{"id":29,"date":"2025-07-09T13:42:09","date_gmt":"2025-07-09T11:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/schilling\/?p=29"},"modified":"2025-07-09T13:42:09","modified_gmt":"2025-07-09T11:42:09","slug":"rv14-strukturelle-und-individuelle-formen-der-ausgrenzung-und-abwertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/schilling\/2025\/07\/09\/rv14-strukturelle-und-individuelle-formen-der-ausgrenzung-und-abwertung\/","title":{"rendered":"RV14: Strukturelle und individuelle Formen der Ausgrenzung und Abwertung"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Vorlesung hat mir geholfen, meine eigenen schulischen Erfahrungen aus einer fachlichen und theoretischen Perspektive besser zu verstehen und einzuordnen. Besonders die Themen Mobbing, relationale Gewalt, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und antisemitische Diskriminierung wurden durch die Inhalte der Sitzung neu f\u00fcr mich greifbar.<\/p>\n<p>Ich selbst habe in meiner Schulzeit \u2013 insbesondere ab der 5. Klasse am Gymnasium \u2013 wiederholt verbalen und relationalen Ausschluss erlebt. In Pausen und bei Gruppenarbeiten wurde ich regelm\u00e4\u00dfig ausgegrenzt, verspottet und gezielt verletzt. Was ich fr\u00fcher nur als \u201egemein\u201c empfunden habe, kann ich heute als relationale Aggression (z.\u202fB. Ausschluss, Ablehnung in Gruppen und auch bei Projektarbeiten \u201eoh ne nicht der\u201c) und verbalen Missbrauch (Beleidigungen, Witze auf meine Kosten) beschreiben. Das Mobbing richtete sich dabei nicht gegen meine soziale Herkunft, da ich aus einer Akademikerfamilie komme, sondern hatte oftmals antisemitische Z\u00fcge, zwar bin ich nicht religi\u00f6s, jedoch hatte ich mich immer sehr offen als Jude pr\u00e4sentiert. Beispiele aus dem Alltag waren unter anderem Hitlergr\u00fc\u00dfe im Sportunterricht beim \u201eMarschieren\u201c (bei diesem Marschieren ist dann \u201eversehentlich\u201c oft der rechte Arm hoch in die Luft gezielt worden\u201c, Hakenkreuze auf Papier oder in Heften, die gezielt mir gezeigt wurden, sowie \u201eWitze\u201c wie: \u201eWenn du stirbst, l\u00e4sst du dann Goldm\u00fcnzen fallen wie in Minecraft?\u201c oder schlicht: \u201eSchei\u00df Jude\u201c. Die Vorlesung zeigte mir, dass diese Aussagen und Taten nicht nur entstanden, da ich mit provokanten und pubertierenden Jungs zusammen auf die Schule ging, sondern dass diese auch ein Ausdruck verankerter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (vgl. Heitmeyer) auch gegen\u00fcber anderen ethnischen Gruppen in meiner Schule (z.B. People of Color, Muslimen) oder verbunden mit Formen des Klassismus. Besonders aufschlussreich war f\u00fcr mich die Reflexion \u00fcber die Reaktion von Lehrkr\u00e4ften in solchen Situationen. R\u00fcckblickend wurde auf die Vorf\u00e4lle selten angemessen reagiert. H\u00e4ufig wurde vermittelt, dass man sich \u201eja nicht m\u00f6gen m\u00fcsse\u201c, solange man sich \u201ein Ruhe l\u00e4sst\u201c. Diese Haltung stellte Neutralit\u00e4t \u00fcber Haltung und verfehlte damit die Verantwortung der Schule, Schutzr\u00e4ume zu bieten. Anstatt aktiv zu intervenieren oder antisemitische Aussagen als diskriminierend zu benennen, wurden die Probleme individualisiert oder bagatellisiert. \u00c4hnlich auch wie bei Problemen der Chancengerechtigkeit und des Klassismus in der Schule und allgemeinen Gesellschaft. Die Vorstellung, Konflikte seien rein pers\u00f6nliche \u201eUnstimmigkeiten\u201c, verkennt die strukturelle Dimension von Mobbing und Ausgrenzung. Auch kann ich die Einsch\u00e4tzung teilen, dass Lehrkr\u00e4fte nur in wenigen F\u00e4llen tats\u00e4chlich eingreifen, 35 Prozent aller F\u00e4lle, scheint mir durchaus realistisch. (Vgl. Fereidooni 2015, S.4) Aus eigener Erfahrung kann ich teilen, dass dies bei Beschwerde oft dazu f\u00fchren, dass meine Erfahrungen verharmlost wurde oder dass ich oft die Schuld auf andere schieben w\u00fcrde. Somit die reaktiv aggressiv begr\u00fcndete Mobbing-Verhalten des Mobbers \u00fcbernommen wurde, um sich nicht mit diesem strukturellen Problem in diesem Moment auseinanderzusetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Vorlesung hat mir verdeutlicht, dass Lehrkr\u00e4fte nicht neutral bleiben d\u00fcrfen, wenn Diskriminierung sichtbar wird. Eine p\u00e4dagogische Haltung, die soziale Ausgrenzung erkennt, klar benennt und bearbeitet, ist unerl\u00e4sslich, vor allem war mir nicht bewusst wie relevant Fortbildungen im Kampf gegen Mobbing sein k\u00f6nnen (Vgl. Wachs, Schubarth 2021).