Von (tier)gerechter Mode. (Autorin: Lidia Cortina)

„The greatness of a nation and ist moral progress can be judged by the way ist animls are treated.“ – Mahatma Gandhi

Kleider aus Tieren

Kleider machen bekanntlich Leute. Und Tierhäute und Felle sind ja schon seit der Steinzeit angesagt. Deswegen tragen die Leute auch heute sie.

Ja, Tierkörper gelten leider immer noch als verdinglichte Kulturgüter und als gängige, sogar gesellschaftlich anerkannte Rohmaterialien der Mode-, und Textilindustrie.
Zu ihnen gehören im Wesentlichen: Leder, Pelz, Wolle, Daunen und Seide.

Und nicht nur in Textilien, sondern auch in vielen alltäglichen Gebrauchswaren wie Kosmetik- oder Putzmitteln können sich tierische Bestandteile, zum Beispiel aus Haut, Fell, Knochen, Federn, Borsten, Sehnen, Blut, Milch oder Fisch verbergen, ohne dass uns dies bewusst sein muss. Denn der weltweite Handel mit Tierkörpern boomt nach wie vor. An dieser Stelle bietet es sich an, Problematiken dieses „tierischen“ Geschäfts unter die Lupe zu nehmen.

Mode und Massentierhaltung

Die Umstände, in denen Industriewaren tierischer Herkunft für die Textilbranche erzeugt und verarbeitet werden, geben jeden Anlass dazu, unsere Kultur des Massenkonsums zu hinterfragen.
Wenn es sich um intensive Tierhaltung handelt, kann mit Sicherheit gesagt werden, dass diese eine enorme Herausforderung bei der umweltpolitischen Bewältigung gesellschaftlich-ökologischer Konflikte darstellt.
Denn dass die globale Viehhaltung einen signifikanten Anteil unserer natürlichen Lebensgrundlagen wie Böden und Grundwasser verbraucht und vergiftet und zum Anstieg der Durchschnitttemperatur der Atmosphäre und der Meere beiträgt, steht von wissenschaftlichem Standpunkt aus längst außer Frage. In der 2014 erschienenen Dokumentation „Cowspiracy: The Sustainability Secret“ verdeutlicht Filmemacher Kip Andersen in alarmierender Art und Weise, dass der Zerstörung von gesamten Ökosystemen und Lebensräumen, die für den Futteranbau und für die Viehhaltung vernichtet werden, durch den weltweiten Massenkonsum tierischer Produkte keine Grenzen mehr gesetzt scheinen.

Hier den Link zur Website des Films: www.cowspiracy.com

In diesem Zuge sollten wir auch unser Modebewusstsein hinterfragen, denn artwidrige und umweltschädigende Tierhaltung wird nicht nur zur Fleisch-, Milch- und Eierproduktion betrieben, nein, sie stellt letztlich auch einen enormen Profit für die Bekleidungsindustrie dar. Täglich werden im Namen unserer Garderobe Tierarten wie Rinder, Gänse, Ziegen, Schafe, aber auch Nerze und Marder in Gefangenschaft gehalten, gequält und teilweise leider ohne Betäubung getötet. Körper dieser sogenannten „Nutztiere“, die in Deutschland nach §90a als Sache gelten, werden massenweise ex- und importiert, damit sie zu todschicker Mode weiterverarbeitet werden können.

Leder goes global: Umweltkriminalität am Beispiel der Billiglederindustrie

Die weltweite Ledernachfrage kommt der Nutztierindustrie mehr als zugute. Die beiden Branchen ergänzen sich hervorragend, sie sind eng miteinander verwoben. Nicht umsonst ist der größte Fleischproduzent der Welt, der brasilianische Konzern JBS, auch der größte Lederproduzent der Welt.
Unprofitabel gewordene Milchkühe aus der Lebensmittelindustrie werden genau wie ihre Kälber, nur zu niedrigeren Preisen, im Namen der Mode geschlachtet. Nicht nur ihr Fleisch, auch ihre Haut ist ein Milliardengeschäft.

