{"id":26,"date":"2022-02-02T14:31:11","date_gmt":"2022-02-02T13:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/?p=26"},"modified":"2022-02-13T17:30:41","modified_gmt":"2022-02-13T16:30:41","slug":"work-it-mama-warmherzige-mutter-oder-kaltherzige-karrierefrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/sozialpsy\/2022\/02\/02\/work-it-mama-warmherzige-mutter-oder-kaltherzige-karrierefrau\/","title":{"rendered":"Work it, Mama! &#8211; Warmherzige Mutter oder kaltherzige Karrierefrau?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><em>Auch wenn M\u00e4nner und Frauen eigentlich gleichberechtigt sein sollten, sehen sich M\u00fctter und V\u00e4ter jedoch unterschiedlichen Stereotypen ausgesetzt. Doch worauf basieren diese unterschiedlichen Annahmen und die Ungleichbehandlung zu Lasten von M\u00fcttern im Arbeitsalltag? Das Stereotype Content Model von Fiske et al. (2002) liefert daf\u00fcr einen Erkl\u00e4rungsansatz.<\/em><\/p>\n<p><strong>Karriere und Kinder \u2013 (k)ein Widerspruch?<\/strong><\/p>\n<p>M\u00fctter sind Superheld:innen, oder? Sie wissen immer, wohin man den eigenen Impfpass verlegt hat und sind wahre Organisationstalente. Das Bild der f\u00fcrsorglichen und unerschrockenen <em>L\u00f6wenmutter<\/em> ist sicherlich den meisten ein Begriff. Berufst\u00e4tige M\u00fctter meistern zus\u00e4tzlich den Spagat zwischen Beruf und Familie. Dennoch kommt immer wieder die Frage auf, ob sie wirklich Kindererziehung und Beruf parallel bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Dementsprechend ergibt sich in den K\u00f6pfen vieler der hartn\u00e4ckige Widerspruch warmherzige Mutter versus kaltherzige Karrierefrau. Unter Umst\u00e4nden k\u00f6nnen solche Stereotype zu sozialer Ausgrenzung f\u00fchren und diskriminierende Folgen haben. Aber woher kommen diese Einstellungen und das daraus resultierende Verhalten M\u00fcttern gegen\u00fcber im Arbeitskontext? Hierzu lohnt es sich das sozialpsychologische Stereotype Content Model (SCM) von Fiske, Cuddy, Glick und Xu (2002) heranzuziehen. Das Modell erkl\u00e4rt, dass Individuen soziale Gruppen anhand der zwei Dimensionen W\u00e4rme und Kompetenz einsch\u00e4tzen. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch geschlechtsspezifische Stereotype auf den beiden Dimensionen abbilden.<\/p>\n<p><strong>Das Stereotype Content Model als Erkl\u00e4rungsansatz<\/strong><\/p>\n<p>Das SCM von Fiske et al. aus dem Jahre 2002 bietet einen theoretischen Rahmen f\u00fcr die Erkl\u00e4rung und Einordnung von unterschiedlichen Stereotypen. Im Gegensatz zu der herk\u00f6mmlichen Annahme, dass Stereotype tendenziell negativ behaftet sind, geht das SCM von einem vielschichtigen Bild aus und betrachtet Gruppen differenziert. So k\u00f6nnen verschiedene stereotype Gruppen anhand von zwei Dimensionen unterschieden werden: W\u00e4rme und Kompetenz. Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, ob die fremde Person oder Gruppe Ihnen gegen\u00fcber gute oder schlechte Absichten hat? Menschen wollen erst einmal die Intention des Gegen\u00fcbers in Erfahrung bringen. Die wahrgenommene W\u00e4rme h\u00e4ngt n\u00e4mlich von der wahrgenommenen Konkurrenz ab, die von der Person bzw. Gruppe ausgeht. Oder haben Sie sich gefragt, ob Ihr Gegen\u00fcber die Kompetenz hat, um ihre Ziele auch zu erreichen? \u00dcber die Kompetenzdimension wird abgebildet, ob die andere Person \u00fcberhaupt dazu f\u00e4hig ist, die Intention auszu\u00fcben. Die Bewertung der Kompetenz st\u00fctzt sich auf den wahrgenommenen Status der Person bzw. Gruppe. Gruppen werden also anhand dessen bewertet, inwiefern sie Einfluss auf einen selbst oder die eigene Gruppe aus\u00fcben k\u00f6nnen. Zwar stellen wir uns im Alltag vermutlich nicht aktiv diese Fragen, wenn wir Gruppen bewerten. Dennoch beruht der Inhalt von Stereotypen nach dem SCM auf diesen beiden Aspekten. Aus den zwei Dimensionen und der jeweils hohen beziehungsweise niedrigen Auspr\u00e4gung lassen sich vier verschiedene Kombinationen von Stereotypgruppen ableiten. Jedem Stereotyp