{"id":504,"date":"2026-07-23T10:14:41","date_gmt":"2026-07-23T08:14:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/umhetbipeb2026\/?p=504"},"modified":"2026-07-23T10:14:41","modified_gmt":"2026-07-23T08:14:41","slug":"abschlussreflexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/umhetbipeb2026\/2026\/07\/23\/abschlussreflexion\/","title":{"rendered":"Abschlussreflexion"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">1. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass Heterogenit\u00e4t kein Ausnahmefall, sondern ein grundlegendes Merkmal schulischer Realit\u00e4t ist. W\u00e4hrend ich zu Beginn des Semesters Heterogenit\u00e4t vor allem mit unterschiedlichen Leistungsst\u00e4nden oder sprachlichen Voraussetzungen verbunden habe, ist mir im Verlauf der Vorlesungen bewusst geworden, wie vielf\u00e4ltig sich Unterschiede zwischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zeigen k\u00f6nnen. Sie betreffen unter anderem Sprache, Vorwissen, Motivation, kulturelle Hintergr\u00fcnde, Interessen und individuelle Lernvoraussetzungen. Besonders hilfreich war f\u00fcr mich, dass die einzelnen Vortr\u00e4ge unterschiedliche Perspektiven auf Heterogenit\u00e4t er\u00f6ffnet haben und sich viele Inhalte gegenseitig erg\u00e4nzt haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Eine der wichtigsten Erkenntnisse war f\u00fcr mich, dass Heterogenit\u00e4t nicht als Defizit verstanden werden sollte, sondern als Normalit\u00e4t und zugleich als Chance f\u00fcr schulisches Lernen. Besonders deutlich wurde dies in den Vorlesungen zu Diversity Education, Mehrsprachigkeit und sprachsensibler Unterrichtsgestaltung. Prengel (2007) beschreibt Diversity Education als einen Ansatz, der Vielfalt anerkennt und allen Kindern unabh\u00e4ngig von ihren individuellen Voraussetzungen gleichberechtigte Bildungs- und Teilhabechancen erm\u00f6glichen m\u00f6chte (vgl. Prengel 2007, S. 49\u201353). Diese Sichtweise hat meinen Blick auf Unterricht ver\u00e4ndert. Unterschiede zwischen Kindern m\u00fcssen nicht beseitigt werden, sondern sollten Ausgangspunkt f\u00fcr die Gestaltung von Unterricht sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">F\u00fcr mein Studienfach Sport erscheint diese Erkenntnis besonders bedeutsam. Im Sportunterricht zeigen sich Unterschiede h\u00e4ufig unmittelbar, denn einige Kinder treiben bereits Vereinssport, andere verf\u00fcgen \u00fcber deutlich weniger Bewegungserfahrungen oder bringen Unsicherheiten im Umgang mit sportlichen Aufgaben mit. Hinzu kommen Unterschiede in Motivation, k\u00f6rperlichen Voraussetzungen oder kulturellen Erfahrungen mit Bewegung und Sport. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass guter Unterricht diese Vielfalt nicht als Problem betrachtet, sondern durch differenzierte Aufgabenformate allen Kindern Erfolgserlebnisse und Teilhabe erm\u00f6glicht. Gerade im Sport k\u00f6nnen verschiedene Schwierigkeitsstufen, offene Bewegungsaufgaben oder kooperative Spielformen dazu beitragen, dass jedes Kind entsprechend seiner individuellen Voraussetzungen lernen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Eine zweite zentrale Erkenntnis betrifft die Bedeutung von Vorwissen und Motivation f\u00fcr erfolgreiches Lernen. Besonders eindrucksvoll war f\u00fcr mich die Studie von Schneider, K\u00f6rkel und Weinert (1989), die zeigt, dass vorhandenes Vorwissen den Lernerfolg h\u00e4ufig st\u00e4rker beeinflusst als allgemeine Intelligenz (vgl. Schneider et al. 1989, S. 306\u2013312). Diese Erkenntnis relativiert die verbreitete Vorstellung, schulischer Erfolg h\u00e4nge haupts\u00e4chlich von Begabung ab. Vielmehr entscheidet das bereits vorhandene Wissen dar\u00fcber, wie gut neue Informationen verarbeitet und eingeordnet werden k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Erg\u00e4nzt