Teilnehmende Beobachtung: ICE Ruheabteil

Bei der Einfahrt des ICE am Hauptbahnhof in Hannover kommt allgemeine Hektik auf. Der Zug nach Frankfurt am Main hat eine Verspätung von ca. 25 min und fährt nun unmittelbar vor dem Folgezug nach München am selben Gleis. Dies sorgt dafür, dass, obwohl anhand der Anzeigetafel gut erkennbar, einige Menschen nicht wissen, welchen der beiden Züge sie nehmen müssen.

Der ICE hält und die Türen öffnen sich. Als eine Schaffnerin aussteigt, wird sie direkt von einer Gruppe älterer Frauen angesprochen: „Ist das der Zug nach München?“. Auf die unhöflich gestellte Frage folgt ein gereiztes „Nein“.

Der Zug ist sehr voll und da sich in den engen Gängen die Menschen stauen bleibe ich erst einmal stehen bis die Mehrheit einen Sitzplatz gefunden hat. Eine junge Frau setzt sich sichtlich genervt auf den Boden, obwohl es im Wagen rechts von mir noch vereinzelte freie Plätze gibt.

Ich setzte mich an einen der vier Plätze um einen Tisch in der Mitte des Wagons. Rechts von mir, am Fensterplatz, sitzt ein älterer, schlecht rasierter Herr mit leicht zerzausten weißen Haaren und einer runden Brille. Er trägt einen dunkelblauen Wollpullover und einen braunen Schal. Mir gegenüber sitzt eine Frau in ähnlichem Alter, ich schätze beide auf ungefähr Mitte 60. Sie hat kurzes graues Haar, eine sehr spitze Nase und trägt ein einfaches, hellgraues Oberteil. Am Tisch zu meiner linken, auf der anderen Seite des schmalen Ganges, sitzen zwei jüngere Frauen, schätzungsweise Mitte zwanzig. Beide haben Kopfhörer auf und sind mit ihrem Smartphone beschäftigt.

Der Zug fährt bereits seit ca. Zehn Minuten und mir fällt auf, dass ich mich in einem Ruheabteil niedergelassen habe, was mich jedoch nicht weiter stört. Tatsächlich unterhält sich niemand und es sind fast ausschließlich die Geräusche des Zuges zu hören. Ein durchgehendes, leises Summen und Rauschen, dass hin und wieder von Quietschen oder Rattern unterbrochen wird. Die von Menschen erzeugten Geräusche beschränken sich lediglich auf das Rascheln von Zeitungen oder Verpackungen aus Plastik, sowie das ungewöhnlich laute Atmen und die gelegentlichen Seufzer meines Sitznachbarn. Dieser liest in dem kleinen Reiseplan, der jeden Halt des Zuges, sowie mögliche Anschlusszüge auflistet. Hin und wieder schiebt er seine Brille auf den Kopf und blickt für ein paar Minuten aus dem Fenster, obwohl es draußen dunkel ist. Die Frau mir gegenüber tut nichts, außer mit nachdenklichem Blick in den Gang zu schauen und ab und zu ihre Hände aneinander zu reiben.

Es vergeht ungefähr eine Viertelstunde ohne das etwas Erwähnenswertes passiert, dann kommt der Schaffner und bittet um die Fahrscheine der Zugestiegenen. Als unser Tisch an der Reihe ist und mein Sitznachbar sein Ticket vorgezeigt hat, weist er den Bahnangestellten noch daraufhin, dass es sich bei dem kleinen Heftchen auf dem Tisch, welches er seit über einer Viertelstunde studiert, um den Reiseplan für einen anderen ICE handelt. Der Schaffner zeigt kein wirkliches Interesse an dieser Information und wendet sich der unauffälligen Frau mir gegenüber zu, die ihn nach dem Grund unserer Verspätung fragt. „Personen auf dem Gleis“, entgegnet dieser. Ein paar Minuten nach der Fahrscheinkontrolle schläft mein Sitznachbar ein und beginnt leicht zu schnarchen.

Wir erreichen Göttingen und einige Menschen steigen aus. Der Platz mir gegenüber wird frei und ich kann meine Füße ausstrecken. Am Tisch gegenüber sitzt nun nur noch eine der beiden jungen Frauen. Mittlerweile beschäftigt sich diese, neben ihrem Smartphone, auch noch mit ihrem Laptop sowie einem Buch. Zwei junge Männer, die offensichtlich zusammen reisen, kommen an uns vorbei und bleiben stehen um sich, nach einem kurzen fragenden Blick, gegenüber der Frau zu setzten. Beide tragen ein Hemd und haben ein offenes Bier in der Hand. Außerdem stellen sie eine Flasche Weißwein und zwei Pappbecher auf den Tisch. Der ältere Herr zu meiner rechten seufzt im Schlaf laut auf woraufhin sich die Männer mit den Bieren schmunzelnd anschauen. Einer der beiden fängt an zu lachen und nachdem sie, kurze Zeit später, realisiert haben, dass sie sich in einem Ruheabteil befinden, stehen sie auf und verlassen den Wagon.

Das Schnarchen wird mit der Zeit immer lauter doch es scheint, als würde sich niemand daran stören. Ich selbst bin froh, dass der Mann nun schläft, da ich mich, seit ich begonnen habe mir Notizen, seltsam beobachtet gefühlt habe. Ich wollte nicht, dass er bemerkt, dass ich über ihn Schreibe und so gab ich mir Mühe besonders schnell und unleserlich zu schreiben.

Interaktionen von Menschen werden hier im Ruheabteil auf ein Minimum reduziert und lassen den Wagon eher wie ein Wartezimmer wirken.

Durch das intensive Beobachten des Geschehens bekommt die Situation für mich einen kurzweiligen Charakter und ich bin überrascht, als ich die Durchsage zum baldigen Halt in Kassel höre. Eine Stunde im Fernzug die, aufgrund einiger Details, recht amüsant war und trotz der, auf den ersten Blick sehr langweiligen Situation deutlich schneller vorüberging als ich es erwartet hätte.

2 Gedanken zu „Teilnehmende Beobachtung: ICE Ruheabteil“

  1. Hallo Yannic,
    richtig gut geschrieben! Obwohl nicht viel passiert ist, war es spannend zu lesen und du hast gut beschrieben was um dich rum passiert ist. Wenn du deine teilnehmende Beobachtung im Seminar auch so schreibst, wird die super.
    Versuch dir vielleicht noch mehr Gedanken zu dein jeweiligen personen zu machen. Du kannst dir Geschichten ausdenken (Wo kommen sie her? Wer sind sie? Wie stehen sie vielleicht miteinander in Verbindung? usw.).
    LG Janik

  2. Hey Yannic, da kann ich mich Janik nur anschließen.
    Es macht viel Spaß deinen Beitrag zu lesen und ich finde, du hast die vielen verschiedenen Charaktere, die in dem Zugabteil auftreten gut in Szene gesetzt. Gerade dein verwirrt scheinender Nachbar scheint ein recht komischer Kauz zu sein. Ich bin echt gespannt wie wohl seine weitere Reise verlaufen ist.
    Hau rein!
    Hero

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.