{"id":14,"date":"2024-06-20T14:31:20","date_gmt":"2024-06-20T12:31:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/romasblogg\/?p=14"},"modified":"2024-06-20T14:31:20","modified_gmt":"2024-06-20T12:31:20","slug":"rv10-prof-dr-lydia-murmann-welche-heterogenitaetsdimensionen-spielen-im-naturwissenschaftlich-technischen-unterricht-eine-besondere-rolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/romasblogg\/2024\/06\/20\/rv10-prof-dr-lydia-murmann-welche-heterogenitaetsdimensionen-spielen-im-naturwissenschaftlich-technischen-unterricht-eine-besondere-rolle\/","title":{"rendered":"RV10 \/\/ Prof. Dr. Lydia Murmann \/\/ Welche Heterogenit\u00e4tsdimensionen spielen im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht eine besondere Rolle?"},"content":{"rendered":"<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li1\">Im Rahmen eines Projekttages d\u00fcrfen die Sch\u00fcler*innen der 3b w\u00e4hlen, ob sie lieber Naturgegenst\u00e4nde sammeln und damit ein Wald-Mandala gestalten oder aber kaputte Nistk\u00e4sten abh\u00e4ngen und reparieren m\u00f6chten. Samira interessiert sich mehr f\u00fcr die Nistk\u00e4stenaufgabe, w\u00e4hlt aber wie die meisten anderen M\u00e4dchen der Klasse das Mandala-Vorhaben. Finden Sie m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese Entscheidung vor dem Hintergrund der \u201egrundlegenden psychologischen Bed\u00fcrfnisse\u201c nach Deci und Ryan (1993).<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p3\">Deci und Ryan (1993, S. 229) benennen drei grundlegende psychologische Bed\u00fcrfnisse im Zusammenhang mit Lernmotivation: Das Bed\u00fcrfnis nach Kompetenz und Wirksamkeit, das Bed\u00fcrfnis nach Autonomie \/ Selbstbestimmung und das Bed\u00fcrfnis nach sozialer Eingebundenheit. W\u00e4hrend das erste der genannten im Zusammenhang mit intrinsischer Motivation steht, korrelieren letztere eher mit extrinsischer Motivation (vgl. ebd., S. 230). Insbesondere die soziale Eingebundenheit kann je nach Wirkmechanismus entweder dazu beitragen, dass die intrinsische Motivation aufrechterhalten wird (und zwar, wenn sie anteilnehmend, autonomief\u00f6rdernd und ermutigend ist), oder aber die intrinsische Motivation abbauen, wenn sie durch Belohnung, Bestrafung und Au\u00dfensteuerung gekennzeichnet ist.<\/p>\n<p class=\"p3\">Im vorliegenden Fall ist zun\u00e4chst von einer intrinsischen Motivation, sich mit der Reparatur der Nistk\u00e4sten zu besch\u00e4ftigen, auszugehen und dementsprechend dem Wunsch nach Kompetenz in diesem Bereich.<\/p>\n<p class=\"p3\">Hemmend wirkt demgegen\u00fcber der Wunsch nach sozialer Eingebundenheit, in diesem Fall in die Peer-group der anderen M\u00e4dchen aus der Klasse. Dies wirkt sich zun\u00e4chst eher subtil aus: Die Beobachtung, dass die Freundinnen alle das Mandala w\u00e4hlen, mag zu einer Wahl des Mandalas entgegen dem ersten Impuls f\u00fchren. Denkbar ist aber auch eine \u201estrafende\u201c bzw. offen abwertende Reaktion der Mitsch\u00fclerinnen gegen\u00fcber eine von der Mehrheit abweichenden Wahl.<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li1\">Eine Kollegin berichtet im Lehrer*innenzimmer, dass sie Fachbegriffe im Sachunterricht vermeidet (statt \u201eexperimentieren\u201c, sagt sie \u201eausprobieren\u201c, statt \u201cbeobachten\u201c \u201egenau hingucken\u201c, statt \u201eSinnesorgane\u201c spricht sie ausschlie\u00dflich von \u201eAuge\u201c, \u201eOhr\u201c, \u201eHaut\u201c, \u201eZunge\u201c und \u201eNase\u201c), um die Verst\u00e4ndigung mit sprachlich schwachen Sch\u00fcler*innen zu erleichtern. Eine andere Kollegin argumentiert, dass sie den Sch\u00fcler*innen damit den Zugang zur Bildungssprache verwehre. Nehmen Sie Stellung.