{"id":95,"date":"2020-07-03T17:02:06","date_gmt":"2020-07-03T15:02:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/?p=95"},"modified":"2020-10-14T17:55:39","modified_gmt":"2020-10-14T15:55:39","slug":"definition-von-racial-profiling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/2020\/07\/03\/definition-von-racial-profiling\/","title":{"rendered":"Definition von Racial Profiling"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist Racial Profiling?<\/strong><\/p>\n<p>Die Definition von \u201aRacial Profiling\u2018 weist einige Kontroversen auf.<br \/>\nSo seien Definitionen von \u201aRacial Profiling\u2018 gebr\u00e4uchlich wie \u201e\u201a<em>Racial profiling is the use of race or ethnicity, or proxies thereof, by law enforcement officers as a basis for judgment of criminal suspicion<\/em>\u2018\u201d (Belina 2016, S. 132, zit. nach Glaser 2015, S. 3, Herv. i. Orig.). Eine solche Definition sei jedoch \u2013 so Bernd Belina \u2013 schwierig, da sie f\u00fcr eine begrenzte Sichtweise auf Racial Profiling stehe, die Racial Profiling nur mit dem Handeln einzelner und nur mit \u00dcberpr\u00fcfungen, die lediglich durch die \u201e\u201a<em>ethnicity\u2018<\/em>\u201c (Belina 2016, S.133, Herv. i. Orig.) der \u00dcberpr\u00fcften begr\u00fcndet seien, in Verbindung bringe (vgl. Belina 2016, S. 132f.). \u00a0Auch Hendrik Cremers Definition von Racial Profiling &#8211; \u201edie polizeiliche Praxis, unver\u00e4nderlichen [sic] Merkmale, die das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild eines Menschen pr\u00e4gen, als Entscheidungsgrundlage f\u00fcr polizeiliche Ma\u00dfnahmen wie Personenkontrollen heranzuziehen\u201c (Cremer 2017, S. 405) \u2013 weist demnach \u00e4hnliche Schwachstellen auf, umgeht die von Belina kritisierte Individualisierung hier aber mit dem Verweis auf \u201edie polizeiliche Praxis\u201c (Cremer 2017, S. 405) statt auf das Handeln von Polizeibeamt_innen (vgl. Cremer 2017, S. 405). Dennoch ist Cremers Definition von Racial Profiling aus zweierlei Gr\u00fcnden noch zu begrenzt, wird die weite Sichtweise von Belina herangezogen.<\/p>\n<p>Erstens pl\u00e4diert Belina f\u00fcr eine Sicht auf Racial Profiling, bei der die gesamte Organisation der Polizei ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcsse, was neben den Handlungen und Ansichten einzelner Beamt_innen auch die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen einschlie\u00dfe. Zweitens setzt sich Belina daf\u00fcr ein, dass auch diejenigen \u00dcberpr\u00fcfungen als \u201aRacial Profiling\u2018 bezeichnet werden, bei denen die \u201aethnicity\u2018 zwar nicht der alleinige Anlass gewesen sei, infolge von \u201e\u201aIntersektionalit\u00e4ten\u2018\u201c (Belina 2016, S. 134, zit. nach K\u00fcnkel 2014, S. 281) und des ausgesuchten \u201e\u201aOrt[s] der Kontrolle\u2018\u201c (Belina 2016, S. 134, zit. nach Busch 2013, S. 6) aber \u00fcberdurchschnittlich oft \u201ePeople of Colour\u201c (Belina 2016, S. 134) unter den \u00dcberpr\u00fcften seien. Demzufolge seien auch die ausgesuchten Orte, sowie Faktoren wie unter anderem der Kleidungsstil in die \u00dcberlegungen bez\u00fcglich Racial Profiling miteinzubeziehen. Diese weitere Sicht auf Racial Profiling wird als \u201einstitutionelle[r] Rassismus\u201c (Belina 2016, S. 134) bezeichnet (vgl. Belina 2016, S. 134).<\/p>\n<p>Auch wenn Cremers oben genannte Definition von Racial Profiling diese beiden Aspekte nicht umfassen, kristallisiert sich in Cremers Text \u201aRacial Profiling: Eine menschenrechtswidrige Praxis am Beispiel anlassloser Personenkontrollen\u2018 heraus, dass auch Cremer eher eine weitere Sichtweise auf Racial Profiling vertritt. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass er die gesetzlichen Regelungen hinsichtlich Racial Profiling untersucht und dabei zu dem Schluss kommt, dass auch dann eine Diskriminierung vorliege, wenn \u201aIntersektionalit\u00e4ten\u2018, die sich nicht nur auf dauerhafte Eigenschaften des Aussehens beziehen, bei dem Entschluss zu einer \u00dcberpr\u00fcfung eine Rolle spielen (vgl. Cremer 2017, S. 405ff.).<\/p>\n<p><strong>Wie sehen die gesetzlichen Regelungen bez\u00fcglich Racial Profiling in Deutschland aus?