{"id":481,"date":"2017-07-28T12:09:51","date_gmt":"2017-07-28T10:09:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/?p=481"},"modified":"2017-08-17T23:35:45","modified_gmt":"2017-08-17T21:35:45","slug":"auswertung-wahrnehmungsspaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/auswertung-wahrnehmungsspaziergang\/","title":{"rendered":"Auswertung Wahrnehmungsspaziergang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Da dies die erste Methode war, der ich mich bediente, f\u00fchlte ich mich zu Beginn etwas unwohl und unbeholfen, vor allem, als mir Menschen entgegen kamen und mich dabei beobachteten wie ich scheinbar mit einem unsichtbaren Menschen sprach. Allerdings habe ich mich nach und nach daran gew\u00f6hnt und da ich oft in Stra\u00dfen abgebogen bin, die nicht Hauptverkehrswege waren, hat sich dieses &#8222;Problem&#8220; allein gel\u00f6st.:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine Umgebung hat sich von Ecke zu Ecke, wenn auch nur minimal, konstant ge\u00e4ndert. Dabei gab es diverse Komponenten, die mein Wohlbefinden und meine Orientierung beeinflusst haben: Erstens w\u00e4re da der Unterschied zwischen bekanntem und unbekanntem Terrain, welcher meine Aufmerksamkeit grundlegend beeinflusst. Denn auch, wenn ich versuche m\u00f6glichst viel wahrzunehmen, sendet das Gehirn in bekannten Regionen bestimmte Signale, sodass es trotz erh\u00f6htem Fokus nur neue Dinge in der Umgebung wahrnimmt und somit die Konzentration sinkt. Zweitens w\u00e4re da der\u00a0Unterschied zwischen dem allein sein und ein Teil der Menschenmasse zu sein: Die Anwesenheit von egal ob vertrauten oder fremden Menschen hat auf mich eine sehr gro\u00dfe Wirkung. So tut es mir von Zeit zu Zeit gut, unbegleitet zu sein und meine Umwelt ohne den Aufwand einer hohen Konzentration wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Ich stimme dem zu, dass Orten oftmals erst durch ihr passieren <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/theoretischer-exkurs\/\">Bedeutung<\/a> auferlegt wird, dh. die Stra\u00dfen auf der Route von meiner S-Bahn-Haltestelle bis zu meiner Haust\u00fcr werden erst zu meinem &#8222;Nachhauseweg&#8220;, wenn ich sie dazu erhebe. Ohne diesen Fokus, der durch die Ablenkung durch zu viele Menschen auf dem Weg erfolgt, bekomme ich ein Gef\u00fchl von phsysischer Abwesenheit, obwohl ich physisch an diesem Ort anwesend bin. Menschen ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, egal ob Kind oder Erwachsener, egal ob Mann oder Frau. Ich beginne sie zu analysieren und frage mich woher sie kommen, wohin sie wollen, was in ihrem Kopf passiert und wer sie sind. Auch ihr Schritttempo hat eine Auswirkung auf meine Aufmerksamkeit und mein Wohlbefinden, denn je gef\u00fcllter die Wege, desto eher habe ich das Gef\u00fchl, mich dem Schritttempo anpassen zu m\u00fcssen, um nicht aufzufallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Menschen f\u00fchren diverse Motivation und Aktivit\u00e4ten in Gebiete mit vielf\u00e4ltiger Raumnutzung: Nebenstra\u00dfen bedeuten dabei in den meisten F\u00e4llen (so wie bei mir auch) der einfachste und schnellste Weg zum Ziel, wobei der Umgebung tendenziell weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. In ihnen befinden sich selten oder nur vereinzelt \u00f6ffentliche Orte. Je \u00f6ffentlicher und besser zug\u00e4nglich Orte sind, desto eher werden sie angesteuert: Hauptstra\u00dfen mit vielen Angeboten gelten im Gegenzug als Ziel des Weges, z.B. liegen an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Stra\u00dfe und Pappelstra\u00dfe viele verschiedene Gesch\u00e4fte und die S-Bahn-Haltestelle Gastfeldstra\u00dfe, wodurch