{"id":131,"date":"2019-11-23T15:16:50","date_gmt":"2019-11-23T14:16:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yellowtransition\/?p=131"},"modified":"2019-11-23T15:16:50","modified_gmt":"2019-11-23T14:16:50","slug":"was-zeigt-der-upstalsboom-film-die-erzaehllinie-der-stillen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/yellowtransition\/2019\/11\/23\/was-zeigt-der-upstalsboom-film-die-erzaehllinie-der-stillen-revolution\/","title":{"rendered":"Was zeigt der Upstalsboom-Film? Die Erz\u00e4hllinie der &#8222;Stillen Revolution&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe den Film mit Studierenden nun zum zweiten Mal gesehen und dieses Mal hat er mich sehr tiefgehend erreicht. Ist beim ersten Mal haupts\u00e4chlich die Geschichte von Bodo Jansen als Eigent\u00fcmer der Hotelkette bei mir angekommen, habe nun jetzt f\u00fcr mich erfassen k\u00f6nnen, welche Metaerz\u00e4hlung und welcher Narrativ durch den Film verbreitet wird. Ich habe mich gerade im Kontext von Nachhaltigkeit und Transformation schon l\u00e4nger damit besch\u00e4ftigt, wie Erz\u00e4hllinien aussehen, die einer Botschaft eine umfassende Gestalt geben. Gerade weltver\u00e4ndernde Stories &#8211; so meine Erkenntnis &#8211; m\u00fcssen explizit auf ihren Bezug zu einer Metaerz\u00e4hlung und ihrem Narrativ eingehen. Der Text, in dem ich das entwickelt habe, ist unten angegeben.<\/p>\n<p>Es war der markante Hinweis einiger Mitarbeiter\/innen in einer Arbeitszufriedenheitsbefragung, dass sie sich einen neuen Chef w\u00fcnschen, der in all seiner Kr\u00e4nkung zugleich ein Erweckungserlebnis f\u00fcr Bodo Jansen gewesen ist. Er konnte anschlie\u00dfen an eine bereits laufende Entwicklung, die die gute Koordination von Menschen in Unternehmen nicht mehr als Wirkung von starker F\u00fchrung und Hierarchie sieht, sondern als eine Begegnung auf Augenh\u00f6he aller Unternehmensmitglieder unabh\u00e4ngig von Position und Arbeitsbereich. Begegnung auf Augenh\u00f6he und Wertsch\u00e4tzung der Mitarbeitenden ist eine der gro\u00dfen Metaerz\u00e4hlungen, die sich gerade im Kontext moderner Unternehmensf\u00fchrung verbreitet.<\/p>\n<p>Ich deute diese Metaerz\u00e4hlung als gro\u00dfe Bewegung, die den Menschen im grundlegenden Spannungsfeld insbesondere von erwerbswirtschaftlichen Unternehmen von der Positionierung im Nahebereich der Instrumentalisierung l\u00f6sen will und den ganzen Sowohl-Als-Auch-Raum zwischen Instrumentalisierung und Eigenwert \u00f6ffnet. Der Blick wird frei darauf, dass Mitarbeitende als Menschen immer auch einen Eigenwert haben und nicht alleine als Mittel zur Erreichung fremder Zwecke gesehen werden sollten. Immanuel Kant hat dies schon vor \u00fcber 200 Jahren als Teil seiner Ethik formuliert, dass Menschen niemals nur als Mittel angesehen werden d\u00fcrften, sondern immer auch als Zweck an sich. Ich \u00fcbersetze diese Idee in den grundlegenden Spannungsraum aller sozialer Systeme, in denen Menschen sich miteinander koordinieren, um einen Zweck zu erreichen. Soziale Systeme sind zweckbasierte Systeme und der Mensch ist daher immer in der Gefahr, als reines Mittel instrumentalisiert zu werden.