Landwirtschaft & Klimagerechtigkeit – Im Gespräch mit Free the Soil

Alternative zur ursprünglich geplanten Veranstaltung
Der ursprüngliche Plan unserer Arbeitsgruppe zum Thema “Nachhaltige Ernährung in der Stadt”, die aus dem Seminar zum diesjährigen Themensemester entstanden ist, war es drei Perspektiven vorzustellen und in diesem Bereich tätige Projekte zu Wort kommen zu lassen. Ziel jener Veranstaltung sollte sein, das Thema Ernährung, welches uns alle alltäglich betrifft, zum Gespräch zu machen und zu fragen: Was können wir als Einzelne*r machen, um ein Bewusstsein für solidarische Ernährung zu schaffen und umzusetzen? Trotz aktuell Corona-bedingter Einschränkungen für Veranstaltungen, möchten wir die Vertreter*innen der ausgewählten Projekte auf diesem Wege vorstellen. Neben den praktischen Umsetzungen, wie sie der Sophienhof durch solidarische Landwirtschaft betreibt, oder die Food Sharing-Initiative, die gegen Nahrungsmittelverschwendung eintritt, stellen wir hier die 2018 gegründete politische Kampagne Free the Soil vor. Wir haben mit zwei Mitwirkenden von Free the Soil unter besonderer Beachtung des solidarischen Grundgedankens der Kampagne gesprochen.

Free The Soil
Die Initiative startete in Dänemark. Das erste internationale Treffen findet im Herbst 2018 in Hamburg statt mit Reichweite nach Dänemark, Schweden, Deutschland, Belgien und Niederlande. Die Teilnehmenden stammen vor allem aus der Klimagerechtigkeitsbewegung. Im September 2019 gab es ein Camp mit Workshops und zur Vernetzung und eine Aktion gegen den Düngemittelhersteller Yara. Yara ist ein norwegisches Unternehmen, international aktiv, und damit verantwortlich für den Ausstoß großer Mengen Treibhausgase. Wer mehr erfahren möchte über das Camp und die Hintergründe wird fündig auf der Webseite: https://freethesoil.org/de/startseite/
Einen Newsletter für geplante Aktion gibt es hier: freethesoil@riseup.netKontakt zur Bremer Free the Soil-Gruppe, die sich auch in Zeiten von socialdistancing online trifft, gibt es über die Klimagruppe: klimabremen@disroot.org

Polly* & Luna*
Haben beide über die Bremer Klimagruppe, die sich mit verschiedenen klimarelevanten Themen auseinandersetzt, Free The Soil kennengelernt. Polly hat Lehramt studiert, Luna studiert Politik und Musikwissenschaft.
(* Die Namen haben wir auf Wunsch der beiden geändert.)

Das Interview:
„Im Herbst 2019 gab es eure erste große gemeinsame Veranstaltung, euer Camp.
Wie war das Camp geplant und was war das Ziel?“
Luna: „Das Camp war öffentlich und wurde auch öffentlich an verschiedenen Orten beworben und jede*r konnte kommen. Es waren natürlich viele Leute, die aus dem landwirtschaftlichen Kontext kamen. Viele Leute kamen auch von der Klimabewegung. Zum einen gab es das Camp mit vielen unterschiedlichen Workshops und Podiumsdiskussionen zum Thema, wobei es vor allem um Vernetzung und Information ging. Und es gab eine Aktion beim Yara-Werk in Brunsbüttel mit einer 24-Stunden-Blockade-Aktion. Es war zwar keine riesige Aktion, aber gerade in der Region hat es viel Aufmerksamkeit bekommen.“
Polly: „Es gibt natürlich schon seit Ewigkeiten Gruppen, die sich mit Nachhaltigkeit und Landwirtschaft beschäftigen. Und es gibt Gruppen, die sich stärker mit Klimathemen beschäftigen. Die Idee hinter Free the Soil war, diese Bereiche zusammenzuführen und das Thema Landwirtschaft in die Diskussion einzubringen, wenn es um den Klimawandel geht. Ihr habt ja auch erzählt, dass ihr Leute interviewt, die sich mit solidarischer Landwirtschaft beschäftigen. Das sind ja quasi eher die Praktiker. Auch wenn man über Foodsharing redet geht es letztendlich ja um das Produkt, das wir essen. Die Idee von Free the Soil war sich auf die Industrie, die dahinter steht, zu konzentrieren und zu überlegen: Wer profitiert von dieser Art des Wirtschaftens und Nahrungsherstellung und welche großen Firmen stehen hinter diesem System?“
Luna: „Yara ist ein norwegisches Unternehmen, das zu großen Teilen dem norwegischen Staat gehört. Ähnlich wie Nestlé oder Monsanto, ist es ein sehr großes Unternehmen, das hier vielleicht nicht so bekannt ist, aber trotzdem international sehr einflussreich ist, wenn es um Ernährungsthemen geht. Und das auch in der UN-Lobbying betreibt, um diese Art von industrieller Landwirtschaft weiter zu pushen und als Entwurf von nachhaltiger Landwirtschaft nach vorne zu bringen. Wobei natürlich aber vor allem Konzerninteressen dahinter stehen, während die kleinbäuerliche Landwirtschaft immer weiter verdrängt wird.“

