{"id":598,"date":"2026-06-30T22:29:23","date_gmt":"2026-06-30T20:29:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/?page_id=598"},"modified":"2026-07-07T14:22:50","modified_gmt":"2026-07-07T12:22:50","slug":"gespraechsdominanz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/posterausstellung\/gespraechsdominanz\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4chsdominanz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Geht sexuelle Dominanz mit Gespr\u00e4chsdominanz einher?<\/strong><\/p>\n<p>Fiktionale Texte k\u00f6nnen einen Einblick in gesellschaftliche Diskurse und ihre Repr\u00e4sentation geben, auch wenn sie keine authentischen Sprachdaten liefern (vgl. Baker, 2008, S. 94). Um mehr \u00fcber Dynamiken zwischen sexuellen Rollen und Positionierung in Gespr\u00e4chen zu erfahren, sind wir mithilfe von erotischer Literatur und selbst-publizierten Texte auf Archive of Our Own der Frage nachgegangen, ob sexuelle Dominanz mit Gespr\u00e4chsdominanz einhergeht.<\/p>\n<p>Da M\u00e4nner im heteronormativen Verst\u00e4ndnis das dominante Geschlecht sind, wurden Texte betrachtet, die diese Erwartung bewusst brechen, weil nur solche ber\u00fccksichtig wurden, die mit \u201eFemdom\u201c, der Kurzform f\u00fcr female dominance (weibliche Dominanz), gekennzeichnet waren, und trotzdem eine heterosexuelle Beziehung und dadurch einen sexuell submissiven Mann beinhalten.<\/p>\n<p><u>Material<\/u><\/p>\n<p>Archive of Our Own (archiveofourown.org, AO3) ist ein Fanfiction- und Internetpublikationen-Archiv, in dem Nutzer:innen ihre eigenen Texte selbst publizieren k\u00f6nnen. AO3 bietet eine gro\u00dfe Menge an Filter- und Kategorisierungsm\u00f6glichkeiten, um Werke u.a. in Bezug auf L\u00e4nge, Datum der Ver\u00f6ffentlichung, Grad der Explizitheit, aber auch inhaltlich einzuordnen.<\/p>\n<p>In unserer Untersuchung wurden acht Texte ber\u00fccksichtigt, die mit der Kategorie \u201eFemdom\u201c versehen waren, also eine sexuell-dominante weibliche Person beinhalten, heterosexuelle Akte darstellen und von den Autor:innen als \u201eexplizit\u201c markiert wurden. Um besondere Redegewohnheiten innerhalb von Fan-Gemeinschaften oder fiktionalen Werken zu vermeiden, wurden nur Texte ohne konkreten Bezug zu einem spezifischen anderen Werk, also keine Fanfiktion, genutzt. Die Texte stammen von verschiedenen Autor:innen und waren zwischen 197 und 4874 W\u00f6rtern lang. Da der Gro\u00dfteil der Texte auf AO3 englischsprachig ist, wurden auch in diesem Projekt mit englischsprachigen Texten gearbeitet.<\/p>\n<p><u>Methode<\/u><\/p>\n<p>Um die Beziehung zwischen sexueller und Gespr\u00e4chsdominanz zu untersuchen, wurden die Sprechakte der Texte auf formale Kriterien wie H\u00e4ufigkeit, L\u00e4nge, Unterbrechung, Aufforderung, Satzzeichen und Sprechverben untersucht. Als Sprechakte z\u00e4hlten alle Textbausteine, die explizit als w\u00f6rtliche Rede durch Anf\u00fchrungszeichen gekennzeichnet wurden. Wenn zwischen abgeschlossenen w\u00f6rtlichen Reden der gleichen sprechenden Person ein weiterer Textbaustein steht, der nicht den Akt des Sprechens beschreibt, werden zwei Sprechakte gez\u00e4hlt:<\/p>\n<p>Sprechakt 1: \u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201cSo, remind me,\u201d she said, voice casual, \u201chow long since I locked you?\u201d<\/em><\/p>\n<p><em>Liam didn\u2019t answer.<\/em><\/p>\n<p>Sprechakt 2:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201cThree weeks?\u201d she guessed. \u201cFour?\u201d<\/em><\/p>\n<p>(Just a Splash of Pink, Alexandria_Jackson)<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Kriterien wurden quantifiziert, um sie innerhalb der Texte vergleichbar zu machen und text\u00fcbergreifende Durchschnittswerte aus skalierten Werten zu erzeugen. Als dominant wurden h\u00e4ufigere und l\u00e4ngere Sprechakte, Aufforderung gegen\u00fcber der anderen Person und Unterbrechungen klassifiziert. Satzzeichen und Sprechverben wurden ergebnisoffen analysiert.