{"id":349,"date":"2025-01-28T08:27:39","date_gmt":"2025-01-28T07:27:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/?p=349"},"modified":"2025-01-28T20:18:41","modified_gmt":"2025-01-28T19:18:41","slug":"karriere-nach-rezept-wie-dein-geschlecht-deinen-lebensweg-bestimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/karriere-nach-rezept-wie-dein-geschlecht-deinen-lebensweg-bestimmt\/","title":{"rendered":"Karriere nach Rezept: Wie dein Geschlecht deinen Lebensweg bestimmt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1707\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-382\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozpsy\/files\/Karriere-nach-Rezept-Soziale-Rollentheorie-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><em>24.01.2025 \/ Lange, Nosthoff, Thieheuer<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Handwerkliche Berufe f\u00fcr M\u00e4nner, erzieherische Arbeit f\u00fcr Frauen \u2013 diese Stereotype pr\u00e4gen unsere Berufswelt bis heute. Viel zu oft wird die Berufswahl nicht von den eigenen St\u00e4rken oder Interessen bestimmt, sondern von tief verwurzelten Geschlechterrollen, die unbewusst Grenzen setzen. Gesellschaftliche Erwartungen definieren weiterhin, welche Berufe als \u201etypisch m\u00e4nnlich\u201c oder \u201etypisch weiblich\u201c gelten und schr\u00e4nken die individuelle Freiheit der Berufswahl ein. Doch was w\u00e4re, wenn wir diese veralteten Muster aufbrechen k\u00f6nnten, indem wir geschlechtsstereotype Rollenbilder kritisch hinterfragen? Eine Zukunft ohne diese unsichtbaren Schranken ist m\u00f6glich \u2013 eine, in der jeder Mensch den individuellen Weg frei w\u00e4hlen kann. Um zu zeigen, wie das gelingen kann, haben wir drei Personen befragt, die in ihrem Beruf erfolgreich mit traditionellen Rollenbildern gebrochen haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Relevanz der Berufswahl und wie Geschlechterrollen diese beeinflussen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Berufswahl spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben: Sie pr\u00e4gt nicht nur die berufliche Zukunft, sondern beeinflusst auch unsere Zufriedenheit, Work-Life-Balance und unser Wohlbefinden. Dennoch zeigen aktuelle Daten, dass geschlechtsspezifische Stereotype weiterhin die Berufswahl beeinflussen: Nach dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2024 lediglich 10,2 % der Besch\u00e4ftigten in Handwerksberufen weiblich. Gleichzeitig liegt der M\u00e4nneranteil am p\u00e4dagogischen Personal in Kindertageseinrichtungen im Jahr 2022 nur bei 7,9 %. Diese Verteilung spiegelt nicht nur pers\u00f6nliche Vorlieben oder Interessen von M\u00e4nnern und Frauen wider, sondern ist auf tief verankerte geschlechterstereotype Normen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Schon fr\u00fch werden Kindern vermeintlich typische Rollenbilder vermittelt: Technikspielzeuge und Bauk\u00e4sten f\u00fcr Jungen, Puppen und K\u00fcchensets f\u00fcr M\u00e4dchen. Diese Pr\u00e4gungen wirken unbewusst fort und beeinflussen sp\u00e4ter die Berufsentscheidung, oft ohne, dass es den Betroffenen selbst bewusst ist. Tabita, eine Segelmacherin berichtet uns: \u201eBei einem Vorstellungsgespr\u00e4ch f\u00fcr einen Ausbildungsplatz wurde ich von einem Chef darauf hingewiesen, dass ich eine Frau w\u00e4re und dass dieser Beruf k\u00f6rperlich anstrengend sei. Er war der Meinung, dass ich diesen Beruf nicht aus\u00fcben k\u00f6nne, da ich als Frau zu schwach w\u00e4re.\u201c Solche Vorurteile erschweren Frauen den Einstieg in handwerkliche Berufe, wie Tabita erl\u00e4utert: \u201eIch werde h\u00e4ufig von Kunden kr\u00e4ftetechnisch untersch\u00e4tzt. Manche sind dann erstaunt, dass ich doch so viel Kraft habe und wie ein Mann zupacken kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tabita handelt in ihrer Situation entgegen der Geschlechterstereotype, die in der Social Cognitive Career Theory von Nzasi begr\u00fcndet werden. Diese erkl\u00e4rt, dass die Berufswahl neben pers\u00f6nlichen Zielen von zwei Faktoren beeinflusst wird: dem Glauben an die eigene F\u00e4higkeit (Selbstwirksamkeit) und den Erwartungen an die Ergebnisse. Selbstwirksamkeit bedeutet, wie Menschen ihre F\u00e4higkeiten in einem Beruf einsch\u00e4tzen. Ergebnisorientierung beschreibt, dass Menschen Berufe w\u00e4hlen, bei denen sie positive Ergebnisse