„Das Ziel war also die Vernetzung und das Schaffen von Aufmerksamkeit bei z.B. Konsument*innen. Oder wen adressiert ihr mit eurer Arbeit?“
Polly: „Ich glaube tatsächlich, es war beides: Es war die Vernetzung zwischen Akteur*innen, die tatsächlich aktiv sind im landwirtschaftlichen Bereich oder in verschiedenen politischen Bewegungen. Aber natürlich ging es auch darum, andere Leute darauf aufmerksam zu machen. Es gab einen NDR-Beitrag, der wahrscheinlich auch nur in der Gegend ausgestrahlt wurde. Da wurde ziemlich viel erzählt über Yara und ich habe mich richtig gefreut, weil ich dachte, auch so viele Leute, die dort wohnen, haben auf dem Schirm, dass da dieser Industriepark ist, aber was diese einzelnen Firmen machen und was das für Firmen sind, wissen ja viele auch nicht. Diese Namen von Firmen wie Bayer oder Monsanto, bei denen es um Gentechnik geht, das kennen die Leute. Aber die Firmen, die Kunstdünger herstellen, die kennt einfach kaum jemand.“
Luna: „Beim Thema Klima wird seltener über Landwirtschaft gesprochen, obwohl doch das ganze System von Nahrungsherstellung großen Anteil am Klimawandel hat – im Gegensatz zu Kohle, was natürlich auch sehr wichtig ist. Das Ziel ist auch Druck aufzubauen, als ein Appell an die Politik und zu sagen: Das gefällt uns nicht und wir machen auch direkt was dagegen und dabei nicht nur parlamentarische Wege zu gehen.“

„Welche Entwicklung konntet ihr nach eurem Camp noch wahrnehmen? Was hat die Aktion aus Free the Soil gemacht?“
Polly: „Wir haben es als Anstoßpunkt gesehen, mit dem Ziel, dass es danach auch weitergeht. In den letzten zwei, drei Jahren kommen die ganzen Klimathemen auf den Schirm und plötzlich wissen alle, wo jetzt die Braunkohle abgebaut wird. Vor zehn Jahren haben das halt viele Leute noch nicht gewusst. Bis sich bestimmte Themen in der Öffentlichkeit etablieren dauert es halt ein bisschen. Man kann schon sagen, dass innerhalb dieser politisch aktiveren Szene Free the Soil nach dem Camp ein Begriff war. Wegen Corona ist es halt gerade schwierig sich zu treffen, aber die Idee war, dass das der Start einer Kampagne ist. Es war auch die ganze Zeit so gedacht, dass auch kleinere Gruppen als Teil dieser Kampagne stattfinden können. Und das ist auch passiert: In Dänemark zum Beispiel haben Menschen eine Banner-Aktion vor bestimmten Kraftwerken gemacht. Die Idee war, dass Free the Soil ein Label wird, worunter sich Menschen zu Klimawandel und landwirtschaftlichen Themen positionieren können. Es gibt auch weiterhin die Hoffnung, dass es größer wird.“
Luna: „Es wäre vermessen zu behaupten, dass jetzt plötzlich alle Welt darüber sprechen würde, aber es gab schon in verschiedenen Medien Aufmerksamkeit. Gerade in der Region haben sich mehr Leute damit beschäftigt. Aber klar gibt es noch viel zu tun. In Frankreich war es jetzt auch medial ein bisschen größer und Yara war ein, zwei Mal in der Diskussion, weil es da auch Fabriken gibt.“
Polly: „Es gab in Frankreich auch einen Preis für die größte Greenwashing Kampagne. Und Yara ist halt ganz gut darin, sich als tolles Unternehmen darzustellen. Und diesen Preis hat Yara gewonnen. Also an verschiedenen Orten, in Deutschland und anderen Ländern, gibt es jetzt Gruppen, die weitermachen. Das Camp war eben ein Ort, wo das angefangen hat.“