<\/strong><\/p>\n<p>Da Polizist_innen bei der Praxis des Racial Profilings in ihrem Umgang mit Menschen durch das Aussehen der letzteren beeinflusst werden, handle es sich hierbei um \u201erassistische[] Diskriminierung\u201c (Cremer 2017, S. 407), welche eigentlich durch den Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes und durch die von der Bundesrepublik Deutschland anerkannten Menschenrechtsabkommen untersagt sei. Da letztere Abkommen von der Bundesrepublik offiziell anerkannt worden seien, m\u00fcssen sich auch die deutsche Polizei und die deutschen Gerichte an die Bestimmungen halten (vgl. Cremer 2017, S. 406f.). Hierbei sei wichtig zu ber\u00fccksichtigen, dass auch diejenigen gesetzlichen Regelungen gegen Grund- und Menschenrechte versto\u00dfen, die zwar keinen expliziten diskriminierenden Charakter haben, dennoch aber in gro\u00dfer Zahl zu rassistischen Ungleichbehandlungen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein solcher Fall liege allerdings vor, so Cremer, wenn \u00a7 22 Absatz 1a des Bundespolizeigesetzes betrachtet werde. In dieser Bestimmung werde zwar nicht explizit Racial Profiling gestattet, allerdings werden dadurch verdachtsunabh\u00e4ngige \u00dcberpr\u00fcfungen durch die Polizei erlaubt. \u00dcberdies werde Racial Profiling beg\u00fcnstigt, da in der Bestimmung ausgesagt werde, dass das Ziel der polizeilichen \u00dcberpr\u00fcfungen sei, Menschen ausfindig zu machen, die sich unerlaubterweise in Deutschland aufhalten. Ein solches Ziel wiederrum verleite die Beamt_innen dazu, eine Verbindung zwischen der Legalit\u00e4t des Aufenthaltes und dem Aussehen einer Person herzustellen und auf dieser Basis zu entscheiden, ob eine Person \u00fcberpr\u00fcft werde oder nicht. Aus diesem Grunde schlie\u00dft Cremer, dass \u201e[d]ie Norm [\u2026] damit auf Diskriminierungen angelegt\u201c (Cremer 2017, S. 409) sei (vgl. Cremer 2017, S. 409).<\/p>\n<p>Auch Belina befasst sich in seinem Text \u201aDer Alltag der Anderen: Racial Profiling in Deutschland?\u2018 mit den Bestimmungen des Bundespolizeigesetzes, um zu analysieren, ob und inwiefern Racial Profiling bereits durch das Gesetz gef\u00f6rdert werde. Hierbei stellt er fest, dass eine Reihe von Paragraphen des Bundespolizeigesetzes Polizeibeamt_innen gestatten, verdachtsunabh\u00e4ngig Personen zu \u00fcberpr\u00fcfen, um herauszufinden, ob sie sich wom\u00f6glich unerlaubterweise in Deutschland aufhalten. An dieser Stelle merkt Belina wie Cremer ebenfalls an, dass Polizist_innen durch diese Gesetzgebungen dazu verleitet werden, das Aussehen der Personen mit der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ihres Aufenthaltes in Beziehung zu setzen. Dies f\u00fchre wiederrum dazu, dass in diesem Kontext \u201edie \u201aRechtsgrundlagen f\u00fcr polizeiliches und justizielles Handeln [\u2026] Praktiken des Racial Profiling voraussetzen\u2018\u201c (Belina 2016, S. 137; zit. nach ajk-berlin 2013, S. 13), wie \u201eder Arbeitskreis kritische Juristinnen und Juristen an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin\u201c (Belina 2016, S. 137) feststellte (vgl. Belina 2016, S.135f.).<\/p>\n<p>Zudem manifestiere sich \u201ainstitutioneller Rassismus\u2018 in den gesetzlichen Regelungen einiger Bundesl\u00e4nder, die der Polizei die Schaffung von \u201eGefahrengebieten\u201c (Belina 2016, S. 140) gestatten. Durch Benennung eines Gebietes als \u201aGefahrengebiet\u2018 werde der Polizei erlaubt, Personen ohne konkreten Verdachtsfall zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dies f\u00fchre dazu, dass es der Polizei m\u00f6glich werde, gezielt \u201aPeople of colour\u2018 zu kontrollieren, wobei aber auch hier \u201aIntersektionalit\u00e4ten\u2018 eine gro\u00dfe Rolle spielen. Wichtig bei der Entscheidung, welche Person \u00fcberpr\u00fcft werde, sei demzufolge oft \u201edie Kombination aus dunkler Hautfarbe, m\u00e4nnlichem Geschlecht, einem Alter zwischen rd. 14 und 40 Jahren sowie sichtbaren Hinweisen auf die Zugeh\u00f6rigkeit zu den \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten\u201c (Belina 2016, S. 140) (vgl. Belina 2014, S. 140).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-119\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/rpolizei-225x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/rpolizei-225x300.jpeg 225w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/rpolizei-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/rpolizei-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/rpolizei.jpeg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt\"><strong>Plakat im Viertel gegen rassistische Polizeigewalt<\/strong><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\"> (Quelle: Studierende 2020)<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 8pt\">Quellen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 8pt\">Belina, Bernd (2016): Der Alltag des Anderen: Racial Profiling in Deutschland? In: Dollinger, Bernd &amp; Henning Schmidt-Semisch\u00a0(Hrsg.): Sicherer Alltag? Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag. Wiesbaden: Springer VS: 123-146.<\/span><\/p>\n<div>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Cremer, Hendrik (2017): Racial Profiling: Eine menschenrechtswidrige Praxis am Beispiel anlassloser Personenkontrollen. In: Fereidooni, Karim &amp; Meral El (Hrsg.): Rassismuskritik und Widerstandsformen. Wiesbaden: Springer VS: 405-414.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Racial Profiling? Die Definition von \u201aRacial Profiling\u2018 weist einige Kontroversen auf. 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