sie zu einem vielbesuchten Ort wird. Menschen k\u00f6nnten schnell viele Punkte von ihrer To-Do List streichen, weil\u00a0\u00a0zwischen den einzelnen Anlaufstellen nur kurze Strecken liegen. An diesen Orten und weiter in Richtung Pappelstra\u00dfe werden bewusste Aktivit\u00e4ten wie einkaufen, st\u00f6bern, Kaffee trinken, essen, usw. ausgef\u00fchrt. Diese sind zeitaufwendige Aktivit\u00e4ten, denen ich als Beobachter gerne nachgegangen w\u00e4re und die meine Emotionen w\u00e4hrend des Spazierganges beeinflusst haben. Ich habe mich gerne in die Rolle der beobachteten Menschen gesetzt und mir in Gedanken vorgestellt, entspannt in der Sonne am Tisch zu sitzen, jemandem bei der Arbeit zu helfen und zum Beispiel eine neue Wohnung einzurichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch Architektur und damit verbundene Elemente habe ich w\u00e4hrend des Spazierganges besonders beachtet. Ich bin momentan auf der Suche nach einer neuen Wohnung, was meine Wahrnehmung f\u00fcr H\u00e4user bzw. potenzielle Wohnungen in ihnen, Balkone, etc\u00a0ma\u00dfgeblich beeinflusst hat. Mein Schritttempo war dementsprechend relativ langsam, weil ich viele aneinanderliegende H\u00e4user betrachtet und analysiert habe. An anderen Orten habe ich einen schnelleren Schritt eingelegt, um f\u00fcr mich uninteressantere Strecken mit vergleichsweise wenig Fokus auf die Umgebung zur\u00fcckzulegen, was zum Beispiel in nicht so sch\u00f6nen Wohngebietend &#8222;abseits vom Schuss&#8220; der Fall war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Denke ich zur\u00fcck an den Spaziergang, f\u00e4llt mir auf, dass ich Ger\u00fcche relativ wenig wahrgenommen habe. Gerade weil ich an vielen duftproduzierenden Orten vorbeigekommen bin, h\u00e4tte ich eher das Gegenteil erwartet. Nur durch das Rosenbeet im Park habe ich mich l\u00e4nger an einem Ort aufgrund eines Duftes. Die geh\u00f6rten Ger\u00e4usche waren mir alle bekannt und vertraut. Dies lag daran, dass ich in einem bekanntem Stadtteil herumgelaufen bin. Aber w\u00e4re dies in einem anderen Stadtteil oder vielleicht sogar einer anderen Stadt anders verlaufen? Letztendlich sind die St\u00e4dte alle mit Menschen gef\u00fcllt, die sich unterhalten, sich fortbewegen, einkaufen und ihrem Leben nachgehen, dementsprechend w\u00fcrden h\u00f6chstens die Umgebungsger\u00e4usche variieren. Es ist allerdings auch die Frage, inwiefern das Gehirn herausfiltert und einem die Entscheidung zur Identifikation der Ger\u00e4usche bereits beim H\u00f6ren abnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe mich bei dieser Methode bewusst gegen die Dokumentation mit Fotos entschieden, weil dies meiner Meinung nach die Aufnahme und das Verst\u00e4ndnis\u00a0des wiedergegebenen Inhalts ma\u00dfgeblich beeinflusst. Einen Text zu lesen hat sinnlich gesehen eine ganz andere Auswirkung als sich eine Reihe von Fotos anzuschauen, da durch letzteres die Produktion von Bildern durch die eigene Fantasie weitgehend verhindert wird.<\/p>\n<p>Die Zeit ging relativ schnell um, ich hatte aber gleichzeitig auch das Gef\u00fchl, viel gesehen und realisiert zu haben. Im Nachhinein w\u00fcrde ich deshalb behaupten l\u00e4nger auf den Stra\u00dfen unterwegs gewesen zu sein, dh. dass die gef\u00fchlte Zeit l\u00e4nger war als die tats\u00e4chliche Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es stellt sich bei Auseinandersetzung mit dem Stadtwahrnemungsspaziergang nat\u00fcrlich die Frage, wie wissenschaftlich diese Methode ist: Eine Person spaziert durch die Stra\u00dfe und h\u00e4lt ihre pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke fest. Keine Literatur, wenig Objektivit\u00e4t &#8211; im