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p6\">Die Diskussion \u00fcber den Einsatz von Fachbegriffen im Unterricht ist wichtig, besonders im Hinblick auf sprachlich schw\u00e4chere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Die Kollegin, die Fachbegriffe vermeidet, m\u00f6chte den Unterricht f\u00fcr alle zug\u00e4nglicher machen. Durch die Verwendung von Alltagssprache k\u00f6nnen mehr Sch\u00fcler den Inhalt verstehen und aktiv teilnehmen, was besonders f\u00fcr Kinder mit Deutsch als Zweitsprache hilfreich ist.<\/p>\n<p class=\"p6\">Die andere Kollegin betont jedoch, dass Fachbegriffe entscheidend f\u00fcr den Zugang zur Bildungssprache und den sp\u00e4teren Bildungserfolg sind. Bildungssprache und Fachbegriffe f\u00f6rdern das abstrakte Denken und das Verst\u00e4ndnis komplexer Zusammenh\u00e4nge, die im sp\u00e4teren Leben wichtig sind.<\/p>\n<p class=\"p6\">Ein Kompromiss k\u00f6nnte darin bestehen, Fachbegriffe behutsam einzuf\u00fchren und parallel Alltagssprache zu verwenden. So k\u00f6nnen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler schrittweise an die Bildungssprache herangef\u00fchrt werden, ohne \u00fcberfordert zu werden. Beide Ans\u00e4tze haben ihre Berechtigung, und es gilt, eine Balance zu finden, die sowohl Verst\u00e4ndlichkeit als auch die F\u00f6rderung der Bildungssprache ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li1\">Sie m\u00f6chten eine Bachelorarbeit \u00fcber Bildungsgerechtigkeit und die Nutzung au\u00dferschulischer Lernorte (insbesondere Museen und Naturr\u00e4ume) im Sachunterricht schreiben. Formulieren Sie erste Ideen (in ganzen S\u00e4tzen), worin m\u00f6gliche Zusammenh\u00e4nge bestehen k\u00f6nnten.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p10\">F\u00fcr meine Bachelorarbeit plane ich zu untersuchen, wie der Besuch von au\u00dferschulischen Lernorten wie Museen und Naturr\u00e4umen die Lernmotivation, den Lernerfolg und die Freude am Lernen beeinflusst. Besonders interessiert mich, welche Strategien Lehrkr\u00e4fte anwenden k\u00f6nnen, um diese Lernorte effektiv in den Unterricht zu integrieren, und welche Auswirkungen dies auf die schulischen Leistungen der Sch\u00fcler*innen hat. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Untersuchung wird sein, wie solche Exkursionen zur F\u00f6rderung von Bildungsgerechtigkeit beitragen k\u00f6nnen, insbesondere f\u00fcr Kinder aus sozio\u00f6konomisch benachteiligten Familien.<\/p>\n<p class=\"p10\">\u201eDer Reiz des besonderen Ortes \u00fcbt eine gro\u00dfe Faszination auf Kinder aus. Die Echtheit und Lebensn\u00e4he macht das Lernen f\u00fcr die Sch\u00fcler*innen subjektiv bedeutsam\u201c (Kohler 2011, S.168). Aus diesem Grund werde ich als theoretischen Hintergrund die von Deci &amp; Ryan untersuchten Verhaltensweisen der autonomieunterst\u00fctzenden Lernbegleitung heranziehen und diese von der Fremdsteuerung abgrenzen.<\/p>\n<p class=\"p10\">Durch strukturierte Unterrichtsbeobachtungen m\u00f6chte ich nachweisen, wie diese Verhaltensweisen in der Praxis umgesetzt werden. Zus\u00e4tzlich plane ich, Sch\u00fcler*innen zu Aspekten ihrer themenbezogenen Motivation zu befragen und diese Daten genderbezogen auszuwerten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>Kohler, B. (2011): Lerng\u00e4nge. In: Von Reeken, D. (Hrsg.): Handbuch Methoden im Sachunterricht. Baltmannsweiler: Schneider.<\/p>\n<p class=\"p12\">Deci, E. L. &amp; Ryan, R.M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung f\u00fcr die P\u00e4dagogik. In: Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik 2(39), 223-238.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen eines Projekttages d\u00fcrfen die Sch\u00fcler*innen der 3b w\u00e4hlen, ob sie lieber Naturgegenst\u00e4nde sammeln und damit ein Wald-Mandala gestalten oder aber kaputte Nistk\u00e4sten abh\u00e4ngen und reparieren m\u00f6chten. Samira interessiert sich mehr f\u00fcr die Nistk\u00e4stenaufgabe, w\u00e4hlt aber wie die meisten anderen M\u00e4dchen der Klasse das Mandala-Vorhaben. 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