{"id":30,"date":"2022-02-02T14:31:41","date_gmt":"2022-02-02T13:31:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/?p=30"},"modified":"2022-02-14T13:45:07","modified_gmt":"2022-02-14T12:45:07","slug":"hilfe-mein-chef-mobbt-mich-ist-es-mobbing-oder-der-fundamentale-attributionsfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/2022\/02\/02\/hilfe-mein-chef-mobbt-mich-ist-es-mobbing-oder-der-fundamentale-attributionsfehler\/","title":{"rendered":"\u201cHilfe, mein Chef mobbt mich!\u201d &#8211; Ist es Mobbing oder der fundamentale Attributionsfehler?"},"content":{"rendered":"<p><b>Laut ver.di sind in Deutschland rund 1,8 Millionen Erwerbst\u00e4tige von Mobbing betroffen. Dabei sind in \u00fcber 50% der F\u00e4lle Vorgesetzte daf\u00fcr verantwortlich oder ma\u00dfgeblich daran beteiligt (ver.di o.J.). Doch handelt es sich tats\u00e4chlich immer um Mobbing, wenn jemand dieses Wort in den Mund nimmt?<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mobbing findet heutzutage nicht nur in der Schule statt, sondern immer h\u00e4ufiger auch am Arbeitsplatz. Sei es ein herablassender Kommentar oder eine immer weiter anhaltende Ausgrenzung. Doch ob sich ein Mensch von seinem Umfeld gemobbt f\u00fchlt oder nicht, h\u00e4ngt von verschiedenen Faktoren ab. So nehmen Menschen Worte von anderen unterschiedlich wahr und schreiben dem Verhalten anderer unterschiedliche Ursachen zu. Einige sehen einen \u201cnegativen\u201d Kommentar als direkten Angriff, w\u00e4hrend andere dies ganz anders wahrnehmen. Wie die Suche nach Ursachen f\u00fcr das Mobbing innerlich abl\u00e4uft und wie gesammelte Vorerfahrungen mit dem Mobbenden diese beeinflussen, erfahrt ihr in diesem Beitrag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Zur besseren Verst\u00e4ndlichkeit werfen wir einen Blick auf Sabine. Sabine ist Mitarbeiterin bei einem Versicherungsmakler. Seit einiger Zeit kommt Sabine nicht mehr gerne zur Arbeit. Der Grund daf\u00fcr ist ihr direkter Vorgesetzter, Wolfgang. Sie hat das Gef\u00fchl, von ihm nicht ernst genommen zu werden und gezielt aus den Vertriebskampagnen ausgeschlossen zu werden. Es kommt sogar vor, dass er sauer wird und gemeine Kommentare abl\u00e4sst, was sich Sabine aber nicht traut anzusprechen. Den Kolleg:innen f\u00e4llt das nicht mal mehr auf, solche \u00c4u\u00dferungen sind f\u00fcr sie nichts Neues.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wird Sabine von Wolfgang gemobbt? Oder meint Wolfgang das alles gar nicht b\u00f6se?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Mobbing am Arbeitsplatz<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mobbing ist ein ernstzunehmendes Problem innerhalb von Organisationen. Viel zu h\u00e4ufig ist es die Ursache f\u00fcr K\u00fcndigungen oder Burnouts. Doch was genau ist eigentlich Mobbing?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Entscheidend ist die Dauer des Mobbings. Erst wenn Anfeindungen verschiedener Art \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum immer wieder stattfinden, spricht man von Mobbing (Steensman und Dijke, 2006). Doch h\u00e4ufig sind Aussagen oder Verhaltensweisen nicht eindeutig einzusch\u00e4tzen. Ob eine Aussage als Mobbing verstanden wird, h\u00e4ngt davon ab, ob wir ihr eine b\u00f6se Absicht unterstellen. Somit h\u00e4ngt Sabines Einsch\u00e4tzung, ob Wolfgang sie mobbt davon ab, welche Ursache sie seinem Verhalten zuschreibt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Attribution und wie wir uns Selbst an der Nase herumf\u00fchren<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wenn Sabine sich Gedanken dar\u00fcber macht, welche Absichten Wolfgang mit seinem Verhalten ihr gegen\u00fcber verfolgt, nennt man das Attribution. Ganz allgemein bezeichnet es die Suche nach Ursachen f\u00fcr eine Handlung oder ein Ereignis. Unser Verstand spielt uns aber auch in Sachen Attribution gerne mal etwas vor. Es gibt einige Denkfehler, die uns zu falschen Ergebnissen f\u00fchren. Einer ist der fundamentale Attributionsfehler. Dabei kommen wir f\u00e4lschlicherweise zu dem Schluss, die Ursache eines Verhaltens liege