„Gab es noch weiterführende Pläne für Free the Soil, die durch Corona nicht stattfinden konnten?“
Luna: „Ja, es gab eine Aktion einer anderen Gruppe, die sich auch auf dem Camp vernetzt haben. Geplant war da eine Blockade gegen den Konzern Bayer, der Monsanto aufgekauft hat. Die Aktion sollte auch von Free the Soil vor Ort unterstützt werden. Das ist ausgefallen, deshalb haben sie dann eine Online Veranstaltung mit Workshops gemacht. Es ist auch durchaus schwierig, weil es eine internationale Kampagne ist und die Vernetzung mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern nicht einfach ist. Deshalb überlegen wir, wie es weitergehen kann. Es gibt einige lokale Gruppen, wir sind auch Teil der Bremer Lokalgruppe. Wir besprechen, wie man sich vor Ort informieren und vielleicht auch kleine Aktionen machen kann. Das Ziel ist nächstes Jahr wieder Aktionen zu starten.“

„Die Planung ist ja sicher auch bei euch schwieriger geworden.“
Polly: „Ja, es ist echt schwierig. Wir haben vorher auch schon viel online gearbeitet, weil das Netzwerk aus Menschen aus unterschiedlichen Regionen besteht. Aber trotzdem haben wir uns immer alle zwei, drei Monate getroffen und das waren sehr wichtige Treffen, um weiter voran zu kommen und Entscheidungen zu treffen. Wir versuchen uns über Online Meetings nicht aus den Augen zu verlieren, aber es ist nicht leicht.“

„Inwiefern findet sich Solidarität in der Zielsetzung und der Motivation hinter Free the Soil?“
Luna: „Ein Ansatz von Free the Soil ist es, globale Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Klimawandel und Landwirtschaft zu betrachten. Westliche Konzerne und Landwirtschaft stoßen so viele Treibhausgase aus. Das treibt den Klimawandel voran und betrifft vor allem Länder aus dem globalen Süden. Dazu kommt, dass diese Konzerne bewusst versuchen die Politik in Ländern des globalen Südens zu beeinflussen und dies häufig auf Kosten kleiner Bäuerinnen und Bauern geht. Auch die Politik der EU führt dazu, dass ganz viel subventionierte Billigprodukte in den globalen Süden gelangen und dort eine Konkurrenz zu kleinbäuerlichen Strukturen aufbauen, die mit den billigen Preisen nicht mithalten können. Dieser Aspekt von globaler Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit muss in diesem Zusammenhang mitgedacht werden, das ist uns wichtig. Wir sind eine Kampagne, die vor allem in Europa vernetzt ist, aber wir wollen auf diese Strukturen, die auf Kosten des globalen Südens funktionieren, aufmerksam machen.“

„Auf eurer Website sprecht ihr in diesem Zusammenhang auch von dem Begriff der Ernährungssouveränität.“
Polly: „Es war mir vorher auch nicht bewusst, wie die EU eine Landwirtschaftspolitik vorantreibt, auch in den Ländern des globalen Südens, bei der es darum geht, neue Märkte zu erschließen. Davon profitiert eine riesige Industrie. Das ist einfach krass, was da passiert und wir könnten ewig darüber reden.“
Luna: „Von der Uni Bremen gab es tatsächlich eine Studie zum Thema Lobbying, wo es um den Deutschen Bauernverband ging. Die Studie hat untersucht, welchen Einfluss der Vorstand des Verbandes im Bundestag durch Lobbyarbeit hat und wie die Industrie geschickt Druck auf die Politik aufzubauen versucht.“