<\/p>\n<p>Insbesondere in der sozialen Marktwirtschaft k\u00e4mpfen wir seit Jahrzenten gegen diese Tendenz und das weitgehend mit Arbeitnehmerschutzgesetzen. Dass diese Tendenz uns heute immer bewusster wird, liegt meines Erachtens daran, dass die volle Welt, die wir geschaffen hat, uns unsere Dilemmata immer deutlicher vor Augen f\u00fchrt: Der Wettbewerbsdruck zwingt immer mehr Unternehmen zu harten Effizienzma\u00dfnahmen, was letztlich hei\u00dft, nur die Kosten zu internalisieren, f\u00fcr die es gesetzlich erzwungen\u00a0 oder der moralische Druck sehr hoch ist. Jede weitere R\u00fccksicht auf Mensch und Natur wird nur dann genommen, wenn der Markt dies einfordert. Dahinter steht ein Win-Win-Zwang, der letztlich bedeutet, dass nur dann R\u00fccksicht genommen wird, wenn es sich rechnet. Dieser Glaubenssatz, der sehr hilfreich war, um leistungsf\u00e4hige Systeme zu schaffen, ist in vielen K\u00f6pfen der Wirtschaft inzwischen so sehr eingebrannt, dass es letztlich normal ist, rethorisch Werte f\u00fcr mehr Gewinn zu instrumentalisieren. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass Werte nicht f\u00fcr mehr Gewinn instrumentalisiert werden k\u00f6nnen, schon allein deshalb nicht, weil wir davon ausgehen m\u00fcssen, dass Werte nur dann echte Werte sind, wenn sie generalisierbar sind (Kant l\u00e4sst noch\u00a0 mal gr\u00fc\u00dfen). Wir wollen, dass alle Unternehmen und Menschen R\u00fccksicht nehmen in der Art, wie sie ihre Zwecke erreichen. Wenn es also alle tun, dann gibt es auch keinen Wettbewerbsvorteil mehr f\u00fcr das r\u00fccksichtsvollere Verhalten und die Idee der Win-Win-Hypothese kollabiert.<\/p>\n<p>Der Film \u00fcber die stille Revolution des Unternehmens wagt sich meiner Beobachtung nach auch nicht offen an dieses Thema heran: Der Narrativ, der meiner Ansicht nach nicht mutig zu Ende erz\u00e4hlt wird, ist die Neupositionierung im Spannungsfeld von Gewinn und Werten. Zu h\u00e4ufig lauten in dem Film durch sehr verschiedene Expert\/innen ausgedr\u00fcckt die Bew\u00e4ltigungsformeln: Mehr Augenh\u00f6he gleich mehr Wertsch\u00e4tzung gleich mehr Leistung gleich mehr Gewinn. Im Sinne von Spiral Dynamics bleiben die Befragten noch mit beiden F\u00fc\u00dfen im orangen Leistungsprinzip stehen, dehnen sich gleichwohl auf die n\u00e4chste, gr\u00fcne Bewusstseinsstufe aus und leben den Dialog und die Wertsch\u00e4tzung. Ich bin der Meinung, dass es sehr wichtig ist, dieses zu tun und m\u00f6glichst lange durchzuhalten, bis es in den vielen Entscheidungen des Unternehmensalltags f\u00fcr alle normal geworden ist die Frage zu stellen, ob Wertorientierung auch etwas kosten darf und folglich die Gewinne niedriger ausfallen. Wenn es f\u00fcr diesen Trade-off zwischen Gewinn und Wertverfolgung eine Legitimation durch die F\u00fchrungskr\u00e4fte und die Eigent\u00fcmer\/innen gibt, dann ist die n\u00e4chste Komplexit\u00e4tsbew\u00e4ltigungsstufe erreicht: das logisch unvereinbare darf besprochen werden und aus dem &#8222;Gewinn oder Werte&#8220; wird ein &#8222;Gewinn und Werte&#8220;. Das klingt banal, ist aber f\u00fcr ein erwerbswirtschaftliches Unternehmen gar nicht einfach zu leben. Welche Komplexit\u00e4tsbew\u00e4ltigungsstufe erreicht ist, zeigt sich in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Welche Werte f\u00fcr viele werden aufgegeben, um Gewinne f\u00fcr wenige zu erhalten?<\/p>\n<p>Literatur zum Konzept einer Erz\u00e4hllinie:<\/p>\n<p><strong>M\u00fcller-Christ, G. <\/strong>(2017): Wirtschaftswissenschaftliche Transformation als Bildungsaufgabe. Nachhaltigkeits-Narrative neu erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. In: Pfriem, R. u.a. (Hrsg.): Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Marburg, Metropolis-Verlag, S. 397-420<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe den Film mit Studierenden nun zum zweiten Mal gesehen und dieses Mal hat er mich sehr tiefgehend erreicht. 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