Gesundheitspsychologie: Beitrag zu Public Health?

Furchtappelle

„Rauchen kann tödlich sein!“

Die Funktion von Furchtappellen in der Gesundheitskommunikation

von Şennur Aytekin, Luis Babin, Jana Berger, Antonia Düring, Lea Golmann, Victoria Teichmann und Ann-Katrin Schäfer

 

„Geh nicht mit nassen Haaren nach draußen, sonst bekommst du eine Lungenentzündung!“. Ähnliche Sätze hat wohl jeder schon einmal gehört, denn „Angstmacher“ wie diese sind ein gängiges Mittel, um sich bei Kindern Gehör zu verschaffen. Doch nicht nur in der Kindererziehung wird zu solchen Methoden gegriffen. Auch in Bereichen wie der Gesundheitskommunikation bzw. -prävention, in denen es um die Mitteilung gesundheitsrelevanter Themen und somit der Vorbeugung gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen geht, vertraut man auf die Wirkung der sogenannten „Furchtappelle“ (engl. „fear appeals“) mit dem Ziel, die Adressaten zu einer Veränderung ihres Verhaltens zu bewegen (Ort, 2019). Aber auch dieses Phänomen kennt jeder: Man geht in den Einkaufsladen und stößt auf Zigarettenverpackungen, auf denen eine halbverrottete Lunge abgebildet ist, die zudem den Slogan “Rauchen kann tödlich sein” trägt. Doch was genau sind Furchtappelle, wie funktionieren sie und sind sie tatsächlich zielführend und erzielen die gewünschten Ergebnisse? Diese Fragen sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden.

 

Ursprüngliche Theorien

Furchtappelle sind externe Reize, die die Empfänger*innen mit möglichen negativen Folgen ihres Handelns konfrontieren und somit Anspannungszustände entstehen lassen. Nach dem Fear-Drive-Modell von Hovland sollen diese Zustände ein Gefühl von Bedrohung auslösen, sodass Betroffene die Gefahrensituation beenden möchten, was zu einer adaptiven Verhaltensänderungen führen kann (Kok et al., 2018). Damit sollen Furchtappelle, die erstmals im 20. Jahrhundert von Wissenschaftler*innen in Betracht gezogen wurden, unter anderem gesundheitsgefährdendes Verhalten und damit Gesundheitsrisiken minimieren (Ort, 2019).

 

Aktuelle Theorie

Nach dem Extended Parallel Process Modell von Witte (1994) wird davon ausgegangen, dass das Individuum, sobald eine Bedrohung als hoch und damit relevant eingeschätzt wurde, mit zwei möglichen Prozessen auf einen Furchtappell reagieren kann. Wenn die empfohlene Copingmethode, also die durch beispielsweise Medien vorgeschlagene Bewältigungsstrategie, als sinnvoll und durchsetzbar betrachtet wird, kommt es zum Umdenken und im besten Fall zur Verhaltensänderung. Eine solche Reaktion wird als „Danger Control Process“ bezeichnet (dt. „Gefahrenkontrollprozess”) (Witte, 1994). Wird die empfohlene Maßnahme jedoch als irrelevant angesehen oder das Individuum glaubt, diese nicht umsetzen zu können, kommt es zum “Fear Control Process” (dt. „Furchtkontrollprozess“) (Witte, 1994). Die Rezipient*innen möchten das Gefühl der Angst und des Ausgeliefertseins mindern und reagieren mit Widerstand oder leugnen die Bedrohung (Witte, 1994).

