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RV05 – Heterogenitätskategorie Gender

1. Erläutern Sie das in der Vorlesung thematisierte Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Zuschreibung in Bezug auf Genderdynamiken und -pädagogik in der Schule.. Nehmen Sie dafür Bezug auf die, in der Vorlesung genannten, theoretischen Ansätze.

Zum Spannungsfeld Inszenierung und Zuschreibung lässt sich meiner Meinung nach besonders das Zusammenspiel der beiden Begriffe beleuchten. Dieses Zusammenspiel wird vor allem dadurch deutlich, dass bei der Inszenierung von Gender eine Zuschreibung bereits stattfindet oder diese hervorruft. Andersherum haben Zuschreibungen wiederum Inszenierungen zur Folge. Im Prinzip könnte dieses Spannungsfeld sozusagen als Kreislauf betrachtet werden.

Bei der Inszenierung spielt nicht nur die Inszenierung von außen eine Rollen, sondern auch die Selbstinszenierung von Menschen muss mitgedacht werden. Diese Selbstinszenierung erhält vor allem in den sozialen Medien eine große Rolle. Hier geht es darum sich anderen zu präsentieren und sich dabei in einer bestimmten Art zu inszenieren. Die Selbstinszenierung kann dabei vor allem auch Aufschluss darüber geben in wie weit genderspezifisches Rollenverhalten gelebt wird. So kann auch erkannt werden welche Zuschreibungen die jeweilige Person ihrem eigenen Geschlecht macht und welche der Person von der Gesellschaft gezeigt wurden. Das ist vor allem in der Schule von großer Relevanz, wenn Schülerinnen und Schülern bereits mit „vorbelasteten“ Gendervorstellungen in die Schule kommen. Sie können entweder verstärkende Gendererfahrungen machen, die wiederum Zuschreibungen und Vorurteile hervorrufen, oder aber neue Erfahrungen im Umgang mit Gender erleben, die ihnen ein gendersensibles Verständnis ermöglicht und Vorurteile und Zuschreibungen abbauen. Dabei spielt die gendersensible Pädagogik eine große Rolle.  Dennoch können sich Zuschreibungen und damit auch Inszenierungen im Laufe von Genderdynamiken verändern. 

Im Genderdiskurs ist dabei natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass es biologische Zuschreibungen durch die Geschlechtsmerkmale eines Menschen gibt, jedoch sollten sich dadurch keine Rückschlüsse auf Fähigkeiten, Fertigkeiten, Interessen und andere Aspekte des Individuums abzeichnen. Der Dekonstruktivismus beschäftigt sich mit der These, dass Frauen und Männer reine Kulturprodukte sind. Dabei wird der biologische Aspekt nicht unbedingt beachtet. Andere integrative Ansätze beziehen jedoch nature und nurture mit ein. Sie betrachten also die Genetik und die sozialen Prozesse, die zur Konstruktion von Gender und Geschlecht eine Rolle spielen. In der Pädagogik werden vor allem zwei Ansätze verfolgt: Zum einen die geschlechterseperierenden Ansätze, die sich jedoch nicht mehr durchsetzen, und die reflexive Koedukation. Dabei soll mit den Genderkategorien und -zuschreibungen reflexiv und aufmerksam umgegangen werden. 

In der Schule soll es weiter darum gehen nicht Differenz- und Defizitorientierung im Bezug auf Geschlecht zu leben, sondern vielmehr auf Ressourcen und Können der Schülerinnen und Schüler geachtet werden. Jeder kann etwas und dabei ist es unwichtig welches Geschlecht derjenige hat. Hierzu passen auch die Diversion-Konzepte, die für eine Pädagogik der Vielfalt stehen. 

2. Reflektieren Sie ihre bisherigen Praxiserfahrungen aus der eigenen Schulzeit und ersten Praktika zum schulischen „Genderplay“, möglichst unter Bezugnahme auf mindestens ein anderes Heterogenitätsfeld der Ringvorlesung, wie Sprache, soziokultureller Background, Leistung, Inklusion.

