{"id":337,"date":"2026-02-17T15:42:49","date_gmt":"2026-02-17T14:42:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/solidaritaetimquadrat\/?page_id=337"},"modified":"2026-02-17T15:46:03","modified_gmt":"2026-02-17T14:46:03","slug":"glossar","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/solidaritaetimquadrat\/glossar\/","title":{"rendered":"Glossar"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Postkolonialismus\/postkolonial<\/strong><\/h3>\n<p>Das Pr\u00e4fix \u201epost\u201c weist nicht auf eine Abgeschlossenheit, sondern eine Kontinuit\u00e4t des Kolonialismus hin. Postkolonialismus ist eine wissenschaftliche Theorie, die das Fortwirken des Kolonialen, nach der historischen Kolonisation untersucht. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf kolonialen Denk- und Handlungsmustern und (globalen) Machtasymmetrien. Diese kolonialen Kontinuit\u00e4ten wirken sowohl in ehemals kolonisierten L\u00e4ndern, in ehemals kolonisierenden L\u00e4ndern, als auch in inter- und transnationalen Beziehungen und Migrationsbewegungen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Antikolonialismus\/antikolonial<\/strong><\/h3>\n<p>Antikolonialismus bezeichnet dagegen konkrete Handlungen gegen die (historische) Kolonialpolitik und eine spezifische Ideologie und politische Haltung. Er bezieht sich grundlegend auf die Anerkennung des Rechts aller V\u00f6lker, \u00fcber einen unabh\u00e4ngigen Staat zu verf\u00fcgen, der auf der Basis einer rechtlichen Gleichheit mit den anderen am Staatensystem teilhat. Dieses Recht wurde erst 1945 bei der Gr\u00fcndung der UN verk\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Dekolonisierung<\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff meint nicht nur politische und rechtliche Unabh\u00e4ngigkeit, sondern einen umfassenden Prozess, der zeitlich wenig pr\u00e4zise einzugrenzen ist und die ganze Spannbreite gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Transformationen beinhaltet, die mit der Abl\u00f6sung kolonialer Herrschaftsformen im Zusammenhang stehen. Dies schlie\u00dft auch die Ver\u00e4nderung grunds\u00e4tzlicher Vorstellungen und Denkweisen ein.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>\u201cDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201d<\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff bezeichnet die ehemalige deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Namibias sowie eines Teils des heutigen Botswanas. Wie andere Bezeichnungen f\u00fcr fr\u00fchere deutsche Kolonialgebiete spiegelt er eine koloniale Sichtweise und eine hierarchische Vereinnahmung. Durch den Begriff wird ein Gebiet, das deutlich gr\u00f6\u00dfer war als das damalige Deutsche Reich, sprachlich in dieses eingegliedert. In der Wissenschaft wird der Begriff h\u00e4ufig verwendet, gleichzeitig wird damit jedoch sprachlich eine koloniale Perspektive auf Namibia \u00fcbernommen, die historisch wie auch heute noch von Bef\u00fcrworter*innen der deutschen Kolonialherrschaft genutzt wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>\u00a0\u201eDritte Welt\u201c\u00a0<\/strong><\/h3>\n<blockquote><p><em>\u00bbDie Dritte Welt steht heute als eine kolossale Masse Europa gegen\u00fcber; ihr Ziel muss es sein, die Probleme zu l\u00f6sen, die dieses Europa nicht hat l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u00ab <\/em><\/p>\n<p><em>Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Begriff entstand 1952 und zun\u00e4chst als Selbstbezeichnung der blockfreien Staaten, in Abgrenzung zu den beiden sich gegen\u00fcberstehenden Bl\u00f6cken im Kalten Krieg. Er diente dazu L\u00e4nder mit kolonialer Vergangenheit und gemeinsamen Abh\u00e4ngigkeitserfahrungen zu benennen und deren revolution\u00e4res Potenzial zu betonen.<\/p>\n<p>Die auf Befreiung und Gerechtigkeit abzielenden Solidarit\u00e4tsgruppen mit den so bezeichneten L\u00e4ndern, nannten sich in Anlehnung an die Selbstbezeichnung der L\u00e4nder \u201eDritte-Welt-Bewegung\u201c. Teilweise war die Solidarit\u00e4t auch ein Ausdruck der eigenen politischen Vorstellungen und revolution\u00e4ren Hoffnungen, die auf so kategorisierte L\u00e4nder projiziert wurde.