Die kognitiven Dimensionen von Lernerfolg: „Intelligenz vs. Vorwissen“

  1. Erläutern Sie den Einfluss von Intelligenz und Vorwissen auf den Lernerfolg. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Heterogenitätsdimensionen? Was muss man tun, um ihren jeweiligen Einfluss empirisch zu untersuchen? Und was bedeuten die Befunde für Schule und Unterricht?‘

    Bevor wir uns dieser Frage widmen können, müssen wir uns überlegen was Intelligenz überhaupt bedeutet und wie dieser Begriff in unserer heutigen Zeit verstanden wird. So lautet eine mögliche Definition: „Intelligenz umfasst diejenigen geistigen Fähigkeiten, die sowohl zur Anpassung an die Umwelt als auch zu deren Selektion und Veränderung nötig sind“. (Sternberg, 1997, S. 1030, Übers. vo. Verf.). Weiterhin unterteilt Sternberg die Intelligenz in seiner triarchischen Intelligenztheorie in drei Intelligenzen:
    1. Die analytische Intelligenz
    2. Die kreative Intelligenz
    3. Die praktische Intelligenz
    Howard Gardner geht noch einen Schritt weiter und unterteilt den Begriff Intelligenz in acht unabhängige Intelligenzen:
    1. Die sprachliche Intelligenz
    2. Die logisch-mathematische Intelligenz
    3. Die musikalische Intelligenz
    4. Die räumliche Intelligenz
    5. Die körperliche-kinästhetische Intelligenz (klug in Bezug auf den Körper)
    6. Die intrapersonale Intelligenz (klug in Bezug auf die eigene Person)
    7. Die interpersonale Intelligenz (klug in Bezug auf andere Personen)
    8. Die naturbezogene Intelligenz (Meyers, 2014, S. 400, Lehrbuch Psychologie)

    Es würde den Rahmen des Blogeintrages sprengen auf jeden einzelnen Punkt einzugehen. Die Beispiele sollen lediglich verdeutlichen, dass es sich bei „Intelligenz“ um einen vielschichtigen und und schwierig zu erfassenden Begriff handelt, der viel Raum für Interpretationen und Theorien liefert. Der Einfachheit halber beziehe ich mich im Folgenden auf die oben genannte Defintion nach Sternberg.

    Ein weiterer Begriff, den wir besprechen wollen, ist das Vorwissen. Als Vorwissen werden die spezifischen Kenntnisse und Fertigkeiten, die Personen mitbringen, bevor sie an eine bestimmte Aufgabe herangehen. Beide Begriffe fallen in den Bereich der kognitiven Dimension.

    Empirische Befunde legen nahe, dass das Vorwissen auschlaggebender für den schulischen Erfolg ist. In einer Studie von Schneider, Körkel und Weinert aus dem Jahre 1989 wurde 500 SuS aus den Klassenstufen 3, 5 und 7 eine Fussballgeschichte, welche Auslassungen und Widersprüche enthielt, vorgestellt. Diese sollte anschließend wiedergegeben werden
    (Folie 23). Die Studie zeigt, dass die SuS mit mehr Vorwissen wesentlich bessere Leistungen beim Nacherzählen erzielten als SuS, die kein entsprechendes Vorwissen besaßen. Die Unterschiede zwischen SuS mit hohem beziehungsweise niedrigerem IQ waren hingegen nicht signifikant. Dies legt die Vermutung nahe, dass erworbenenes Wissen die bedeutsamste Vorraussetzung für den Erwerb von neuem Wissen ist. Also je mehr Vorwissen vorhanden ist, desto einfacher kann neuer Lernstoff in bedeutungsvoller Weise in die vorhandenen Strukturen integriert werden. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, aber sollte dennoch nicht zu dem Trugschluss führen, dass die Intelligenz der SuS keine Auswirkungen auf ihre schulischen Leistungen hat. Wichtig ist hierbei das Zusammenspiel dieser beiden Begriffe. „Intelligenz alleine nützt nichts, wenn man nicht über das Wissen verfügt, wie man nutzen daraus ziehen kann. Wissen allein nutzt ebensowenig, wenn man nicht di Intelligenz besitzt, es weise einzusetzen.“ (Folie 27). Für Schule und Unterricht bedeutet dies, dass mangelndes Vorwissen explizit angegangen werden sollte, da dies für den Lernerfolg der SuS am wichtigsten ist. Des Weiteren sollte dies dafür sensibilisieren, dass SuS mit mangelhaften Leistungen nicht zwangsläufig minder intelligent sind und durch Förderung und gezieltes Lernen deutlich bessere Ergebnisse erzielen könnten.

