Die Grenzen und Differenzen der Solidarität anhand von literarischen und medialen Beispielen

Thematisierung anhand des Filmbeispiels „ The Hate u give“ (2019) und der Literatur „Solidarität der Differenzen“ von Jens Kastner

Der Film „The Hate U Give“ vom Regisseur George Tillman Junior behandelt in einer komplett neuen Weise die verschiedenen Perspektiven und Meinungen um Themen wie Rassismus sowie der davon resultierenden Polizeigewalt, Armut oder Bürgerrechte. Durch die Thematisierung höchstkomplexer und umstrittener Thematiken regt er mit seinem Film die Debatte rund um Grenzen und Differenzen von Solidarität stark an. Doch worum geht es in dem Film genau, damit wir verstehen können, warum der Film als ein Paradebeispiel für die Differenzen von Solidarität gelten kann?

Die 16-jährige Schülerin Starr Carter wächst zusammen mit ihrer 6 köpfigen Familie im einkommensschwachen Nachbarschaftsgebiet der Garden Heights auf und führt ein Doppelleben, dass sie schon bald auf die Probe stellen wird. Während Sie als „Schwarze“ Garden Heights als ihren kulturellen Wohnort bevorzugen, zu dem sie gehören, besucht Starr eine „privilegierte, überwiegend weiße Privatschule“ in der nach  ihrer Vorstellung Solidarität, Gemeinschaftsgefühl und Toleranz  groß geschrieben werden – bis ihr Freund namens Khalil aufgrund eines Missverständnisses nach einer Party bei einer Routinekontrolle von einem Polizisten erschossen wird. Obwohl sich die Familie aus dem Teufelskreislauf ihrer Nachbarschaft von Armut, Kriminalität und sozialer Unsicherheit befreien konnten, steht Starr noch zwischen den Stühlen. Sollte Starr vor Gericht als Augenzeugin zugunsten ihres Freunds aussagt und für die Rechte der dunkelhäutigen Bevölkerung kämpft, läuft sie nicht nur Gefahr der Privatschule ihren Ghetto-Hintergrund zu offenbaren und somit als „Außenseiter“ dazustehen, sondern legt sich gleichzeitig mit dem Drogenclan der Gegend, den King Lords, an, für die ihr Freund aufgrund der hohen Armut dielte. Hält sie sich mit ihrer Aussage jedoch zurück und garantiert auf diese Weise die Sicherheit ihrer Selbst und ihrer Familie, stößt sie auf großes Unverständnis und Wut bei der Bürgerrechtsbewegung „Just Us for Justice“ sowie all jenen, die für die Gerechtigkeit von Khalil kämpfen. Mit dem steigenden Druck von außen und den zunehmenden Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze entschied sich Starr schlussendlich doch für die Aussage und ein Katz und Maus spiel mit ihren Feinden und Freunden beginnt, denn erst durch den Vorfall von Khalils Tod realisiert Starr, dass sich eine ihrer besten Freundinnen als Rassistin enttarnt.

Doch was hat nun dies alles mit den Grenzen und Differenzen der Solidarität zu tun?
Im Film wird eine wesentliche Debatte aufgegriffen und thematisiert, die bereits – vor allem in der amerikanischen Bevölkerung – auf große Auseinandersetzungen und Diskussionen um die „Rasse“ und den Bürgerrechte auf den Tisch bringt. In Starrs Privatschule setzen sich plötzlich alle für die Bürgerrechte der Schwarzen und für die Gerechtigkeit für Khalil ein, obwohl es nicht alle zum Wohle der schwarzen Bevölkerung tun, sondern um sich selbst als angeblich möglichst Tolerant darzustellen oder lediglich die Schule für einen scheinbar guten Zweck zu schwänzen. Vor allem nachdem die Aussage Starrs von Statten ging, ihr Ghetto-Hintergrund  offenbart wurde und sie nun als „das arme Mädchen was ihrem kriminellen Freund beim Sterben zusah“ angesehen wird, bemerkt sie jedoch, wie intolerant und gespielt vieles vom Verhalten ihrer Mitschüler eigentlich ist. Immer öfter legt sich mit Freunden und Mitschülern an und gerät in einen Kreislauf aus Entscheidungen, Trennungen und teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen. Immer mehr kommt die Frage auf, ob „weiße, privilegierte Menschen“ eigentlich für die Rechte von „Schwarzen“ kämpfen dürfen, obwohl sie ihre Lage nicht nachvollziehen können und trotz ihrer Solidaritätsbekundungen weiterhin ihre privilegierten Bürgerrechte behalten?