In meinem Orientierungspraktikum habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Geschlechtskategorien Junge/Mädchen sehr aktiv benutzt werden, um die Unterrichtsstruktur zu beeinflussen. Dabei wurde bspw. die Sitzordnung im Morgenkreis abwechseln Junge und Mädchen eingeführt, damit der Morgenkreis ruhiger und aufmerksamer verfolgt wird. Auch beim Essen wurde irgendwann die Regel aufgestellt, dass es höchstens 3 Jungen und 3 Mädchen an einem Tisch geben darf, auch hier die gleiche Begründung. Dabei wurde aber auch für die Kinder deutlich, dass die Mädchen als „Puffer“ für die Jungs dienen sollten. So wurden gleichzeitig auch genderspezifische Verhaltensweisen konstruiert und inszeniert. Eine weitere Erfahrung zu Beginn des Orientierungspraktikums habe ich bei den Vorbereitungen in der Klasse gemacht. Ich habe geholfen die Namensschilder an der Garderobe der Klasse anzubringen. Dabei hat die Lehrkraft auf Grundlage der Namen die Muttersprache der SuS genannt und sie dementsprechend geordnet. Es sollte dann ein vermeintlich türkisch-stämmiger Junge nicht unbedingt neben ein vermeintlich polnisch-stämmiges Mädchen kommen. Diese Zuweisung allein auf Grundlage der Namen von Kindern hat mich sehr geschockt, weil ich auch das Gefühl hatte, das die Lehrkraft nicht nur Sprache, sondern auch den vermutlichen soziokulturellen Hintergrund mitgedacht hat und das zusätzlich auf die Genderkategorien übertragen hat. Zusätzlich wurde im Verlauf der ersten zwei Wochen ein Toilettenschild angebracht, damit nachvollziehbar war, ob jemand zur Toilette gegangen ist. Dabei war wieder einmal das Motto: „Keine 2 Mädchen und keine 2 Jungs gleichzeitig. Das Schild war also zweigeteilt in eine Mädchenseite und Jungsseite. Mit einer Wäscheklammer würde dann die Seite markiert, die dem Geschlecht des Kindes was auf der Toilette war entsprach. Die Mädchenseite war pink und die Jungsseite war blau. Hier wurden geschlechtsspezifische Farben inszeniert, die auch von den Kindern dementsprechend übernommen werden. 

Meiner Meinung nach kann man hunderte solcher Beispiele finden, wenn man sich auf diesen Aspekt konzentriert, weswegen ich den Ansatz des gendersensiblen Unterrichts für ungemein wichtig erachte und er einen größeren Stellenwert in Schule und Studium haben sollte. 

3. Formulieren Sie eine Beobachtungsaufgabe für kommende Praktika zum Thema „gendersensible Pädagogik“, auch hier möglichst unter Bezugnahme auf mindestens ein anderes Heterogenitätsfeld der Ringvorlesung, wie Sprache, soziokultureller Background, Leistung, Inklusion, um deutlich zu machen, dass die Kategorie Gender nicht für sich steht, sondern andere Dimensionen von Heterogenität oftmals wesentlich mit beeinflusst.

Inwieweit beeinflusst gendersensibler Unterricht die Selbstkonzepte der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf ihre Leistungen in Situationen, die durch geschlechtsspezifische Vorurteile aufgeladen sind?

Eine weitere Möglichkeit könnte folgende Beobachtung sein:

Wie verhalten sich Schüler aus sozial schwachen Familien gegenüber Schülerinnen aus sozial starken Familien?

Die zweite Beobachtungsfrage ist natürlich leichter durchzuführen als die erste, handelt aber bereits mit Vorurteilen, die man in einer Ausarbeitung dazu berücksichtigen sollte.

0 Antworten auf „RV05 – Heterogenitätskategorie Gender“

Die erste Frage wurde sehr ausführlich beantwortet, wobei alle wichtigen Punkte der Vorlesung aufgegriffen worden. Jeder Bestandteil der Frage wurde berücksichtigt und nichts wurde ausgelassen; sehr schön!
Die Regel „Junge-Mädchen“ konnte ich auch in meinem Orientierungspraktikum beobachten. Die Lehrkräfte sind davon ausgegangen, dass es so weniger Unterrichtsstörungen gibt, da die Jungs und Mädchen scheinbar nicht befreundet seien. Der Teil des Beitrags, der die Ordnung der Kinder nach soziokulturellem Hintergrund beschreibt ist wirklich sehr schockierend und das Vorgehen der Lehrkraft nicht nachvollziehbar!
Während meines freiwilligen sozialen Jahres in einer Grundschule, welches ich nach erhalt meines Abiturs absolviert habe, konnte eine Beobachtung in Bezug auf die Inklusion machen, welche aber positive Auswirkungen zeigt: im Mathe Unterricht wurde erst einmal allen Kindern gemeinsam im Sitzkreis eine Einführung in die kommende Stunde gegeben. Sobald es an die Einzelarbeit ging, wurden die „Regelkinder“ an ihre nach Leitung eingeteilten Gruppentische geschickt, damit sie dort, möglichst selbstständig, arbeiten. Die „Inklusionskinder“ sind mit der Sonderpädagogin in den Nebenraum gegangen, um dort angepasste Aufgaben zu bearbeiten. So konnten die ,,Inklusionskinder“ sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren und wurden nicht von den anderen Kindern abgelenkt, welche die Aufgaben als „Babyaufgaben“ angesehen haben.
Die 1. Fragestellung ist sehr aufschlussreich, jedoch denke ich, dass es sehr schwierig ist, das Selbstkonzept der Kinder zu beobachten. Für eine Beobachtung eignet sich die zweite Fragestellung besser, welche ebenfalls einen hohen Sinngehalt hat.

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