<\/p>\n<p>Im Folgenden werden die Ergebnisse der einzelnen Kategorien kurz pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong>L\u00e4nge und H\u00e4ufigkeit der Sprechakte<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber alle Texte spricht die Dom 1603 W\u00f6rter in 172 Sprechakten, w\u00e4hrend der Sub 492 W\u00f6rter in 79 Sprechakten von sich gibt. Damit spricht die Dom 2,2-mal h\u00e4ufiger als der Sub und 3,3-mal so viele W\u00f6rter.<\/p>\n<p>Die L\u00e4nge und H\u00e4ufigkeit der Sprechakte variieren zwischen den Texten stark, da manche Texte Sprechakt-lastiger waren als andere. Zwischen den Text ergibt das Verh\u00e4ltnis der Wortanzahl Werte zwischen 1,3 und 10,2. Aufgrund einiger sehr hoher Ausrei\u00dfer wurde zur \u00dcberpr\u00fcfung der Gesamtdatenmenge der Median ermittelt, der mit 3,5 dem obigen Wert von 3,3 stark \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der Anzahl der Sprechakte streut weniger, hier variieren die Werte zwischen 1,0 und 4,0. Daraus ergibt sich ein Mittelwert von 2,4 und ein Median von 2,2, was sich mit dem obigen Wert f\u00fcr den Gesamtdatensatz deckt.<\/p>\n<p>Da in jedem Textbeispiel die Dom signifikant mehr spricht und (mit einer Ausnahme) auch mehr Sprechakte als der Sub hat, erf\u00fcllt sie in L\u00e4nge und H\u00e4ufigkeit der Sprechakte die obige Definition von Gespr\u00e4chsdominanz. F\u00fcr diese Kategorie stimmen sexuelle und Gespr\u00e4chsrolle \u00fcberein.<\/p>\n<p><strong>Unterbrechungen- und Selbstunterbrechungenanalyse<\/strong><\/p>\n<p>Im gesamten Korpus wurden 251 Sprechakte untersucht. Dabei konnten insgesamt 10 F\u00e4lle von Unterbrechungen identifiziert werden. Diese wurden in zwei Kategorien eingeteilt: Unterbrechungen (6 F\u00e4lle) und Selbstunterbrechungen (4 F\u00e4lle).<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass alle sechs aktiven Unterbrechungen von dominanten Figuren ausgehen. Submissive Figuren unterbrechen in keinem der untersuchten Texte andere Personen. Die vier Selbstunterbrechungen verteilen sich gleichm\u00e4\u00dfig auf beide Rollen (2 Dom, 2 Sub).<\/p>\n<p>Bei den Selbstunterbrechungen zeigen sich unterschiedliche Funktionen. Dominante Figuren unterbrechen sich vor allem zur Selbstkorrektur:<\/p>\n<p>\u201cTake them\u2014\u201d she had to clear her voice and avert her eyes. \u201cTake them off and get in the bath.\u201d<\/p>\n<p>\u201cYes, And\u2014\u201d she caught herself. \u201cIwao?\u201d<\/p>\n<p>Bei submissiven Figuren scheinen Selbstunterbrechungen dagegen h\u00e4ufiger mit Unsicherheit oder vorsichtigen Bitten verbunden zu sein:<\/p>\n<p>\u201cDad \u2013 Daddy,\u201d<\/p>\n<p>\u201cDaddy,\u201d he whined. \u201cCan I \u2013 ?\u201d<\/p>\n<p>Die von dominanten Figuren initiierten Unterbrechungen erf\u00fcllen meist Funktionen der Gespr\u00e4chskontrolle oder Machtdemonstration:<\/p>\n<p>\u201cCan I at least change into something less\u2026\u201d \u2013 \u201cNo.\u201d<\/p>\n<p>\u201cWait, wait, I didn\u2019t mean to\u2014\u201d \u2013 \u201cNope.\u201d<\/p>\n<p>Insgesamt treten Unterbrechungen zwar nur selten auf, ihre Verteilung deutet jedoch auf eine klare Tendenz hin: W\u00e4hrend dominante Figuren Unterbrechungen \u00fcberwiegend als Mittel der Gespr\u00e4chssteuerung einsetzen, erscheinen Selbstunterbrechungen bei submissiven Figuren h\u00e4ufiger als Ausdruck von Unsicherheit oder vorsichtiger Formulierung.