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur freiwilligen Abgrenzung und m\u00f6glichen Selbstbezeichnung kann der Ausdruck heute nicht als Selbstbezeichnung verstanden werden:<\/p>\n<p>Der Begriff diente und dient teilweise heute noch als Sammelbegriff f\u00fcr afrikanische, asiatische und lateinamerikanische L\u00e4nder, denen eurozentristische Perspektiven mangelnde Entwicklung zuschreiben. Dabei homogenisiert er unterschiedliche Regionen, ordnet sie hierarchisch einer vermeintlich \u201eentwickelten\u201c Welt unter und reproduziert rassistische Vorstellungen von Defizit, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit. Die Bezeichnung verschleiert globale Machtverh\u00e4ltnisse und historische Verantwortlichkeiten und ist h\u00e4ufig mit stereotypen Bildern von Armut, Hunger und Gewalt verbunden. Sie gilt daher als problematisch und sollte vermieden werden; stattdessen ist eine differenzierte, nicht wertende Terminologie zu verwenden.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>\u201cAusl\u00e4nder*in\u201d<\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff ist eine spezifisch deutsche Bezeichnung f\u00fcr Menschen deren Staatsangeh\u00f6rigkeit nicht deutsch ist. Als Synonym fu\u0308r Einwander*innen ist er falsch, da die meisten Eingewanderten und ihre Nachkommen keine Ausla\u0308nder*innen sind, sondern Deutsche. Grunds\u00e4tzlich verortet der Begriff Menschen im Ausland. Der Begriff hat sich als homogenisierende und vor allem h\u00e4ufig abwertende Bezeichnung f\u00fcr Schwarze Menschen, People of Color und Muslim*innen sowie f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und Migrant*innen aus \u00f6konomisch unterprivilegierten L\u00e4ndern Europas etabliert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eEntwicklungshilfe\u201c <\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff findet kaum noch Verwendung und wird bereits seit Mitte der 80er als paternalistisch kritisiert. Er hierarchisiert und ruft einerseits das Bild eines wohlt\u00e4tigen und andererseits eines auf Hilfe angewiesenen Akteurs hervor, wobei Interessen der Geber, Machtstrukturen sowie Gr\u00fcnde f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Probleme nicht benannt und entpolitisiert werden. Der neuere Begriff der \u201eEntwicklungszusammenarbeit\u201c soll zwar die Begegnung auf Augenh\u00f6he betonen und legt Wert auf die Handlungsmacht der Akteure. An dem Machtverh\u00e4ltnis hat sich jedoch nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Verwendung des Begriffs \u201eEntwicklung\u201c wird z.B. von dem Anthropologen Stuart Hall kritisiert: die Herausbildung einer westlichen, modernen Identit\u00e4t war auf die Abgrenzung von einem \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen Anderen\u201c angewiesen. Die Konstruktion von \u201eEuropa\u201c und \u201e<em>wei\u00df<\/em>-Sein\u201c als einzig relevante Weltma\u00dfst\u00e4be und die, zum Beispiel von Philosophen der Aufkl\u00e4rung, oftmals vertretenen Ideen von \u201eEntwicklung\u201c bzw. \u201eFortschritt\u201c mit der Einteilung von Menschen in hierarchische Gruppen erm\u00f6glichte es u.a., Afrika als einen geschichtslosen Kontinent zu fixieren.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong><em>wei\u00df<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>In der klein und kursiv geschriebenen Variante, meint <em>wei\u00df<\/em> eine gesellschaftspolitische Norm und Machtposition. H\u00e4ufig herrscht das Missverst\u00e4ndnis, es ginge bei der Bezeichnung um eine Hautfarbe. Der Begriff wird als Gegensatz zu BIPoC und Schwarzen Menschen verwendet. Dabei m\u00fcssen sich z.B. <em>wei\u00dfe<\/em> Deutsche nicht selbst als <em>wei\u00df<\/em> oder privilegiert f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Schwarz<\/strong><\/h3>\n<p>In der gro\u00df geschriebenen Variante ist der Begriff eine Eigen- und politische Selbstbezeichnung, die viele afrodiasporische