„Vor einiger Zeit gab es ja eine Trecker-Demo in Bremen. Die Bäuerinnen und Bauern sind gegen die Bedingungen in der aktuellen Agrarpolitik auf die Straße gegangen. Was haltet ihr davon?“
Polly: „Darüber haben wir bei unserem letzten Treffen im Januar gesprochen. Die Forderungen, die dort von Seiten der Landwirt*innen geäußert wurden, stimmen nicht überein mit unseren Vorstellungen, die wir von der Entwicklung der Landwirtschaft haben. Aber gleichzeitig stehen die Bäuerinnen und Bauern natürlich unter extrem hohem Druck und wir können natürlich verstehen, dass Menschen, die innerhalb dieses Systems arbeiten, sich auch übergangen fühlen von politischen Entscheidungen. Den politischen Weg, den sie vorschlagen, können aber wir nicht teilen.“
Luna: „Man muss aber auch sehen, dass die nicht fair verdienen und auch unter großem ökonomischen Druck stehen. In unserem Camp hatten wir Diskussionen mit Landwirt*innen aus der Gegend, die konventionelle Landwirtschaft betreiben. Viele von denen würden vielleicht gerne biologisch anbauen, aber es ist auch häufig schwierig, genügend Geld für die Produkte zu bekommen. Alle sind für  biologischen Anbau, aber am Ende kaufen viele im Supermarkt dann doch konventionell ein. Die Frustration ist verständlich. Ich glaube, die sind im Grunde genauso Opfer dieser Politik und davon, dass das Essen immer weniger wertgeschätzt wird in unserer Gesellschaft.“
Polly: „Mit den Landwirt*innen in unserem Camp, und dem, was sie beklagen, waren wir uns eigentlich einig. Nur die Wege, um diese Struktur zu verlassen, waren schwierig mit unseren zu vereinen.“
Luna: „Ein Punkt, bei dem wir mit den Landwirt*innen übereinstimmen können, ist, dass die Verbindung zwischen Konsument*innen und Produzent*innen verloren gegangen ist. Das ist das Gute bei solidarischer Landwirtschaft: Die Verbindung wieder enger zusammen gedacht.“

„Das heißt ihr habt die Landwirt*innen vor Ort auch eingeladen und miteinbezogen?“
Polly: „Genau, es gab verschiedene Arbeitsgruppen. Eine Gruppe hat einen passenden Veranstaltungsort gesucht und hat auch Kontakte hergestellt zu den Leuten vor Ort. Und da wir ja nach Flächen gesucht haben, weil wir ja eine Wiese brauchten, sind sie auch mit Landwirt*innen in Kontakt gekommen. Wir sind dann auch durch den Ort gelaufen, haben Flyer verteilt und sie eingeladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen und deren Perspektiven zu erfahren.“
Luna: „Wir haben vorher Veranstaltungen vor Ort gemacht und haben versucht Landwirt*innen zu finden, die uns eine Fläche bereitstellen. Viele Bäuerinnen und Bauern waren sehr begeistert über unser Interesse, weil sie, glaube ich, auch das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Es gab teilweise Spannungen, weil sie sich vielleicht angegriffen gefühlt haben. Uns ist wichtig: Wir kritisieren nicht die Landwirt*innen, sondern die Struktur, unter der sie genauso leiden.“

„Eine letzte abschließende Frage an Euch: Wie kann sich jede*r Einzelne einbringen? Was kann ich persönlich tun, wenn ich mich engagieren möchte?“
Polly: „Natürlich kann man sich mit dem ganzen Thema erstmal befassen. Es gibt Literatur und das kann jeder und jede für sich tun. Jeder kann sich fragen: Wie kommt mein Essen auf den Teller? Klar kann man sich auch bei uns lokal in Bremen gerne einbringen. Wir würden uns sehr über mehr Leute freuen! Bei Interesse kann sich jede*r gerne bei uns melden oder über sich für den Newsletter Verteiler anmelden. Natürlich kann man sich auch mit anderen Leuten zusammentun und kleine Aktionen starten. Ein Banner aus dem Fenster hängen, im Austausch bleiben – man kann viel tun, um Aufmerksamkeit für diese wichtigen Themen zu schaffen.“


Danksagung:
Vielen Dank an die beiden, Polly und Luna, die sich die Zeit genommen haben, mit uns ein Interview zu führen, da unsere ursprünglich geplante Veranstaltung aus aktuellen Gründen leider nicht stattfinden konnte.


Weiterführendes zu angesprochenen Themen:
● Free the Soil über die Zusammenhänge von Klimagerechtigkeit, Auswirkung von Düngemitteln und den Düngemittelbetrieb Yara:

ERFAHRE MEHR


● Free the Soil über Ernährungssouveränität auf ihrer Website (“Klimagerechtigkeit braucht die Agrarwende!”):

Klimagerechtigkeit braucht die Agrarwende!


● Buten un binnen – Bericht über die Bremer Bäuerinnen und Bauern, die Anfang des Jahres gegen ihre aktuelle Situation und die Agrarpolitik demonstrieren:
https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/trecker-demo-bremen-100.html

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