in dem\/der Akteur:in selbst. Also in seinen\/ihren Werten und Eigenschaften. \u00c4u\u00dfere, also situative Faktoren, lassen wir dabei unber\u00fccksichtigt (Reeder, 2013). Beispielsweise ist Sabine sich sicher, dass Wolfgang sie nicht mag und ein unfreundlicher Mensch ist, weil er sie nicht gegr\u00fc\u00dft hat, obwohl er lediglich heiser war oder sie sein Winken nicht gesehen hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Speziell hinsichtlich Mobbing ist die sog. <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Selbstwertdienliche Verzerrung<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\"> interessant. Dabei handelt es sich um die Tendenz, positiven Ereignissen (gute Leistung) eher internale Faktoren zuzuschreiben (gute Kenntnisse\/Anstrengungen) und negativen Ereignissen eher externale Faktoren (Situation, Zufall, Kolleg:innen). Eine Studie von Steensman und Dijke (2006), die sich mit dem Attributionsverhalten von Mobbing-Opfern besch\u00e4ftigt, st\u00fctzt sich auf eben diese Verzerrung, um ihre Ergebnisse zu begr\u00fcnden. Denn entgegen ihrer Annahmen haben Mobbing-Opfer \u00fcberwiegend situationsbedingte Faktoren des jeweiligen Kontextes\u00a0 als Ursache f\u00fcr das Mobbing gesehen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Wie Moral unsere Attribution beeinflusst<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Noch bevor wir attribuieren findet eine Beurteilung der beobachteten Situation statt. Ob wir etwas als richtig, falsch, nett oder b\u00f6se erachten, h\u00e4ngt von unseren moralischen Wertvorstellungen ab. Im Bruchteil einer Sekunde merken wir, ob das beobachtete Verhalten im Einklang mit unseren Wertvorstellungen steht oder diesen widerstrebt. Erachten wir das Verhalten nicht als moralisch fragw\u00fcrdig, schreiben wir ihm keine b\u00f6se Absicht zu. Wenn wir allerdings ein Verhalten, z.B. eine Aussage, als nicht nett oder fies wahrnehmen, gehen wir h\u00e4ufig davon aus, dass diesem Verhalten eine bestimmte Absicht zugrunde liegt (Zedlacher, Salin, 2021). Dabei stellen wir uns bspw. die Frage: \u201eKonnte der oder die Agierende frei handeln, oder wurde das Verhalten durch bestimmte Rahmenbedingungen vorgegeben?\u201c Im Beruf k\u00f6nnte es z.B. sein, dass aus Sicherheitsgr\u00fcnden eine Ermahnung, sich an gewisse Vorschriften zu halten, unbedingt notwendig ist. Interessant ist auch ein Blick auf unser Rollenverst\u00e4ndnis. In der zitierten Studie hat sich herausgestellt, dass wir F\u00fchrungskr\u00e4fte generell moralisch strenger beurteilen, als Mitarbeiter:innen ohne leitende Funktion. Zus\u00e4tzlich f\u00e4llt unser Urteil eher auf langfristige Eigenschaften, sobald wir empfinden, dass die F\u00fchrungskraft ihre Rolle nicht gut ausf\u00fcllt. Wenn also Sabines Erwartungen an Wolfgang als F\u00fchrungskraft in vorherigen Situationen entt\u00e4uscht wurden, kann das dazu f\u00fchren, dass sie ihn allgemein als schlechten Chef sieht. Diese empfundene Rollenverletzung f\u00fchrt dann dazu, dass Sabine die Ursache in Wolfgangs Verhalten eher in Eigenschaften wie Ungeduld und Unfreundlichkeit sucht, als in Faktoren der Situation, oder seiner aktuellen Laune. Es ist somit auch von Bedeutung, was f\u00fcr Vorerfahrungen wir mit der Person, deren Verhalten wir einsch\u00e4tzen, bereits gesammelt haben.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Der Einfluss von Vorerfahrungen mit dem T\u00e4ter<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">H\u00e4ufig lassen sich Aussagen oder Verhaltensweisen moralisch nicht eindeutig zuordnen. Hier spielen eine Reihe weiterer Faktoren eine Rolle, wie bspw. die Vorerfahrungen, die wir mit der beobachteten Person gemacht haben. Laut des Kovariationsprinzips von Kelley (1973) sind vor allem drei Aspekte entscheidend. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Erstens<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> geht es um die <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Konsistenz<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\"> des gezeigten Verhaltens: \u201eReagiert Wolfgang auch in anderen Situationen so?