Glossar

Postkolonialismus/postkolonial

Das Präfix „post“ weist nicht auf eine Abgeschlossenheit, sondern eine Kontinuität des Kolonialismus hin. Postkolonialismus ist eine wissenschaftliche Theorie, die das Fortwirken des Kolonialen, nach der historischen Kolonisation untersucht. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf kolonialen Denk- und Handlungsmustern und (globalen) Machtasymmetrien. Diese kolonialen Kontinuitäten wirken sowohl in ehemals kolonisierten Ländern, in ehemals kolonisierenden Ländern, als auch in inter- und transnationalen Beziehungen und Migrationsbewegungen.

 

Antikolonialismus/antikolonial

Antikolonialismus bezeichnet dagegen konkrete Handlungen gegen die (historische) Kolonialpolitik und eine spezifische Ideologie und politische Haltung. Er bezieht sich grundlegend auf die Anerkennung des Rechts aller Völker, über einen unabhängigen Staat zu verfügen, der auf der Basis einer rechtlichen Gleichheit mit den anderen am Staatensystem teilhat. Dieses Recht wurde erst 1945 bei der Gründung der UN verkündet.

 

Dekolonisierung

Der Begriff meint nicht nur politische und rechtliche Unabhängigkeit, sondern einen umfassenden Prozess, der zeitlich wenig präzise einzugrenzen ist und die ganze Spannbreite gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Transformationen beinhaltet, die mit der Ablösung kolonialer Herrschaftsformen im Zusammenhang stehen. Dies schließt auch die Veränderung grundsätzlicher Vorstellungen und Denkweisen ein.

 

“Deutsch-Südwestafrika”

Der Begriff bezeichnet die ehemalige deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Namibias sowie eines Teils des heutigen Botswanas. Wie andere Bezeichnungen für frühere deutsche Kolonialgebiete spiegelt er eine koloniale Sichtweise und eine hierarchische Vereinnahmung. Durch den Begriff wird ein Gebiet, das deutlich größer war als das damalige Deutsche Reich, sprachlich in dieses eingegliedert. In der Wissenschaft wird der Begriff häufig verwendet, gleichzeitig wird damit jedoch sprachlich eine koloniale Perspektive auf Namibia übernommen, die historisch wie auch heute noch von Befürworter*innen der deutschen Kolonialherrschaft genutzt wird.

 

 „Dritte Welt“ 

»Die Dritte Welt steht heute als eine kolossale Masse Europa gegenüber; ihr Ziel muss es sein, die Probleme zu lösen, die dieses Europa nicht hat lösen können.«

Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde

Der Begriff entstand 1952 und zunächst als Selbstbezeichnung der blockfreien Staaten, in Abgrenzung zu den beiden sich gegenüberstehenden Blöcken im Kalten Krieg. Er diente dazu Länder mit kolonialer Vergangenheit und gemeinsamen Abhängigkeitserfahrungen zu benennen und deren revolutionäres Potenzial zu betonen.

Die auf Befreiung und Gerechtigkeit abzielenden Solidaritätsgruppen mit den so bezeichneten Ländern, nannten sich in Anlehnung an die Selbstbezeichnung der Länder „Dritte-Welt-Bewegung“. Teilweise war die Solidarität auch ein Ausdruck der eigenen politischen Vorstellungen und revolutionären Hoffnungen, die auf so kategorisierte Länder projiziert wurde.

Im Gegensatz zur freiwilligen Abgrenzung und möglichen Selbstbezeichnung kann der Ausdruck heute nicht als Selbstbezeichnung verstanden werden:

Der Begriff diente und dient teilweise heute noch als Sammelbegriff für afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Länder, denen eurozentristische Perspektiven mangelnde Entwicklung zuschreiben. Dabei homogenisiert er unterschiedliche Regionen, ordnet sie hierarchisch einer vermeintlich „entwickelten“ Welt unter und reproduziert rassistische Vorstellungen von Defizit, Rückständigkeit und Hilfsbedürftigkeit. Die Bezeichnung verschleiert globale Machtverhältnisse und historische Verantwortlichkeiten und ist häufig mit stereotypen Bildern von Armut, Hunger und Gewalt verbunden. Sie gilt daher als problematisch und sollte vermieden werden; stattdessen ist eine differenzierte, nicht wertende Terminologie zu verwenden.

 

“Ausländer*in”

Der Begriff ist eine spezifisch deutsche Bezeichnung für Menschen deren Staatsangehörigkeit nicht deutsch ist. Als Synonym für Einwander*innen ist er falsch, da die meisten Eingewanderten und ihre Nachkommen keine Ausländer*innen sind, sondern Deutsche. Grundsätzlich verortet der Begriff Menschen im Ausland. Der Begriff hat sich als homogenisierende und vor allem häufig abwertende Bezeichnung für Schwarze Menschen, People of Color und Muslim*innen sowie für Geflüchtete und Migrant*innen aus ökonomisch unterprivilegierten Ländern Europas etabliert.