Opfer der Leder- und Lederverarbeitungsindustrie sind zum Beispiel Rinder, Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde, Fische und Reptilien.

Als Leder bezeichnet man durch chemische Gerbverfahren haltbar gemachte Tierhäute, die zu Taschen, Schuhen, Gürteln, Geldbörsen, Satteln und Sitzgarnituren weiterverarbeitet werden.

Lederwaren gelten als kulturelle Modeobjekte und haben eine lange Tradition. Heute haben sie vor allem einen langen Weg hinter sich.
In Deutschland gab es im Jahr 2014 nur noch 18 Betriebe, die Leder hergestellt haben. Gleichzeitig betrug ihr Exportanteil in demselben Jahr mehr als 65%.
An dieser Stelle sollten wir potenziellen Käufer*innen uns fragen, woher dann das Leder stammt, das in Deutschland vermarktet wird.
Mit der Globalisierung und Liberalisierung der Märkte hat die Lederindustrie seit dem letzten Jahrhundert einen erheblichen Strukturwandel erfahren. Viele europäische Hersteller verlagerten ihre Produktionsstätten in Niedriglohnländer, um so billig wie nur möglich produzieren zu können. Sie nennen das Offshoring. Andere Unternehmen stellten die Produktion komplett ein, denn sie sparen Arbeit und vor allem Geld, wenn sie das Leder direkt aus dem Ausland aufkaufen. Denn in vielen Billiglohnländern wie Bangladesch, China und Indien existieren kaum Umweltauflagen. Allein Chinas Anteil an der weltweiten Lederproduktion betrug im Jahr 2014 fast 30%.
Leider ist das Ledergeschäft für Verbraucher*innen höchst intransparent, nicht zuletzt, weil sich Produktionsketten über ganze Kontinente und Weltmeere hinaus erstrecken. Nur weil ein Endprodukt „Made in Europe“ ist, sagt dies nichts über die Herkunft seiner Materialien und seinen ökologischen Fußabdruck aus.

Kann ein Lederschuh 20 Euro kosten? Mit dieser Frage beschäftigt sich Manfred Karremann in seiner 37˚ ZDF-Reportage „Gift auf unserer Haut“ und verdeutlicht sehr gut, wie das Business der Billiglederproduktion in Bangladesch funktioniert und welche umweltverheerenden und gesundheitsgefährdenden Auswirkungen es mit sich bringt.
Der lange Weg, den unsere Lederwaren hinter sich haben, wird darin sehr gut veranschaulicht: vom Rind aus Indien, über seine Schlachtung in Bangladesch bis zur Ledermesse in Bologna, wo die Endprodukte zelebrierend zur Schau gestellt werden. Unter anderem werden durch den Beitrag die Lebens- und Tötungsbedingungen der Rinder dokumentiert. Und nicht nur die Qual der aus Indien illegal importierten Kühe, auch die hochchemischen Gerbungsprozesse geben Arbeiter*innen und nächstgelegenen Gewässern Grund zur Sorge.
Bei solch qualitativ schlechten, unsachgemäßen Bedingungen während der Chromgerbung (das meist angewendete Gerbverfahren) kann die kanzerogene und erbgutschädigende Substanz Chrom VI entstehen. Kein Wunder, dass das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Jahr 2014 Untersuchungen veröffentlichte, bei denen Rückstände von Chrom VI in Lederwaren vorgefunden wurden. Stiftung Warentest publizierte eine ähnliche Studie, in der die Chrom VI-Grenzwerte in Kinderschuhen, Arbeitshandschuhen und Armbanduhren überschritten wurden. Es handelte sich hierbei um Lederprodukte, unter anderem von Marken wie Deichmann, Reno, Rossmann und Kangoroos.