Auch Jens Kastner behandelt in seinem Werk „Solidarität der Differenzen“ sehr stark die Differenz dieser Thematik. Diesbezüglich geht er stark auf die Legitimierung von Solidaritätsbekundungen ein, die heutzutage noch viel zu sehr auf der Beziehung der Menschen und ihrer Gleichheit beruht und behauptet: „Solidarität [ist somit] auch immer ein Ausschlussverfahren […] So stellte sich für jeden solidarische Praxis die Frage: wem gilt sie und wem nicht?. Es soll […] daher darum zu tun sein, immer wieder an einem Verständnis von Solidarität zu arbeiten sein, das so wenig wie möglich ausschließt. Anders gesagt: Es sollte alles dafür getan werden, dass Solidarität kein reines Exklusionsverfahren wird, dass nur denjenigen nutzt, die als die „eigenen Leute“ anerkannt werden, [da dies in einem Solidaritätsdenken  der Rechtsnationalisten münden würde]“ (Kastner; 2020:13-14). Demnach ist für Kastner die Basis der Gleichheit alles andere als eine gute Grundierung für Solidarität, da gleiche „Schicksale“ wie z.B. gemeinsame Lebensweisen und erlittene Ausbeutungsformen, wie sie z.B. in der Arbeiterbewegung vorkommen, heute als eine Voraussetzung von Solidarität und solidarischem Handeln gekennzeichnet werden und auf diese Weise bezeichnet, welche Art von Solidarität(-sbekundungen) legitim ist und welche nicht – ähnlich wie es bei der Lebensgeschichte von Starr der Fall ist. „Jena Kastners Argumentation läuft darauf hinaus, dass die Kritik seitens Diskriminierter an der Solidarität von Privilegierten die Solidarität gänzlich unmöglich machen würde“ (Kastner; 2020:15) so heiß es im Artikel.

Doch gleichermaßen geht er auf die aktuelle Thematik der Geflüchtetenproteste ein und berichtet, dass oftmals durch die Solidaritätsbekundungen das globale Machtverhältnis verschleiert werde, zumal doch gerade Industriestaaten und –nationen durch die zunehmende Globalisierung die Armut und Ausbeutung „dritter Länder“ unterstützen. Scheint es dann in diesem Zusammenhang nicht seltsam, ja gar paradox, dass gerade jene „Weiße“ für die Rechte der „Schwarzen“ einstehen und sich solidarisch zeigen, obwohl sie „selbst Teil der von ihnen bekämpften Strukturen sind“ (Kastner; 2020:15)?. Somit kommt wieder die Frage auf, wie man sich solidarisch zeigen kann, ohne dabei sich selbst an der Unterdrückung zu beteiligen? Andere Hingegen sind der Ansicht, dass es bei Solidaritätsbekundungen doch darauf ankäme, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und sog. „Cultural Appreciation“ (z. Dt.: „Kulturelle Anerkennung“) zu betreiben, unabhängig davon, wer am Ende daraus Profit zieht oder auch nicht.

Wie also festzustellen ist, ist das Thema und die Debatte rund um die Differenzen, Legitimierungen und Grenzen von Solidarität genau so umfangreich, ungenau geklärt und vielschichtig, wie der Begriff der Solidarität selbst. Im Endeffekt besitzt jede Perspektive von solidarischen Differenzen und deren Argumentation einen Platz in dieser wissenschaftlichen Debatte und hängt vor allem vom Identitären und individuellen Solidaritätsverständnis ab.


Quellenverweise:
– Kastner, Jens (2020): „Solidarität der Differenzen. Plädoyer für ein Verständnis des Solidarischen, das auf Verschiedenheit beruht.“
– KinoCheck: „THE HATE U GIVE Trailer German Deutsch (2019)“. Youtube. Erstellt am: 18.09.2018. Web. Letzter Zugriff: 15.01.2020 um 15:36. URL: https://www.youtube.com/watch?v=4l-twUQhNkg

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