{"id":328,"date":"2023-06-13T14:29:51","date_gmt":"2023-06-13T12:29:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/?page_id=328"},"modified":"2025-07-03T11:14:43","modified_gmt":"2025-07-03T09:14:43","slug":"gendert-unser-bundestag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/posterausstellung\/gendert-unser-bundestag\/","title":{"rendered":"Gendert unser Bundestag"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-367\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-212x300.jpg 212w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-725x1024.jpg 725w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-768x1084.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-1088x1536.jpg 1088w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-1450x2048.jpg 1450w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-676x955.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/themensemestertext\/files\/GendernBundestag-scaled.jpg 1813w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie ist die Forschungsfrage entstanden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Beim Brainstorming innerhalb des Kurses zur praktischen Linguistik entstand der Wunsch, sich im Rahmen einer Forschung der geschlechtersensiblen Sprache zu widmen. Geschlechtersensible Sprache als Feld ist sehr weitgreifend, weshalb wir uns nach einiger Recherche f\u00fcr eine Korpusanalyse entschieden haben. Zum Zeitpunkt der \u00dcberlegungen fanden die Bremer Landtagswahlen statt, weswegen sich politische Wahlplakate und die gew\u00e4hlten Formulierungen als ein aktuelles und f\u00fcr die Gruppe wichtiges Thema herausstellte. Der Bundestag als hohe Instanz mit gro\u00dfem Einfluss bietet eine gut dokumentierte Datensammlung der gehaltenen Reden und erm\u00f6glicht somit einige interessante Fragen. Bem\u00fcht sich unser Bundestag, die B\u00fcrger*innen auch in ihrer Sprache zu repr\u00e4sentieren? Best\u00e4tigen sich im Sprachgebrauch der Parteien die jeweiligen portr\u00e4tierten Gesinnungen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und politischer \u00dcberzeugung? Sind unsere Erwartungen und Bilder der Fraktionen wahrheitsgem\u00e4\u00df? Auf diese Fragen haben wir mit unserem Forschungsprojekt erste Antworten gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Definitionen <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um unsere Forschungsergebnisse verst\u00e4ndlich zu formulieren, f\u00fchren wir zun\u00e4chst einige Fachbegriffe der gendersensiblen Sprache ein. Sie finden sich in den Kreisdiagrammen auf dem gestalteten Plakat wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0Geschlechtsneutrale Formulierung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die geschlechtsneutrale Formulierung wird auch Partizip I genannt. Hier wird nicht zwischen \u201eMann\u201c und \u201eFrau\u201c unterschieden, sondern eine Art \u00dcberbegriff gesucht, zum Beispiel \u201eStudierende\u201c. Die sprachliche Funktion eines Partizips ist jedoch die Zustandsbeschreibung und wird daher f\u00fcr eine geschlechtsneutrale Formulierung teilweise als irref\u00fchrend bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bin\u00e4re Paarform<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Paarform adressiert die m\u00e4nnliche und die weibliche Wortform, entweder durch das Verbinden mit dem Wort \u201eund\u201c oder einen Schr\u00e4gstich (Studenten und Studentinnen bzw. Studenten\/Studentinnen). Kritikpunkt hieran ist, dass impliziert wird, es g\u00e4be nur zwei Geschlechter: m\u00e4nnlich und weiblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schreibungen mit Sonderzeichen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durch das Setzen eines Sterns (*) zwischen der m\u00e4nnlichen und der weiblichen Form wird hier Raum gegeben f\u00fcr s\u00e4mtliche weitere Geschlechtsidentit\u00e4ten, die von der Bin\u00e4rit\u00e4t abweichen. Auch an W\u00f6rter, denen eine eindeutige Geschlechtsidentit\u00e4t zugeordnet ist, also \u201eMann\u201c oder \u201eFrau\u201c, kann ein Genderstern angeh\u00e4ngt werden, um so darauf aufmerksam zu machen, dass das biologische Geschlecht einer Person nicht immer mit der Selbstdefinition einer Person \u00fcbereinstimmt. Wie der Genderstern symbolisiert auch der Gender_Gap, also ein Unterstrich zwischen der m\u00e4nnlichen und der weiblichen