bringen wir verschiedene Emotionen entgegen. Gruppen, denen wir uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, schreiben wir oftmals eine hohe W\u00e4rme sowie eine hohe Kompetenz zu. Die Gruppen l\u00f6sen dabei das Gef\u00fchl der Bewunderung in uns aus. Es gibt aber auch Gruppen, denen wir weder W\u00e4rme noch Kompetenz zuschreiben; wir schreiben Ihnen weder zu f\u00e4hig zu sein noch finden wir diese Gruppen nett. Solchen Gruppen wird eher Verachten entgegengebracht. Zudem gibt es zwei Stereotypgruppen, die auf der einen Dimension als hoch und auf der anderen als niedrig eingestuft werden. Manche Gruppen werden wahrgenommen, als ob sie weder die Intention noch das Verm\u00f6gen h\u00e4tten, einem selbst oder der eigenen Gruppe zu schaden. Solche Gruppen werden als warm, aber nicht als kompetent wahrgenommen. Dadurch bringen Personen diesen Gruppen eher Mitleid entgegen. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen wir Gruppen auch als kompetent, aber nicht als warm empfinden. Diesen Gruppen bringen wir eher Neid entgegen.<\/p>\n<p><strong>Berufst\u00e4tige Eltern im Stereotype Content Model<\/strong><\/p>\n<p>Eine Folgestudie von Cuddy, Fiske und Glick (2004), die auf dem SCM aufbaut, untersucht die Einordnung von berufst\u00e4tigen M\u00fcttern auf den Dimensionen des SCM und vergleicht diese mit den von berufst\u00e4tigen V\u00e4tern. Dabei wurden vier verschiedene Gruppen untersucht, in der jeweils das Geschlecht (weiblich, m\u00e4nnlich) und Elternschaft (Kind, kein Kind) kombiniert wurden. Die Teilnehmer:innen wurden gebeten Profile fiktiver Berater:innen durchzulesen und hinsichtlich W\u00e4rme, Kompetenz sowie beruflicher Wertsch\u00e4tzung oder Diskriminierung (Einstellung, Bef\u00f6rderung, Weiterbildung) zu bewerten. Die Teilnehmer:innen sahen ein Profil, bei dem entweder eine m\u00e4nnliche oder weibliche beratende Person (Dan oder Kate) mit identischer Berufserfahrung und der aktuellen T\u00e4tigkeit beschrieben wurde. Au\u00dferdem wurde lediglich beim Vorliegen einer Elternschaft der Satz eingef\u00fcgt, dass der:die Berater:in und seine:ihre Partner:in vor kurzem ihr erstes Baby bekommen haben. So gelang es den Autor:innen eine sehr niederschwellige, aber aussagekr\u00e4ftige Unterscheidung zu schaffen. An der Studie nahmen insgesamt 122 Studierende der Princeton Universit\u00e4t teil (72 Frauen, 50 M\u00e4nner, zwei Drittel wei\u00df).<\/p>\n<p><strong>Kompetenzverlust durch Muttersein<\/strong><\/p>\n<p>Berufst\u00e4tige M\u00fctter k\u00f6nnten dem SCM entsprechend auf einen von zwei m\u00f6glichen Stereotypen reduziert werden: die \u201eNestbauerin\u201c \u2013 warm aber inkompetent, oder die \u201eKarrierefrau\u201c \u2013 kompetent aber k\u00fchl. Die Studienergebnisse sind schmerzlich wenig \u00fcberraschend: Wenn Frauen M\u00fctter werden, tauschen sie einen Teil ihrer wahrgenommenen Kompetenz gegen W\u00e4rme ein. F\u00fcr berufst\u00e4tige V\u00e4ter galt dies innerhalb der Studie allerdings nicht. Sie werden im selben Ma\u00dfe als kompetent wahrgenommen wie kinderlose Berufst\u00e4tige und gewinnen sogar noch an wahrgenommener W\u00e4rme dazu \u2013 win win f\u00fcr die Papas also. Die Wahrnehmung auf der Wa\u0308rme-Kompetenz-Skala fa\u0308llt zu Ungunsten der berufsta\u0308tigen Mu\u0308tter aus. Es besteht weniger Interesse daran, Mu\u0308tter einzustellen, zu befo\u0308rdern oder aus- bzw. weiterzubilden als kinderlose Arbeitnehmer:innen. Aber warum ist das so? Mithilfe des SCM haben wir bereits erfahren, wie Stereotype entstehen und was sie in uns ausl\u00f6sen. Die Theorie geht aber noch weiter und spricht Stereotypen die Vorhersage von Mustern diskriminierender Verhaltensintentionen zu, konkret: von aktiven Angriffen, \u00fcber passiven sozialen Ausschluss bis hin zu Hilfe oder Kooperation. Wer als stark <em>warm <\/em>wahrgenommen wird, dem wird eher Hilfe angeboten und wird seltener Opfer aktiver Angriffe. Wer hingegen als stark <em>kompetent <\/em>wahrgenommen wird, der erntet Anerkennung und vermeidet so die soziale