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus den Erkenntnissen der Vorlesung leite ich als angehende Lehrkraft mehrere Handlungserfordernisse ab. Erstens Diskriminierung zu erkennen und benennen, denn vor allem im Bereich des Mobbings kann das Lehrer:innenhandeln aus eigener Erfahrung essenziell sein. Ich sehe es als meine Aufgabe, entsprechende Vorf\u00e4lle klar als Diskriminierung zu benennen, Betroffene zu unterst\u00fctzen und pr\u00e4ventiv zu arbeiten. Au\u00dferdem ist es f\u00fcr Lehrer:innen meiner Meinung nach wichtig sensibel zu beobachten, wie die sozial-schulischen Dynamiken au\u00dferhalb des Unterrichts sind. Denn besonders in informellen Settings wie Pausen kann unbemerkt Mobbing passieren, vor allem au\u00dferhalb der Sicht der Lehrkr\u00e4fte. Somit ist oft eine Intervention durch blo\u00dfe Uninformiertheit nicht m\u00f6glich. Au\u00dferdem halte ich die Aufarbeitung von Diskriminierung im Unterricht wichtig. Jedoch k\u00f6nnen inhaltorientierte Unterrichtsstunde aus meiner Erfahrung eher ineffektiv sein. Ich halte es deswegen f\u00fcr essenziell, dass solche Themen auch oft aus einer Perspektive von Betroffenen erz\u00e4hlt wird, wie zum Beispiel bei \u201eMeet a Jew\u201c oder \u201emeet2respectund\u201c und nicht unbedingt ausschlie\u00dflich aus der Perspektive von betroffenen Mitssch\u00fcler:innen, da dies f\u00fcr viele Betroffene sehr unangenehm sein kann und oft nicht gew\u00fcnscht wird. Neben der Pr\u00e4vention leite ich aber auch die Notwendigkeit von Safe Spaces ab, in denen Sch\u00fcler*innen sich sicher vor Diskriminierung f\u00fchlen k\u00f6nnen. Schlussendlich ist f\u00fcr eine tats\u00e4chliche Bek\u00e4mpfung von Mobbing, Klassismus und anderen Diskriminierungsformen eine Zusammenarbeit mit Kolleg*innen und Fachkr\u00e4ften und allen Schulen notwendig um langfristig gerechte Form von Schulen zu f\u00f6rdern und Diskriminierung als strukturelles Problem zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p>Fereidooni, Karim (2015). Diskriminierungserfahrungen von Sch\u00fcler_innen mit Migrationshintergrund \u2013 Ursachen, Auswirkungen und p\u00e4dagogische Konsequenzen. In Karim Fereidooni &amp; Aladin El-Mafaalani (Hrsg.), Rassismuskritik und Widerstandsformen (S. 3\u201325). Springer VS. https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-658-08949-0_1<\/p>\n<p>Heitmeyer, Wilhelm (2002). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus zw\u00f6lf Jahren Forschung. Suhrkamp.<\/p>\n<p>Wachs, Seth; Schubarth, Wilfried (2021). Mobbing und Cybermobbing an Schulen: Erkennen \u2013 vorbeugen \u2013 intervenieren (2. Aufl.). Beltz Juventa.<\/p>\n<p>Zentralrat der Juden in Deutschland. (o.\u202fJ.). Meet a Jew. Aufrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.meetajew.de\/\">https:\/\/www.meetajew.de\/<\/a> (Zuletzt aufgerufen am: 09.07.25)<\/p>\n<p>Meet2respect. (o.\u202fJ.). Im Gespr\u00e4ch gegen Vorurteile. Aufrufbar unter: <a href=\"https:\/\/meet2respect.de\/\">https:\/\/meet2respect.de\/<\/a> (Zuletzt aufgerufen am: 09.07.25)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorlesung hat mir geholfen, meine eigenen schulischen Erfahrungen aus einer fachlichen und theoretischen Perspektive besser zu verstehen und einzuordnen. Besonders die Themen Mobbing, relationale Gewalt, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und antisemitische Diskriminierung wurden durch die Inhalte der Sitzung neu f\u00fcr mich greifbar. Ich selbst habe in meiner Schulzeit \u2013 insbesondere ab der 5. 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