{"id":258,"date":"2020-10-01T22:28:47","date_gmt":"2020-10-01T20:28:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/?p=258"},"modified":"2020-10-15T22:22:48","modified_gmt":"2020-10-15T20:22:48","slug":"tod-von-laye-alama-conde-durch-brechmitteleinsatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/2020\/10\/01\/tod-von-laye-alama-conde-durch-brechmitteleinsatz\/","title":{"rendered":"Tod von Laye-Alama Cond\u00e9 durch Brechmitteleinsatz"},"content":{"rendered":"<p>Vor mittlerweile \u00fcber 15 Jahren starb der aus Sierra Leone stammende, im Jahre 1969 geborene Asylbewerber Laye-Alama Cond\u00e9 durch einen Brechmitteleinsatz der Polizei.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-350 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-14.50.35-223x300.png\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-14.50.35-223x300.png 223w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-14.50.35.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt\"><strong>Laye-Alama Cond\u00e9<\/strong> <span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">(Quelle: Initiative in Gedenken an Laye-Alama Cond\u00e9 o. J.)<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laye-Alama Cond\u00e9 wurde am 27. Dezember des Jahres 2004 wegen des Verdachts auf Verschlucken von Kokainp\u00e4ckchen von der Bremer Polizei an der Sielwallkreuzung im Viertel festgenommen (vgl. Frankfurter Neue Presse 2011). &#8222;Bevor C. auf Aufforderung der Polizeibeamten den Mund \u00f6ffnete, sahen sie dessen deutliche Schluckbewegungen und gingen aufgrund kriminalistischer Erfahrung mit &#8218;Kleindealern&#8216; von einem Verschlucken von Kokainbeh\u00e4ltnissen aus&#8220; (BGH 2010: S. 4). Um sicherzustellen, ob Laye-Alama Cond\u00e9 tats\u00e4chlich Kokain verschluckt hatte, sollten ihm Brechmittel und Wasser verabreicht werden. Nachdem Cond\u00e9 sich jedoch weigerte, diese einzunehmen, war vorgesehen, dass ihm nach einer Dienstanweisung vom 01.03.2001 in sitzender Position eine nasogastrale Sonde gelegt werden m\u00fcsste. Der Arzt selbst d\u00fcrfte dabei keinerlei Zwang aus\u00fcben, was auf die Polizeibeamten selbst scheinbar nicht zuzutreffen schien. Cond\u00e9 wurde von diesen an den F\u00fc\u00dfen mit Kabelbindern und an den H\u00e4nden mit Handschellen gefesselt. Da Cond\u00e9 sich zu wehren schien, wurde dies durch ein Dr\u00fccken des Kopfes an die R\u00fcckenlehne unterbunden (vgl. BGH 2010: S. 5). Daran anschlie\u00dfend wurde Cond\u00e9 der Ipecacuanha-Sirup, ein Brechmittel, vom Arzt Igor V. zugef\u00fchrt (vgl. Holthaus 2019). Selbst nach mehrfachem Erbrechen und dem bereits sichergestellten Kokain wurde die Vergabe des Brechmittels fortgef\u00fchrt, bis Cond\u00e9 nicht mehr ansprechbar war. Die Polizeibeamten gingen davon aus, dass Cond\u00e9 seinen k\u00f6rperlichen Zusammenbruch nur simulieren w\u00fcrde, &#8222;um einen Abbruch der Ma\u00dfnahme zu erreichen&#8220; (BGH 2010: S. 6). Nachdem daraufhin die alarmierten Rettungssanit\u00e4ter eintrafen, wurde diesen vom Arzt erl\u00e4utert, dass nur eine Magensp\u00fclung durchgef\u00fchrt worden w\u00e4re, die nicht funktioniert habe. Der Notarzt stellte fest, dass Cond\u00e9 nicht ins Krankenhaus m\u00fcsse, so dass die Magensp\u00fclung erneut durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfte (vgl. BGH 2010: S. 7 ff.). Nur wenige Minuten sp\u00e4ter fiel Cond\u00e9 in ein Koma und verstarb am 07.01.2005 an &#8222;cerebraler Hypoxie als Folge von Ertrinken nach Aspiration bei forciertem Erbrechen&#8220; (UA, zitiert nach BGH 2010: S. 11).<\/p>\n<p>&#8222;2008 hatte das Landgericht den Polizeiarzt Igor V. vom Vorwurf der fahrl\u00e4ssigen T\u00f6tung freigesprochen. Die Begr\u00fcndung hatte es in sich: Zwar habe V. objektive fachliche Fehler begangen, die &#8218;urs\u00e4chlich&#8216; f\u00fcr den Tod Cond\u00e9s waren. Doch sei er &#8218;wegen fehlender Erfahrung \u00fcberfordert&#8216; und somit &#8218;weit entfernt vom Leitbild eines erfahrenen Facharztes, an dem sich die Rechtsprechung bei Fahrl\u00e4ssigkeitsdelikten als Ma\u00dfstab orientiert&#8216; gewesen, so die Urteilsbegr\u00fcndung&#8220; (Jakob 2010). Nachdem das Verfahren im Jahre 2013 ein drittes Mal wiederaufgenommen wurde, einigten sich\u00a0Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenkl\u00e4gerin auf eine Einstellung unter der Auflage, dass der Angeklagte 20.000 Euro an die Mutter des Opfers zahlen sollte (vgl. Baeck 2013).