{"id":15,"date":"2026-05-21T23:10:18","date_gmt":"2026-05-21T21:10:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/ringvorlesungerenk\/?p=15"},"modified":"2026-05-21T23:10:18","modified_gmt":"2026-05-21T21:10:18","slug":"15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/ringvorlesungerenk\/2026\/05\/21\/15\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1>Auf dem Weg zu einer Schule f\u00fcr alle \u2013 gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand oder gemeinsame Lernsituationen? RV07<\/h1>\n<p>W\u00e4hrend meiner Schulzeit ist mir besonders eine Situation aus dem Sportunterricht in Erinnerung geblieben. In unserer Klasse gab es einen Sch\u00fcler, der eher ruhig war und sportlich Schwierigkeiten hatte. Besonders bei Mannschaftsspielen wurde er h\u00e4ufig als Letzter gew\u00e4hlt oder teilweise gar nicht richtig in Gruppen integriert. Die Lehrkraft begr\u00fcndete dies meistens damit, dass die Gruppen \u201em\u00f6glichst ausgeglichen\u201c sein sollten und manche Sch\u00fcler den Ablauf oder die Leistung der Gruppe negativ beeinflussen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den betroffenen Sch\u00fcler hatte dies zur Folge, dass er sich immer st\u00e4rker zur\u00fcckgezogen hat und kaum noch aktiv am Unterricht teilnahm. Auch innerhalb der Klasse entstand dadurch schnell das Gef\u00fchl, dass manche Sch\u00fcler weniger geeignet f\u00fcr gemeinsames Lernen seien. Solche Formen der Ausgrenzung k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass Sch\u00fcler*innen wichtige soziale Lernprozesse verpassen und sich immer weiter vom Klassenverband distanzieren (vgl. M\u00fcller 2018: 71).<\/p>\n<p>Ich beschreibe hier die Sch\u00fclerin Lea, die ich aus einem Praktikum kenne.<\/p>\n<p>Lea beteiligt sich eher selten m\u00fcndlich am Unterricht und arbeitet h\u00e4ufig langsamer als andere Kinder. Besonders in lauteren Arbeitsphasen wirkt sie schnell \u00fcberfordert und zieht sich zur\u00fcck. Aus der Sicht eines F\u00f6rderausschussbescheides w\u00fcrde vermutlich vor allem beschrieben werden, dass sie Schwierigkeiten bei der Konzentration sowie bei der aktiven Mitarbeit zeigt und Unterst\u00fctzung bei der Strukturierung von Aufgaben ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Im schulischen Alltag zeigt sich allerdings auch eine andere Seite. Lea arbeitet besonders konzentriert, wenn Aufgaben klar gegliedert sind und sie gen\u00fcgend Zeit bekommt. Au\u00dferdem interessiert sie sich sehr f\u00fcr kreative Aufgaben und bringt dabei h\u00e4ufig eigene Ideen ein. In Gruppenarbeiten braucht sie zwar etwas Zeit, um sich einzubringen, arbeitet dann aber zuverl\u00e4ssig mit anderen Kindern zusammen.<\/p>\n<p>Vergleich:<br \/>\nDie erste Beschreibung konzentriert sich haupts\u00e4chlich auf Defizite und Schwierigkeiten. Die zweite Sichtweise betrachtet dagegen st\u00e4rker die individuellen F\u00e4higkeiten sowie Bedingungen, unter denen erfolgreiches Lernen m\u00f6glich wird. Dadurch wird Lea nicht auf ihre Schwierigkeiten reduziert, sondern als individuelle Sch\u00fclerin wahrgenommen. Auch M\u00fcller beschreibt, dass p\u00e4dagogische Perspektiven verhindern k\u00f6nnen, dass Kinder durch feste Zuschreibungen stigmatisiert werden (vgl. M\u00fcller 2018: 103).<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>F\u00fcr diese Aufgabe w\u00fcrde ich ein Arbeitsblatt aus dem Geschichtsunterricht betrachten. Viele Materialien bestehen dort aus langen Texten und komplizierten Aufgabenstellungen. Eine zug\u00e4nglichere Variante k\u00f6nnte wichtige Informationen farblich hervorheben und Aufgaben in kleinere Schritte unterteilen. Eine weitere Variante k\u00f6nnte zus\u00e4tzlich mit Bildern oder kurzen Zusammenfassungen arbeiten, damit Inhalte leichter verst\u00e4ndlich werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Ver\u00e4nderungen w\u00fcrden nicht nur einzelnen Sch\u00fcler*innen helfen, sondern allgemein den Zugang zum Unterricht erleichtern. F\u00fcr die Umsetzung solcher Ver\u00e4nderungen w\u00e4ren besonders Absprachen mit Fachlehrkr\u00e4ften oder sonderp\u00e4dagogischen Fachkr\u00e4ften hilfreich.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>F\u00fcr meine Empfehlung habe ich das Video \u201eNeuroinclusion: A School Community Approach\u201c auf der Plattform all-means-all.education ausgew\u00e4hlt. Das Video besch\u00e4ftigt sich mit neurodiversen Menschen im schulischen Kontext und zeigt, warum neurologische Unterschiede nicht als Defizit verstanden werden sollten. Besonders interessant fand ich, dass dort erkl\u00e4rt wird, wie wichtig Akzeptanz und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis innerhalb einer Schulgemeinschaft sind.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine wichtige Stelle befindet sich bei 01:30: \u201eNeurodiversity is natural and valuable, not one brain and not one neurotype is better than another.\u201c Diese Aussage verdeutlicht, dass Unterschiede zwischen Menschen als normal angesehen werden sollten.<\/p>\n<p>Eine weitere wichtige Stelle findet sich bei 09:15: \u201eDifferent group membership actually creates an empathy gap.\u201c Dort wird beschrieben, dass nicht ausschlie\u00dflich neurodivergente Menschen Verantwortung f\u00fcr Anpassung tragen sollten, sondern auch das Umfeld Verst\u00e4ndnis entwickeln muss.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>M\u00fcller, F. J. (Hrsg.) (2018) Blick zur\u00fcck nach vorn \u2013 WegbereiterInnen der Inklusion. Band 2. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag (Dialektik der Be-Hinderung).<\/p>\n<p>M\u00fcller, F. J. (2026) Auf dem Weg zu einer Schule f\u00fcr alle \u2013 gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand oder gemeinsame Lernsituationen? RV07 vom 19.05.2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zu einer Schule f\u00fcr alle \u2013 gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand oder gemeinsame Lernsituationen? RV07 W\u00e4hrend meiner Schulzeit ist mir besonders eine Situation aus dem Sportunterricht in Erinnerung geblieben. In unserer Klasse gab es einen Sch\u00fcler, der eher ruhig war und sportlich Schwierigkeiten hatte. 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