Weiterführende Informationen gibt es hier:
www.test.de/Chrom-VI-in-Leder-Immer-noch-ein-Risiko-4560494-4560504/
www.bcl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/01_FuerJournalisten_Presse/01_Pressemitteilungen/01_Lebensmittel/2015/2015_11_23_PI_Jahrespressekonferenz_2015.htmlßmm=1401276

Diese Tatsachen sollten uns als potenzielle Käufer*innen alarmieren, denn sie zeigen auf, dass deutliche Gesundheitsrisiken mit dem Tragen dieser Materialien verbunden sind. Vor allem machen sie aber deutlich, wie wichtig bewusstes Kaufverhalten ist und warum wir über Umweltschutz, Tierleben und nicht zuletzt über unsere eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen mitbestimmen können, wenn wir Materialien wie Billigleder aus Niedriglohnländern boykottieren.

Slow Fashion

Das Modebusiness ist auf Neuheiten ausgerichtet und auf Massenproduktion angewiesen. In den vergangenen Jahrzenten wurde so viel Kleidung produziert, dass wir als Verbraucher*innen privilegiert sind, das Gekaufte sogar wieder zur Altkleidertonne zu bringen, weil wir gar nicht mehr wissen, wohin damit. Aber weil wir eben nicht mehr auf neue Produkte angewiesen sind, können wir unseren allgemeinen Konsum verlangsamen, indem wir gebrauchte Waren kaufen, die bei ihrem vorherigen Besitzer keinen Zweck mehr erfüllen. Als verantwortungsbewusste Variante zum Neukauf erscheint mir Second-Hand-Kleidung zum Beispiel aus Flohmärkten oder Kleidertauschparties. Natürlich können wir auch hier die Herkunft der Waren hinterfragen. Und dies nicht nur bei Textilien tierischer Herkunft, sondern auch bei Kunstfasern. Denn beim Tragen, Waschen und Entsorgen von qualitativ minderwertigen Kunstfasern können Gesundheits- und Umweltrisiken entstehen, man denke dabei an das Mikroplastik in Polyester, Elasthan oder Nylon.
Der Neukauf von veganen Textilien beispielsweise aus Hanf oder Baumwolle bietet sich nur dann an, wenn sie so transparent, fair, ökologisch und so regional wie nur möglich produziert wurden.

Wenn wir uns bewusst werde, dass Umwelt-, Tierschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verwoben sind, können wir durch unsere Kauf- oder eben Nicht-Kaufentscheidungen globalen Missständen, wie dem unnötigen Leiden der Nutztiere, ein Ende setzen. Um tierleidfreie und/ oder faire Mode erkennen zu können, versichern Hersteller durch Siegel und Labels wie die Veganblume, das PETA-Approved Vegan Logo oder das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), dass sie gewisse Bedingungen der Nachhaltigkeit erfüllen, die es sich immer lohnt, zu überprüfen.

Eine allgemeine Definition von Nachhaltigkeit wäre für mich, die eigene Zufriedenheit nicht auf dem Unglück anderer Lebewesen und zukünftiger Generationen aufzubauen.

Ein Denkanstoß: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe tragen

Ein gesellschaftlich-ökonomischer Wertewandel kann nur erfolgen, wenn wir uns von allen konditionierten Konsumgewohnheiten befreien und unsere Nachfrage nach tierischen Produkten reduzieren oder gar einstellen.
Die Entscheidung, tierische Erzeugnisse abzulehnen, resultiert aus einem Mitgefühl gegenüber nichtmenschlichen Tieren, aber vor allem aus einem universalen Respekt vor der Würde des Lebens.
Eine nachhaltige und gerechte Lebensform für Mensch, Tier und Natur stellt der Veganismus dar, der in Deutschland eine steigende Tendenz erfährt und Individuen dazu animiert, gesellschaftlich akzeptierte Gewohnheiten in Frage zu stellen.

Für Interessierte: Über Motive einer veganen Lebensweise informiert in sehr ausführlicher Form die Website www.provegan.info .

