. Die Zeit war insgesamt zu kurz, um in den wittgensteinschen Modus\u00a0 zu kommen: Schaue, ohne\u00a0 zu denken! Oder wie es Otto Scharmer ausdr\u00fcckt: Beobachte, beobachte, beobachte! Ziel des Semiars war es, den Teilnehmenden die M\u00f6glichkeit zu geben, im Tun zu erkennen, dass wir im unbewussten Modus immer uns selbst auswerten. Eine weitere Erkenntnis stellte sich dann durch die Gruppe selbst ein, als sie eine Waldorfschule und einen \u00dcbergabeprozess einen kleinen Unternehmens in einer Aufstellung erkundete: Beide Systeme wiesen viele &#8222;Baustellen&#8220; auf, viel mehr als zu bearbeiten m\u00f6glich w\u00e4re. Und doch funktionieren die Systeme. Der Hinweis kam aus der Aufstellung selbst: Es m\u00fcssen nicht alle Baustellen\u00a0 bearbeitet werden, um weitere Entwicklungsschritte zu erm\u00f6glichen. Sie zu sehen und zu akzeptieren reicht aus, ganz im Sinne einer systemischen Haltung: Anerkennen, was ist! Leben als eine Ansammlung von offenen Baustellen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Thema Struktur! Es war vielleicht die Kombination der festen Zeitstruktur, die ein ZOOM-Meeting verlangt, mit dem Strukturvorschlag f\u00fcr Auswertungsprozesse von Aufstellungen (siehe Bild\u00a0 zum Blog), der zu erstaunlicher Fokussierung auf die Erkenntnisprozesse f\u00fchrte. In nachvollziehbaren Ordnungen arbeiten, befreit vielleicht das Gehirn von der Last, erst eigene Ordnungsmuster suchen und mit den anderen Gruppenmitgliedern abgleichen zu m\u00fcssen. Auf jeden Fall haben die Teilnehmenden in der Feedbackrunde immer wieder betont, wieviel Sicherheit und Gelassenheit ein Ordnungsangebot f\u00fcr einen komplexen Prozess vermitteln kann. Gleichwohl gilt auch hierf\u00fcr das Motto: Es k\u00f6nnte auch ganz anders sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bislang standen in unseren Fortbildungen zur Aufstellungsleitung im Vordergrund, Aufstellungen zu konzipieren und durchzuf\u00fchren. Das schnelle Gespr\u00e4ch \u00fcber die Erkenntnisse war am Ende meistens m\u00f6glich und schon ging es zur n\u00e4chsten Aufstellung. 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