wurde dieser Gedanke durch die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1993). Die Autoren beschreiben mit den Bed\u00fcrfnissen nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit drei zentrale Voraussetzungen f\u00fcr Motivation und erfolgreiches Lernen (vgl. Deci &amp; Ryan 1993, S. 229\u2013231). Diese Theorie erscheint mir nicht nur f\u00fcr den Unterricht allgemein, sondern besonders f\u00fcr den Sportunterricht bedeutsam. Kinder erleben dort Erfolg oder Misserfolg oft unmittelbar. Umso wichtiger ist es, Lernumgebungen zu schaffen, in denen alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Kompetenz erleben, selbst Entscheidungen treffen k\u00f6nnen und sich als Teil der Lerngruppe f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Auch f\u00fcr die Beziehungsarbeit liefern diese Erkenntnisse wichtige Impulse. Eine wertsch\u00e4tzende Beziehung zwischen Lehrkraft und Sch\u00fcler*innen bildet aus meiner Sicht die Grundlage daf\u00fcr, dass Kinder sich trauen, Fehler zu machen, Fragen zu stellen und neue Lernwege auszuprobieren. Die Ringvorlesung hat deutlich gemacht, dass Motivation und Lernen eng mit sozialer Eingebundenheit verbunden sind. Lehrkr\u00e4fte \u00fcbernehmen deshalb nicht nur die Aufgabe, fachliche Inhalte zu vermitteln, sondern auch eine Lernumgebung zu gestalten, in der sich alle Kinder angenommen und ernst genommen f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">2. Im R\u00fcckblick auf meine eigene Schulzeit und meine bisherigen Praktika erkenne ich viele Situationen heute anders als noch vor Beginn der Ringvorlesung. Besonders deutlich wurde f\u00fcr mich die Bedeutung von sprachlicher Heterogenit\u00e4t. In meiner Schulzeit wurde Mehrsprachigkeit h\u00e4ufig kaum thematisiert. Deutsch galt selbstverst\u00e4ndlich als Unterrichtssprache, w\u00e4hrend andere Erstsprachen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler kaum sichtbar waren. Heute w\u00fcrde ich diese Situation mithilfe der Konzepte der Mehrsprachigkeit und der sprachsensiblen Unterrichtsgestaltung deutlich kritischer betrachten. Die Vorlesung hat gezeigt, dass Sprache nicht nur Unterrichtsgegenstand ist, sondern Voraussetzung f\u00fcr nahezu alle Lernprozesse. Schule ist deshalb \u2013 wie Ehlich und Rehbein (1986) formulieren \u2013 eine \u201eversprachlichte Institution\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Auch in meinen Praktika konnte ich beobachten, dass Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen h\u00e4ufig sehr unterschiedliche M\u00f6glichkeiten hatten, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. R\u00fcckblickend wird deutlich, dass fachliche Schwierigkeiten nicht immer auf fehlendes Wissen zur\u00fcckzuf\u00fchren waren, sondern h\u00e4ufig auf sprachliche H\u00fcrden. Die Vorlesungen zur Bildungssprache und zum sprachsensiblen Unterricht haben mir geholfen, diese Situationen besser einzuordnen. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass sprachliche Unterst\u00fctzung allen Kindern zugutekommt und nicht ausschlie\u00dflich mehrsprachigen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Auch die Vorlesung zur Bedeutung des Vorwissens hat meine Sicht auf Unterricht ver\u00e4ndert. W\u00e4hrend meiner Praktika fiel h\u00e4ufig auf, dass Lehrkr\u00e4fte davon ausgingen, bestimmte Grundlagen seien allen Kindern bereits bekannt. Erst w\u00e4hrend der Arbeitsphase wurde deutlich, dass einzelne Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u00fcber ganz andere Vorerfahrungen verf\u00fcgten. Heute w\u00fcrde ich diese Situationen mit dem Konzept des Vorwissens erkl\u00e4ren und daraus ableiten, dass diagnostische Gespr\u00e4che oder aktivierende Einstiege vor Beginn einer Unterrichtseinheit hilfreich sein k\u00f6nnen, um den tats\u00e4chlichen Wissensstand