Eine sozialwissenschaftliche und ebenso empfehlenswerte Einführung in die Thematik veröffentlichte die Psychologin Melanie Joy in ihrem Buch „Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows – an Introduction to Carnism“. Die Kernaussage der Autorin ist, dass ein unsichtbares Glaubenssystem existiert, das uns je nach Kultur dazu konditioniert, eine begrenzte Anzahl von Tieren als „essbar“ wahrzunehmen und ihre Tötung als gerechtfertigt anzusehen. Durch Traditionen, Institutionen und Werbung würden Praktiken der industriellen Nutztierindustrie verinnerlicht und nicht weiter hinterfragt werden. Wir stellen also fest, dass nicht allein der Veganismus sondern auch der Konsum von tierischen Produkten ein Statement setzt und mit einer selten explizierten, weil zur Selbstverständlichkeit erklärten ideologischen Einstellung des gesellschaftlichen Mainstream korreliert, die Joy als Karnismus bezeichnet.
Was durch Joys Aufklärungsarbeit bewusst wird, ist die Tatsache, dass es uns an Rechtfertigung fehlt, wenn es um die Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren geht, sei es für die Nahrungsmittelindustrie oder eben für die Modebranche. Die strukturelle Ausbeutung von nichtmenschlichen Lebewesen, die auf der Nachfrage und dem Konsum tierischer Produkte basiert, wird in der Fachliteratur als Speziezismus bezeichnet. Dieser weist Parallelen mit anderen Unterdrückungsmechanismen auf, die zwischen Menschen bestehen und ist vergleichbar mit Sexismus-Debatten und Theorien aus der Rassismusforschung. Durch die Diskriminierung von Andersartigen, in diesem Fall von nichtmenschlichen Spezies, die wir unter dem Begriff „Tiere“ zusammenfassen, versuchen wir, uns abgrenzend zu definieren. Gleichzeitig ermächtigen wir uns dazu, ihre Körper zu verdinglichen, die sich doch biologisch betrachtet kaum von unseren eigenen unterscheiden, auch was das Schmerzempfinden angeht. Dass wir von tierischem Leid umgeben sind, steht außer Frage, doch es wird als Normalität, ja sogar als Notwendigkeit hingenommen. Tiertransporte und Massenschlachtungen finden überall um uns herum statt, nur nicht vor unseren Augen. Nur indem wir anfangen, diese „karnistisch“ geprägten Gewohnheiten auf Werte wie Solidarität und Nachhaltigkeit zu prüfen und anzuzweifeln, können wir Verantwortung für unsere nichtmenschliche, lebendige Um- und Mitwelt übernehmen. Wir sind gefordert, den herrschenden Tier-Mensch-Dualismus in jeder seiner Ausprägungen zu hinterfragen!

Zum Weiterschmökern: Bücher und Fachliteratur

Foer, Jonathan Safran (2009): Eating Animals. Back Bay Books: New York.
Joy, Melanie (2010): Why we love dogs, eat pigs and wear cows: An Introduction to. Carnism. Coneri Press: San Francisco.
Wohlleben, Peter (2016): Das Seelenleben der Tiere: Liebe, Trauer, Mitgefühl- erstaunliche Blicke in eine verborgene Welt. Ludwig Buch Verlag.
Hastedt, Sabine (2011): Die Wirkungsmacht konstruierter Andersartigkeit. Strkturelle Analogien zwischen Mensch-Tier-Dualismus und Geschlechterbinarität. In: Chimaira-Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hrsg.): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen.
Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. In: Pfau-Effinger, Birgit; Buschka, Sonja (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere. Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis. Wiesbaden: Springer, S. 97-119.
Dispan, Jürgen; Stieler, Sylvia (2015): Leder- und Schuhindustrie: Branchentrends und Herausforderungen. Heft 3/2015. Stuttgart: IMU Institut.

Text von Lidia Cortina
Universität Bremen – Kulturwissenschaft
Kulturelle Praxen um Kleidung und Design in Zeiten von Nachhaltigkeit

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