{"id":52,"date":"2022-01-10T13:54:52","date_gmt":"2022-01-10T12:54:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/tutorium4katharina\/?p=52"},"modified":"2022-01-17T13:13:41","modified_gmt":"2022-01-17T12:13:41","slug":"teilnehmende-beobachtung-21-12-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/tutorium4katharina\/2022\/01\/10\/teilnehmende-beobachtung-21-12-2021\/","title":{"rendered":"Teilnehmende Beobachtung 21.12.2021 &#8211; Hilal"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich am 21.12. auf dem Weg zu meiner dritten Corona-Impfung entschieden, die<br \/>\nBeobachtungsaufgabe an diesem Tag durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Es ist ein eher dunkler Tag, es herrschen Minusgrade und es hat die Nacht zuvor gefroren.<br \/>\nUm 14:05 Uhr komme ich an der Bahnhaltestelle \u201eAm Brill\u201c an und begebe mich zu dem<br \/>\nderzeit leerstehenden Geb\u00e4ude der Sparkasse, welches zurzeit als eine der Bremer<br \/>\nImpfstellen dient. Dort angekommen, begegnet mir eine sehr lange Schlange an Menschen,<br \/>\ndie ich entlanglaufe. Sie ist ca. 1 km lang, auf diesem ich mir die Menschen anschaue, die alle<br \/>\nanstehen und auf ihre Impfung warten.<\/p>\n<p>Auf den ersten und kurzen Blick, den ich im Vorbeigehen bekomme, zeigen sich in den<br \/>\nGesichtern keine gro\u00df variierenden Emotionen. Die meisten stehen eher regungslos in der<br \/>\nSchlange, unterhalten sich mit ihren Begleitungen oder blicken denjenigen entgegen, die an<br \/>\nihnen vorbeilaufen, mich eingeschlossen. Auf einigen Gesichtern erkennt man am\u00fcsierte<br \/>\nGesichtsausdr\u00fccke als Reaktion auf meinen eigenen Ausdruck, der etwas genervt und<br \/>\n\u00fcberrascht \u00fcber die scheinbar endlose Schlange wirkt.<\/p>\n<p>Am Ende angekommen, stelle ich mich an. Es ist 14:15 Uhr. Vor mir stehen ein Mann und<br \/>\neine Frau zusammen, eng beieinander und leise redend. Ich bin nicht lange die letzte Person<br \/>\nin der Schlange, einige Augenblicke nach mir stellt sich schon die n\u00e4chste an. Es ist eine<br \/>\njunge Frau, ich w\u00fcrde sie auf Anfang 20 sch\u00e4tzen. Direkt nach ihr stellen sich bereits die<br \/>\nn\u00e4chsten an; zwei \u00e4ltere Damen, die zusammen gekommen sind.<br \/>\nDie allgemeine Stimmung unter den Menschen in meiner Umgebung ist ruhig, einige<br \/>\nunterhalten sich entweder ruhig oder gar nicht. Es stellen sich weitere an, sodass ich schon<br \/>\ndas Ende der Schlange nicht mehr \u00fcberblicken kann.<\/p>\n<p>Die junge Frau hinter mir hat Kopfh\u00f6rer im Ohr und schaut sich, genauso wie ich, die<br \/>\nUmgebung und ab und an die vorbeilaufenden Menschen an. Ein Herr teilt im Vorbeigehen<br \/>\nseiner Begleitung mit: \u201eGuck mal, wie lang die Schlange ist. Wollen wir uns wirklich<br \/>\nanstellen?\u201c. Da sich der \u00dcberblick \u00fcber das aktuelle Ende der Schlange schwierig ist, kann ich<br \/>\nnicht sehen, ob die beiden sich entscheiden zu bleiben, um ihre Impfung zu erhalten.<br \/>\nDie zwei Damen hinter der jungen Frau unterhalten sich \u00fcber ihre jeweiligen<br \/>\nWeihnachtspl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Da es sehr kalt ist, beobachte ich viele dabei, wie sie versuchen sich einigerma\u00dfen warm zu<br \/>\nhalten, indem sie sich auf der Stelle bewegen, sich die H\u00e4nde reiben oder auf und ab<br \/>\nspringen. Ich versuche mich auch etwas zu bewegen und bewege mich auf der Stelle von<br \/>\neiner Seite zur anderem, um meine F\u00fc\u00dfe etwas warm zu bekommen. Die Schlange bewegt<br \/>\nsich immerhin weiter nach vorne und ich bin fast am Eingang des Geb\u00e4udes angekommen.