 

„Entwicklungshilfe“

Der Begriff findet kaum noch Verwendung und wird bereits seit Mitte der 80er als paternalistisch kritisiert. Er hierarchisiert und ruft einerseits das Bild eines wohltätigen und andererseits eines auf Hilfe angewiesenen Akteurs hervor, wobei Interessen der Geber, Machtstrukturen sowie Gründe für soziale und ökonomische Probleme nicht benannt und entpolitisiert werden. Der neuere Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“ soll zwar die Begegnung auf Augenhöhe betonen und legt Wert auf die Handlungsmacht der Akteure. An dem Machtverhältnis hat sich jedoch nichts geändert.

Die Verwendung des Begriffs „Entwicklung“ wird z.B. von dem Anthropologen Stuart Hall kritisiert: die Herausbildung einer westlichen, modernen Identität war auf die Abgrenzung von einem „rückständigen Anderen“ angewiesen. Die Konstruktion von „Europa“ und „weiß-Sein“ als einzig relevante Weltmaßstäbe und die, zum Beispiel von Philosophen der Aufklärung, oftmals vertretenen Ideen von „Entwicklung“ bzw. „Fortschritt“ mit der Einteilung von Menschen in hierarchische Gruppen ermöglichte es u.a., Afrika als einen geschichtslosen Kontinent zu fixieren.

 

weiß

In der klein und kursiv geschriebenen Variante, meint weiß eine gesellschaftspolitische Norm und Machtposition. Häufig herrscht das Missverständnis, es ginge bei der Bezeichnung um eine Hautfarbe. Der Begriff wird als Gegensatz zu BIPoC und Schwarzen Menschen verwendet. Dabei müssen sich z.B. weiße Deutsche nicht selbst als weiß oder privilegiert fühlen.

 

Schwarz

In der groß geschriebenen Variante ist der Begriff eine Eigen- und politische Selbstbezeichnung, die viele afrodiasporische Menschen und Initiativen verwenden. Sie kommt aus dem englischsprachigen Rassismusdiskurs (“Black”). Auch hier geht es nicht um Hautfarbe, sondern um den Gegensatz zu weiß.

 

BIPoC (Black, Indigenous and People of Color)

Der Begriff ist eine Selbstbezeichnung von und für Menschen mit Rassismuserfahrungen. People of Color (Singular Person of Color) steht für Menschen, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich selbst nicht so definieren.

 

 Négritude

Der Begriff bezeichnet eine literarische und ideologische Bewegung, die in den 1930er Jahren von französischsprachigen Schwarzen Intellektuellen in Paris ausging. Die Bewegung strebte eine Rückbesinnung auf die kulturellen Werte vor der Kolonialzeit sowie eine Rehabilitation der Schwarzen Identität und Bestärkung der eigenen kulturellen Identität an und wandte sich gegen Exotisierung des afrikanischen Kontinents. Als Begründer gelten u.a. Aimé Césaire (Martinique) und Léopold Sédar Senghor (Senegal).

 

Pan-Afrikanismus

Dieser Begriff wurde dagegen eher im englischsprachigen Raum populär: Damit ist vor allem eine Bewegung zur politischen Emanzipation der afrikanischen Länder und Bevölkerungsgruppen gegen die kolonisatorischen und rassistischen Diskurse Europas gemeint. Georges Padmore, ein wichtiger Vertreter dieser Bewegung, formulierte 1960 das Ziel, „eine afrikanische Regierung von Afrikanern für Afrikaner zu verwirklichen“. Bekannte Vordenker waren der US-amerikanische Historiker W.E.B. Du Bois und der jamaikanische Aktivist Marcus Gervey. Später bezogen sich weitere Revolutionäre auf das panafrikanische Ideal, wie Julius Nyerere in Tansania, Amílcar Cabral in Guinea-Bissau, Kwame Nkrumah in Ghana und Thomas Sankara in Burkina-Faso.

 

Cultural Belongings

Belongings beschreiben mehr als nur Gegenstände die von Menschen hergestellt, genutzt oder verändert wurden. Anders als beschreibende Begriffe wie „Objekte“ betont Belongings die lebendige Verbindung zum alltäglichen Leben, zu Herkunftsgemeinschaften oder zu Spiritualität. Der Begriff lenkt den Blick darauf, dass Belongings Teil des Alltags, der Rituale oder der sozialen Praxis von Menschen waren, geschätzt und auch verehrt werden können. In Museen und Sammlungen, insbesondere bei Raubgut aus kolonialen Kontexten, erinnert die Verwendung von Belongings daran, dass es sich nicht um abstrakte historische Objekte handelt und dass Belongings in vielen Fällen an die Herkunftsgemeinschaften zurückgegeben werden sollten.

Der Begriff bezieht sich nicht nur auf Materialität, sondern respektiert auch die Perspektiven derer, die die Gegenstände geschaffen oder benutzt haben – insbesondere in postkolonialen oder indigenen Kontexten.

 

Quellen

NdM Glossar, postkoloniales Wörterbuch, IMIS Inventar der Migrationsbegriffe, Wie Rassismus aus Wörtern spricht, bpb Artikel, Rosa Luxemburg Stiftung, Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM), Torp und Süß (2021), Susan C. Ryan, (2024)