Variante (Student_innen) einen Raum f\u00fcr die verschiedenen m\u00f6glichen Geschlechtsidentit\u00e4ten. Dieser Gender_Gap kann auch an beliebigen Stellen innerhalb eines Wortes gesetzt werden, um zu zeigen, dass Geschlechtsidentit\u00e4ten dynamisch und nicht eindeutig abgrenzbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kritik an der Gender_Gap ist, dass der Unterstrich f\u00fcr ein \u201eNichts\u201c stehe und der bin\u00e4ren Geschlechtereinteilung nicht entgegenwirke. In manchen Darstellungen findet mensch auch den Doppelpunkt (Student:in) mit der im Vorhinein festgestellten Bedeutung, explizit auch nichtbin\u00e4re Geschlechtszuschreibungen einzubeziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weitere visuelle Darstellungen mittels Sonderzeichen sind der Schr\u00e4gstich (Student\/in) oder das Binnen-I (StudentIn).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Genderstern, der Gender_Gap, der Doppelpunkt, das Binnen-I sowie die Darstellung durch einen Schr\u00e4gstrich k\u00f6nnen akustisch durch einen sogenannten Glottisverschluss, also eine kurze Pause, dargestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das generische Femininum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Anlehnung an das Konzept des bekannten generischen Maskulinums wird hier ausschlie\u00dflich die weibliche Form verwendet. Alle nicht-weiblichen Formen sollen hier mitgemeint sein. Dazugeh\u00f6rige Formen sind die x-Form und die a-Form. Bei der x-Form wird die Endung eines Wortes durch ein x ersetzt (Studierx) und so die gegenderte Sprache symbolisch zu durchkreuzen. Bei der a-Form geht es darum, die Feminisierung der Sprache voranzutreiben, indem eher m\u00e4nnlich konnotierte Wortendungen durch weibliche ersetzt werden (Studenta).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schwierigkeiten bei der Recherche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gendersensible Sprache ist der Versuch, mittels sprachlicher \u00c4u\u00dferungen und Sprechakten alle Geschlechtsidentit\u00e4ten im Sprachgebrauch abzubilden. Sie bleibt dabei aber nicht nur in einer passiven Rolle zur\u00fcck, die sich an gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen anpasst, sondern unternimmt den Versuch, aktiv sexistische Sprache aus dem Sprachgebrauch zu entfernen. Um das umzusetzen, gibt es viele verschiedene Ans\u00e4tze und Ideen ohne einheitlichen Konsens. Erschwerend kommt hinzu, dass verschiedene Sprachen unterschiedlich sexistisch diskriminieren: W\u00e4hrend im Deutschen lange das generische Maskulinum als die Form f\u00fcr Gruppen unspezifischen Geschlechts galt, kommen andere Sprachen mit einem generischen Femininum oder gar ohne geschlechtsspezifische Form aus. Innerhalb einer Sprache ist es keineswegs klarer: So haben wir uns in unserer Forschung berechtigterweise gefragt, ob die bin\u00e4re Doppelform bei \u201eKolleginnen und Kollegen\u201c oder \u201eDamen und Herren\u201c lediglich als Sprachfloskel verwendet wurde oder aus tats\u00e4chlicher \u00dcberzeugung, dass der Fraktionsvorsitzenden der CDU seine weiblichen Kolleginnen im Bundestag auf Augenh\u00f6he anspricht. Auf der Strecke bleiben weiterhin die nichtbin\u00e4ren Kolleg*innen, die definitiv nicht Teil der Anrede sind. Kann mensch nur ein bisschen geschlechtersensibel sprechen? Es gibt keinen einheitlichen Konsens zur gendersensiblen Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Kurzes Sprachprofil zu den einzelnen Sprecher*innen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">AfD &#8211; Alice Weidel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alice Weidel nutzt, entlang dem parteiinternen Konsens, in ihren Redebeitr\u00e4gen fast ausschlie\u00dflich das generische Maskulinum. Es ist davon auszugehen, dass dies gewollt und gew\u00e4hlt ist. Nur in einigen wenigen floskelhaften Paarformen und wenigen Partizip-I-Konstruktionen (12,5%) weicht sie vom generischen Maskulinum ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">CDU\/CSU &#8211; Friedrich Merz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Friedrich Merz verwendet in 55% alle Formulierungen die bin\u00e4re Paarform. Ein gutes Drittel seiner Formulierungen bezieht sich auf das generische Maskulinum und die restlichen knapp 12% sind genderneutrale Formulierungen. Auff\u00e4llig ist, dass Friedrich Merz f\u00fcr gleiche