<\/p>\n<p><strong>Sprechverben<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl Dom als auch Sub verwenden \u201eleise\u201c Sprechverben wie <em>whispered<\/em>, <em>muttered <\/em>oder <em>murmured<\/em>, wobei diese beim Sub wesentlich h\u00e4ufiger vorkommen; die Funktionen dieser Verben unterscheiden sich jedoch deutlich zwischen den beiden Rollen. Beim Sub dr\u00fccken sie h\u00e4ufig Verlegenheit, Scham, Unsicherheit oder Z\u00f6gern aus und markieren zugleich seine untergeordnete Position. Selbst in Momenten des Widerstands oder der Unsicherheit bleibt die Hierarchie bestehen, da der Sub Einw\u00e4nde nicht offen artikuliert, sondern sie lediglich murmelt oder fl\u00fcstert. Der Sub erscheint dadurch wortw\u00f6rtlich \u201ekleinlaut\u201c, wodurch seine Unterordnung sprachlich zus\u00e4tzlich hervorgehoben wird. Bei der Dom sind \u201eleise\u201c Sprechverben dagegen anders konnotiert. Wenn sie fl\u00fcstert oder murmelt, geschieht dies meist in einem erotischen oder intimen Kontext. Das leise Sprechen signalisiert hier nicht Unsicherheit, sondern vielmehr N\u00e4he, Verf\u00fchrung und Kontrolle. Die gleichen Verben erhalten somit je nach Sprecherrolle eine unterschiedliche Bedeutung: W\u00e4hrend das leise Sprechen beim Sub Unterordnung und Verletzlichkeit ausdr\u00fcckt, verweist es bei der Dom auf Souver\u00e4nit\u00e4t und emotionale sowie sexuelle Macht. Dar\u00fcber hinaus f\u00e4llt bei der Dom eine deutliche Zweiteilung der verwendeten Sprechverben auf. Einerseits finden sich Verben mit negativer Konnotation, insbesondere solche des Befehlens (<em>order, command<\/em>) oder des Tadels (<em>warn, snap<\/em>). Diese Verben betonen Autorit\u00e4t, Macht und Kontrolle. Andererseits verwendet die Dom auch Verben mit ausgesprochen positiver und warmer Konnotation, etwa <em>purr<\/em>, insbesondere in Situationen, in denen der Sub gelobt oder best\u00e4tigt wird. Solche Verben vermitteln Zuneigung, Anerkennung und emotionale N\u00e4he. Die Sprechverben der Dom folgen damit einer Art \u201ecarrot-and-stick\u201c-Prinzip. Dominanz wird nicht ausschlie\u00dflich durch Befehle, Drohungen oder Missbilligung hergestellt, sondern ebenso durch Lob, Best\u00e4tigung und F\u00fcrsorge. Dadurch entsteht ein komplexeres Bild von sprachlicher Dominanz, welche folglich nicht nur an Befehle und Drohungen gekn\u00fcpft ist, sondern auch an die Kontrolle der positiven emotionalen Zuwendung durch die Dom.<\/p>\n<p><u>Fazit<\/u><\/p>\n<p>In acht englischsprachigen, fiktionalen, selbst-publizierten expliziten Kurztexten mit weiblichem Dom und m\u00e4nnlichem Sub wurden die Sprechakte anhand der Kategorien H\u00e4ufigkeit, L\u00e4nge, Unterbrechung, Aufforderung, Satzzeichen und Sprechverben auf die Frage untersucht, ob sexuelle Dominanz mit Gespr\u00e4chsdominanz einhergeht. Die Dom spricht h\u00e4ufiger und l\u00e4nger als der Sub und unterbricht als einzige andere Personen.<\/p>\n<p>Einige der analysierten Kategorien tauchen sowohl bei der Dom als auch beim Sub auf, beispielsweise nutzen beide h\u00e4ufig Fragezeichen oder unterbrechen sich selbst. Diese gleich erscheinenden formalen Aspekte verfolgen aber unterschiedliche Ziele. \u00c4hnlich ist bei den Sprechverben, bei denen beispielsweise die Lautst\u00e4rke bei der Dom und beim Sub unterschiedliche Funktionen erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die untersuchten Daten deuten darauf hin, dass eine dominante sexuelle Rolle auch mit einer dominanten Rolle im Gespr\u00e4ch einhergeht und umgekehrt genauso eine unterw\u00fcrfige sexuelle Rolle mit einer weniger dominanten Rolle. Aufgrund der geringen Anzahl der Texte kann dieses Projekt jedoch nur einen ersten Einblick in Gespr\u00e4chsdominanz-Trends in Femdom-Erotika geben.<\/p>\n<p><u>Literatur<\/u><\/p>\n<p>Chapter 4 &#8222;Constructing normality: gendered discourses and heteronormativity&#8220; in Baker, Paul (2008). Sexed Texts: Language, Gender and Sexuality. Equinox.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geht sexuelle Dominanz mit Gespr\u00e4chsdominanz einher? Fiktionale Texte k\u00f6nnen einen Einblick in gesellschaftliche Diskurse und ihre Repr\u00e4sentation geben, auch wenn sie keine authentischen Sprachdaten liefern (vgl. Baker, 2008, S. 94). 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