der Lerngruppe besser einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">3. Im weiteren Studium w\u00fcrde ich mich gerne intensiver mit der Frage besch\u00e4ftigen, wie adaptiver Unterricht in der Praxis umgesetzt werden kann. W\u00e4hrend der Ringvorlesung wurde deutlich, dass Unterricht m\u00f6glichst an die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler angepasst werden sollte. Offen bleibt f\u00fcr mich jedoch, wie dies unter den Bedingungen gro\u00dfer Klassen, begrenzter Unterrichtszeit und unterschiedlicher Leistungsniveaus konkret gelingen kann. Besonders im Fach Sport interessiert mich, wie Differenzierung umgesetzt werden kann, ohne dass einzelne Kinder dauerhaft unter- oder \u00fcberfordert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte ich mich intensiver mit dem Thema sprachsensibler Unterricht besch\u00e4ftigen. Die Vorlesungen haben gezeigt, dass Sprache in allen F\u00e4chern eine zentrale Rolle spielt. Gerade deshalb interessiert mich, wie sprachliche F\u00f6rderung sinnvoll mit fachlichem Lernen verbunden werden kann, ohne dass der eigentliche Unterrichtsinhalt in den Hintergrund r\u00fcckt. Obwohl dieses Thema in der Ringvorlesung bereits behandelt wurde, w\u00fcrde ich mir hierzu noch mehr konkrete Unterrichtsbeispiele und empirische Forschungsergebnisse w\u00fcnschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Insgesamt hat die Ringvorlesung meinen Blick auf Schule und Unterricht nachhaltig ver\u00e4ndert. Viele Situationen aus meiner eigenen Schulzeit und meinen bisherigen Praxiserfahrungen kann ich heute mithilfe wissenschaftlicher Konzepte deutlich besser einordnen. Besonders wertvoll war f\u00fcr mich, dass die einzelnen Vortr\u00e4ge nicht isoliert betrachtet werden konnten, sondern sich zu einem Gesamtbild zusammensetzten. F\u00fcr meine sp\u00e4tere T\u00e4tigkeit als Lehrkraft nehme ich vor allem mit, dass guter Unterricht Vielfalt nicht reduziert, sondern sie bewusst aufgreift und als Ausgangspunkt f\u00fcr gemeinsames Lernen versteht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\">Literaturverzeichnis<\/span><\/p>\n<ul>\n<li style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\"><span style=\"font-weight: 400\">Deci, Edward L.; Ryan, Richard M. (1993): <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung f\u00fcr die P\u00e4dagogik<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">. In: Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik, 39(2), S. 223\u2013238.<\/span><\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\"><span style=\"font-weight: 400\">Ehlich, Konrad; Rehbein, Jochen (1986): <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Muster und Institution. Untersuchungen zur schulischen Kommunikation<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">. T\u00fcbingen: Narr.<\/span><\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\"><span style=\"font-weight: 400\">Prengel, Annedore (2007): <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Diversity Education \u2013 Grundlagen und Probleme der P\u00e4dagogik der Vielfalt<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/span><\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-family: &#039;times new roman&#039;, times, serif\"><span style=\"font-weight: 400\">Schneider, Wolfgang; K\u00f6rkel, Joachim; Weinert, Franz E. (1989): Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. In: <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Journal of Educational Psychology<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">, 81(3), S. 306\u2013312.<\/span><\/span><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass Heterogenit\u00e4t kein Ausnahmefall, sondern ein grundlegendes Merkmal schulischer Realit\u00e4t ist. 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