<\/p>\n<p>Im Jahre 2006 stellte der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte fest, dass das Verabrechen von Brechmitteln eine Foltermethode sei, welche noch im gleichen Jahr in Bremen, das auch als &#8222;Hauptstadt der Brechmittelfolter&#8220; bekannt war, gestoppt wurde (vgl. Holthaus 2019).\u00a0&#8222;Zwischen 1991 und 2004 sind in Bremen in \u00fcber 1.000 F\u00e4llen Brechmittel an Menschen in Polizeigewahrsam verabreicht worden. Am 27. Dezember 2004 wurden dem aus Sierra Leone gefl\u00fcchteten Laye Cond\u00e9 im Polizeirevier Bremen-Vahr gegen seinen Willen vom Beweissicherungsdienst durch eine Nasensonde zwei Stunden lang mehrere Liter Wasser und Brechmittelsirup eingefl\u00f6\u00dft&#8220; (Initiative in Gedenken an Laye-Alama Cond\u00e9 o. J.).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-374 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-15.43.29-300x235.png\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-15.43.29-300x235.png 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-15.43.29-768x600.png 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/rassismusinbremen\/files\/Bildschirmfoto-2020-10-11-um-15.43.29.png 962w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt\"><strong>Mobiler Gedenkort f\u00fcr Laye-Alama Cond\u00e9<\/strong> <span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">(Quelle: Radio Bremen 2020)<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit existiert ein mobiler Gedenkort f\u00fcr Laye-Alama Cond\u00e9 und alle weiteren Brechmittelopfer. &#8222;Wir nennen es nicht Denkmal, sondern es ist ein Gedenkort, der mahnendes Erinnern m\u00f6glich macht, dass ein Mensch in staatlicher Obhut gestorben ist. Und dass das nicht mehr passieren darf&#8220;, so sagt Gundula Oerter, die Sprecherin der Initiative (Oerter 2020, zitiert nach Holthaus 2019). Der Gedenkort ist mit deutschen, englischen und franz\u00f6sischen Audioboxen ausgestattet, die inhaltlich\u00a0die Geschehnisse chronologisch wiedergeben und Zeug*innen zu Wort kommen lassen (vgl. Holthaus 2019). &#8222;Seit dem 20. September steht der &#8218;Mobile Gedenkort f\u00fcr Laye Cond\u00e9 und 13 Jahre Brechmittelvergabe in Bremen&#8216; vor der Friedenskirche in der Humboldtstra\u00dfe&#8220; (Initiative in Gedenken an Laye-Alama Cond\u00e9 o. J.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Quellen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Baeck, Jean-Philipp: Bremer Brechmittel-Prozess: Am Ende kein Urteil. In: taz.de (2013). URL: https:\/\/taz.de\/Bremer-Brechmittel-Prozess\/!5055796\/ (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Bundesgerichtshof: Urteil des 5. Strafsenats vom 29.04.2010. In: juris.bundesgerichtshof.de (2010). URL: http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=723958c0763e31ffb229969f4d525839&amp;nr=52237&amp;pos=6&amp;anz=31 (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Frankfurter Neue Presse:\u00a0<span class=\"ArtikelTitel\">Gericht verk\u00fcndet Urteil im Brechmittel-Prozess. In: web.archive.org (2011). URL: https:\/\/web.archive.org\/web\/20160523141053\/http:\/\/www.fnp.de\/nachrichten\/panorama\/Gericht-verkuendet-Urteil-im-Brechmittel-Prozess;art685,49852 (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Holthaus, Matthias:\u00a0Mobiler Denkort erinnert an Laye Cond\u00e9. In: weser-kurier.de (2019). URL: https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/stadtteile\/stadtteile-bremen-mitte_artikel,-mobiler-denkort-erinnert-an-laye-conde-_arid,1797435.html (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Initiative in Gedenken an Laye-Alama Cond\u00e9: Start. In: brechmittelfolter-bremen.de (o. J.). URL: https:\/\/brechmittelfolter-bremen.de (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Jakob, Christian: Laya Cond\u00e9 starb vor f\u00fcnf Jahren. In: taz.de (2010). URL: https:\/\/taz.de\/!506546\/ (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">Radio Bremen: Kommt der Gedenkort f\u00fcr die Bremer Brechmittel-Opfer? In: butenunbinnen.de (2020). URL: https:\/\/www.butenunbinnen.de\/nachrichten\/gesellschaft\/gedenkkundgebung-conde-brechmittel-einsatz-gedenkort-100.html (zuletzt abgerufen am 11.10.2020).<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor mittlerweile \u00fcber 15 Jahren starb der aus Sierra Leone stammende, im Jahre 1969 geborene Asylbewerber Laye-Alama Cond\u00e9 durch einen Brechmitteleinsatz der Polizei. &nbsp; &nbsp; Laye-Alama Cond\u00e9 (Quelle: Initiative in Gedenken an Laye-Alama Cond\u00e9 o. J.) &nbsp; &nbsp; &nbsp; Laye-Alama Cond\u00e9 wurde am 27. 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