{"id":439,"date":"2017-08-01T23:31:24","date_gmt":"2017-08-01T21:31:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/?p=439"},"modified":"2017-08-18T10:06:08","modified_gmt":"2017-08-18T08:06:08","slug":"auswertung-bewegtes-interviews","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sruun\/auswertung-bewegtes-interviews\/","title":{"rendered":"Auswertung des bewegten Interviews"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Die Methode ist neben der \u00f6rtlichen Vielfalt durch die Bewegung sehr gut geeignet, um biografische Forschungen zu betreiben und allt\u00e4gliche Tagesabl\u00e4ufe und die Beziehung von Menschen zu Orten und Objekten zu erfassen. Die Bewegung im Raum und die Verantwortung zu konkreten pers\u00f6nlichen R\u00e4umen zu f\u00fchren wirken als Impuls und Motivation und nehmen m\u00f6gliche Bedenken oder Hemmungen bez\u00fcglich der Befragung bzw. Erz\u00e4hlung. So gelangt die befragte Person in einen Erz\u00e4hlfluss, an dem ich als Forscher teilhaben und nebenbei beobachten kann. Dabei gibt die Ortswahl der Person einen Einblick in das subjektive Raumerleben, in denen die Orte und Gegenst\u00e4nde selbst zu Akteuren und &#8222;anregenden Konversationspartnern&#8220; werden (Keding\/ With 2014: 133). Diese w\u00fcrden im klassischen Interviewsetting an einem Ort wom\u00f6glich ausgelassen werden, weil der konkrete Impuls durch die direkte r\u00e4umliche Wahrnehmung gefehlt h\u00e4tte.\u00a0Es gibt w\u00e4hrend dem Interview zwar ab und zu Pausen, die Stille w\u00e4hrenddessen empfinde ich ab nicht als unangenehm, da die Person in Erinnerungen schwelgt und sich an weitere Teile ihrer Vergangenheit erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mir wurde durch das bewegte Interview Zugang gew\u00e4hrt zu individuellem Erfahrungs- und Praxiswissen einer Person von einer Region, in der ich mich sonst nicht aufhalte. Ich erfuhr, wie eine Person welche Qualit\u00e4ten bestimmten st\u00e4dtischen R\u00e4umen im Verh\u00e4ltnis zum gesamten Stadtraum zuschreibt (Keding\/Weith 2014: 132).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da die befragte Person in <strong>Findorff<\/strong> geboren und aufgewachsen ist, hat sie zu dem Stadtteil eine tiefe Bindung. Urbanistisch gesehen w\u00e4re der Hauptbahnhof die Mitte des Geschehens. F\u00fcr sie ist jedoch Findorff das Zentrum, welches sie nur aus studien-, berufstechnischen oder wenigen freizeitlichen Aktivit\u00e4ten verl\u00e4sst. Sie verbindet den Stadtteil mit vielen Erinnerungen an ihre Vergangenheit, die noch bis jetzt reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als ersten Ort erw\u00e4hnt sie eine\u00a0<strong>Eisdiele\u00a0<\/strong>als\u00a0Treffpunkt mit Familienmitgliedern und Freunden, die sie sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch besuchen und dort als Stammgast bekannt sind.\u00a0<strong>Familie<\/strong>\u00a0ist f\u00fcr sie ein zentraler Begriff, der sich durch das gesamte Interview zieht und der Beweggrund f\u00fcr jegliches Handeln oder Nicht-Handeln ist: Eltern, Gro\u00dfeltern, Partner, dazu auch Freunde. Sie sind ihre erste Priorit\u00e4t und ihr Zuhause.\u00a0Obwohl sie in eine eigene Wohnung gezogen ist, die nicht weit entfernt und zu Fu\u00df gut und schnell erreichbar ist, benennt sie das Elternhaus, in dem ihr ehemaliges Zimmer bereits umgestaltet wurde, als &#8222;<strong>Zuhause<\/strong>&#8222;. Es dauere ihrer Meinung nach sehr lange, um einen anderen Ort als den Ort des Aufwachsens als Zuhause zu bezeichnen.\u00a0Dennoch habe sich die &#8222;h\u00e4usliche Umgebung&#8220; seit ihrem Auszug ge\u00e4ndert und sie ist gleichzeitig verwundert dar\u00fcber, dass sie ihre Eltern trotz der N\u00e4he nicht so regelm\u00e4\u00dfig sieht wie erwartet. Das Leben in einer neuen Wohnung in einem fremden Haus ist wesentlich anonymer durch die un\u00fcbersehbar vielen Parteien, wodurch es selten dazu kommt, seine Nachbarn wirklich kennenzulernen. Im Vergleich dazu erlebt sie die Umgebung des Elternhauses und damit ihrer Vergangenheit wesentlich sch\u00f6ner durch Elemente wie Nachbarschaft, Gemeinschaft und die familienfreundliche und bunte Umgebung. \u00a0F\u00fcr die\u00a0Zukunft k\u00f6nnte sie sich auch vorstellen au\u00dferhalb von Bremen zu ziehen, jedoch nur in der direkten Umgebung wie in einer Vorstadt. Die Familie ihres Partners wohnt dort nicht allzu weit entfernt, weshalb sie sie regelm\u00e4\u00dfig mit dem Auto besuchen fahren. Die Ruhe und der viele Platz w\u00e4ren ein Argument f\u00fcr sie, aus Findorff in so eine Vorstadt zu ziehen. Es w\u00e4re allerdings auch die maximale Distanz, die sie zwischen sich und dem Rest ihrer Familie in Findorff haben m\u00f6chte. Eine Ausnahme w\u00e4re dabei ein verlockendes \u00a0Arbeitsangebot in der Umgebung von Bremen bis Hamburg, ansonsten w\u00fcrde sie aus Bremen nicht komplett weg ziehen.