Schwierigen Vergangenheiten auf der Spur: Sommerschule „Difficult Heritage and Memory in the Making“

von Magdalena Waligórska-Huhle und Jacob Nuhn

In der Bremer Geschichte gab es viele Verbindungen nach Osteuropa. Und manche von ihnen führen direkt in die dunkelsten Kapitel der modernen Geschichte: den Holocaust und die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. Will man sich dieses schwierigen Erbes annehmen, muss man manche dieser Spuren von Bremen bis Osteuropa erforschen, um die ganze Geschichte erzählen zu können. Einen solchen Versuch haben wir mit der Sommerschule „Difficult Heritage and Memory in the Making“ unternommen.

Spurensuche in Litauen und Belarus

Während zwei Sommern in Folge traf sich eine Gruppe junger Wissenschaftler*innen aus neun verschiedenen Ländern, um eine Reihe solcher Geschichten zu untersuchen, die Bremen auf schmerzhafte Weise mit Osteuropa verbinden. Der erste Teil der Sommerschule führte uns 2016 nach Belarus. Dorthin, ins Ghetto von Minsk, hatten die Nationalsozialist*innen die Mehrheit der Bremer Jüdinnen und Juden deportiert und schließlich ermordet. Wie an ihr Schicksal erinnert werden soll, ist in Belarus immer noch ein strittiges und politisch aufgeladenes Thema. Dazu gehört etwa die Frage, wie die Massengräber in Blagowschtschina als Gedenkorte ausgewiesen werden. Im Zuge der Sommerschule erfuhren wir aus erster Hand von Erinnerungsprojekten, die gerade im Entstehen sind. Wir besichtigten neue Gedenkorte und lernten NGOs kennen, die sich des schwierigen Erbes annehmen, wie beispielsweise das Belarussische Oral History Archiv und die Geschichtswerkstatt Minsk.

Abbildung 1: Das Holocaustdenkmal in Minsk

Auf einer Feldforschung im belarussisch-litauischen Grenzgebiet konnten wir auch eine Reihe von Oral History-Interviews mit Menschen führen, die Zeug*innen des sogenannten „Holocaust by bullets“ geworden waren. Ziel war es, einen Einblick in die Erinnerung an den Holocaust in Belarus zu erhalten, aber auch, die Interviews einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Stsiapan Stureika, Co-Organisator des belarussischen Teils, war zunächst nervös: „Würden die Bewohner von Halsany und anderen Dörfern ihre Erinnerungen mit Fremden teilen? Zum Glück lief aber alles glatt.“ Dank der Hilfe des Belarussischen Oral History-Archivs sind die Interviews nun auf dessen Seite online verfügbar.

Spurensuche in Bremen und Berlin

Abbildung 2: Auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Halshany, Belarus

Der zweite Teil der Sommerschule im August 2017 befasste sich mit dem anderen Ende der Zwangsmigrationen des Zweiten Weltkriegs, konkret: der Geschichte von osteuropäischen Zwangsarbeiter*innen, die vom nationalsozialistischen Deutschland unter mörderischen Bedingungen auf der Baustelle des Bunker Valentin in Bremen eingesetzt worden waren – eine unvollendete U-Boot-Fabrik, die 2000 Menschen das Leben kostete. Unter den zehntausend Zwangsarbeiter*innen, die die massive Betonkonstruktion errichten mussten, waren sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus einer Reihe ost(mittel)europäischer Länder. Die meisten sind bis heute unbekannt – nur von 1329 von ihnen kennen wir die Namen.

