RV02 – Yasemin Karakasoglu – (Welt-) Gesellschaftliche Veränderungen und die Reaktion von Schule – ein Blick auf Strukturen und Konzepte

1. Was ist gemeint mit einer ´nationalen Orientierung des Bildungssystems´? Woran kann das festgemacht werden im Hinblick auf seine Zielgruppen, Inhalte/Fächer, Strukturen? (denken Sie hier auch an ihre eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit zurück)

 

Es wird immer eine Zeit geben, in der Menschen aufgrund verschiedenster Gründe aus ihrem Geburtsort auswandern müssen oder wollen. Oft bleibt es nicht nur bei einer Binnenintegration sondern führt zu einer Migration in ein fremdes Land mit fremder Kultur und Sprache. Eine illegale Migration ist nie vorhanden, denn kein Mensch ist illegal. Aufgrund dessen steht auch jedem eine vernünftige Bildung zu und besonders weil die Schulbildung im Kindesalter verpflichtend ist, sollte sie auch jedem gerecht werden. Chancengleichheit und somit Gerechtigkeit mit Aussicht auf Erfolg, sollten das Ziel eines jeden Bildungssystems sein.

Die Schule ist sehr stark nationalstaatlich orientiert. Das System verfolgt dabei oft eine gradlinige Bildungsmethode, ohne dabei in erster Linie auf Schüler*innen mit Migrationshintergrund einzugehen oder sie zu berücksichtigen. Ein eindeutiges Motiv dafür ist, dass sie Unterrichtssprache auf fast allen Schulen in Deutsch erfolgt. Der Sexualkunde-Unterricht ist Standardprogramm und wird schon in den Grundschulen eingeführt und der Biblische Geschichtsunterricht ist oft Voraussetzung. Lange Zeit war es üblich, dass Kinder ausländischer Arbeitnehmer in Deutschland nicht einmal die Möglichkeiten hatten, in ihrer schulischen Laufbahn ein Gymnasium zu besuchen und die Hochschulreife zu erwerben. Auch heute gibt es noch erhebliche Unterschiede im Umgang mit Schüler*innen mit und ohne Migrationshintergrund. Sei es die Empfehlung auf nachfolgende Schulen oder der Förderungsnachlass. Fakt ist, eine mehrfache Benachteiligung im System ist bis heute vorzufinden.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen, dass ich es als jetzige Studentin mit Migrationshintergrund, nicht immer leicht hatte. Obwohl meine Noten bereits in der Grundschule in den Bereichen sehr gut bis gut lagen, habe auch ich keine Gymnasialempfehlung erhalten. Dennoch setzten sich meine Eltern für mich ein, sodass ich auf ein Gymnasium kam und nie eine Klasse wiederholen musste. Auf diesem Gymnasium waren jedoch überwiegend Schüler*innen ohne Migrationshintergrund vorzufinden, sodass nicht nur die Kontaktbildung mit Mitschüler*innen schwieriger war, auch von Lehrkräften wurde man selten ernst genommen ohne einen Stempel zu erhalten. Dies bedeutete für mich doppelte Arbeit. Ich musste mich also beweisen und mich mit Themen auseinandersetzen die ich für unangenehm empfand.  Beweisen, dass ich auch mit Migrationshintergrund bildungstechnisch etwas erreichen kann.

 

2. Was nehmen Sie aus dem öffentlichen Diskurs über ´Migration als Herausforderung für die Schule´ und über sog. ´Schüler mit Migrationshintergrund´ als Informationen wahr und inwiefern hat die Vorlesung für sie andere/neue Perspektiven dazu eröffnet?

 

Gerade weil 55%  der Schüler*innen an deutschen Grundschulen andere Wurzeln haben, ist das Thema der richtigen und gerechten Integration ein wichtiges Thema. Als Pädagogen*innen sollten Lehrer*innen dazu fähig sein interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln. Ein aufgeschlossenes Wesen haben, das stets Schüler*innen und ihren Familien mit Respekt entgegen kommt und sie ernst bzw. wahrnimmt. Sie sollten in der Lage sein, reflektieren zu können worin die Ursache der Probleme liegen könnte, denn oftmals muss es nicht mit der Kultur zusammenhängen. Auch familiäre Probleme oder eine bestimmte „Schichtzugehörigkeit“ könnte die Ursache sein. Es ist umso wichtiger die Kompetenzen in Migranten zu sehen, anzuerkennen und zu fördern wie beispielsweise die Multilingualität. Die kritische Betrachtung von Büchern oder generell Unterrichtsmaterial kann mit Schüler*innen zusammen erarbeitet werden, sodass niemand persönlich verletzt wird oder sich ausgeschlossen fühlen muss. Als entscheidender Punkt steht ebenso der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den Eltern mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen. Aufmerksam zu sein und sie mit zu integrieren, bedeutet mehr Mut und Stärke ihrerseits sowie der Kinder. Alles in allem, wird eine facettenreiche Alltagserfahrung und Perspektive eröffnet. Sowohl für Lehrer*innen wie auch für Schüler*innen und ihren Familienangehörigen.

 

3. Inwiefern kann das Beispiel von Betül (Interviewausschnitt aus einer qualitativen Studie) als Ausdruck von ´DoingCulture´ durch Lehrer*innenhandeln im Unterricht herangezogen werden?

 

In diesem Schüler*innen-Lehrer*innen-Model wird deutlich, wie sehr die Lehrkraft von Stereotypen überzeugt ist. Es ist ein Schubladendenken, in dem der Schülerin Betül nicht die Chance gegeben wird sich zu seinem Thema zu äußern, ohne dass sie dafür kritisiert wird. Die Kritik erfolgt hierbei nicht primär an der Aussage von Betül, sondern an ihrer Herkunft. Sie wird nicht als „deutsche“ Bürgerin wahrgenommen, ihre türkische Kultur wird ins Licht gestellt. Eine Kultur die nach dem Denken der Lehrkraft einem bestimmten Bild entspricht, wonach Betül auch handeln muss. Meiner Meinung nach, erfolgt keine Integration der Lehrkraft sondern eine Diskriminierung aufgrund eines Migrationshintergrundes. Es wird keine Gemeinschaft gestärkt sondern bewusst eine Grenze gezogen.

 

 

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