\u201c. Wenn das Verhalten auch in anderen Situationen gezeigt wird, dann ist es f\u00fcr diese Person offensichtlich ein \u00fcbliches Verhalten und wirkt daher beim Schlie\u00dfen auf eine bestimmte Absicht mindernd (Zedlacher, Salin, 2021). Ganz nach dem Motto: \u201eDer macht das halt immer so.\u201c. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Zweitens<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> ist die <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Distinktheit<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\"> f\u00fcr das Ergebnis unserer Attribution ausschlaggebend. Hierbei stellt sich die Frage, ob das gezeigte Verhalten ausschlie\u00dflich gegen\u00fcber Sabine gezeigt wird oder auch gegen\u00fcber anderen Personen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Drittens<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> ist der <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Konsens<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\"> mit anderen Personen entscheidend. Nehmen andere das Verhalten \u00e4hnlich wahr, dann herrscht hoher Konsens \u00fcber die Wahrnehmung des Verhaltens vor. Je nach Auspr\u00e4gung dieser drei Aspekte schlie\u00dfen wir eher auf innere oder auf \u00e4u\u00dfere Ursachen f\u00fcr das beobachtete Verhalten.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Was wir daraus lernen k\u00f6nnen<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ob es sich bei Sabine um Mobbing handelt oder um den fundamentalen Attributionsfehler l\u00e4sst sich nicht generalisierbar beantworten. Denn viele unterschiedliche Aspekte sorgen daf\u00fcr, ob wir Verhalten als Mobbing wahrnehmen oder nicht. Sei es nun aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen, einem anderen Rollenverst\u00e4ndnis oder der Vorerfahrung mit einem Menschen. Dabei ist es theoretisch auch egal, wenn unsere Wahrnehmung durch eine Verzerrung (wie dem fundamentalen Attributionsfehler) von der Wirklichkeit abweicht. Letztendlich f\u00fchrt die Wahrnehmung zu Gef\u00fchlen, die sich negativ auf Sabines Psyche und ihre Arbeitsleistung auswirken und sollten allein deswegen thematisiert werden. Doch auch Sabine kann und sollte hinterfragen, ob sie die Situationen mit Wolfgang bei der Arbeit eventuell zu kritisch wahrgenommen hat. Denn jeder &#8211; auch der\/die Chef:in &#8211; kann mal einen schlechten Tag haben oder eben einfach falsch verstanden werden. Zu wissen, dass es vorkommen kann, dass wir bestimmten Verhaltensweisen eine falsche Ursache zuschreiben und somit eine Person falsch einsch\u00e4tzen, kann neue Perspektiven er\u00f6ffnen. Probier es doch selbst mal aus!<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Foto von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@energepic-com-27411?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">energepic.com<\/a><\/strong> von <strong><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/frau-sitzt-vor-macbook-313690\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\">Pexels<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut ver.di sind in Deutschland rund 1,8 Millionen Erwerbst\u00e4tige von Mobbing betroffen. Dabei sind in \u00fcber 50% der F\u00e4lle Vorgesetzte daf\u00fcr verantwortlich oder ma\u00dfgeblich daran beteiligt (ver.di o.J.). Doch handelt es sich tats\u00e4chlich immer um Mobbing, wenn jemand dieses Wort in den Mund nimmt? Mobbing findet heutzutage nicht nur in der Schule statt, sondern immer &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":13829,"featured_media":49,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[1016815,1016137,1016483,1017159],"class_list":["post-30","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-arbeitsplatz","tag-attribution","tag-mobbing","tag-moral"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13829"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":261,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions\/261"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/media\/49"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}