oder Belohnungen erwarten. Zudem zeigt sie, dass die Zuschreibung von Charaktereigenschaften die Selbstwirksamkeit in bestimmten Berufsfeldern beeinflusst. M\u00e4nner werden dabei h\u00e4ufig mit Eigenschaften wie Wettbewerb und Durchsetzungsf\u00e4higkeit assoziiert, was sie dazu motiviert, F\u00fchrungspositionen anzustreben. Frauen hingegen werden gesellschaftlich st\u00e4rker mit F\u00fcrsorglichkeit und Empathie verbunden. Dies f\u00fchrt dazu, dass Frauen sich eher in Pflegeberufen bef\u00e4higt f\u00fchlen und MINT-Berufe als weniger attraktiv wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Madita, eine MINT-Absolventin im Bereich Management und Technik, schildert hierzu eine weitere Perspektive: \u201eVor allem nach dem Studium, als es um die ersten Jobs nach dem Bachelor ging, wurde mir durch meine m\u00e4nnlichen Kommilitonen vorgemacht, mit hohen Erwartungen in das Jobinterview zu gehen und sich selbst sogar ein bisschen besser zu verkaufen, als man eigentlich ist. Meine weiblichen Kommilitoninnen waren dagegen eher zur\u00fcckhaltend.\u201c Ihre Erfahrungen verdeutlichen, wie tief verankerte Geschlechterrollen ihre subjektiv wahrgenommenen F\u00e4higkeiten und Karrierechancen beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Doch woher kommen diese klassischen Rollenbilder, welche die Berufswahl pr\u00e4gen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Social Role Theory nach Eagly und Wood liefert eine klare Erkl\u00e4rung: Geschlechterstereotype entstehen durch die historische Beobachtung geschlechtsspezifischer Aufgabenverteilungen. Frauen und M\u00e4nner \u00fcbernehmen bestimmte T\u00e4tigkeiten, weil diese ihnen historisch und kulturell zugeschrieben wurden. Diese Zuschreibungen erscheinen oft unver\u00e4nderlich, sind jedoch eng mit den sozialen Bedingungen verkn\u00fcpft, unter denen sie entstanden sind. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Rollenbilder nicht nur passiv wahrgenommen, sondern aktiv weitergegeben werden. F\u00fcr die Berufsorientierung bedeutet das, dass Menschen ihre Berufe anhand von gesellschaftlichen Erwartungen w\u00e4hlen. Ihre eigene Berufswahl orientiert sich unterbewusst an stereotypischen Vorstellungen. Wer von diesen Rollen abweicht, begegnet oft Widerst\u00e4nden \u2013 sei es in Form von Skepsis, Ablehnung oder mangelnder Unterst\u00fctzung. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr sind Frauen in F\u00fchrungsrollen: Zeigen sie einen durchsetzungsstarken F\u00fchrungsstil, werden sie oft negativer wahrgenommen als M\u00e4nner, die sich genauso verhalten. Dieses Verhalten wird bei Frauen als \u201euntypisch\u201c bewertet \u2013 und zeigt, wie stark solche Rollenbilder unser Denken pr\u00e4gen. Malte, ein Student der Sozialen Arbeit, erg\u00e4nzt: \u201eBesonders in m\u00e4nnlich dominierten R\u00e4umen ist es f\u00fcr mich nicht einfach, von meinem Studium und dem Beruf, den ich aus\u00fcbe, zu sprechen. Oft werden M\u00e4nner, die im Care-Bereich arbeiten, bel\u00e4chelt, da es keine typischen Statusberufe sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Theorie weist jedoch auch darauf hin, dass sich Rollenbilder \u00e4ndern k\u00f6nnen, wenn gesellschaftliche Strukturen sich wandeln. M\u00e4nner, die in sozialen Berufen t\u00e4tig sind, und Frauen, die in technischen Berufen arbeiten, durchbrechen diese klassischen Rollenbilder. Kleine Ver\u00e4nderungen im Alltag haben langfristig die Kraft, Geschlechterrollen zu hinterfragen und neu zu definieren. Malte hebt hier die Rolle von Vorbildern hervor: \u201eErwachsene haben einen unglaublichen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Ich glaube, dass viele Probleme dieser Welt nicht vorhanden w\u00e4ren, wenn wir Jungen andere Rollen anbieten und vorleben w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kritiker:innen k\u00f6nnten argumentieren, dass Stereotype durchaus ihre Berechtigung haben, da biologische und hormonelle Unterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern existieren. Zwar sind Frauen im Durchschnitt kleiner und weniger muskul\u00f6s, doch stellt sich die Frage, ob solche Unterschiede im Zeitalter technologischen Fortschritts noch eine zentrale Rolle spielen sollten. Vielmehr scheint es so, dass immer noch kulturelle, soziale und strukturelle Einfl\u00fcsse die Berufswahl pr\u00e4gen und oft die individuelle