 

Beispiel: Furchtappelle auf Zigaretten-Verpackungen

Ein Beispiel für Furchtappelle das vermutlich jeder von uns schon einmal gesehen hat, sind die schriftlichen und graphischen Warnhinweise auf Zigarettenschachteln. Sie sind ein zentraler Teil der Rauchprävention und sollen genau in dem Moment, in dem die Raucher*innen zur Zigarette greifen wollen, intervenieren. Erstmals wurden im Jahr 1991 schriftliche Warnhinweise auf Zigarettenschachteln vorgeschrieben. Diese wurden 2003 erweitert, indem sie nun 30% der Vorder- und 40% der Rückseite einnehmen mussten. Hierzu gehörten Hinweise wie „Rauchen kann tödlich sein“ oder „Raucher sterben früher“, die wir auch heute noch auf den Schachteln sehen können (Petersen & Lieder, 2006). Seit dem 20. Mai 2016 sind nun auch die sogenannten „Schockbilder“ Pflicht. Zwei Drittel, sowohl der Vorder- als auch der Rückseite, müssen mit diesen Bildern versehen werden (Deutscher Bundestag, 2017). Krebsgeschwüre, Blut hustende Menschen und Kinder, die Zigaretten in der Hand halten, sind nur einige Beispiele für die grafischen Warnhinweise.

Abbildung 1. Warnhinweise auf Zigarettenverpackungen (Deutscher Zigarettenverband, 2019)

Aber erzielen diese „Schockbilder“ überhaupt bedeutsame Effekte? In vielen Studien wurde die Wirksamkeit der Maßnahmen geprüft. Für den Deutschen Bundestag wurden im Jahr 2017 Studien aus vielen Teilen der Welt (Australien, Indien, Iran, Kanada, Pakistan, USA, England und Mexiko) zusammengefasst. Die AutorInnen kamen zu dem Schluss, dass bildliche Warnhinweise zumindest eine effektivere Wirkung erzielen als textliche Hinweise. Durch die Bilder wird die Wahrnehmung der gesundheitlichen Auswirkungen intensiviert und die Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status können besser erreicht werden (Deutscher Bundestag 2017). Dies ist von Bedeutung, da bei Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und niedrigerem Einkommen der Anteil an Raucher*innen deutlich höher ist als bei Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status. Somit stellen sie eine besonders relevante Zielgruppe dar (Deutsches Krebsforschungszentrum 2004). Die graphischen Warnhinweise haben auf nichtrauchende Jugendliche aber offenbar einen größeren emotionalen Einfluss als auf rauchende Jugendliche (Morgenstern et al. 2018). Ob sie aber im Allgemeinen ihren Zweck erfüllen und Menschen vom Rauchen abhalten, wird aus den Studien nicht klar.

 

Beachtung wissenschaftlicher Evidenz bei Interventionsentwicklung

Die aktuelle wissenschaftliche Evidenz von Furchtappellen wird nicht ausreichend in die Entwicklung der tatsächlichen Maßnahmen übertragen (Kok et al., 2018). Doch woran liegt das?

In einer Studie, welche den Glauben an die Effektivität von Furchtappellen bei Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Entwickler*innen durch Interviews untersucht hat, gaben Maßnahmenentwickler*innen an, dass ihnen teilweise keine anderen Methoden, außer der Erregung von Angst, bekannt waren. Zudem gaben sogar die Betroffenen an, dass sie sich von den Maßnahmen erhoffen erschreckt zu werden um in der Folge ihr Verhalten zu ändern. Je stärker die Befragten an der tatsächlichen Entwicklung der Maßnahmen beteiligt waren, desto kritischer wurden sie jedoch auch gegenüber den Furchtappellen, welche einzig und allein Angst bei der Zielgruppe erzeugen sollten. Sie dachten vielmehr, dass zusätzlich noch ein gewünschtes Verhalten aufgezeigt werden müsste, um die Wirksamkeit der Furchtappelle zu erhöhen (Peters et al. 2014). Doch damit Furchtappelle wirksam sind gehört noch einiges mehr dazu.