  2. Einige Befunde der heutigen Sitzung waren für Sie möglicherweise überraschend. Oder Sie sehen einige der Forschungsergebnisse kritisch in Bezug auf Schule und Unterricht. Welche (Forschungs-)Fragen ergeben sich daraus (z.B. für Ihr nächstes Praktikum)? Und wie können Sie diese Fragen beantworten?

    Für mich war es in der Tat eine große Überraschung zu hören, dass das Vorwissen für den schulischen Erfolg eine größere Rolle spielt als die Intelligenz. Vorallem die daraus resultierende Aussage, dass allgemeine Bildung für den späteren Erfolg wichtiger sind, als Begabung oder Talent, fand ich sehr interessant. Auch die damit einhergehende Erkenntnis, dass die Leistungen der SuS aus den Vorjahren eine zentrale Rolle spielen erachte ich als wichtig.

    Meine Forschungsfrage lautet daher: Ist es sinnvoll im Unterricht ähnliches bzw. gleiches Vorwissen vorauszusetzen oder wäre es dann nicht zielführender, dass alle SuS selbständig und lediglich unter Aufsicht, basierend auf ihrem Vorwissen, Aufgaben bearbeiten?

    Ich denke die Frage ist relativ eindeutig mit „Ja“ zu beantworten, da diese Art der individuellen Förderung jedem SuS sein eigenes Lerntempo zugestehen würde und vorhandene Defizite im Vorwissen unabhängig von der Jahrgangsstufe ermöglichen würde. Jedoch ist hierbei die Frage, ob so ein Konzept mit heutigen zur Verfügung stehenden monetären Mitteln tragbar wäre.

  3. Am Ende des Vortrags wurden zwei verschiedene Adaptionsmodelle (Weinert, 1997; Leutner, 1992) dargestellt. Finden Sie zu jeder der in den Modellen genannten Reaktionsmöglichkeiten bzw. Adaptionsformen Praxisbeispiele.

    1. Adaptionsmodell nach Weinert von 1997:

    Passiv:
    Hierbei ignoriert die Lehrkraft die Heterogenität der Lerngruppe und die damit einhergehenden Schwächen und Stärken der SuS. Der Unterricht orientiert sich am Leistungsdurchschnitt der SuS. In der Praxis bedeutet dies, dass die Lehrkraft kaum differenzierte Aufgaben anbietet und versucht diese an das Mittelmaß der SuS anzupassen.

    Substituitiv:
    Bei der substituitiven Reaktionsform wird versucht die SuS an den Unterricht anzupassen und nicht den Unterricht an die SuS. Es wird also versucht eine „Homogenisierung“ der Lerngruppe durchzuführen. In der Praxis lässt sich dies in der Aufteilung in die Schulformen sehen, oder auch in einer Aufteilung der SuS in sogenannte E- und G-Kurse.

    Aktiv:
    Diese Reaktionsform passt den Unterricht an „lernrelevante“ Unterschiede der SuS an. Eine mögliche Umsetzung wäre es, die SuS in Gruppen mit unterschiedlichen Lernniveaus aufzuspalten.

    Proaktiv:
    Die proaktive Reaktionsform geht noch einen Schritt weiter und verlangt nicht die Einteilung der SuS in Lerngruppen, sondern eine individuelle Betrachtung der jeweiligen Leistung der SuS. In der Praxis könnte dies dadurch umgesetzt werden, dass die SuS eine Diagnose ihres Wissenstandes durchführen und bezogen darauf individuelle Lernhefte bearbeiten. Meiner Meinung nach ist diese Lösung am Besten für die SuS, wenn auch die Umsetzung mit sehr viel Aufwand verbunden ist.