Eignung \u00fcberlagern. Dennoch zeichnet sich in den letzten Jahren zeichnet der positive Trend ab, dass Geschlechterstereotype bei der Berufswahl durchbrochen werden. Beispielsweise \u00fcbernehmen immer mehr Frauen trotz dieser Einfl\u00fcsse F\u00fchrungspositionen. Trotzdem besteht weiterhin Handlungsbedarf, um diesen Wandel zu verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie k\u00f6nnen wir Stereotype in der Berufswelt aufbrechen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die Berufswahl ein entscheidender Schritt im Leben eines Menschen ist, der nicht nur die berufliche Zukunft, sondern auch die pers\u00f6nliche Zufriedenheit und das gesellschaftliche Zusammenleben pr\u00e4gt, m\u00fcssen wir f\u00fcr eine gerechtere Berufswahl geschlechtsspezifische Stereotype, soziale Normen und kulturelle Erwartungen kritisch hinterfragen. Unser Ziel sollte es sein, diversere Karrierewege zu erm\u00f6glichen, die allen Sch\u00fcler:innen und Berufseinsteiger:innen gleichberechtigte Chancen bieten. Dabei spielen zielgruppenspezifische Interventionen in Schulen und am Arbeitsplatz eine entscheidende Rolle. Es ist notwendig, bereits in der Schulbildung den Grundstein daf\u00fcr zu legen, dass pers\u00f6nliche Interessen, F\u00e4higkeiten und Ziele die Berufswahl bestimmen \u2013 nicht gesellschaftliche Erwartungen oder strukturelle Barrieren. Auch w\u00e4hrend des gesamten Karrierewegs sollten Menschen die Freiheit haben, ihren beruflichen Weg unabh\u00e4ngig von biologischen Merkmalen zu erkunden und zu w\u00e4hlen. Unsere Gespr\u00e4che zeigen: Es lohnt sich, geschlechtsspezifische Rollenbilder zu hinterfragen. Alle Gespr\u00e4chspartner:innen best\u00e4tigten, dass es die richtige Entscheidung war, ein nicht stereotypisches Berufsbild zu w\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt ist die Zeit, Vorurteile abzubauen und Bildungs- sowie Arbeitsumfelder zu schaffen, in denen jede:r das eigene Potenzial entfalten kann. So wird Gleichberechtigung in der Berufswahl zur Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hast du schon einmal dar\u00fcber nachgedacht, wie Geschlechterrollen deine eigenen Entscheidungen beeinflusst haben?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teile deine Erfahrungen und Gedanken in den Kommentaren und lasst uns gemeinsam dar\u00fcber sprechen, wie wir Stereotype aufbrechen und eine gerechtere Berufswelt schaffen k\u00f6nnen &#8211; deine Meinung z\u00e4hlt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Quellen: <\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Davis, J. T. M. &amp; Hines, M.<\/strong> (2020). How Large Are Gender Differences in Toy Preferences? A Systematic Review and Meta-Analysis of Toy Preference Research. <em>Archives of sexual behavior<\/em>, 49(2), 373\u2013394. https:\/\/doi.org\/10.1007\/s10508-019-01624-7<span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Eagly, A. H. &amp; Wood, W.<\/strong> (2012). Social Role Theory. In Higgins, E. Tory, Kruglanski, Arie W., Lange &amp; Paul A. M. Van. (Hrsg.), <em>Handbook of Theories of Social Psychology<\/em> (2. Aufl., S. 458\u2013476). SAGE Publications. https:\/\/doi.org\/10.4135\/9781446249222.n49 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Nzasi, C. <\/strong>(2023). The Role of Gender Shaping Career Choices. <em>Journal of Sociology<\/em>, 1(1), 10\u201318.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Statistisches Bundesamt. <\/strong>(2024). <em>Erwerbsbeteiligung von Frauen nach Berufen<\/em>. https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Arbeit\/Arbeitsmarkt\/Qualitaet-Arbeit\/Dimension-1\/erwerbsbeteiligung-frauen-berufe.html<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Statistisches Bundesamt. <\/strong>(2023).<em> Anteil der M\u00e4nner am p\u00e4dagogischen Kita-Personal von 4,1% im Jahr 2012 auf 7,9% im Jahr 2022 gestiegen: Zahl der Woche.<\/em> https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/Zahl-der-Woche\/2023\/PD23_34_p002.html<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-comments\">\n\n\n\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.01.2025 \/ Lange, Nosthoff, Thieheuer Handwerkliche Berufe f\u00fcr M\u00e4nner, erzieherische Arbeit f\u00fcr Frauen \u2013 diese Stereotype pr\u00e4gen unsere Berufswelt bis heute. 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