Für diese problematische Situation gibt es verschiedene Lösungsvorschläge. Zum einen sollten die Maßnahmenentwickler*innen vermehrt die Gründe eines gesundheitsschädlichen Verhaltens erforschen und versuchen diese zu beeinflussen, als nur das Verhalten ändern zu wollen. Zum anderen sollte Ihnen eine Art „Werkzeugkiste“ bereitgestellt werden, um zukünftig alternative Maßnahmen zu Furchtappellen entwickeln zu können, die evidenzbasiert sind. Diese Idee verfolgt das „Intervention Mapping”, welches Maßnahmenentwicklern in der Gesundheitsförderung und Prävention mit einem konkreten SechsSchritte-Plan bei der Entwicklung helfen soll (Kok et al. 2014).

 

Kurz und knapp

Auch wenn in der Gesundheitserziehung häufig auf Warnhinweise zurückgegriffen wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt, ob sie ihren Zweck als Interventionsmaßnahme erfüllen. Den aktuellen Theorien zufolge kommt es erst dann zu einer Verhaltensänderung, wenn das Individuum sowohl die eigene Situation als bedrohlich, als auch die Copingstrategie als zielführend einschätzt. Ist dies nicht der Fall, kann der Furchtappell sogar zum Widerstand und somit zur Verstärkung des unerwünschten Verhaltens führen (Kok et al. 2018). Aus diesem Grund wird der Einsatz von Furchtappellen zunehmend kritisch betrachtet. Denn allein das Erzeugen von Angst führt nur selten zu einer Verhaltensänderung. Angst als erzieherisches Grundkonzept muss demnach sowohl von Eltern bei der Kindererziehung als auch Maßnahmenentwickler*innen in der Gesundheitskommunikation überdacht werden. Die Erforschung der Ursachen gesundheitsschädlichen Verhaltens ist von großer Bedeutung, um zukünftig effektivere Strategien zur Verhaltensintervention entwickeln zu können (Kok et al. 2014).

 

Literatur

Deutscher Bundestag (2017). Wirksamkeit von bildlichen Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen. Deutscher Bundestag. https://www.bundestag.de/resource/blob/511122/8ae51b807ef2d0ebd58e4f4747c4bee7/wd-5-024-17-pdf-data.pdf

Deutsches Krebsforschungszentrum (2004). Rauchen und soziale Ungleichheit – Konsequenzen für die Tabakkontrollpolitik. Deutsches Krebsforschungszentrum.

Deutscher Zigarettenverband (2019). Warnhinweise [Online Bild]. Deutscher Zigarettenverband. https://www.zigarettenverband.de/themen/warnhinweise

Kok, G., Bartholomew, L., Parcel, G., Gottlieb, N. & Fernández, M. (2014). Finding theory- and evidence-based alternatives to fear appeals: Intervention Mapping. International Journal of Psychology 49(2), 98-107.

Kok, G., Peters, G.-J., Kessels, L., Ten Hoor, G. & Ruiter, R. (2018). Ignoring theory and misinterpreting evidence: the false belief in fear appeals. Health Psychology Review 12(2), 111-125.

Morgenstern, M., Valenta, M. & Hanewinkel, R. (2018). Forschungsbericht: Effekt bildlicher Warnhinweise auf die Einstellung Jugendlicher zum Zigarettenrauchen. Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung.

Ort, A. (2019). Furchtappelle in der Gesundheitskommunikation. In: Rossmann, C. & Hastall, M. (Hrsg.), Handbuch der Gesundheitskommunikation (S. 435-446). Springer.

Peters, G.-Y., Ruiter, R. & Kok, G. (2014). Threatening communication: A qualitative study of fear appeal effectiveness beliefs among intervention developers, policymakers, politicians, scientists, and advertising professionals. International Journal of Psychology 49(2), 71-79.

Petersen, L.-E. & Lieder, F. (2006). Die Effektivität von schriftlichen und graphischen Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln. Zeitschrift für Sozialpsychologie 37(4), 245-258.

Vosniadou, S. (1994). Conceptual change in the physical sciences. Learning and Instruction 4(1).

Witte, K. (1994). Fear control and danger control. A test of the extended parallel process model (EPPM). Communication Monographs, 61(2), 113-134.