<br \/>\nEs ist 15:05 Uhr. Ich frage die junge Frau hinter mir, um wieviel Uhr sie urspr\u00fcnglich ihren<br \/>\nTermin gehabt h\u00e4tte. Sie antwortet mir mit 14:15 Uhr; meiner w\u00e4re um 14:10 Uhr gewesen.<br \/>\nIch versuche sie etwas aufzumuntern, indem ich sage, dass wir es fast geschafft haben und<br \/>\nes bestimmt nicht mehr als zehn Minuten dauern sollte bis wir immerhin ins warme<br \/>\nGeb\u00e4ude k\u00f6nnen. Wir bewegen uns weiter nach vorne und sind um 15:15 Uhr im Geb\u00e4ude,<br \/>\num uns impfen lassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden Damen, die sich \u00fcber ihre Weihnachtspl\u00e4ne unterhalten haben, schienen<br \/>\nFreundinnen und nicht Verwandte zu sein. Sie haben eher oberfl\u00e4chlich Informationen<br \/>\nausgetauscht und Smalltalk gehalten. Auch k\u00f6nnte man denken, dass sie vielleicht in diesem<br \/>\nUmfeld mit anderen fremden Menschen nicht \u00fcber Tieferes sprechen wollten. Es kam jedoch<br \/>\nher\u00fcber als w\u00e4ren die beiden nur Freundinnen, die sich nicht sehr regelm\u00e4\u00dfig treffen und<br \/>\nsich entweder zeitgleich Impftermine gemacht oder sich zuf\u00e4llig getroffen haben.<br \/>\nDie junge Frau hinter mir hat nicht viel geredet und sah nicht aus als h\u00e4tte sie das Gespr\u00e4ch<br \/>\nzwischen uns angefangen. Jedoch hat sie offen mit mir gesprochen als ich anfing, sie etwas<br \/>\nzu fragen. Sp\u00e4ter im Sparkassen-Geb\u00e4ude kam auch eine pers\u00f6nliche Frage von ihr an mich,<br \/>\nworan ich sehen konnte, dass nicht jede passiv-wirkende Person es auch ist. Man m\u00f6chte<br \/>\nvielleicht nicht aufdringlich wirken, da der Mensch gegen\u00fcber ein unbekannter ist und vom<br \/>\nAussehen allein kann kein Mensch eingesch\u00e4tzt werden.<br \/>\nDiese drei Personen waren mir die n\u00e4chsten und diese habe ich die meiste Zeit<br \/>\n\u201ebeobachtet\u201c.<\/p>\n<p>Auch interessant ist das Gef\u00fchl der tempor\u00e4ren Verbundenheit in dieser Gemeinschaft an<br \/>\nMenschen, die sich alle nicht kennen, zusammen in der K\u00e4lte stehen und alle dasselbe Ziel<br \/>\nhaben: die Corona-Impfung. Obwohl ich pers\u00f6nlich niemanden kannte, habe ich mich schon<br \/>\netwas \u201ezugeh\u00f6rig\u201c gef\u00fchlt und bin nicht dem Gedanken nachgegangen, mich nicht am Ende<br \/>\ndieser langen Schlange anzustellen als ich dort anstand und nicht wusste, wie lange ich<br \/>\nwarten muss bis ich endlich an der Reihe sein w\u00fcrde. Ich hatte n\u00e4mlich folgenden Gedanken:<br \/>\n\u201eWenn alle anderen hier anstehen und nicht gehen, kann ich das auch\u201c. Geteiltes Leid soll ja<br \/>\nhalbes Leid sein und so entstand in dieser Situation eine Art Zugeh\u00f6rigkeit f\u00fcr mich, die ich<br \/>\nmir bei einigen anderen Menschen in dieser Schlange auch vorstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich am 21.12. auf dem Weg zu meiner dritten Corona-Impfung entschieden, die Beobachtungsaufgabe an diesem Tag durchzuf\u00fchren. Es ist ein eher dunkler Tag, es herrschen Minusgrade und es hat die Nacht zuvor gefroren. 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