\u00a0Dazu ist ihre innere Verbundenheit mit dem Stadtteil zu eng.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein weiterer entscheidender Moment in ihrer Vergangenheit ist das\u00a0<strong>Freiwillige soziale Jahr<\/strong>\u00a0in einer\u00a0<strong>Kinderkrippe\u00a0<\/strong>in der N\u00e4he ihres Elternhauses:<strong>\u00a0<\/strong>Selbst die\u00a0Erinnerungen an den\u00a0Weg, den sie den Tag gegangen ist und wir nun auch, sind romantisiert.\u00a0Sie verbindet viele sch\u00f6ne Momente der Gemeinschaft mit diesem Ort und empfindet selbst nach dieser langen Zeit noch N\u00e4he, welche auch r\u00e4umlich noch besteht. Viele der Kinder kennt und erkennt sie und wird von ihren Eltern erkannt, welches ihr immer wieder ein Gef\u00fchl des Wohlbefinden. Durch Babysitting muss sie oft noch bei der Krippe und ihrem eigene Kindergarten vorbei gehen, was positive Erinnerungen weckt. Allgemein wirkt \u00a0sie gl\u00fccklich und zufrieden in vertrauter Umgebung, verl\u00e4sst diese vermutlich aber auch nicht so gern. Auf einer Karte eingezeichnet w\u00fcrden ihre allt\u00e4glichen Routen immer wieder \u00fcber die gleichen\u00a0<strong>Wege<\/strong>\u00a0laufen: Sie<strong>\u00a0<\/strong>geht in der Regel die gleichen Wege im Alltag, um auf schnellsten Weg das Ziel zu erreichen und besucht dabei immer die gleichen &#8222;spezielle Pl\u00e4tze&#8220;. Seit kurzer zeit hat sie aber\u00a0wieder neue Orte durch eine Freundin kennengelernt, die in dem Stadtteil neu und dadurch viel erkundet. Au\u00dferdem w\u00fcrden ihre Gro\u00dfeltern mittlerweile \u00f6fters im B\u00fcrgerpark spazieren und einkehren, wodurch sie nun auch \u00f6fters dort ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gleicherma\u00dfen wichtig lautet der Aspekt der\u00a0<strong>Mobilit\u00e4t<\/strong>: Ihr Auto besitzt sie ca. seit dem Auszug aus dem Elternhaus nicht mehr, was infolgedessen ihre Mobilit\u00e4t einschr\u00e4nkt hat. Es kommt nun oft zu\u00a0einem Z\u00f6gern bei der Entscheidung den Stadtteil zu verlassen, weil streng genommen fast alle W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse im eigenen Stadtteil befriedigt werden k\u00f6nnen. Sie kauft bei denselben Orten ein wie vor dem Auszug, geht zum gleichen Fitnessstudio und hat viele Freunde immer noch in der N\u00e4he der neuen Wohnung. Was diese Dinge angeht ist, ist besondere Mobilit\u00e4t letztendlich nicht vonn\u00f6ten. Deshalb ist sie auch mehr mit dem Fahrrad unterwegs und umgeht damit die Benutzung \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel, mit denen sie zum Beispiel zu ihrer Praktikumstelle nahe Hauptbahnhof gelangte.<\/p>\n<p>Mit dem Freizeitangebot ist sie sehr zufrieden, es wachse tendenziell und mache Findorff dadurch sogar noch attraktiver als Wohnviertel. Letzten Endes sei\u00a0Findorff perfekt f\u00fcr sie, weil es eine gute Kombination aus N\u00e4he zu Familie und Freunden, ausreichendem Freizeitangebot f\u00fcr junge Leute und einem positive Lebensatmosph\u00e4re ausstrahlendes Stadtviertel ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei dieser Methode habe ich mich wieder bewusst gegen die Dokumentation durch Fotos entschieden als auch gegen das Einzeichnen der Route (Wegprotokoll): Zun\u00e4chst wird somit die genaue \u00f6rtliche Zuordnung der befragten Person verhindert. Au\u00dferdem ist es meiner Meinung nach interessanter, sich \u00fcber das Zuh\u00f6ren einen Zugang zu der pers\u00f6nlichen Lebenswelt der befragten Person zu verschaffen und nicht konkrete Orte, die einem m\u00f6glicherweise bekannt sind, vorzustellen und damit die eigene Fantasie zu blockieren.<\/p>\n<p>Wie sind <span style=\"text-decoration: underline\">deine<\/span> Gedanken zu dieser Methode des bewegten Interviews? Oder auch zum Inhalt: Geht es dir \u00e4hnlich und stellst eine intensive Verbindung zu deinem Zuhause und der umliegenden Nachbarschaft fest? Oder ist Mobilit\u00e4t eine wichtige Bedingung f\u00fcr die Wahl deines Wohnortes, um schnell auch weiter entfernte Orte zu erreichen?<\/p>\n<p>Hinterlass unten gerne ein Kommentar!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Methode ist neben der \u00f6rtlichen Vielfalt durch die Bewegung sehr gut geeignet, um biografische Forschungen zu betreiben und allt\u00e4gliche Tagesabl\u00e4ufe und die Beziehung von Menschen zu Orten und Objekten zu erfassen. 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