Gegenteil: <b>Michael Krieger<\/b>\u00a0spricht\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mkrieger.de\/files\/downloads\/2011-03_Stadtsoziologie.pdf\">hier<\/a> sogar\u00a0von einer &#8222;maximalen Subjektivit\u00e4t&#8220;, die aus unterschiedlichen Perspektiven und der Sichten diverser Schulen die Wissenschaftlichkeit ausmacht oder eben nicht. Die spontane Auswahl der Route geschehe nach <strong>Guy Debord<\/strong> dabei eher nicht aus Zufallsgr\u00fcnden (Debord 2005: 64). Jedenfalls wird\u00a0<a href=\"https:\/\/www.vorarlberg.at\/pdf\/27werkheftwahrnehmungsspa.pdf\">hier<\/a> deutlich erkennbar, dass die Methode nicht nur in den Kulturwissenschaften angewendet wird, sondern auch in Gemeindeentwicklungskonzepten Anwendung findet: Menschen werden durch bestimmte Quartiere oder Viertel begleitet, um die gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Reaktion auf ein Projekt zu konstatieren. Architekten und Stadtteilplaner haben oftmals andere zu beachtende Auflagen am Anfang ihrer Liste, wodurch Aspekte, die direkt die Bewohner betreffen wird oder betrifft, au\u00dfer Acht gelassen werden k\u00f6nnten. Mit der Ausf\u00fchrung eines oder mehrerer Wahrnehmungsspazierg\u00e4nge wird diesen Anspr\u00fcchen gen\u00fcge getan und beispielsweise die Entstehung von sogenannten &#8222;blinde Flecken&#8220; von vornherein vermieden. Somit wird sie in diesem Zusammenhang als gleichberechtigte unter anderen anerkannten Raumanalysemethoden genehmigt. (Weiteres Beispiel: F\u00fcr Nieder\u00f6sterreich wurde eine ganze <a href=\"http:\/\/www.raumordnung-noe.at\/fileadmin\/root_raumordnung\/beteiligungsassistent\/dokumente\/HandbuchBeteiligung.pdf\">Brosch\u00fcre<\/a>\u00a0zur &#8222;Ortsplanung mit der Bev\u00f6lkerung&#8220; erstellt, in denen unter anderem Wahrnehmungsspazierg\u00e4nge geplant wurden.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Aktivit\u00e4t des bewussten Wahrnehmens, welche besonders diese Methode ausmacht, hat meiner Meinung nach mit zunehmender Technologisierung im heutigen Zeitalter abgenommen. Menschen sind selten ohne ein bestimmtes Ziel in der Stadt unterwegs und interessieren sich tendenziell\u00a0weniger f\u00fcr ihre Umgebung, wenn sie nicht aus dem Feldzugang der Kulturwissenschaften kommen. St\u00e4dtische Strukturen werden oftmals als einfach gegeben akzeptiert und daher nur bei wenigen Menschen als Objekt der Neugierde erfasst. So tr\u00e4gt zum Beispiel die Verwendung von GPS, dem Navigationssystem zur Positionsbestimmung, dazu bei sich weniger f\u00fcr seine Umwelt zu begeistern und durch eine genaue Rotenplanung m\u00f6glichst schnell das geplante Ziel zu erreichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da dies die erste Methode war, der ich mich bediente, f\u00fchlte ich mich zu Beginn etwas unwohl und unbeholfen, vor allem, als mir Menschen entgegen kamen und mich dabei beobachteten wie ich scheinbar mit einem unsichtbaren Menschen sprach. &hellip; <\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/auswertung-wahrnehmungsspaziergang\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8222;Auswertung Wahrnehmungsspaziergang&#8220;<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":4158,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[26268],"tags":[],"class_list":["post-481","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-menschen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4158"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=481"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":515,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481\/revisions\/515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}