Exklusion. Frauen werden in dem SCM in gemischte Stereotyp-Cluster und eher zwiesp\u00e4ltig eingeordnet. Entweder werden sie als k\u00fchle Wettbewerberinnen respektiert und beneidet (Karrierefrauen) oder sie werden gemocht aber wenig anerkannt (Hausfrauen). Es erscheint entsprechend der Logik des SCM schier unm\u00f6glich, dass Frauen auf beiden Dimensionen hoch eingesch\u00e4tzt werden. Die Studie von Cuddy et al. (2004) zeigt, dass die Teilnehmenden lieber Beratende bef\u00f6rdern, die als kompetent wahrgenommen werden. Der Anstieg an wahrgenommener W\u00e4rme bringt berufst\u00e4tigen M\u00fcttern folglich keinen Vorteil im Berufsleben. Wenn M\u00fctter nach der Geburt wieder an den Arbeitsplatz zur\u00fcckkehren, haben sie vermutlich an wahrgenommener Kompetenz verloren und werden zudem seltener am Arbeitsplatz gef\u00f6rdert. Dies l\u00e4sst wiederum die Schlussfolgerung zu, dass die wahrgenommene W\u00e4rme als irrelevant zur Beurteilung der Arbeitsleistung angesehen wird. F\u00fcr berufst\u00e4tige V\u00e4ter gilt das nicht. Die Autor:innen gehen davon aus, dass die st\u00e4rker wahrgenommene W\u00e4rme bei M\u00fcttern schlichtweg die wahrgenommene Kompetenz \u00fcberstrahlt.<\/p>\n<p><strong>Aktuelle Benachteiligung von M\u00fcttern am Arbeitsplatz<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt alles ziemlich unfair, oder? Die Studie von Cuddy et al. stammt bereits aus dem Jahr 2004 und st\u00fctzt sich auf ein scheinbar vereinfachtes Stereotypmodell. Trotzdem f\u00fchlt sich das Thema Diskriminierung von M\u00fcttern am Arbeitsplatz auch heute noch aktuell an. Auch wenn die Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen stetig voranschreitet, sind viele Einstellungen zu Frauen noch immer gepr\u00e4gt von veralteten Vorurteilen im Job, wie eine Umfrage von 2018 zeigt (Initiative Chefsache, o.D.). Insbesondere berufst\u00e4tige M\u00fctter sp\u00fcren die riesigen H\u00fcrden, die es zuk\u00fcnftig noch zu bew\u00e4ltigen gilt. Das SCM kann uns dabei helfen, unsere ambivalenten Gef\u00fchle zu verstehen und unsere Voreingenommenheit und Vorurteile bewusst abzubauen. Dieses Wissen k\u00f6nnte auch f\u00fcr Organisationen zur Gestaltung von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen, wie beispielsweise Trainings zur unbewussten Voreingenommenheit, hilfreich sein. Denn so kann sich die Art und Weise, wie wir unsere Mitmenschen einsch\u00e4tzen, nachhaltig ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderung beginnt also \u2013 wie so oft \u2013 im Kopf jedes Einzelnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Cuddy, A. J. C., Fiske, S. T., &amp; Glick, P. (2004). When professionals become mothers, warmth doesn\u2019t cut the ice. <em>Journal of Social Issues, 60<\/em>(4), 701-718. <a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/doi\/10.1111\/j.0022-4537.2004.00381.x\">https:\/\/doi.org\/10.1111\/j.0022-4537.2004.00381.x<\/a><\/p>\n<p>Fiske, S. T., Cuddy, A. J., Glick, P., &amp; Xu, J. (2002). A model of (often mixed) stereotype content: Competence and warmth respectively follow from perceived status and competition. <em>Journal of Personality and Social Psychology, 82<\/em>(6), 878-902. <a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/doi\/10.1037\/0022-3514.82.6.878\">https:\/\/doi.org\/10.1037\/0022-3514.82.6.878<\/a><\/p>\n<p>Initiative Chefsache (o.D). <em>Repr\u00e4sentative Umfrage: Vorurteile gegen Frauen im Job nehmen zu<\/em>. https:\/\/initiative-chefsache.de\/vorurteile-gegen-frauen-im-job-nehmen-zu\/<\/p>\n<p><strong>Bildquelle<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/photo\/woman-carrying-her-baby-and-working-on-a-laptop-4079281\/\">Anastasia Shuraeva via Pexels<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/license\/\">CC<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn M\u00e4nner und Frauen eigentlich gleichberechtigt sein sollten, sehen sich M\u00fctter und V\u00e4ter jedoch unterschiedlichen Stereotypen ausgesetzt. 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