Menschen und Initiativen verwenden. Sie kommt aus dem englischsprachigen Rassismusdiskurs (\u201cBlack\u201d). Auch hier geht es nicht um Hautfarbe, sondern um den Gegensatz zu <em>wei\u00df<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) <\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff ist eine Selbstbezeichnung von und f\u00fcr Menschen mit Rassismuserfahrungen. People of Color (Singular Person of Color) steht f\u00fcr Menschen, die nicht als <em>wei\u00df,<\/em> deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich selbst nicht so definieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00a0<\/strong><strong>N\u00e9gritude<\/strong><\/h3>\n<p>Der Begriff bezeichnet eine literarische und ideologische Bewegung, die in den 1930er Jahren von franz\u00f6sischsprachigen Schwarzen Intellektuellen in Paris ausging. Die Bewegung strebte eine R\u00fcckbesinnung auf die kulturellen Werte vor der Kolonialzeit sowie eine Rehabilitation der Schwarzen Identit\u00e4t und Best\u00e4rkung der eigenen kulturellen Identit\u00e4t an und wandte sich gegen Exotisierung des afrikanischen Kontinents. Als Begr\u00fcnder gelten u.a. Aim\u00e9 C\u00e9saire (Martinique) und L\u00e9opold S\u00e9dar Senghor (Senegal).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Pan-Afrikanismus <\/strong><\/h3>\n<p>Dieser Begriff wurde dagegen eher im englischsprachigen Raum popul\u00e4r: Damit ist vor allem eine Bewegung zur politischen Emanzipation der afrikanischen L\u00e4nder und Bev\u00f6lkerungsgruppen gegen die kolonisatorischen und rassistischen Diskurse Europas gemeint. Georges Padmore, ein wichtiger Vertreter dieser Bewegung, formulierte 1960 das Ziel, \u201eeine afrikanische Regierung von Afrikanern f\u00fcr Afrikaner zu verwirklichen\u201c. Bekannte Vordenker waren der US-amerikanische Historiker W.E.B. Du Bois und der jamaikanische Aktivist Marcus Gervey. Sp\u00e4ter bezogen sich weitere Revolution\u00e4re auf das panafrikanische Ideal, wie Julius Nyerere in Tansania, Am\u00edlcar Cabral in Guinea-Bissau, Kwame Nkrumah in Ghana und Thomas Sankara in Burkina-Faso.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Cultural Belongings<\/strong><\/h3>\n<p>Belongings beschreiben mehr als nur Gegenst\u00e4nde die von Menschen hergestellt, genutzt oder ver\u00e4ndert wurden. Anders als beschreibende Begriffe wie \u201eObjekte\u201c betont Belongings die lebendige Verbindung zum allt\u00e4glichen Leben, zu Herkunftsgemeinschaften oder zu Spiritualit\u00e4t. Der Begriff lenkt den Blick darauf, dass Belongings Teil des Alltags, der Rituale oder der sozialen Praxis von Menschen waren, gesch\u00e4tzt und auch verehrt werden k\u00f6nnen. In Museen und Sammlungen, insbesondere bei Raubgut aus kolonialen Kontexten, erinnert die Verwendung von Belongings daran, dass es sich nicht um abstrakte historische Objekte handelt und dass Belongings in vielen F\u00e4llen an die Herkunftsgemeinschaften zur\u00fcckgegeben werden sollten.<\/p>\n<p>Der Begriff bezieht sich nicht nur auf Materialit\u00e4t, sondern respektiert auch die Perspektiven derer, die die Gegenst\u00e4nde geschaffen oder benutzt haben \u2013 insbesondere in postkolonialen oder indigenen Kontexten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Quellen<\/h4>\n<p>NdM Glossar, postkoloniales W\u00f6rterbuch, IMIS Inventar der Migrationsbegriffe, Wie Rassismus aus W\u00f6rtern spricht, bpb Artikel, Rosa Luxemburg Stiftung, Historisch-kritische W\u00f6rterbuch des Marxismus (HKWM), Torp und S\u00fc\u00df (2021), Susan C. Ryan, (2024)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Postkolonialismus\/postkolonial Das Pr\u00e4fix \u201epost\u201c weist nicht auf eine Abgeschlossenheit, sondern eine Kontinuit\u00e4t des Kolonialismus hin. Postkolonialismus ist eine wissenschaftliche Theorie, die das Fortwirken des Kolonialen, nach der historischen Kolonisation untersucht. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf kolonialen Denk- und Handlungsmustern und (globalen) Machtasymmetrien. 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