Bezeichnungen, in unserem Material zum Beispiel &#8222;Soldat*innen&#8220;, an verschiedenen Stellen unterschiedliche Formen w\u00e4hlt: An einer Stelle verwendet er die bin\u00e4re Doppelform &#8222;Soldatinnen und Soldaten&#8220;, an anderer Stelle spricht er lediglich von &#8222;Soldaten&#8220; im generischen Maskulinum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">FDP \u2013 Christian D\u00fcrr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Christian D\u00fcrr verwendet \u00fcberwiegend die Paarform, davon handelt es sich bei drei Vierteln um Floskeln wie \u201eKolleginnen und Kollegen\u201c oder \u201eDamen und Herren\u201c. Selten verwendet Christian D\u00fcrr das generische Maskulinum und lediglich einmal wendet er das Partizip I an, als er sich auf \u201eStudierende\u201c bezieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen &#8211; Katharina Dr\u00f6ge<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gut 60% alle Formulierungen fallen bei Katharina Dr\u00f6ge unter neutrale Formulierungen. Bin\u00e4re Paarform mit 6 Formulierungen und generisches Maskulinum mit 5 Formulierungen halten sich etwa die Waage. Es ist festzustellen, dass auff\u00e4llig oft versucht wird, eine neutrale Formulierung zu finden, die keinen spezifischen Geschlechtsbezug tr\u00e4gt, zum Beispiel \u201eMenschen\u201c, \u201ePersonal\u201c oder \u201eFachkr\u00e4fte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">SPD &#8211; Dr. Rolf M\u00fctzenich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dr. Rolf M\u00fctzenich verwendet in seinen Redebeitr\u00e4gen in gro\u00dfen Teilen die Paarform, wobei es sich in ca. 41% der F\u00e4lle um Floskeln handelt, die dem zuh\u00f6renden Bundestag gewidmet sind (bspw. \u201eKolleginnen und Kollegen\u201c). Zus\u00e4tzlich verwendet M\u00fctzenich in wenigen F\u00e4llen eine geschlechtsneutral konstruierte Form mithilfe des Partizip I sowie das generische Maskulinum. In den F\u00e4llen, in denen das generische Maskulinum verwendet wird, ist nicht immer eine rein m\u00e4nnlich gelesene Gruppe gemeint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Linke \u2013 Amira Mohamed Ali<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Amira Mohamed Ali verwendet in ihren von uns analysierten Reden zum Gro\u00dfteil das generische Maskulinum. Es ist nicht immer klar, ob es vielleicht teilweise bewusst gew\u00e4hlt wird, denn wenn von Weidetierhaltern oder Sch\u00e4fern die Rede ist, k\u00f6nnte es sich in ihrer Ansprache auch wirklich um eine rein m\u00e4nnlich gelesene Gruppe handeln. Wenn Amira Mohamed Ali die Paarform verwendet, passiert dies ausschlie\u00dflich in Form von Floskeln, also bei den Anreden \u201eKolleginnen und Kollegen\u201c oder \u201eDamen und Herren\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Anschlie\u00dfende Ideen und Forschungen:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welche Sprachen nutzen das generische Femininum? Andere Sprachen im Wandel zu geschlechtersensiblerer Sprache?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Forschungsfrage, mit der sich befasst wurde, lautet: \u201eWie verwenden Fraktionsvorsitzende der Parteien im Bundestag geschlechtersensible Sprache in ihren Reden in Bundestagsdebatten?\u201c. Um dies zu erforschen, wurden jeweils pro Bundestagsfraktion (CDU\/CSU, SPD, AfD, FDP, Die Linke, B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen) 10 Minuten der neuesten Reden basierend auf den offiziellen Videoaufzeichnungen sowie Protokollen der Debatten auf geschlechtersensible Sprache hin untersucht. M\u00f6gliche Kategorien f\u00fcr geschlechtersensible Sprache sind das generische Maskulinum, das generische Femininum, neutrale Formen, der Glottisverschluss sowie bin\u00e4re Doppelformen. Die Ergebnisse wurden anschlie\u00dfend prozentual zusammengefasst, um f\u00fcr die erhobenen Daten ein aussagekr\u00e4ftiges Modell verfassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ist die Forschungsfrage entstanden? Beim Brainstorming innerhalb des Kurses zur praktischen Linguistik entstand der Wunsch, sich im Rahmen einer Forschung der geschlechtersensiblen Sprache zu widmen. Geschlechtersensible Sprache als Feld ist sehr weitgreifend, weshalb wir uns nach einiger Recherche f\u00fcr eine Korpusanalyse entschieden haben. 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