{"id":473,"date":"2026-07-01T19:59:02","date_gmt":"2026-07-01T17:59:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/umhetbipeb2026\/?p=473"},"modified":"2026-07-01T20:00:32","modified_gmt":"2026-07-01T18:00:32","slug":"rv11-heterogenitaetskategorie-geschlecht-in-schule-und-ansaetze-zur-entwicklung-einer-geschlechtersensiblen-paedagogik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/umhetbipeb2026\/2026\/07\/01\/rv11-heterogenitaetskategorie-geschlecht-in-schule-und-ansaetze-zur-entwicklung-einer-geschlechtersensiblen-paedagogik\/","title":{"rendered":"RV11: HETEROGENIT\u00c4TSKATEGORIE GESCHLECHT IN SCHULE UND ANS\u00c4TZE ZUR ENTWICKLUNG EINER GESCHLECHTERSENSIBLEN P\u00c4DAGOGIK"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">1) In der Vorlesung wurde deutlich, dass Geschlecht in der Schule nicht nur biologisch verstanden werden kann, sondern auch durch das Verhalten von Kindern und Erwachsenen immer wieder hergestellt wird. Dieses Spannungsfeld wird als Inszenierung und Zuschreibung beschrieben. Unter Inszenierung versteht man, dass Kinder und Jugendliche Geschlecht selbst darstellen und durch ihr Verhalten ausdr\u00fccken. Gleichzeitig erhalten sie von anderen Menschen Zuschreibungen, indem ihnen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben werden (Vorlesung, Folien 26-30).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Ein wichtiger theoretischer Ansatz ist dabei das Konzept des Doing Gender. Dieses geht davon aus, dass M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit nicht ausschlie\u00dflich biologisch festgelegt sind, sondern im Alltag immer wieder hergestellt werden (Vorlesung, Folie 28). Gleichzeitig wurde in der Vorlesung auch darauf hingewiesen, dass neben gesellschaftlichen Einfl\u00fcssen weitere Faktoren wie Familie, Sozialisation oder biologische Voraussetzungen eine Rolle spielen k\u00f6nnen. Die integrative Position verbindet daher soziale und individuelle Einflussfaktoren miteinander (Vorlesung, Folie 28).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Besonders interessant finde ich den Ansatz der reflexiven Koedukation nach Faulstich-Wieland. Dabei geht es nicht darum, Jungen und M\u00e4dchen grunds\u00e4tzlich getrennt zu unterrichten, sondern Lehrkr\u00e4fte sollen ihre eigenen Erwartungen und den Einfluss von Geschlechterstereotypen kritisch reflektieren (Vorlesung, Folie 30). Gleichzeitig warnt Faulstich-Wieland davor, Geschlecht st\u00e4ndig in den Mittelpunkt zu stellen, da dadurch Stereotype sogar verst\u00e4rkt werden k\u00f6nnen (Faulstich-Wieland 2005, S. 2-5). Deshalb erscheint mir ein bewusster und reflektierter Umgang mit Geschlechterrollen im Schulalltag sinnvoller als eine pauschale Trennung von Jungen und M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2) Ein Beispiel aus meiner Schulzeit waren die j\u00e4hrlich stattfindenden Sportturniere. In den Klassen 9 und 10 wurde Fu\u00dfball gespielt. Jede Mannschaft musste zwar zwei M\u00e4dchen aufstellen, tats\u00e4chlich spielten aber fast ausschlie\u00dflich die Jungen. Die M\u00e4dchen standen h\u00e4ufig nur mit auf dem Spielfeld und wurden nur selten ins Spiel einbezogen. Dadurch entstand der Eindruck, dass Fu\u00dfball als typische \u201eJungensportart\u201c angesehen wurde und M\u00e4dchen automatisch als weniger leistungsf\u00e4higer eingesch\u00e4tzt wurden. Hier zeigte sich f\u00fcr mich deutlich, wie Geschlecht im Schulalltag sowohl durch das Verhalten der Sch\u00fcler*innen und Sch\u00fcler als auch durch die Organisation des Turniers inszeniert und gleichzeitig zugeschrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\u00c4hnliche Erfahrungen habe ich w\u00e4hrend meines Bundesfreiwilligendienstes an einer Grundschule gemacht. In den Pausen spielten fast ausschlie\u00dflich Jungen Fu\u00dfball. Einzelne M\u00e4dchen wollten zwar gelegentlich mitspielen, wurden von den Jungen jedoch h\u00e4ufig nicht ernst genommen oder bekamen den Ball kaum zugespielt. Die meisten M\u00e4dchen spielten stattdessen mit Springseilen, Kreide oder Rollenspielen. Gleichzeitig fiel mir aber auch auf, dass diese Einteilung nicht auf alle Kinder zutraf. Es gab durchaus einzelne M\u00e4dchen, die sehr aktiv waren und auch