Abbildung 3: Die Gruppe vor dem Bunker Valentin

Eines der Ziele des zweiten Teils war es, sich mit den Lücken dieser Geschichte zu befassen und eine Brücke zwischen den Bremer Orten des Schreckens sowie Überlebenden und Nachkommen der Opfer in Osteuropa zu schlagen. Wir organisierten zwei Filmworkshops auf dem Bunkergelände, bei denen die Teilnehmenden einen kurzen Film in Russisch, Polnisch und Litauisch erstellten, der sich an überlebende Zwangsarbeiter*innen und deren Familien richtet. Wir hoffen, darüber Kontakt zu Zeitzeug*innen zu erhalten und so mehr über die vergessenen Opfer der Bunkerbaustelle zu erfahren und Leerstellen in der Geschichte des Bunkers zu füllen.

Daneben entstand noch ein weiterer Film: Im Sommer 2016 hatten wir Ashmiany besucht, einen kleinen Ort im Westen von Belarus, und dort die ehemalige Synagoge besichtigt. Das Gebäude birgt Erinnerungen an seine Nutzung, ist aber auch von kunsthistorischem Wert: Die innere Gestaltung der Kuppel erinnert an die traditionellen Holzsynagogen der Region, von denen keine einzige die Weltkriege überstanden hat. Auch die Synagoge in Ashmiany ist heute leider in einem desolaten Zustand. So kam die Idee auf, im Zuge des zweiten Teils der Summer School eine Crowdfunding-Kampagne zu initiieren, um Geld für die Renovierung der Synagoge zu sammeln.

Was bleibt

Abbildung 4: Filmworkshop am Bunker Valentin

Die Sommerschule ging so nicht nur den Verbindungslinien von Geschichten in zwei entfernt voneinander liegenden Regionen in Europa auf den Grund, sie verband auch die Erforschung dieser Geschichten mit praktischen Interventionen in der Gegenwart: Nicht wenige der von uns interviewten Zeitzeug*innen sprachen zum ersten Mal über ihre schrecklichen Erlebnisse. Orte, wie die Synagoge in Ashmiany, sind in Geschichtsbüchern über das jüdische Erbe in Belarus präsent, verfallen aber ganz real und geraten in Vergessenheit. Wichtig war uns dabei, dass wir zwar als Gruppe von „außen“ kamen, aber sehr eng mit Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen vor Ort kooperierten und diese in ihrer oft schwierigen Arbeit zu unterstützen versuchten. Der Austausch verschiedener Perspektiven in der Gruppe selbst war eine große Bereicherung für alle, wie Teilnehmer Uladzimir Valodzin aus Belarus unterstreicht: „Wir kamen alle mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, aber überraschenderweise gelang es uns, unsere Erkenntnisse und auch Enttäuschungen zu teilen und zu einem Team zusammen zu wachsen. Ich hatte die meisten Orte vorher schon besucht, aber alle zeigten sich mir nun mit Facetten, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte.“

Den Blog zur Sommerschule inklusive Filmen, Essays und Aufzeichnungen von unseren Feldforschungen finden Sie unter:
http://www.digitalhistory.uni-bremen.de/summerschool/wordpress/

Link zur Website des Belarussichen Oral History-Archivs:
http://www.nashapamiac.org/archive/home

Link zum Video über den Bunker Valentin:
https://www.youtube.com/watch?v=7CCY96qAD3M

Link zum Crowdfunding-Video zur Synagoge in Ashmiany:
https://vimeo.com/272463381

Die Sommerschule wurde in Kooperation mit dem Denkort Bunker Valentin organisiert und finanziell unterstützt von der Volkswagen Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung.

Über die Autor*innen:

Prof. Dr. Magdalena Waligórska-Huhle ist Juniorprofessorin für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Polen an der Universität Bremen. Sie ist Autorin des Buchs Klezmer’s Afterlife. An Ethnography of the Jewish Music Revival in Poland and Germany.

Jacob Nuhn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Polen. Er forscht zur Geschichte der Systemtransformation im Ostdeutschland und Polen der 1990er Jahre.

Bildnachweise:

  • Autor*innenfotos: Magdalena Waligórska-Huhle; Jacob Nuhn
  • Abbildungen 1 bis 4: Magdalena Waligórska-Huhle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.