    2. Adaptionsmodell nach Leutner von 1992:

    Umsetzung durch Anpassung der Lernmethode:
    Hierbei wird die im Unterricht verwendete Methode dem Thema oder dem Stand der SuS angepasst. Dies bedeutet in der Praxis, dass einige Themen besser im Frontalunterricht und andere besser in Gruppenarbeit erläutert werden können. Weiterhin können auch  abstrakte Themen zum Beispiel einfacher durch praxisnahen Projektunterricht erklärt werden, um das Interesse der SuS zu wecken.

    Umsetzung durch die Anpassung der Lernzeit:
    Hierbei passt die Lehrkraft, die für eine Aufgabe oder ein Thema erforderliche Zeit dem Stand der SuS an. In der Praxis lässt sich dies beobachten, wenn Themen die von den SuS schlecht verstanden wurden nochmal wiederholt besprochen werden. Dies kann zum Beispiel nach einer Klausur der Fall sein, wenn die Lehrkraft erkennt, dass viele falsche Grundvorstellungen bei den SuS auftreten.

    Umsetzung durch Anpassung des Lernziels:
    Hierbei orientieren sich die Unterrichtsziele am Leistungsstand der SuS. Diese können je nach Bedarf erweitert oder reduziert werden. Wichtig ist hierbei, dass die SuS das Lernziel erreichen können, um gegebenenfalls Demotivation zu vermeiden. Hierbei muss die Lehrkraft abwägen, welche Lernziele verringert werden können und welche unabdingbar für die SuS sind. In der Praxis findet sich dies häufig im Unterricht, wenn eine Lehrkraft beim Unterrichten merkt, dass die SuS mit dem Stoff nicht zurechtkommen und die Aufgaben dementsprechend anpasst, oder wenn Wiederholungen mit kritischen Fragen erweitert werden, da die SuS die gestellten Anforderungen schon erfüllen.

    Quellen:
    Präsentation von Prof. Dr. Florian Schmidt-Borcherding
    H. Gruber, E. Stamouli (2009) „Intelligenz und Vorwissen“
    D.G. Meyers (2014) Lehrbuch der Psychologie

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Ein Kommentar

  1. Hallo Johann,
    vielen Dank für deinen gelungenen Beitrag.
    Den im Beitrag zu gewinnenden Wissenszuwachs bezüglich der Wichtigkeit von Intelligenz und Vorwissen hast du im ersten Teil nachvollziehbar dargestellt.
    Auf Grund dieses Wissens habe ich mich gefragt, wie es denn möglich sein könnte den SuS ein ähnliches Vorwissen zu vermitteln. Denn es scheint als könne man die Schulzeit bezüglich des Lernerfolges, für einige Schüler deutlich angenehmer gestalten, wenn man es denn schaffen würde, gleiche Vorwissensstände zu schaffen. Dies ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, da meiner Meinung nach ein sehr großer Anteil des Vorwissens aus dem Familiären Umfeld stammt. Was ist deine Meinung dazu?
    Beginnend zu Aufgabe 2 kann ich sagen, dass ich auch sehr verwundert war, dass Lernerfolg zum größten Teil durch Vorwissen definiert wird.
    Außerdem finde ich deinen Ansatz in Aufgabe 2 extrem interessant. Jedoch stellt sich mir die Frage ob zu viel Individualität im Lehrkörper auch zu Problemen führen könnte. Wie würde zum Beispiel eine Leistungskontrolle am Ende ausfallen und wie würde die Bewertung am Ende funktionieren? Abgesehen von diesen Fragen, bin ich durchaus deiner Meinung, dass ein solches Individuelles System jeglichen SuS helfen würde.
    In Aufgabe 3 hast du sehr verständlich und gut einen Einblick in die Reaktionformen nach Weinert (1997) geliefert. Deiner Ausführlichen Beschreibung habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Lediglich möchte ich dir die Frage stellen die sich mir teils stellt. Denkst du das sehr gute Schüler*innen in unserem Bildungssystem teilweise zu kurz kommen und nicht genug gefordert werden?
    Danke für deinen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Lennart

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