ruhigere Jungen. Dadurch wurde deutlich, dass Geschlecht nicht allein erkl\u00e4rt, wie sich Kinder verhalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich dieses Beispiel gut mit dem Heterogenit\u00e4tsfeld Sprache verbinden. In meiner Klasse wurden mehrere Kinder mit Deutsch als Zweitsprache besonders unterst\u00fctzt. Da die Klassenlehrerin h\u00e4ufig nicht allein im Unterricht war und ich mich gezielt um diese Kinder k\u00fcmmern konnte, hatten sie gute M\u00f6glichkeiten, dem Unterricht zu folgen. F\u00fcr mich zeigt dieses Beispiel, dass Geschlecht nicht isoliert betrachtet werden sollte. Auch Sprachkenntnisse oder andere Heterogenit\u00e4tsmerkmale beeinflussen die Teilhabe von Kindern am Unterricht und k\u00f6nnen sich gegenseitig verst\u00e4rken oder abschw\u00e4chen (F\u00fcrstenau 2011, S. 8-11).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3) F\u00fcr mein n\u00e4chstes Praktikum m\u00f6chte ich beobachten, ob Lehrkr\u00e4fte Jungen und M\u00e4dchen im Unterricht unterschiedlich ansprechen, loben oder ermahnen. Au\u00dferdem interessiert mich, ob M\u00e4dchen und Jungen die gleichen M\u00f6glichkeiten erhalten, sich an allen Unterrichtsaktivit\u00e4ten zu beteiligen oder ob bestimmte Aufgaben oder Rollen unbewusst geschlechterspezifisch verteilt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Gleichzeitig m\u00f6chte ich darauf achten, ob neben dem Geschlecht weitere Heterogenit\u00e4tsmerkmale eine Rolle spielen. Besonders interessant finde ich dabei den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Sprache. Ich m\u00f6chte beobachten, ob Kinder mit Deutsch als Zweitsprache unabh\u00e4ngig von ihrem Geschlecht die gleiche Unterst\u00fctzung und die gleichen Beteiligungsm\u00f6glichkeiten erhalten wie andere Kinder. Dadurch soll deutlich werden, dass Gender nur eine Dimension von Heterogenit\u00e4t ist und immer im Zusammenhang mit weiteren Merkmalen betrachtet werden sollte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">F\u00fcr meine sp\u00e4tere T\u00e4tigkeit als Lehrkraft nehme ich aus der Vorlesung mit, dass gendersensible P\u00e4dagogik nicht bedeutet, Jungen und M\u00e4dchen grunds\u00e4tzlich unterschiedlich zu behandeln. Vielmehr sollte Unterricht so gestaltet werden, dass alle Kinder unabh\u00e4ngig von ihrem Geschlecht, ihrer Sprache oder anderen Voraussetzungen die gleichen M\u00f6glichkeiten zur Entwicklung erhalten. Dazu geh\u00f6rt auch, die eigenen Erwartungen und m\u00f6glichen Vorurteile regelm\u00e4\u00dfig zu hinterfragen und Kindern vielf\u00e4ltige Rollenbilder zu er\u00f6ffnen (Fantini 2019, S.12-15).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Literaturverzeichnis:<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Debus, Katharina (2012): Geschlechterreflektierte P\u00e4dagogik zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung. Berlin: Dissens e. V.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Fantini, Christoph (2019): M\u00e4nnlichkeitsentw\u00fcrfe in widerspr\u00fcchlichen Verh\u00e4ltnissen \u2013 das Beispiel Grundschule, S. 12\u201315.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Faulstich-Wieland, Hannelore (2005): Spielt das Geschlecht (k)eine Rolle im Schulalltag? Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Entdramatisierung von Geschlecht, S. 2\u20135.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">F\u00fcrstenau, Sara (2011): Mehrsprachigkeit als Ressource in der Schule, S. 8\u201311.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Vorlesung \u201eHeterogenit\u00e4tskategorie Geschlecht\/Gender in Schule \u2013 im Spannungsfeld von Inszenierung und Zuschreibung\u201c, Universit\u00e4t Bremen, Folien 26\u201330.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1) In der Vorlesung wurde deutlich, dass Geschlecht in der Schule nicht nur biologisch verstanden werden kann, sondern auch durch das Verhalten von Kindern und Erwachsenen immer wieder hergestellt wird. Dieses Spannungsfeld wird als Inszenierung und Zuschreibung beschrieben. Unter Inszenierung versteht man, dass Kinder und Jugendliche Geschlecht selbst darstellen und durch ihr Verhalten ausdr\u00fccken. 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